Cellist Thomas Kaufmann im Interview

Text · Titelbild © Chiara Picotto · Datum 07.11.2018

Thomas Kaufmann ist schwer greifbar. Wer ihn im Netz finden will, muss schon genau wissen, wo es zu suchen gilt: Beim Trio Imàge, bei der Camerata Bern (wo er Solocellist ist), in Luzern, Bonn, Gstaad, Chennai, Kyoto, Mexiko-Stadt, mit Hartmut Welscher beim Echo Klassik 2014Thomas Kaufmann wurde Anfang der 80er in der Steiermark geboren, wirkt aber jünger, hat etwas studentisch Entspanntes und verschmitzt Lausbubenhaftes an sich. Nach dem Abitur studierte er in Wien bei Heinrich Schiff und in Berlin bei Eberhard Feltz. Im hippen Berliner Co-Working-Café, wo wir uns treffen, wirken wir beide eher fehl am Platz. Aber wir bleiben, weil es draußen längst dunkel ist und in Strömen regnet – und weil Thomas noch gejetlagt ist von seinem Rückflug von Kuba (also nicht die beste Voraussetzung für Kneipenhopping mitbringt).Eigentlich wollte ich mit ihm über Werke sprechen, die ihn in bestimmten Lebensphasen begleitet haben, emotionale Schlüsselpositionen innehatten. Schwierig, findet er: »Für mich ist vielmehr Musik als ganzes ein Trost meiner Endlichkeit, ein Weg durch das Leben zu kommen und unglaubliche Momente zu erleben.« Darum sprechen wir wenig über Musik und viel über das Leben.

VAN: Was hast du auf Kuba gemacht?

Thomas Kaufmann: Ich war 10 Tage in Havanna und habe im Rahmen eines postgradualen Studiengangs der Cuban-European Youth Academy unterrichtet. Das ist ein Projekt des Balthasar-Neumann-Ensembles, das seit einigen Jahren existiert und für die Studenten dort die Möglichkeit schafft, mit Professoren aus Europa zu arbeiten und Erfahrungen auszutauschen. Viele Studenten sind total enthusiastisch und neugierig. Wenn ich reise – und ich bin auch ohne Cello sehr viel gereist – fühle ich mich jedes Mal extrem bereichert durch den Austausch und das Teilen von Momenten mit anderen. Und ich habe von den Studenten in Havanna mindestens genau so viel gelernt, wie sie von mir vermutlich.

Wohin bist du ohne Cello gereist?  

Mit meiner Freundin damals habe ich sehr lange Reisen gemacht als Backpacker, in Ostafrika  –  Mosambik, Tansania, in Südafrika, im Senegal in Westafrika, oder in der Atacama-Wüste. Ich war neugierig, wie die Menschen in anderen Kulturen leben. Das hat meine Sicht auf mein eigenes Leben ziemlich verändert, viel von dem relativiert, was ich bis dahin dachte. Vieles wurde plötzlich unwichtig. Gleichzeitig musste ich erkennen, dass ich auch dort mit mir selbst genau so zurecht kommen muss wie überall sonst auch.

Und ich habe dort mit eigenen Augen gesehen, welch Disbalance die europäische Kolonisierung in die Welt gebracht hat. In Afrika haben wir einige Leute aus internationalen NGOs getroffen, die dort irgendwie helfen wollen – was ja ganz wunderbar ist. Aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das auch Gefahren birgt. Ich denke manchmal, man versucht – in bester Absicht – westliche Lebensmodelle und Ideen dort zu installieren, ohne davor genauestens zu hinterfragen, auf welch unterschiedlichen und anderen Mechanismen und Werten deren Gesellschaften aufgebaut sind. Abgesehen davon machten wir dort viele Erfahrungen mit Menschen, die die westliche Lebensart idealisierten und die unglaubliche Schönheit und Reichtum der eigenen Kultur nicht mehr schätzten. Dabei war ich überwältigt, Menschen zu treffen, die ihre Emotionen auf eine sehr freie Art und Weise leben, die im Alltag Tanzen, Singen und Lachen.

Wir wollten unbedingt so reisen, wie die Leute dort eben von A nach B kommen. Das heißt dann auch mal 9 Stunden auf einem LKW zu sitzen auf harten Holzbrettern, umgeben von sehr vielen Kilos getrocknetem, stark riechendem Fisch. Vor unseren Gesichtern hängen lebendige Hühner. Und irgendwann ist bei über 30 Grad der Kühler explodiert und wir saßen am Wegesrand. Dort stand die Strohhütte einer Familie, die dort lebte. Die hatten materiell gesehen wirklich fast nichts – ein paar Maniok- und Tomatenpflanzen hinter ihrer Hütte. Und sie haben uns sofort was zu Essen angeboten.  

Das hat mit Cellospielen auf den ersten Blick vielleicht wenig zu tun – aber im weitesten Sinne dann natürlich doch.

Wo siehst du die Verbindungen zum Cellospielen?

Ich denke, alles Erlebte fließt in unsere Persönlichkeit ein und wird Teil unserer Expression … und erlebt haben wir dort so einiges.

Aber Musik hast du dort dann nicht gemacht?

Diese Reisen waren ein ganz bewusstes Sich-Zeit-Nehmen – wenn man als Musiker auf Tournee reist, lernt man von den Ländern, die man bereist, meist sehr wenig kennen. Dann hat man einen Vormittag Zeit und rennt schnell in die Stadt oder zum nächstbesten Highlight und kriegt vom Leben der Menschen gar nichts mit. Das fand ich irgendwann schade. Ich habe sogar ein Cello mitgehabt auf meinen Reisen. Ich habe mit einer Berliner Gitarrenbauerin ein nur etwas mehr als 1 Kilogramm wiegendes Travel-Cello gebaut, auf dem die Mensur stimmt und man ein bisschen üben und die Hornhaut an der linken Hand am Leben erhalten kann.

Wie oft hast du darauf gespielt?

Viel weniger als ich dachte.

Gab es Leute, die gesagt haben: Wie kannst du so lange ohne richtiges Cello verreisen?

Ich weiß gar nicht, ob ich so vielen Leuten erzählt habe, wie lange ich weg war –  bis zu sieben Wochen. Es gab schon Freunde, die verwundert waren.

Aber ich habe in meinem Leben sehr viel geübt, zwischen 17 und 25. Irgendwann lernt man, auch mit weniger üben an seine Ziele zu kommen und dass Pausen auch sehr gut tun.

Als ich dann begann selbst zu unterrichten, musste ich bis ins kleinste Detail reflektieren: Wie mache ich das eigentlich? Ich habe festgestellt, dass ich meinem ›System‹ des Cellospiels vertrauen kann und dass es nicht einfach verschwindet nach über 25 Jahren an diesem Instrument. Gefehlt hat mir das Cello nach einer Weile trotzdem sehr.

Wo unterrichtest du noch außer auf Kuba?

Ich hatte schöne Erfahrungen als Dozent in Chile und Indien, aber die intensivsten und regelmäßigsten Unterrichtserfahrungen hatte ich in Rostock, dort habe ich dreieinhalb Jahre unterrichtet, und mir mit Julian Steckel seine Professur geteilt. An einem bestimmten Punkt habe ich beschlossen, mit dem Unterrichten für eine Weile aufzuhören, weil ich mehr Zeit für Auftritte und mich selbst haben wollte. Deswegen habe ich mich gegen diese vermeintliche Sicherheit und für das Freelance-Leben entschieden. Das habe ich nicht bereut – obwohl ich schon wieder Lust habe zu unterrichten und es auch eine schöne Zeit in Rostock war. Die Arbeit mit den Studenten war großartig.

Wie waren die Reaktionen in deinem Umfeld, als du in Rostock aufgehört hast?

Unterschiedlich. Es ist ja nicht so leicht heutzutage – in jedem Beruf – Geld zu verdienen. In meiner Erziehung hatte der Gedanke ›Bau dir was für’s  Leben und die Zukunft auf und spare‹, einen sehr großen Stellenwert. Wir hatten nicht so viel Geld als ich ein Kind war. Ich musste eigentlich eher erst lernen, Geld für mich selbst auszugeben, mir was zu gönnen. Das Im-Moment-Leben, nicht permanent an morgen denken, das musste ich erst lernen.

Wofür nimmst du dir außerhalb der Musik noch Zeit außer fürs Reisen?:

Ich bin in Österreich fern ab einer Großstadt aufgewachsen und komme zwar im weitesten Sinn aus einer Musikerfamilie, es gab aber nicht nur das. Meine Eltern sind beide Lehrer und haben wirklich sehr, sehr viel Energie in unsere Erziehung gesteckt und das wirklich toll gemacht. Vor allem mein Vater ist ein unglaublicher Musiker und hat uns musikalisch unterstützt, wo er nur konnte. Aber die Generationen über meinen Eltern sind eigentlich alle Handwerker und Bauern gewesen, und das habe ich auch in mir. Mich fasziniert Handwerk total. Ich würde etwa gerne lernen, einen Teppich zu knüpfen oder meine Geigenbaukenntnisse zu vertiefen.

Machst du sowas auch jetzt noch manchmal – was schnitzen, um den Kopf frei zu kriegen?

Als Zehnjähriger habe ich Pfeifen geschnitzt und die dann natürlich auch geraucht. Aber das habe ich lange nicht mehr gemacht – eine gute Idee eigentlich (lacht).

Ich überlege, in Zukunft wieder sehr viel einfacher und genügsamer zu leben, dann hätte ich auch Zeit dafür. Ich würde langsam auch gerne deutlich weniger reisen. Ein sehr guter Freund von mir, der ein fantastischer Bratschist ist, hat irgendwann entschieden: Man muss Verantwortung übernehmen, nicht mehr so weiterleben, wie wir es gerade tun. Wir machen den Planeten kaputt – da muss ich mich an allererster Stelle einschließen mit meiner Ökobilanz, ich fliege ja dauernd. Dieser Freund lebt jetzt in der Steiermark auf einem Biobauernhof, und fliegt etwa gar nicht mehr. Musik spielt für ihn immer noch eine große Rolle, aber viel kleinräumiger.

Sollte es überhaupt noch möglich sein, die Welt vorm Verbrennen zu retten und die Artenvielfalt zu erhalten, müssen wir im sogenannten ›Westen‹ wohl alle genügsamer werden, unseren Lebensstandard zumindest materiell deutlich senken und totale Verantwortung für unser Konsumverhalten übernehmen. Weltweit gibt es einen deutlichen politischen Rechtsruck. Und mach ich irgendwas? Ich schau mir das an und rege mich drüber auf und spreche darüber. Aber das ist nicht genug, das weiß ich. Soziale und politische Verantwortung beginnt in unserer unmittelbaren Umgebung, wir können also alle etwas tun.

Zumindest online beziehst du aber wenig Stellung, gibst eigentlich überhaupt nichts von dir preis.

Ich bin sehr sehr inaktiv im Internet, nicht auf Facebook, Instagram, Twitter, ich weiß teilweise gar nicht, was das ist – obwohl ich von Musikern gehört habe, die sagen: ›Das ist wichtiger als üben.‹ Ich hab auf Marketing mein Leben lang sehr wenig Wert gelegt. Und ich fahre eigentlich sehr gut damit. Ich bin sehr zufrieden, mit dem, was ich mache. Außerdem bevorzuge ich die persönliche Begegnung gegenüber den virtuellen.

Würdest du gerne mehr machen?

Ich nehme an, die Frage bezieht sich auf die Anzahl meiner musikalischen Projekte. Nein. Mein Leben ist so voll – ich hätte gern mehr Zeit für anderes (lacht). Außerdem fällt es mir schwer, die Grenze zwischen Beruf, Berufung und ›Freizeit‹ – was auch immer das ist – zu ziehen. Musik ist praktisch in jedem Moment in mir. Es gibt ja Leute, die tatsächlich 150, 200 Konzerte im Jahr spielen. Wie die sich motivieren, soviel zu geben, vor allem emotional, das weiß ich nicht. Das würde ich nicht schaffen.

Erlebst du das oft, dass Leute sich in deinem Umfeld über das Klassik-Business aufregen?

Ich erlebe, dass man sich – mich eingeschlossen – im Leben sowieso viel aufregt – über andere, über Institutionen, das System, Politik. Ich denke, man muss irgendwann entscheiden, ob man das weitermacht – sich aufregt und sich dadurch besser fühlt – oder ob man aktiv wird, sich engagiert, reflektiert, relativiert. Grundsätzlich bin ich ein positiver Typ. Vielleicht weil ich im sonnigen Mai an einem Sonntag geboren wurde, und außerdem irgendwie sehr viel Glück gehabt habe im Leben.

Es ist aber ja schon oft leichter zu sagen: ›Das stört mich‹, als: ›Das finde ich toll.‹

Ist das so? Ich glaube das eigentlich nicht. Aber vielleicht ist es einfacher sich aufzuregen, als Verantwortung zu übernehmen. Ich weiß, wir alle haben dunkle, pessimistische Seiten in uns selbst, genau so wie optimistische und strahlende, dessen müssen wir uns bewusst sein. Wenn ich etwa die Klaviertrios von Kagel spiele – da geht’s ja im ersten Trio um den Teufel, beim zweiten Trio hat er in bösen Vorahnungen komponiert, den ersten Satz zu 9/11 fertiggestellt und beschlossen, das Stück abzubrechen, und das dritte, fast jenseitig anmutende Trio hat er kurz vor seinem Tod komponiert – muss ich in mir graben nach den dunklen Seiten und die habe ich auch gefunden. Es ist immer eine Frage des Bewusstseins und der Balance.

»Vor unseren Gesichtern hängen lebendige Hühner.« Cellist Thomas Kaufmann über das Reisen ohne Cello, Politik, Unterrichten, Online-Marketing, Aussteigen in @vanmusik.

Aber gerade wenn man ein Instrument lernt, muss man doch einfach an den Sachen arbeiten, die noch nicht gut genug sind.  

Ich habe am Anfang beim Lehren auch viel Wert auf die Dinge gelegt, die bei den Studenten nicht geklappt haben. Ich hatte einige Erfahrungen, die mich reflektieren ließen, wie man einen Studenten am Besten stimuliert und seine Entwicklung anregt. Und ich muss zugeben: Eine positivere Herangehensweise bewirkte eine viel größere Autonomie und Neugier. Das war schön zu sehen.¶