Ein Kommentar von Hartmut Welscher

Text · Titelbild NASA (Public domain) · Datum 20.5.2020

Der Begriff der Systemrelevanz hat sich in der Kulturbranche zum Kampfbegriff für die eigene Selbstbehauptung entwickelt. Dabei taugt er wenig und führt zu einem Legitimationsdiskurs, der das Wesen von Kunst abblendet. Zeit, sich von ihm zu lösen und für ein besseres System zu kämpfen.

Einige Kulturschaffende verspüren in der Corona-Krise ein Unbehagen darüber, dass die Kunst in der Diskussion um Schließungen, Hilfspakete und Öffnungen zu kurz kommt. Viele arbeiten sich dabei ab an dem Begriff der ›Systemrelevanz‹. In der Frühphase der Pandemie bezog sich dieser auf Berufe, die eine ›kritische Infrastruktur‹ aufrecht erhalten sollten  – Supermarktpersonal, Polizei, Feuerwehr, Fachkräfte in medizinischen und pflegerischen Berufen, Energieversorgung, Kinderbetreuung. Dieser Zuschnitt entsprach einer allgemeinen Wahrnehmungsverschiebung, nach der es im Angesicht existentieller Bedrohung zunächst auf eine Sicherung der Daseinsvorsorge ankomme. Während der Begriff in der Finanzkrise noch für die Notwendigkeit einer Rettung von Banken verwendet wurde, die ›too big to fail‹ waren, rückten auf einmal oft geringgeschätzte Berufe in die öffentliche Wahrnehmung. Dabei fiel auf, dass ›systemrelevant‹ nicht unbedingt gut bezahlt und gesellschaftlich gewertschätzt bedeutet.

In der zweiten Phase der Pandemie könnte der Begriff eigentlich ausgedient haben (es sei denn, man machte sich jetzt daran, die ausbeuterischen Verhältnisse in der Nahrungsmittelindustrie oder Pflege abzuschaffen). Aus dem Kontext der physiologischen Grund- und Sicherheitsbedürfnisse herausgelöst kennt ›Systemrelevanz‹ kein Innen und Außen und hat deshalb keine Aussagekraft. Für irgendein System ist schließlich jede:r relevant. Trotzdem mutierte ›Wir sind auch systemrelevant‹ in der Kulturbranche, bei Schauspieler:innen, Intendant:innen, Rappenden, Comedians und Kulturpolitiker:innen zum Kampfslogan für die eigene Selbstbehauptung, von dem es mittlerweile sogar T-Shirts gibt. Kunst sei »auf besondere Weise Daseinsvorsorge und eben auch auf ihre Weise systemrelevant«, schreibt Gerhart Baum, um aus diesem Grund einen Rettungsschirm speziell für Künstler:innen zu fordern. Die deutsche Musiklandschaft sei »nicht nur ein wirtschaftlich bedeutender Zweig der Kreativwirtschaft, sondern auch ein unverzichtbares Kulturgut der bundesdeutschen Gesellschaft und somit systemrelevant«, schreibt die Generalmusikdirektoren- und Chefdirigentenkonferenz in einem Brief an Monika Grütters. Nur, wer könnte das alles nicht für sich in Anspruch nehmen? Selbst wenn man ›Systemrelevanz‹ am Kriterium des ›Überlebensnotwendigen‹ festmachte, definiert entlang einer Bedürfnispyramide jeder anders, was sie oder er zum Überleben braucht. Für die eine ist es Fußball, den anderen die Oper oder die Kneipe. Ist ja auch alles Kultur, zumindest wenn man diese wie Clifford Geertz versteht als das selbstgesponnene Bedeutungsgewebe, in dem sich der Mensch verstrickt.

Der Begriff taugt auch deshalb nicht, weil er einen Wertschätzungsdiskurs nach sich zieht, der emotional überzeichnet ist. Wer den Begriff auf sich bezieht und sich gleichzeitig aus der Definition ausgeschlossen sieht, fühlt sich und sein Tun entwertet. Niemand will ›irrelevant‹ sein. »Ich muss mir sagen, dass ich es nicht persönlich nehmen darf, wenn die Gesellschaft darüber befindet, dass mein Beruf nicht systemrelevant ist«, wird eine Künstlerin in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zitiert. »Ich fühle mich degradiert, im Stich gelassen, stelle die Relevanz meiner freischaffenden Arbeit für die Gesellschaft in Frage und muss anerkennen, dass diese keine Wertschätzung seitens meiner Regierung erfährt«, schreibt der Saxophonist Axel Müller in einem Offenen Brief an die Bundesregierung. Wenn der künstlerische Selbstausdruck eng verbandelt ist mit dem eigenen Selbstwert, wie es bei vielen Künstler:innen der Fall ist, wird ›Irrelevanz‹ als Abwertung des existentiellen In-der-Welt-Seins erlebt. Dazu kommt, dass vielen Künstler:innen das Hadern am eigenen Tun und der Zweifel an der eigenen Selbstwirksamkeit auch in Pandemie-losen Zeiten nicht fremd sind.

Das affirmative Festbeißen an der eigenen Systemrelevanz triggert nur einen trotzigen Überbietungswettkampf: ›Wenn du relevant bist, will ich es auch sein.‹ Für was, wie und warum auch immer. Von den anfangs definierten systemrelevanten Berufen mal abgesehen, weiß zwar niemand so genau, was der Begriff bedeuten soll und welches System eigentlich gemeint ist. Für einige Kulturschaffende steht aber fest: Sie sind es nicht. Indizien dafür findet man in Politikerreden, in denen das Wort Kultur nicht vorkommt, in hämischen Leser:innenkommentaren unter Zeitungsartikeln, in denen Künstler:innen zum Spargelstechen aufgefordert werden, oder in dem Gefühl, dass man in der öffentlichen Wahrnehmung und auch in den Medien wochen-, monatelang nicht vorgekommen sei. »Müssen Künstler sich opfern und zum Sozialfall werden, statt wie Adidas oder Zahnärzte Staatshilfe zu bekommen? Sind uns Kunst und Kultur in Notzeiten plötzlich gleichgültig?«, schreiben einige prominente Klassik-Stars in einem offenen Brief an Monika Grütters. »Ich will nicht totgeschwiegen werden«, sagt Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters. Die Kultur sei in der öffentlichen Debatte in einer Weise zu kurz gekommen, ›die der Bedeutung für das Land Deutschland absolut nicht gerecht wird«, sagte der Schauspieler Ulrich Matthes in der ARD-Talkshow ›Hart aber Fair‹.

Auf den Verdacht, dass weite Teile der Gesellschaft Kunst als ›Luxus‹, als nice-to-have Add-on ansehen, dem man sich in Krisenzeiten als erstes entledigen könne, reagieren einige Künstler:innen mit Kulturpessimismus und Tiraden auf (hoch-)kulturlose Politiker:innen oder technokratische Beamt:innen. »Schrecklich, dass das Schicksal der Kultur nun in den Händen von Menschen liegt, denen Kultur nicht fremder sein könnte. Zu denen würde ich auch die Herren vom Robert-Koch-Instituts zählen«, raunt Daniel Kehlmann. Die Sänger Jonas Kaufmann und Ludovic Tézier baten in einer Petition darum, mit einer Unterschrift »zu bekennen, dass die Kultur und das Schöne nicht aus unserer Gesellschaft verschwinden dürfen«. Das Narrativ vom ›Ende der Kultur‹ funktioniert bisweilen nach dem Motto: ›Wer differenziert, verliert‹. So machen es doch der Fußball und die Autoindustrie schließlich auch.

Andere argumentieren eher defensiv und versuchen, die Systemrelevanz der Kultur über ihren vermeintlichen Mehrwert zu beweisen: Kunst als Humus der Gesellschaft, Garant der Demokratie oder Wirtschaftsfaktor. Mit der Selbstlegitimation über Transfereffekte begibt sich Kunst allerdings seit jeher auf dünnes Eis. Was, wenn die Kausalität widerlegt wird? Ist Kultur dann nichts mehr wert, oder weniger? Kann klassische Musik weg, weil der Mozart-Effekt ausbleibt? Ein gutes Beispiel dafür, wie so eine Diskussion nach hinten losgehen kann, ist das Argument von der Kultur als Wirtschaftsfaktor, wie es zum Beispiel vom Deutschen Musikrat oder in einem Videoclip der ZDF-Sendung »Mann, Sieber!« in Stellung gebracht wird. Um die »Systemrelevanz« der Kultur über ihre volkswirtschaftliche Wertschöpfung zu belegen, wird ein Monitoringbericht des BMWi zitiert, nach dem das Bruttoinlandsprodukt der »Kultur- und Kreativwirtschaft« das zweithöchste ist, hinter der Automobilindustrie, und andere Branchen wie die chemische Industrie, die Energieversorger oder Finanzdienstleister übertrifft. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Argumentation als ziemliches Eigentor. Die »Kultur- und Kreativwirtschaft« umfasst nicht nur die Teilbereiche Musik, Filme, Bücher und Malerei, auf die sich der Kulturbegriff der ZDF-Comedians zu beschränken scheint, sondern auch ein überwiegend marktwirtschaftliches Segment: die Software- und Games-Industrie, Architektur, Designwirtschaft und den Werbemarkt. Tatsächlich vereinen diese vier Teilbereiche über 60 Prozent der Bruttowertschöpfung auf sich. Das Wertschöpfungsargument würde weitergedacht zum Beispiel für die Klassikbranche nichts Gutes bedeuten: Diese finanziert sich zum Großteil nicht über den Markt, sondern über öffentliche Gelder oder Rundfunkgebühren. Eine Opernkarte wird bisweilen mit über 200 Euro pro zahlendem Gast bezuschusst, öffentlich getragene Opernhäuser und Theater erwirtschaften im Schnitt weniger als 20 Prozent ihrer Budgets selbst, der Rest wird durch Zuschüsse abgedeckt. Wenn es tatsächlich um ökonomischen Mehrwert geht, könnte dann also die Hälfte der Museen und Theater abgeschafft werden, wie es 2012 die Autoren des Buches Der Kulturinfarkt forderten? Man müsste dann schon einen Umweg gehen über mögliche Umwegrentabilitäten und Spillover-Effekte, um den positiven Wirtschaftsfaktor der öffentlich finanzierten Kultur zu belegen. Aber ob die Rechnung aufgeht? Eine Semperoper mag sich über Tourismus und Gastronomie rentieren, aber wie sieht es aus mit der Vogelkundlichen Sammlung in Köthen? Muss die dann auf den Kulturgütermarkt? Und wem ist mit diesem Legitimationsdiskurs eigentlich gedient? Meint man damit wirklich, jemandem vom Wert der Kultur zu überzeugen? Der Legitimationsdiskurs führt auch deshalb in die Sackgasse, weil er die wichtigsten Dimensionen von Kunst negiert. Deren Wesen liegt ja gerade in der Ziellosigkeit, in der gemeinschaftsbildenden Kraft, der Sinnproduktion, nicht im Return on Investment. Der Wert von Kunst lässt sich nicht beziffern oder über Indikatoren messen. Er lässt sich auch schlecht proklamieren oder einfordern. Und sollte Kunst nicht eigentlich Sand im Systemgetriebe sein?

Foto David J. Fred (CC BY-SA)
Foto David J. Fred (CC BY-SA)

Statt an dem Begriff der Systemrelevanz festzuhalten, mit all den Pauschalisierungen, die das mit sich bringt, wäre mit der langsamen Rückkehr zur Normalität etwas mehr Tiefenschärfe und nüchterne Bestandsaufnahme wünschenswert. Was ist in der Krise zum Vorschein gekommen, wer war und ist genau wie betroffen, was soll nach Corona anders und besser sein? Nicht alle Kulturakteur:innen leiden unter der Pandemie gleichermaßen. Während in den USA selbst große Kulturinstitutionen vor dem Abgrund stehen, ist ein nicht unwesentlicher Teil der Kulturlandschaft in Deutschland, zum Beispiel die circa 130 öffentlich finanzierten Klangkörper, zumindest für den Moment gut abgesichert, besser als so manch andere Branche. Das ist eine Situation, von der Orchestermitglieder in England oder den USA nur träumen können. Anders verhält es sich bei der so genannten freien Szene. Dort zeigt sich die Volatilität des Systems im Corona-Stresstest wie unter einem Brennglas. Vielen wird jetzt erst bewusst, wie sehr die hochgelobte deutsche Musiklandschaft von freiberuflichen Musiker:innen und Ensembles getragen und gestaltet wird – und wie verletzlich sie ist, weil viele Musiker:innen als Solo-Selbständige in prekären Verhältnissen leben und selbst etablierte freie Ensembles mangels Rücklagen plötzlich vor dem Aus stehen.

Das Problem eines Selbständigen-Prekariats ist ein strukturelles und existierte nicht nur in der Kulturszene auch schon vor Corona. Einiges wurde von Bund und Ländern schon zur Rettung aufgespannt, bisweilen erstaunlich unbürokratisch und schnell, anderes nachjustiert, manchmal zu spät, zu unkoordiniert oder an der Lebensrealität Solo-Selbständiger vorbei. Die Pauschalkritik einiger Kulturschaffender gegenüber der kulturlosen Politik wirkt(e) trotzdem bisweilen überzogen vor dem Hintergrund einer Ausnahmesituation, in der alle auf Sicht fuhren und es in kurzer Zeit sehr viel zu retten gab. Einige Politiker wie der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda machen sich zum Anwalt der freien Szene, mittlerweile hat auch Angela Merkel in einem Videopodcast versprochen, dass die Weiterexistenz der vielfältigen kulturellen Landschaft ›ganz oben auf der Prioritätenliste der Bundesregierung stehe‹. Dazu ist unter anderem ein Konjunkturprogramm in Form eines Kulturinfrastrukturfonds geplant. Selbst Markus Söder bezeichnet Kultur jetzt als systemrelevant. Medien erzählen von der Lebenswirklichkeit freischaffender Musiker:innen, freie und öffentliche Orchester und Ensembles solidarisieren sich miteinander.

Warum es Kulturschaffende nicht weiterbringt, sich am Begriff der Systemrelevanz abzuarbeiten. Ein Kommentar von Hartmut Welscher in @vanmusik.

Mit diesem Bewusstseinswandel öffnet sich jetzt auch ein Möglichkeitsfenster, mentale Landkarten und materielle Pfründe auf den Prüfstand zu stellen, statt den Eindruck zu erwecken, es käme letztlich nur darauf an, möglichst schnell wieder aufzumachen, damit danach alles so weitergehen kann wie zuvor. Wie ist es um die vielgerühmte Kulturlandschaft bestellt? Wie kann der Konsens einer Zweiklassengesellschaft, der Deal ›Freiheit gegen Prekariat‹, an den sich viele gewöhnt haben, aufgelöst werden? Wie können Selbständige, nicht nur in der Kultur, in Zukunft besser sozial abgesichert werden? Wie kann zum Beispiel das Zuwendungsrechts für freie Ensembles so angepasst werden, dass auch unternehmerisches Handeln und die Bildung von Rücklagen möglich wird? Überall wird jetzt unisono mehr Geld gefordert. Dabei gibt es hierzulande zu wenig offene Debatte darüber, wie dieses verteilt werden soll.

Die Theater sind nicht tot, sie schlafen, meinte Barrie Kosky neulich in einem Interview. Statt alptraumhaft von der eigenen Irrelevanz zu träumen, wäre es wichtiger, jetzt dabei mitzuhelfen, ein besseres System für die Kultur zu schaffen. Das mit der Relevanz kommt dann von ganz alleine. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.