Wien, Karlsruhe, Berlin … seit einigen Jahren vergeht kaum ein Monat, in dem nicht öffentlich über Vorwürfe des Machtmissbrauchs an deutschsprachigen Theatern diskutiert wird. Im Mittelpunkt steht dabei oft die Intendantenfigur, in der sich ein Hang zum Narzissmuss mit Machtfülle und Führungsunsicherheit auf ungute Weise zu vereinen scheinen.
Dass manch Intendant:in seinen Beruf verfehlt hat, liegt allerdings auch an denen, die ihm dazu verhalfen. Die Vergabe von Intendanzen scheint bisweilen einer skurrilen Pfadabhängigkeit zu folgen, basierend auf einem Missverständnis, um was es bei dem Job eigentlich geht. So ist das künstlerische Profil und die überregionale Strahlkraft eines Kandidaten im Zweifelsfall wichtiger als die Frage, ob jemand überhaupt Führungskompetenzen besitzt. Dass der »inszenierende Intendant« allerdings oft eher ungeeignet ist, eine komplexe Organisation mit vielen verschiedenen Arbeitsbereichen und -kulturen und in einem Umfeld widerstreitender Interessen zu leiten, wusste Paul Kornfeld schon 1930. Sein Aufsatz »Der Intendant«, erschienen in der Zeitschrift Das Tagebuch, sollte jeder Auswahlkommission zur vorbereitenden Pflichtlektüre gemacht werden, wenn es jetzt darum geht, das Verfahren zur Besetzung von Intendant:innenpositionen zu reformieren.

