Ich möchte der Autorin Eva Menasse danken. Ich weiß jetzt, dass es in Ordnung ist, als Heranwüchsige gleichzeitig für die Sonatenhauptsatzform zu schwärmen und daneben auch die knarrende Austria-Bluesstimme eines Roland Neuwirth in die knospende Psyche eindröppeln zu lassen. Ja, die Sonatenhauptsatzform, ein Beispiel klingender Dialektik (so lernten wir das damals in der Innerschweizer Musikschule), mit zwei sich ergänzenden Themen, mit der kontrapunktischen und motivbeschnippelnden Verarbeitung in der Durchführung, mit der harmonischen ›Einrichtung‹ in der Reprise, damit alles schön in der Tonika enden kann. Hach, und dann die Coda: ein Hauch von Freiheit zum Schluss, bei dem man spürt, ein besserer Mensch geworden zu sein, der aber immer noch über die Stränge schlagen darf. Eigentlich eine pubertäre Idee, fällt mir gerade auf. Leider fanden sich für dieses Wissen in der damaligen realen Welt für mich keine Abnehmer (ich erinnere nochmals an die Internen des örtlichen Kollegiums). Es war die Zeit der Projektionen – zum Beispiel eine krankhafte Schwärmerei für den Castorp-Darsteller Christoph Eichhorn in Hans W. Geissendörfers ›Zauberberg‹-Verfilmung aus dem Jahr 1981. Gut, zwei Jahre zuvor war noch Tommi Ohrner aus ›Timm Thaler‹ das Objekt meiner Träume gewesen. Die Filmmusik fand ich auch toll, Christian Bruhn und seine Synthesizer-Sounds mit dem weich-flimmerndem Vibrato in der Titelmelodie, das zu den Sanddünen der Wüste passte …

Heute darf ich den Literaturwissenschaftler und Autor Thomas Strässle zu seiner pubertären Musikbeziehung befragen. Unsere Wege haben sich an der Hochschule der Künste in Bern gekreuzt, wo er als Hochschulinstitutsleiter nicht nur durch seinen sensationellen Humor, sondern vor allem durch seine beeindruckende Doppelkarriere auffiel: Thomas ist diplomierter Konzertflötist, Professor für neuere Literatur an der Universität Zürich und einer der gebildetsten Männer, die ich kenne, der sich aber auch für absolute Trash-TV-Formate interessiert – natürlich aus rein epistemologischen Gründen.  


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… ist eine Schweizer Dirigentin, Musiktheoretikerin, Festivalkuratorin und Produzentin des Labels Schweizer Fonogramm. Zwischen 1998 und 2000 war sie Assistentin an der Berliner Philharmonie und an den Salzburger Osterfestspielen.