Die Spurensuche um Beethovens »Unsterbliche Geliebte« geht weiter.

Text · Titelbild Teplitz, Pension Zur goldenen Sonne, wo Beethoven am 6./7. Juli 1812 wohnte. Wahrscheinlich schrieb er hier den Brief an die Unsterbliche Geliebte, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons · Datum 14.12.2016

Zum Bild des titanischen, durch seine fortschreitende Ertaubung von der Mitwelt abgeschnittenen Beethoven passt die Vorstellung, dass der lebenslänglich Unverheiratete für  etwas so Profanes wie Liebesgeschichten keine Zeit zu verschwenden hatte, dass der Komponist weniger Frauen als die ganze Menschheit zu umarmen beabsichtigte (»Seid umschlungen, Millionen«, heißt es mit Schiller in der 9. Sinfonie), dass dem Mann also der Mantel der Geschichte näher war als der Hemdzipfel der Geliebten, um einen bekannten Ausspruch einmal umgekehrt zu zitieren. Das ist allerdings Unsinn, wie man unter anderem in der glänzenden, 2012 auf deutsch erschienenen Biographie von Jan Caeyers (in VAN: Interview mit Jan Caeyers) nachlesen kann. Die Legende hat nicht nur Beethovens Begeisterung für die politische Revolution über- und seine innerliche Abhängigkeit vom Adel untertrieben sowie die geselligen, humorvollen Züge noch des gänzlich ertaubten Komponisten verschwiegen; Beethoven war auch oft und leidenschaftlich verliebt, allerdings in ein und dieselbe Frau meistens nur für höchstens »sieben Monate«, wie er mit beeindruckender Präzision zu Protokoll gab. Der österreichische Pianist Rudolph Buchbinder hört gerade aus den frühen Sonaten musikalische Huldigungen an seine meistens aristokratischen Klavierschülerinnen heraus. Sollte sich Beethoven an Männern aus seinem Umfeld wie den stadtbekannten Frauenhelden und routinierten Ehebrechern Fürst Karl Lichnowsky oder Graf Andrei Rasumowski ein Vorbild genommen haben, wird es in den Liebesgeschichten des Komponisten nicht besonders keusch zugegangen sein. Das besagt nichts gegen Beethovens hohe moralische Vorstellungen und seinen dringlichen Heiratswunsch. In seiner einzigen Oper Fidelio hat der Junggeselle bekanntlich das hohe Lob der »Gattenliebe« gesungen. Nur hätten die aristokratischen Familien seiner Angebeteten einen bürgerlichen Schwiegersohn sicherlich nicht akzeptiert.

Im Rahmen einer Recherche für die von 3sat ausgestrahlte Fernsehserie Mythos Beethoven, an der als Protagonisten Caeyers und Buchbinder mitwirkten, habe ich mich zum ersten Mal ausführlich mit der Geschichte um die »unsterbliche Geliebte« beschäftigt. Sie ist, zugegeben, nicht gerade unbekannt und sogar unter dem englischen Titel »Immortal Beloved« Gegenstand eines Bio-Pics mit Gary Oldman in der Hauptrolle geworden. Wobei dem Film das Kunststück gelingt, eine Frau in der Rolle der Unsterblichen zu casten, die in der Forschung aus guten Gründen niemals ernsthaft in Erwägung gezogen wurde: Johanna, Beethovens Schwägerin und Mutter von dessen unglückseligem Neffen.

Die Affäre um eines der bekanntesten Schriftstücke aus Beethovens Nachlass enthält tatsächlich alle Ingredienzien und das vollständige Personal eines Krimis für Philologen: Spurenleger, -verwischer und -fälscher, unzuverlässige Zeugen, planvoll ins Spiel gebrachte, völlig unbeteiligte Verdächtige, Dokumente, die nur in zweifelhaften Kopien kursieren, Machenschaften von Familienclans, die ›belastendes‹ Material verschwinden lassen – so dass gerade das Fehlen von Beweisen auch Indiz für die Richtigkeit einer These sein kann.

Die Beschäftigung der Nachwelt mit dem Thema beginnt, wie viele Kapitel der Beethovenforschung, mit Anton Schindler, der den Brief nach Beethovens Tod in seinen Besitz brachte. Ebenso den großen Teil der ›Konversationshefte‹, in denen die Gespräche des tauben Komponisten dokumentiert worden waren. Dass der zeitweilig als Beethovens Sekretär tätige Schindler zahlreiche Einträge in den Heften gefälscht hatte, um seine eigene Rolle und die angeblich durch Beethoven erfahrene Wertschätzung rühmend hervorzuheben, konnte in den 1970er Jahren anhand von Schriftproben nachgewiesen werden.  Schindler veröffentlichte den Brief an die unsterbliche Geliebte mit einer falschen Datierung 1840 in der ersten Fassung seiner Beethoven-Biographie. Auch eine erste Kandidatin brachte er ins Spiel: Julie Giucciardi, Beethovens Schülerin und Widmungsträgerin unter dem Namen ›Mondscheinsonate‹ bekannten Komposition. Das war relativ aufs Geratewohl spekuliert und, wie sich später zeigen sollte, falsch. Warum aber ließ sich die Adressatin des offenbar niemals abgeschickten Briefes überhaupt so schwer identifizieren? Tatsächlich ist Beethoven mit seinem Schreiben unabsichtlich ein Meisterwerk der Andeutung und Verrätselung gelungen, das ganze Forschergenerationen beschäftigen sollte und bis heute unversöhnliche Parteigänger entgegengesetzter Thesen hervorgebracht hat.

Julie Giucciardi • Foto Public domain, via Wikimedia Commons
Julie Giucciardi • Foto Public domain, via Wikimedia Commons

Das Dokument ist in drei Abschnitte eingeteilt (eigentlich handelt es sich also um drei Briefe) und enthält keinen  Frauennamen, nicht einmal die vom Komponisten sonst gerne benutzten Namenskürzel lassen sich finden. Stattdessen beginnt das Dokument mit der emphatischen Anrede

Mein Engel, mein alles, mein Ich

, um mit dem Tristanisch-Isoldischen Epigramm:

ewig dein/ ewig mein/ ewig unß

zu schließen. Ortsnamen sind nur durch Anfangsbuchstaben gekennzeichnet, vor allem aber ist die Datierung unvollständig. Als wäre Beethoven selbst aufgefallen, dass unbefugte spätere Leserinnen und Leser sich über zu dürftige Informationen beschweren könnten, schrieb er an einer Stelle immerhin: »Abends montags am 6. Juli«. Das schränkte den gesuchten Zeitraum also auf jene Jahre ein, in denen der 6. Juli auf einen Montag gefallen war. Dank solcher und weiterer Hinweise ließen sich die zeitlichen und geographischen Koordinaten der Episode einigermaßen sicher rekonstruieren: Beethoven muss Anfang Juli 1812 unvermutet eine ihm bekannte, offenbar verheiratete Frau in Prag getroffen und eine Liebesnacht mit ihr verbracht haben. Den Brief schrieb er wenige Tage später im Zustand einer an Verwirrung grenzenden Aufgeregtheit in Teplitz, von wo aus er nach Karlsbad (im Brief abgekürzt zu K.) weiterreisen wollte. Dort erwartete er, die Geliebte wieder zu treffen, wie ebenfalls aus dem Schreiben hervorgeht. Als man herausgefunden hatte, dass Antonie Brentano, die Schwägerin von Clemens und Bettina, zu den betreffenden Zeitpunkten tatsächlich in Prag beziehungsweise Karlsbad gewesen war, verkündete Maynard Solomon in den 1970er Jahren, das Rätsel sei nun gelöst. Und konnte der Doyen der amerikanischen Beethovenforschung nicht außerdem auf ein Tagebuch verweisen, in das der Komponist im selben Jahr 1812 verzweifelt geschrieben hatte: „Auf diese Art mit A [also Antonie] geht alles zugrunde“?

Antonie Brentano • Foto Public domain, via Wikimedia Commons
Antonie Brentano • Foto Public domain, via Wikimedia Commons

Allerdings: Antonie hatte nur eine Nacht in Prag verbracht, war am nächsten Morgen in aller Frühe aufgebrochen und reiste zudem in Gesellschaft von Kind und Ehemann, so daß sich in diesem Stundenplan kaum ein erotisches Rendezvous hätte unterbringen lassen. Und sollte man Beethoven tatsächlich zutrauen, kurz nach der Liebesbegegnung mehrere Wochen einträchtig mit seiner Geliebten und deren Gatten in Karlsbad verbracht zu haben? Diese Unstimmigkeiten riefen die Advokaten einer anderen Kandidatin wieder auf den Plan: Josephine von Brunsvik, die nach dem Tod ihres ersten Ehemanns Graf Deym eine Liebesbeziehung mit ihrem früheren Klavierlehrer Beethoven eingegangen war, sich dann aber entschied, den Pädagogen Baron Stackelberg in zweiter Ehe zu heiraten. An sie haben sich eine Reihe von Briefen Beethovens aus den Jahren 1804 bis 1809 erhalten, deren Tonfall man im Schreiben an die unsterbliche Geliebte wiederfindet. Josephines zeitweilig ebenfalls als mögliche ›Unsterbliche‹ gehandelte Schwester Therese lebte noch, als Schindler seine Biographie veröffentlichte und schrieb über die Briefe in ihr Tagebuch:

sie werden wohl an Josephine sein, die er leidenschaftlich geliebt hat.

Josephine von Brunsvik • Foto Public domain, via Wikimedia Commons
Josephine von Brunsvik • Foto Public domain, via Wikimedia Commons

Aber das »A« im Tagebuch? Die Vertreter der Josephine-These argumentieren, dass Beethoven Antonie »Tonie« zu nennen pflegte und deshalb T hätte schreiben müssen. Und vielleicht ist das A gar kein A. Die Kopisten des nur in Abschriften überlieferten Tagebuchs irrten sich möglicherweise. Wie die Untersuchung anderer Dokumente ergab, lassen sich in Beethovens Handschrift die Abkürzungen A und ST kaum unterscheiden. Vielleicht meinte Beethoven Josephines ungeliebten Ehemann, der der Affäre ein Ende gesetzt haben könnte, also: Auf diese Weise mit Stackelberg geht alles zugrunde. Höchstwahrscheinlich hat zudem die Familie Brunsvik aus Angst vor einem Skandal weitere Belege vernichtet. So liest sich das bei der kanadisch-österreichischen Autorin Rita Steblin, die alle verfügbaren Quellen akribisch ausgewertet hat.

Therese Brunsvik • Foto Public domain, via Wikimedia Commons
Therese Brunsvik • Foto Public domain, via Wikimedia Commons

Neun Monate nach der Begegnung in Prag wurde Josephines Tochter Minona geboren, deren Name rückwärts gelesen das Wort »anonim« ergibt und auf eine Incognito-Vaterschaft verweisen könnte. Beethoven, der sich später einen ausufernden und zermürbenden  Sorgerechtsstreit mit der Mutter seines Neffen Carl lieferte, sollte also doch ein Kind gezeugt haben?  Im Hintergrund der Debatte vernimmt man gelegentlich das Donnergrollen einer Fehde zwischen amerikanischen und europäischen Beethovenforschern. Jan Cayers argumentiert in seiner erwähnten Beethoven-Biographie vorsichtig, hält aber doch die Brunsvik-These für sehr wahrscheinlich. Josephine, die acht Kinder von mindestens drei Männern geboren hatte und verarmt und vereinsamt 1821 in Wien starb, hat er ein bewegendes Denkmal gesetzt. Die Frage, was die Episode mit Beethovens Musik zu tun hat, lässt das alles natürlich ganz unbeantwortet. Immerhin vielsagend, dass der Komponist von den in seinem Leben wichtigen Frauen nur Josephine kein wichtiges Werk gewidmet hat; möglicherweise, um keine Gerüchte aufkommen zulassen. Noch einmal also ein Nullzeichen, das Fehlen von etwas als Indiz. Das ursprünglich als langsamer Satz der Waldstein-Sonate vorgesehene Andante favori allerdings war offenbar für die mutmaßliche unsterbliche Geliebte bestimmt: Dem Eingangsthema lassen sich die Silben »Jo-se-phi-ne« unterlegen. ¶

Benedikt von Bernstorff

... studierte Literatur- und Musikwissenschaften und arbeitet als freier Dramaturg und Journalist unter anderem für den Tagesspiegel.