In Amsterdam sah ich das gewaltigste Bühnenfeuer meines schon länger zuschauenden Lebens, am Ende von Dmitri Tcherniakovs ziemlich pessimistischer Sicht auf Tschaikowskys Die Jungfrau von Orléans, nach Schiller. Das Stück ist nicht oft zu sehen, es ist eine verspätete Grand Opéra à la russe, der hohe Ton (junge Frau findet ihre Bestimmung im Engagement für die heilige Sache von Nation und Freiheit und landet, bei Tschaikowsky wenigstens, auf dem Scheiterhaufen) ist uns eher fremd. Tcherniakovs wie immer kluger Pessimismus bezieht sich auf den Wankelmut und die Unbelehrbarkeit von Menschen, en gros wie en détail. Ans Ende setzte er nicht das vorgesehene Flammenopfer der jungen Frau, wir sehen sie, die Außenseiterin, die Fackel der Selbstermächtigung ergreifen. Dabei bleibt‘s aber nicht. Während das Nederlands Philharmonisch Orkest, fantastisch angetrieben von dem jungen Tschaikowsky-Spezialisten Valentin Uryupin, eine kaum glaubliche finale Feuer-Stretta loslässt, schließt sich der Vorhang, geht aber gleich wieder auf und zeigt eben dieses allesverzehrende Riesenfeuer, ein Weltuntergang.
Am nächsten Morgen, auf dem Weg zurück zum Bahnhof, komme ich wie immer am Hotel de L’Europe vorbei, gleich an der Amstel, die Nachbilder aus der Oper im Kopf und die neuesten Kraftsprüche aus Washington im Ohr, die nicht mehr verhohlene Bedrohung Europas unter dem Kraft-Titel Doktrin. Es will uns, den Europäern, was lehren, das Fürchten nämlich, und wer jetzt erst einen Schrecken kriegt, hat vorher nicht hingehört.

Friedlich steht das Hotel Europa da an der Gracht, schön geschmückt mit Weihnachtsbäumchen, gleich werde ich in kurzer Zeit und ohne Grenzkontrolle von einem europäischen Land in ein anderes fahren; beide, trotz aller Anfechtungen, eher Demokratien als dieses MAGA-Amerika, ausgeliefert einem Geschäftemacher und Oligarchen, der dem Wort skrupellos eine neue Dimension gegeben hat, und der jetzt ankündigt, den Europäern die rechte Einstellung schon beizubringen, oder sie den Russen zum Fraß vorzuwerfen.
Die Aufregung ist groß, natürlich, einmal mehr. Der Druck, sich zu einigen, der Ukraine notfalls ohne amerikanische Schützenhilfe beim Standhalten zu helfen, dabei eine eigene Verteidigung in Lichtgeschwindigkeit aufzubauen, sich auf russische Nadelstichtests und jetzt noch amerikanische Einmischung einzustellen, ist maximal. Die Reaktion auf diesen und anderen Transformationsdruck ist, mit mehr Pathos oder weniger, in Dauerschleife zu hören, es ist der Sound des ›Wir haben verstanden‹. Ab jetzt muss es anders laufen, Europa muss endlich seine Stärke ins Spiel bringen, Zeitenwende, Herbst der Reformen, Neustart Kultur oder irgendwas, digitale Souveränität. Und während ich so an dem ehrwürdigen Hotel de L’Europe vorbeigehe, wirbelt all die Rhetorik des Neuanfangens in meinem Kopf wie Tschaikowskys Feuerfinale. Diesmal, wo sich der große Ex-Freund so explizit gegen das alte Europa stellt, müsse endlich – echt jetzt! Nur: was? Zur Müdigkeit am Ende dieses schwierigen Jahres gehört auch die Ermüdung an der leerlaufenden Rhetorik des Jetzt-Aber. Sie tönt hohl und schielt auf den kurzen Effekt. Nix dahinter. Dass sich dieses Europa geopolitisch zwischen allen Stühlen wiederfindet, man hätte es wissen können, aber Europa schaut verdutzt auf den gelben Zampano und kriegt von dessen Positionswechseln einen Drehwurm.
Wenn ich so, einmal mehr, an diesem alten Hotel Europa mit seinen Labyrinthgängen und seinen so divers tapezierten Zimmern verzweifeln möchte, an seiner Langsamkeit und komplizierter Kleinteiligkeit, dann kommt mir ein etwas antiquarischer Lieblingsgedanke des Schweizer Kultur- und Kunsthistorikers Jakob Burckhardt (1818–1897) in den Sinn, aus dessen Historischen Fragmenten: »Europäisch ist: das Sichaussprechen aller Kräfte, in Denkmal, Bild und Wort, Institutionen und Partei, bis zum Individuum, – das Durchleben des Geistigen nach allen Seiten und Richtungen, – das Streben des Geistes, von Allem, was in ihm ist, Kunde zu hinterlassen, sich nicht an Weltmonarchien und Theokratien lautlos hinzugeben. Von einem hohen und fernen Standpunkt aus, wie der des Historikers sein soll, klingen Glocken zusammen schön, ob sie in der Nähe disharmonieren oder nicht: Discordia concors.«
Europas Vielstimmigkeit, verstanden nicht als Dissonanz, sondern als Stärke: Das wäre mein Vorschlag fürs ein wenig tröstende Weihnachts- und Jahresendgeläut. Dazu gehört dann auch, wie ein russischer Dissident an der Amsterdamer Nationale Opera eine russische Oper auf ein deutsches Drama über eine französische Nationalheldin inszeniert, befeuert von einem in der Ukraine geborenen Dirigenten. ¶

