VAN-Gründer Hartmut Welscher erinnert sich an Durststrecken und Höhepunkte aus 5 Jahren Magazinmacherei.

Text · Illustration · Datum 17.4.2019

»Hallo, ich möchte ein neues Klassikmagazin machen, bist Du dabei?« Die meisten Menschen, die ich vor fünf Jahren aus brasilianischen Internet-Cafés kontaktierte, schrieben nie zurück. Hätte ich vielleicht auch nicht. Wer ist dieser Typ? Und sterben klassische Musik und Magazine nicht gerade aus? Kaum einer hätte vor fünf Jahren bei englischen Buchmachern auf 200 Ausgaben VAN gewettet. Tatsächlich wurde die Idee zu VAN aus dem Geiste des Schnapses geboren, und die Frage, warum wir uns das alles antun, haben wir uns anfangs mehr als einmal gestellt. Dass es uns immer noch gibt, dass es gerade eigentlich erst so richtig los geht!, liegt am besten Team der Welt, das so manche Durststrecke, Irrung und Wirrung mitgemacht hat. Die folgenden 5 Beiträge sind also kein Best-of, sondern eher eine Hommage, stellvertretend für all jene, die VAN in den letzten Jahren auf ihre Art mitgeprägt, mitgeschrieben, gelesen, unterstützt haben. Ich hoffe, ihr bleibt auch die nächsten 200 Ausgaben dabei, we’re here to stay!

Sinnliches narratives Erleben.

Jay Schwartz. Ein Porträt.

Im Oktober 2014 bekam ich eine Mail von Jeff Brown – er plane eine neue Konzertreihe, in der zeitgenössische Musik in verlassenen Gebäuden aufgeführt werden solle, man könne sich ja mal austauschen. Gut für VAN, dass Jeffs (Natur-)Talente als Konzertveranstalter endlich, als Autor (und Skateboarder und Komponist) dafür grenzenlos sind. Das Schöne am Musikmagazinmachen ist, dass man immer wieder neuer Lieblingsmusik begegnet. Die von Jay Schwartz kannte ich noch nicht, bis sie Jeff mir in diesem feinstofflichen Porträt eröffnete.

Sexuelle Belästigung im Musikstudium.

Musikhochschulen sind Orte mit ganz besonderen Strukturen, die Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt begünstigen können.

Noch so eine glückliche Fügung: Ursprünglich fing Merle Krafeld bei uns als Praktikantin an, aber schnell war allen klar, dass wir sie auf keinen Fall weiterziehen lassen dürfen. Merles Reportage über sexuelle Belästigung im Musikstudium war einer ihrer ersten VAN-Texte, der die Debatte über ein wichtiges und vielschichtiges Thema gleich auf ein neues Level hob: weil er sich der strukturellen Seite des Problems annimmt, wo oft der Blick auf Einzelfälle vorherrscht.

Pathétique

Tschaikowskys Sechste hören mit Arno Lücker.

Arno Lücker ist der leibgewordene Beweis, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen. Seine Texte sind hemmungslos, tiefgründelnd, pathetisch, anmaßend, unverschämt, ekstatisch, emphatisch, manisch, brüllend komisch, kurz: ein Fest. In ihnen finden sich viele schöne Sätze über Musik, die bei mir hängengeblieben sind, wie dieser hier über den Beginn von Tschaikowskys Pathétique mit Currentzis:

Die Kontrabass-Quinte kommt ganz aus dem Hintergrund und wird einem geradezu akustisch aufgezwungen. Die nachfolgenden Instrumente breiten sich dynamisch wie eine krisenhafte Last auf dem Hörer aus; da legen sich die Bratschen mit ihrer ganzen gräulichen Flächigkeit wie eine verheerende Herbstdepression über alle Fröhlichkeit und Hoffnung. Das ist schwer erträglich und folglich wunderschön.

Auf die Frage, welche Substanzen im Spiel sind, wenn er in die Aufnahmen der Klassiker eintaucht, versichert Arno, dass es tatsächlich nur die Musik ist. Deep listening galore.

Nichts darf mehr weh tun.

Wo bleiben die Verrisse und Polemiken?, fragt Volker Hagedorn in der 8. Folge von ›Rausch & Räson‹.

Was Volker Hagedorn über Musik schreibt, habe ich schon lange vor VAN immer gerne gelesen, weil es informiert ist, elegant formuliert, durchdrungen von einem wertschätzend-kritischen Blick und der Lust auf Musik. Deswegen bin ich auch ein wenig stolz darauf, dass er für uns seit 2017 mit genau dieser Mischung die Kolumne ›Rausch & Räson‹ befüllt.

Harpsichord Wars

Der Stein des Anstoßes und die Reaktionen.

»Es täte nicht nur der Musik gut, wenn wieder mehr gestritten als gestreichelt würde«, schreibt Volker in seiner obigen Kolumne. Sobald Musiker unter sich sind, wird einander bewertet und übereinander geurteilt, dass die Schwarte kracht. Warum sollte es auch anders sein? »Nein, es ist nicht toll, dass es zehn verschiedene Interpretationen des Dvořák-Konzerts gibt, weil neun davon falsch sind«, hat Heinrich Schiff einmal gesagt. Wie erfrischend und bereichernd es sein kann, wenn Musiker sich untereinander aus der Reserve locken, zeigt unsere Cembalo-Kontroverse. »Zukünftige Generationen werden uns fragen, auf welcher Seite wir in den #harpsichordwars standen«, schrieb einer auf Twitter. Als Magazinmacher ist es ohnehin immer am schönsten, wenn Texte etwas entzünden.

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.