VAN: Vor drei Jahren war ›Keine Angst vor niemand‹ das Spielzeitmotto am Deutschen Theater. Seitdem sind Theater und Opernhäuser als Orte, an denen ein Klima der Angst herrschen kann, selbst in den Fokus gerückt. Hat Sie das überrascht?

Ulrich Khuon: Als Möglichkeit hat es mich nicht überrascht, weil es überall dort, wo Unsicherheiten herrschen oder zum Berufsbild dazugehören, natürlich auch Raum für wachsende Ängste gibt. Das Theater ist ein bewegliches Instrument. Es gibt dauernd Veränderungen, Menschen ziehen hin und her, kommen neu dazu oder müssen gehen. Darum spielen hier Macht und Verantwortung eine besondere Rolle. Gleichzeitig ist Theater auch ein Ort mit großer Freiheit und Ausdrucksvielfalt, an dem man all diese Themen künstlerisch bearbeiten kann. Wir müssen darauf achten, wie wir die Lücke schließen zwischen dem was wir verhandeln, und wie wir es tun.

Der Bühnenverein hat letztes Jahr einen Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch veröffentlicht. Trotzdem gibt es scheinbar noch sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was eigentlich übergriffiges Verhalten ist. Ihr Kollege Dietmar Schwarz, der Intendant der Deutschen Oper, findet es zum Beispiel ›etwas lächerlich‹, jemandem ungebetene Zungenküsse vorzuwerfen.

Was eine Grenzüberschreitung ist, liegt in der Wahrnehmung der Person, die sie beschreibt. Eigentlich sind die Grenzen ganz einfach dadurch abgesteckt, dass die oder der andere ›ja‹ oder ›nein‹ sagt. Wenn sie oder er ›nein‹ sagt, ist das zu respektieren, fertig. Das können Gesten sein, das können ungewollte Kränkungen sein … deswegen ist der Kodex auch ein zweiseitiges Papier und kein Dreizeiler. Es war uns wichtig, darin genau zu beschreiben, um was es gehen könnte. Nun kann man sagen: ›Wir bewegen uns durch permanente Nähesituationen in einer gefahrgeneigten Arbeit.‹ Aber gerade weil es heikel ist, muss man das Feld abstecken. Übrigens wäre es schon beim Schreien richtig, sich zu entschuldigen. Das ist ein allgemeinmenschlicher Vorgang, dafür brauche ich eigentlich keinen Kodex.


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