Eine Reise ins schöne Lübeck lohnt musikalisch nicht nur wegen der bemerkenswerten Tristan und Isolde-Aufführungen, die dort seit der Premiere im Februar zu sehen sind. Jeweils am Vorabend von Richard Wagners großem Liebestoddrama läuft dort überdies, seit März, auch Frank Martins Tristan-et-Isôt-Version Der Zaubertrank (Le vin herbé). Nannte Wagner sein Werk schlicht »Handlung«, so bezeichnete der Schweizer Martin seinen 1942 in Zürich uraufgeführten Anti-Tristan als »weltliches Oratorium«. Und das ist keinesfalls eine frugale Fastenzeitspeise, sondern von einer Sinnlichkeit ganz eigener Art, die dem Stoff eine ferne, archaische, dennoch hochemotionale Qualität neu abgewinnt: basierend nicht auf Gottfried von Straßburg und schon gar nicht auf Wagner (der Gottfrieds mittelalterlichem Epos in rabiat-ignoranter Genialität den knappen Herzfetzen entriss, den er brauchte), sondern auf weiteren altfranzösischen und mittelhochdeutschen Tristrant-Texten, die der Romanist Joseph Bédier 1900 in zeitgemäße Romanform übertrug. Nicht nur eine, sondern zwei Isoldes beziehungsweise Isôts gibt es darin beispielsweise, »die Blonde« und die – von Wagner eliminierte – »Weißhändige«, als neben König Marke vierte Liebesleidende.


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com