Musikalische Phantomschmerzen, inszenatorische Sackgassen, untote Debatten
»Mit jeder Theatersaison kehrt sie wieder, jene Protestliturgie von Opernkonsumenten, -produzenten und -rezensenten, die das Musiktheater auf je ihre Art vermaledeien. Das Resultat ist Dauerstress, der schließlich in den Stillstand mündet; man wird das Gefühl nicht los, dass der Patient zu Tode gepflegt wird. Die Tatsache, dass sich die Fronten verhärtet haben, zeigt, dass der Diskurs selbst erlahmt ist.« So diagnostizierten Richard Klein und Johanna Dombois im Jahr 2006 die Lage der Opernregie. Acht Jahre später stöhnte Volker Hagedorn nur noch »Geht das schon wieder los?«, wenn »alle paar Jahre den Nostalgikern, die seit 1976 (Chereaus Ring!) das Abendland untergehen sehen, ein Intellektueller bestätigend die Faust zwischen die Gralskelche [haut]: Recht habt ihr! Die Regisseure schänden Texte und Töne.«
Wenn 2024, nochmal zehn Jahre später, die »Selbstherrlichkeit der Regie im Opernbetrieb« wieder einmal für die »Beschädigung« und »Zerstörung« der Musik in Haftung genommen wird, wie zuletzt von Georg Friedrich Haas in VAN, ist das vor allem: schade. Denn die Debatte könnte längst weiter sein. Ich habe, gemeinsam mit der Musiktheaterwissenschaftlerin Ulrike Hartung, ähnliche Thesen der jüngeren Zeit gesammelt: Edda Moser stellte beispielsweise in der F.A.Z. vom 7. August 2023 fest, es »zählt nur noch die Selbstverwirklichung, was dann Regietheater heißt« und spricht von »Zumutungen, die im Extremfall eine Verletzung ihrer Menschenwürde sind.« Jonas Kaufmann subsumierte Ende 2022, dass »wir« nun die Quittung für das bekommen, was »wir« Oper »angetan« haben. Philippe Jordan verlängerte sogar sein Amt als Musikdirektor der Wiener Staatsoper im Oktober 2022 mit Verweis auf das Regietheater nicht und sprach davon, dass »unser Theater, was die Regie betrifft, seit langer Zeit einen fatalen Irrweg eingeschlagen hat.« Im 2023 erschienenen Buch Die letzten Tage der Oper plädieren gleich mehrere prominente Stimmen vehement für mehr Demut von Regisseur:innen gegenüber Werk und Musik: Riccardo Muti stellt in seinem Beitrag Fragen, auf die eine Antwort schon fortgeschrittenes Trolling wäre: »Ich frage mich: Wie ist es möglich Opernregie zu führen, wenn man den Text nicht richtig versteht?« Und beantwortet sie gleich selbst: »Was müssen wir tun, was ist die Lösung? Zuallererst sollte der Regisseur viel bescheidener sein.« Philippe Jordan formuliert seine Kritik hingegen eher passiv-aggressiv: »Ich habe den Traum, dass ein Regisseur imstande ist, sich in jeder Hinsicht selbst mit dem Original auseinander zu setzen, und seine Inszenierung nicht aufgrund von ein paar hektografierten [sic] Blättern aus der Sekundärliteratur zusammenkleistert, die ihm ein Produktionsdramaturg eilig herbeigetragen hat. Ich träume von einem wirklichen Künstler, der bereit ist, sich direkt mit dem Meisterwerk zu konfrontieren.« Schließlich waren sich, so die F.A.Z., bei einer Podiumsdiskussion des Wiener Richard-Wagner-Verbandes Ende 2023 mit u. a. Waltraud Meier, Mária Temesi, Marion Ammann, Günther Groissböck, Albert Gier und Roland Schwab »so ziemlich alle Anwesenden einig: Kenntlich werde das ›Regietheater‹ durch eine gewisse Asozialität im Umgang mit den ihm anvertrauten Musiktheaterwerken und Kunstschaffenden – egomanische Arroganz und Interesselosigkeit am Gegenüber, unengagierte Produktionsvorbereitung, oft gepaart mit handwerklicher Unfähigkeit und zudem, wenn dann die Inszenierungen schlecht laufen, einer großzügigen Verachtung der ökonomischen Bedingungen des Theatermachens.«
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