Radio gehört. Im WDR 3 Studio Neue Musik spricht Moritz Eggert über die von der GEMA, der »Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte«, geplante Reform und ihre absehbaren Folgen für die Mitglieder seiner Schublade »Komponisten E-Musik«. Im Deutschlandfunk Musikjournal ist Gordon Kampe zum gleichen Thema zu hören, gleiche Schublade. Beide sind prominente Vertreter ihres Fachs, beide Professoren, in München und Hamburg, und beide sind gute Gesprächspartner, wenn es um die ziemlich deutsche Schubladisierung der heiligen Kunst (Hofmannsthal/Strauss, Ariadne) Musik geht, nämlich in »E« für ernste, bedeutende Werke und »U« für den bloß »unterhaltenden« Rest. Denn beide, Eggert und Kampe, stehen eher für lässige, bisweilen witzige Grenzgängereien, kreatives Schubladenhopping.

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Insofern lässt sich mit beiden reden, was die Überkommenheit solcher Einteilungen der Musik in Bedeutsamkeits-Klassen angeht. Zu den Gründungsvätern des deutschen Verwertungsgesellschaftsklassikers GEMA gehörte ja anno horribilis 1933 Richard Strauss himself, der natürlich vor allem seine eigene Schublade im Sinn hatte: ein fraglos »ernster« Komponist und dabei durchaus breitenwirksam, das meint lukrativ. Und da hakt es eben, wenn man nicht R.S. ist. Denn die Verwertungen der Abteilung E bringen bedeutend weniger ein als die der Kolleg:innen der Abteilung U, in Summa bloß 1,3 Prozent vom Umsatz-Kuchen. Bislang aber bekommen sie dafür ein rundes Drittel eines aus einer Zehnprozentabschöpfung für Live-Konzerte aller Art beträchtlich gespeisten Fördertopfes. Bis jetzt. Denn jetzt soll alles »gerechter« werden, so spricht der Direktor politische Kommunikation der GEMA gleichlautend in WDR und DLF, dessen Aufgabe, nun ja, politische Kommunikation ist. Denn natürlich kann man den Noch-Primat der ernsten Musik für ungerecht halten, wo doch die U-Leute so unverhältnismäßig viel mehr einspielen. Das Wort vom E-Primat steht in einer Stellungnahme der Komponistin Charlotte Seither, der einen und einzigen Vertreterin ihrer Profession im GEMA-Aufsichtsrat, die mit ihrem Minderheitenvotum aber angesichts der Mehrheitsverhältnisse keine Chance hatte.

Nun ist die Behauptung eines Primats dieses Ernsten vielleicht wirklich eine Donquijotterie von Unzeitgemäßheit. Da gefiel mir Moritz Eggerts sachlicher Hinweis schon besser, dass aufwendig in Riesenpartituren notierte Musik, die wiederum von hochspezialisierten Riesenapparaten immer neu aufwändig aufzuführen ist, ja anderen Entstehungsbedingungen unterliegt als ein instant gemachtes Dreiakkord-Soundfile. Es bleibt aber schwierig, denn es gibt ja (gottseidank) so viel dazwischen, und dass sich spezielle Grenzkontrollkommandos über die Zweifelsfälle beugen sollen, ist ja auch eine Zumutung. Und was ist mit Jazz, improvisierter Musik? – Viele Fragen, und ich kann die Herren Kampe und Eggert verstehen, die sich, kurz vor der Beschlussversammlung, beschweren, nicht früher gefragt worden zu sein. Wo Kommunikation politisch wird, sind zu viele Meinungen und Vorschläge bestimmt eher störend. Die beiden Professoren weisen übrigens darauf hin, dass es ihnen auf ihren gepolsterten Lehrstühlen nicht zuerst um sich, sondern um die Studierenden geht. Dass die künftig von einem Konzert im Hochschulrahmen dann nicht mehr 20 bis 40, sondern bloß noch zwei Euro Tantieme zu erwarten hätten. Nun lässt sich davon so wenig leben wie vom Zehnfachen, und der geplante Newcomer-Bonus (gerechterweise dann für die E- wie die U-Leute) müsste ja auch erst zeigen, was er kann. Eine Studentin habe geweint, weil sie ihre Aussichten, je von der eigenen Musik leben zu können, schwinden sah. Denn auch der Weg in eine ordentliche »Vollmitgliedschaft« im Ausschüttungsverein wird ja weiter und vielleicht unmöglich.

Was nun? – Die E- und U-Schubladen gehören bestimmt umsortiert, und rumpelstilzchenhaftes Behaupten von Primaten wird die Solidarität unter den besser und schlechter verdienenden Komponist:innen kaum fördern. Aber dass zur Musik, die sich als Kunst versteht, auch lebendige Zeitgenossinnenschaft gehört, nicht nur »Beethoven-Denkmäler« (G. Kampe), dass diese auch von materiellen Ermöglichungsbedingungen abhängt, und dass das Zulassen von Biotopen jenseits der Mainstreams ja nicht nur als Gerechtigkeits-, auf Deutsch: Regelungslücke verstanden werden muss, würde ich der Gemeinschaft der Ausschüttungsberechtigten von hier aus gern zurufen. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹