Grau. Endlos. Ewig. Dauernd bewegt und doch einfach da. Es sieht etwa aus wie das Meer, wie man es vom Strand von Ostende aus sieht. Darauf, in Milliarden Pixeln überwältigend realistisch projiziert, schaut Tristan, Insasse einer Heilanstalt, in der man sich vergeblich um ihn bemüht. Ihm ist ja nicht zu helfen. Er schaut seiner eigenen unfassbaren Geschichte zu, der von Tristan und Isolde. Wir befinden uns in der Opéra de Wallonie in Liège, es ist die letzte Vorstellung dieses Wagnerwerks, das der Komponist »Handlung« nannte, obwohl gerade hier kaum Handlung geschieht; es geht, auf mehreren Ebenen, um Verrat, um die Liebe als Absolutes und dass sie zum Tode führt. Leichtsinnig wird das Ende »Isoldes Liebestod« genannt, obwohl sie Tristan, als er medizinisch zweifelsfrei tot vor ihr liegt, wieder atmen zu sehen glaubt, und die Musik beglaubigt die biologisch unmögliche Wiederauferstehung, es geht, in Isoldes Worten, zugleich nach oben und, »ertrinken, versinken«, nach unten. Des großen Illusionisten Wagner bester Trick.

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An der kleinen Oper in Lüttich lässt der Regisseur Jean-Claude Berutti seinen Tristan aufs graue, endlose, ewige Meer schauen, ein Überlebender, der seiner Geschichte zuguckt, in der sein Doppel sterben muss, weil es auf diesem Planeten nicht weiter geht für Tristan und Isolde. Im Theater steht dafür der Tod, durchs wirkliche Leben aber laufen haufenweise solche Überlebende, Versehrte, mehr oder weniger wahnsinnig. Da hat der Regisseur einen Punkt, auch wenn es kein archimedischer ist, denn der Abend hebelt das Stück nicht aus den Angeln; ob tot oder mit Beruhigungsmitteln im Rollstuhl, das macht keinen grundsätzlichen Unterschied. Das Ganze, es spielt im späten 19. Jahrhundert, sieht aus wie eine Inszenierung, die es auf Dekonstruktion nicht anlegt, in Liège pflegt man die Bilderstürmerei eher nicht. Eher was man so »konventionell« nennt und was älteres Stammpublikum mag. (Man hört, dass es busweise vor dem gefürchteten deutschen »Regietheater« über die Grenze nach Belgien flieht. Die Zukunft der Oper treibt den Intendanten Stefano Pace wohl weniger um als die Bestandspflege, aber vielleicht ist sie ja genau das, wer weiß.)

Tristan und Isolde, das Stück, das immer den Rahmen sprengen will, ist für ein Haus dieser Größe und Ausrichtung da fast schon eine riskante Programmierung, und da ich das Orchestre der Opéra Royal de Wallonie unter ihrem Chef Giampaolo Bisanti zuletzt bei Offenbach und Verdi als eher enttäuschend erlebt hatte, war die Überraschung groß und schön, hier einen weit mehr als nur bewältigten Tristan zu hören. Bisanti macht das Beste aus der extrem trockenen, offenen Akustik, setzt auf Transparenz und Luftigkeit und entwickelt mit dem Orchester einen Sog, der über den am Ende fünfstündigen Abend trägt. Hier ging fast alles gut, inklusive eines selten so anrührenden Englischhornsolos im dritten Akt, wenn nur noch der Tod singt. Ein stabiler (vielleicht etwas arglos selbstbewusster) Tristan, ein sensationeller Kurwenal (Birger Radde), die Tragödinnen-Power der Brangäne von Violeta Urmana: ziemlich toll. Zum Ereignis wurde dieser Tristan aber durch die Debüt-Isolde der armenischen Sopranistin Lianna Haroutounian: ein fast altmodisch »großes« Singen, mit Mut und entschiedenen Portamenti, ja rückhaltloser Hingabe warf sie sich in die Wogen und Wellen der Partie, ohne Furcht vor Übersteuerung, dabei jedes Wort herausmeißelnd. Diese Sängerin, an diesem Abend – und vielleicht wird es nie mehr so sein – war Isolde, und dann, Mild und leise, lässt sie am Ende ganz los, und es verrutscht das letzte »höchste Lust« – noch das ein Moment von Wahrhaftigkeit. Danach, beim Applaus, braucht sie lange, um die Fassung zurückzugewinnen. Ich auch.

Zum Blick auf das graue, endlose Meer von zum Beispiel Ostende gehört auch, was der Blick aufs Wasser nicht sieht: die endlos reihenweise menschengebaute Hässlichkeit im Rücken, die schlimmen Appartement-Riegel, hier wie fast überall an der belgischen Küste. So also sähe das Meer uns, die hinausschauen ins Graue wie Tristan in Liège-Kareol. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹