»Wenn der Zeitgeist durchhängt und das Gemüt schwer wird, blüht das Leichte besonders bunt.«
In Gefahr und höchster Not, bringt oft Operette Trost. Als am 14. April 1912 kurz vor Mitternacht die Titanic mit einem Eisberg kollidierte und in den Tiefen des Nordatlantiks verschwand, sollen die Musiker der Bordkapelle den Untergang mit Walzern, Foxtrotts und populären Melodien begleitet haben. Das kurze Glück vor dem nassen Tod: Im Tanzsalon des Luxusdampfers, ihrer Arbeitsstätte, hatte sich eine Luftblase gebildet, ein paar Stunden würde der Sauerstoffvorrat reichen. So machten sie einfach weiter, hielten den leichten Musen noch die Treue, als nachtschwarze Stille den Schiffskörper bereits umfing. Klammerten sich stoisch-verzweifelt an das Vertraute, an beschwingte Metren und wohlige Töne, um das unentrinnbar nahe Ende zu überspielen.
Havarien im Dreivierteltakt: Die Legende der Titanic-Kapelle enthält, wie jede fundierte Fantasie, einen wahren Kern. Seit Offenbach und Hervé Mitte des 19. Jahrhunderts die Operette erfanden, gedeiht sie vor allem in potenziell fatalen Endzeiten und Gefahrenzonen. Krisen und Katastrophen, so scheint es, liefern den Nährstoff, aus dem die Gattung ihre Kraft gewinnt. Je mehr die Welt knirscht oder kracht, desto besser fürs lakonisch spöttische, unterhaltsam zerstreuende Geschäft.
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