Hamburg

Fotos Tobias Stäbler · Datum 6.7.2016

Klassik und aktuelle Musik werden dort zur interessanten Kultur, wo es Kopplungen und Rückkopplungen mit Orten gibt, mit Menschen. Wo sich die Frage stellt, welche Räume von wem für wen auf welche Weise bespielt werden und was das mit dem Leben in der Stadt, der Region zu tun hat.

Erste Folge unserer neuen Serie: Hamburg.

Eine Diskussionsrunde mit Ralf Köster, Booker und DJ im Pudel Club, Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz, Andrea Rothaug, Geschäftsführerin von RockCity Hamburg e.V. – Zentrum für Popularmusik. Das Gespräch wurde moderiert vom Musiker und Autor Sebastian Reier alias DJ Booty Carrell und fand statt am 17. Juni 2016 in der Hanseatischen Materialverwaltung.

VAN: In einem 80-seitigen Standpunktpapier hat die Hamburger Handelskammer vor zwei Jahren Ziele formuliert, die Hamburg bis 2025 ›zur relevantesten Musikstadt Deutschlands‹ machen sollen. Darin heißt es unter anderem, ›der Besuch eines Musikevents soll bis zum Jahr 2025 für 15 bis 20 Prozent der nationalen und internationalen Besucher den primären Reiseanlass darstellen.‹ Genannt werden dabei vor allem Elbphilharmonie, Reeperbahn, Musicals. Was wäre Hamburg für euch als Musikstadt?

Tobias Rempe: In allererster Linie wäre es für mich eine Stadt, in der die Musik ganz grundsätzlich eine sehr große Rolle spielt – und zwar über eingekaufte und gut vermarktbare Inhalte hinaus.

Ralf Köster: Ich würde mir wünschen, dass es außer dieser Eventmaschine auch weiterhin subkulturelle Räume gibt; dass die sogenannte Off-Szene erhalten bleibt. Hafenklang, Molotow, auch der Pudel, ein paar wenige Orte gibt es noch. Ich hoffe, dass sich neue Räume entwickeln, sehe aber leider schwarz dafür. Ich befürchte für den Musikstandort Hamburg, dass die Orte, die bislang immer darauf bestanden haben, autark zu sein, dies nicht mehr schaffen werden.

Andrea Rothaug: In Hamburg wird Raum immer weniger. Unsere Musikerinnen und Musiker erleben im Moment eine starke Verdrängung in die Peripherie.

Christoph Lieben-Seutter: Die Ansicht, dass Raum ein wichtiges Thema ist, teile ich total. Ich fand und finde die Clubszene von Hamburg noch immer sehr speziell und bemerkenswert.

Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz
Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz

VAN: Tobias, ihr habt beim Ensemble Resonanz mit dem Resonanzraum einen neuen Ort für Musikkultur geschaffen. Jetzt gibt es Pläne, auf dem Hochbunker an der Feldstraße, in dem er sich befindet, ein Hotel zu bauen. Was wird dann aus dem Resonanzraum?

Rempe: Die zentrale Frage ist für uns: Was passiert während der Bauzeit nicht nur mit uns, sondern mit all dem, was im Bunker im Moment vorhanden ist und auch ganz wunderbar im Zusammenspiel funktioniert? Kann man anderthalb Jahre Baustelle mit all dem, was an ziemlich lärmempfindlicher Nutzung im Gebäude ist koordinieren?

Lieben-Seutter: Und beim Resonanzraum ist zweifellos schon sehr viel mehr gelungen, als sich das jeder vorher ausgemalt hat. Der ist ja ein Kleinod, ein essentieller Bestandteil der Musikstadt.

In VAN: Der Artikel von Armin Chodzinski über das Ensemble Resonanz und den Bau des Resonanzraumes ...
In VAN: Der Artikel von Armin Chodzinski über das Ensemble Resonanz und den Bau des Resonanzraumes …
... und der Bericht von Tobias Ruderer und Hartmut Welscher über dessen Eröffnung.
… und der Bericht von Tobias Ruderer und Hartmut Welscher über dessen Eröffnung.

Rempe: Wir sind aber auch nicht die einzigen im Bunker. Und im Kalender des Resonanzraums stehen nicht nur unsere eigenen Konzerte, sondern auch andere Veranstaltungen – von NDR und Elbphilharmonie über die Kammermusikfreunde bis hin zu Reeperbahnfestival und vielen, vielen kleinen Gruppen, die den Raum nutzen. Konzerttermine sind fest vereinbart bis in den Sommer 2017.

VAN: In der Diskussion um die ›Musikstadt Hamburg‹ wurde die Elbphilharmonie über einen langen Zeitraum entweder als Heilsbringerin oder als Grabschaufler wahrgenommen. Ändert sich das gerade, wo die Bauarbeiten nun wirklich zu einem Ende kommen?

Rothaug: Ich erlebe in unserer Klientel – das sind 2.000 bis 3.000 Musiker/innen –, dass es immer noch das rote Tuch Elbphilharmonie gibt. Das finde ich nicht schlimm, das wird sich zügig selbst überleben. 

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin von RockCity Hamburg e.V. – Zentrum für Popularmusik
Andrea Rothaug, Geschäftsführerin von RockCity Hamburg e.V. – Zentrum für Popularmusik

VAN: Merkst du das auch, Christoph?

Lieben-Seutter: Es stört mich nicht, wenn die Elbphilharmonie für manche ein Reibungspunkt bleibt. Aber sie muss auch unbedingt viel mehr sein als eine Abspielfläche für Prestigeprojekte. Es zeichnet sich ja schon ab, dass ein ungeheurer Sog dorthin entsteht. Klar wird die Elbphilharmonie erfolgreich sein, denn sie ist ein großer architektonischer Wurf – außen wie innen – und bereits jetzt weltbekannt. Sie wird ein Wahrzeichen sein, und die Touristen werden auf jeden Fall kommen. Für mich wird die Elbphilharmonie aber nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn die Hamburger sagen: ›Ja, das ist der entscheidende Grund, warum Musik in meinem Leben einen größeren Platz hat.‹ Im Resonanzraum haben wir dieses Moment bereits im Kleinen. Da sagten sich Leute: ›Hier finde ich die Musik cool, hier gehe ich öfter hin als in die Laeiszhalle.‹ So etwas erhoffen wir uns von der Elbphilharmonie, vielleicht ein paar Potenzen größer.

Rothaug: Aber Christoph, nicht nur das Publikum, auch Künstler aus anderen musikalischen Gewerken müssen doch die Elbphilharmonie akzeptieren, da reingehen und Teil werden von dem, was da entstehen soll. Dieses althergebrachte Denken in den Genres – ›Ihr seid Pop, ihr seid Jazz, und ihr seid Klassik!‹ – hat sich in der Gegenwart längst überlebt. In den Häusern trennt sich das aber wieder fast hygienisch voneinander. Es wäre schön, wenn dieses genreübergreifende Arbeiten nicht immer im Ausland oder höchstens noch in Berlin verortet wird, sondern eben auch in Hamburg. Wenn man im Vorfeld kleine Strukturen aufbauen könnte, die sympathisch und szeneaffin sind, die auch für die Elbphilharmonie keinen großen Aufwand bedeuten – also, wir müssen nicht den Pudel in den kleinen 100-Quadratmeter-Raum in der Elbphilharmonie setzen.

Köster: Das wäre was! Von der Elbphilharmonie der Herzen bis zum Herzen der Elbphilharmonie!

Lieben-Seutter: Bei ephil oder Greatest Hits haben wir ja längst Berührungspunkte mit der Szene, ebenso mit unserer Jazz-Reihe im Kulturcafé. Im Gebäude der Elbphilharmonie gibt es halt auch ein paar Einschränkungen, schon weil es primär ein klassisches Konzerthaus ist. Ursprünglich war mal auch ein Raum für ›Subkultur‹ geplant, der ist dann leider rausgeflogen, um Platz für die Gastronomie zu machen. Damit sich die Elbphilharmonie besser rechnet. Das war eine kurzsichtige Entscheidung.

Rothaug: Ja, ich weiß! Als unsere Zustimmung gebraucht wurde, war diese Idee noch im Plan.

Lieben-Seutter: Ich fand die Idee genial und ganz wichtig. Das wäre die sinnvolle Ergänzung zu dem großen Saal gewesen. Aber wir haben immerhin das große Kaistudio als flexiblen Raum.

Christoph Lieben-Seutter
Christoph Lieben-Seutter

VAN: In Ermangelung des Ortes Elbphilharmonie seid ihr in die ganze Stadt gegangen und veranstaltet dort Konzerte für sehr gemischtes Publikum. Wird das jetzt zurückgehen?

Lieben-Seutter: Wir werden weiterhin auch an anderen Orten präsent sein, wollen aber natürlich das ›gemischte Publikum‹ jetzt erstmal ins neue Haus locken. Und es ist noch etwas zu bedenken: Ich komme halt immer auf Wiener Referenzen, aber in Wien bin ich mit dem Burgtheater groß geworden. Das war altehrwürdigstes Staatstheater. Als ich ganz klein war, hat man da nach der Vorstellung nicht applaudiert, weil das zu Kaisers Zeiten nicht üblich war. Das Burgtheater wurde dann dank Claus Peymann und anderen immer größer und vielfältiger und hatte nicht nur mit dem Akademietheater eine zweite Spielstätte, sondern auch eine Off-Location und später noch eine Off-Off-Off-Location. Das heißt, im Burgtheater kriegst du alles: von den größten Schauspielern der Zeit, den tollsten Regisseuren und gediegensten Produktionen bis zu den total verrückten, neuen, crazy Projekten aus Litauen. Die ganze Bandbreite in einer Institution. Das hat aber einen gewissen Nachteil für den Rest der Szene. Die Kellertheater, die es zahlreich gab, tun sich ziemlich schwer, weil alles besetzt wird von der großen Krake. So eine große Krake wollen wir nicht sein.

Rothaug: So ein Problem der Krakenwirtschaft haben wir ja auch mit dem Reeperbahnfestival. Da wird alles reingepumpt, und im September kann eigentlich kaum jemand noch Programm machen.

Köster: Es ist ja so, dass wir mittlerweile im selben Teich fischen, zum Beispiel bei Musik wie der von Atom TM oder Alva Noto. Und ich begrüße das! Denn das geht ja nicht an, dass diese Menschen nur für kleine Bühnen spielen. Aber ein Problem gibt es trotzdem dabei: Spielstätten wir ihr oder auch Kampnagel haben Kulturförderung, die uns einfach fehlt. Und dadurch werden für uns die Preise hochgepusht.

VAN: Ungefördert kann heute kein Ort mehr überleben?

Köster: Ich befürchte, dass es immer schwerer wird.

VAN: Du hast gerade euren inoffiziellen ›Claim‹, ›Elbphilharmonie der Herzen‹ zitiert. Wie geht es (nach dem Brand und im Zuge des Rechtsstreits, d. Red.) mit dem Pudel weiter?

Köster: Wir hängen gerade ein bisschen in der Luft. Ich kann dazu gar nicht so viel sagen, außer, dass wir alle sehr darum bemüht sind, den jetzigen Ort zu erhalten. Das Positive ist, dass wir wirklich viel Resonanz aus der Stadt, vom Bezirk, den Kulturbehörden haben. Die wollen, dass es uns gibt. Das ist wirklich anders als in den 1980ern und 90ern. Die Stadt hat gemerkt, dass solche Räume wie der Pudel wichtig sind. In dem Fall hilft es uns aber auch nicht wirklich weiter.

Lieben-Seutter: Angenommen, es entsteht wieder ein Pudel, und die Eigentümerverhältnisse sind geklärt – ist es dann ein Erfolg, wenn die Stadt euch regelmäßig subventioniert oder unterstützt?

Köster: Ursprünglich war unsere Idee, dass wir unabhängig arbeiten von Sponsoren und Kulturgeldern. Das Problem ist, dass der Raum so klein ist, dass er wirtschaftlich unheimlich schwer zu bespielen ist. Das ging die letzten Jahre. Aber weil die Unkosten – also Berufsgenossenschaft, GEMA – jedes Jahr gestiegen sind, die Einnahmen aber nicht, muss man mit Blick auf die nächsten 20, 30 Jahre realistisch bleiben: Ohne Subventionen funktioniert das nicht mehr. Wir lehnen es weiterhin ab, uns eine Zigarettenfirma oder eine Brauerei als Sponsor zu suchen. Aber über Kulturfördergelder denken wir nach. Natürlich fängt es dann aber mit diesen Anträgen an. Man begibt sich da in einen unglaublich zähen Apparat, der eigentlich gar nicht unsere Welt ist. Wir tun uns wirklich schwer damit. Aber ich befürchte, dass wir in diesen sauren Apfel beißen müssen.

Sebastian Reier, Gitarrist, Schallplattenhändler und DJ Booty Carrell. Er moderierte die Runde.
Sebastian Reier, Gitarrist, Schallplattenhändler und DJ Booty Carrell. Er moderierte die Runde.

VAN: Stellt es Unabhängigkeit in Frage, wenn man am Tropf hängt von Förderanträgen und Förderzyklen?

Lieben-Seutter: Aus Wien kommend habe ich da weniger Berührungsängste, weil dort die besten Kinos, die guten Jazzclubs, sonstige Locations, selbstverständlich von der Stadt oder einer stadtnahen Institution gefördert sind. Es ist mir dort nicht aufgefallen, dass das Nachteile für die Operation gebracht hätte. Aber Wien hat auch eine andere Struktur. Das freie Unternehmertum hat in Hamburg einen anderen Stellenwert. In Wien wurden alle Projekte, die aus einer gesellschaftskritischen Haltung heraus entstanden sind, die Arena, das WUK, früher oder später Teil der riesigen Kulturmaschine. Ob das jetzt zum Nachteil ist, kann ich schwer sagen. Meine Zeit in Wien war reich an Kultur.

VAN: Wir haben jetzt viel über die Angebotsseite gesprochen, Räume und Musiker/innen. Was braucht es denn auf Seiten des Publikums?

Rempe: Wenn wir auf Tour außerhalb Hamburgs sind, wird in vielen Gesprächen weniger das konkrete Konzert thematisiert, sondern die Idee, die wir präsentiert haben. Und diese Diskussionen sind so lebendig und weitgehend, dass auch in den letzten Bänken des Publikums mitgeredet wird. Das ist zum Beispiel etwas, was ich mir auch für Hamburg wünsche: Dass also insgesamt dieser Diskurs darüber, was es gibt und was von dem, was es gibt, gut ist und warum das gut ist, auch unabhängig von Marktmechanismen, eine größere Rolle spielt. Sicherlich ist das ein langer Prozess, aber ich glaube, mit der Entwicklung der Elbphilharmonie, mit der bunten und kreativen Szene, nicht nur in der Hoch-, sondern gerade auch in der Subkultur, ist schon ganz schön viel möglich. Und da kann man dann noch viel mehr Gas geben.

VAN: Wer kommt denn in den Resonanzraum?

Rempe: Da kommen zu 50, 60 Prozent Leute, die an klassischer Musik interessiert sind, aber von der Atmosphäre, in der diese üblicherweise in Konzertsälen angeboten wird, nicht angezogen sind. Da kommen auch Leute hin, die bislang noch nichts von klassischer Musik mitbekommen haben. Es mischt sich zunehmend mit Leuten, die mehr klassischen Hintergrund haben. Aber bislang ist es uns gut gelungen, zu verhindern, dass das rein klassische Laeiszhallen-Publikum den Resonanzraum übernimmt.

Lieben-Seutter: Ist das Laeiszhallen-Publikum nicht erwünscht?

Rempe: Nein, es sind explizit alle erwünscht. Aber wir wollen die kleinen Eigenheiten des Resonanzraums erhalten. Bei unseren eigenen Konzerten gibt es nur ein Drittel der Karten im Vorverkauf, der Rest ist Abendkasse, da muss man Schlange stehen. Es gibt keine Eintrittskarten, man kriegt einen Stempel auf die Hand. Es gibt keine reservierten Plätze, es gibt keinen garantierten Sitzplatz. Wir arbeiten mit DJs zusammen. Und es gibt immer wieder Leute, die kommen und sagen: ›Es ist alles toll, was ihr macht; aber bitte verkauft vernünftige Tickets, ich möchte in der dritten Reihe sitzen, macht einen Vorverkauf und schmeißt die blöden DJs raus, die machen nur Krach.‹ Und wir antworten: ›Dann ist vielleicht die Laeiszhalle für Sie die bessere Wahl, denn wir werden das nicht ändern.‹ Und das sorgt dafür, dass es eine lebendige und bunte Durchmischung gibt, der Resonanzraum sich aber nicht ändert.

Tobias Rempe und Andrea Rothaug
Tobias Rempe und Andrea Rothaug

VAN: Wie reagiert die Elbphilharmonie auf Impulse wie die des Resonanzraums?

Lieben-Seutter: Was ich spannend finde, ist, dass solche Aktionen zeigen: Du musst manchmal mehr machen als nur Bedürfnisse abdecken. Sehr oft ist es so, dass Entscheidungen, ob man beispielsweise einen Konzertsaal braucht, nur nach den bestehenden Bedürfnissen getroffen werden. Aber indem du etwas Neues hinstellst, was es vorher noch nicht gab, erzeugst du erst die Neugier und eine Nachfrage, von der man vorher nichts geahnt hat.

Rothaug: Allerdings erzeugt die Elbphilharmonie bei mir den Eindruck von etwas Hermetischem, und ich frage mich: ›Bin ich Teil von diesem Opus, das da gerade entsteht?‹ Dabei saß ich jahrelang in Gremien, in denen man lange brauchte, um überhaupt das Wort ›Elbphilharmonie‹ fließend auszusprechen, und war dort immer eine Freundin der Elbphilharmonie. Und jetzt überlege ich, ob es für mich in den nächsten 15 Jahren überhaupt die Möglichkeit geben wird, ein Ticket zu ergattern. Für mich als Musikaktivistin in dieser Stadt ist, ist es fast absurd, das so zu betrachten.

Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie
Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie

VAN: Für Karten für das Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie haben sich innerhalb von wenigen Wochen 180.000 Leute beworben. Und, Christoph, hat sie Chancen?

Lieben-Seutter: Natürlich. Auch wenn wir gerade einen Hype erleben und uns die Leute kistenweise Kartenbestellungen schicken, gibt es für die meisten Konzerte genügend Tickets. Auch bei der Preisgestaltung haben wir uns darum bemüht, dass man auch für kleines Geld reinkommt. Das ist für einen Großteil der Konzerte der Fall.

Rothaug: Als Slawistin war ich jahrelang in Russland unterwegs. Dort gab es für Musiker, die selber aktiv sind, überall Stehplätze für einen Rubel. Diese Musiker kommen da teilweise völlig abgerissen an, aber es ist so billig für sie, dass sie sich reinstellen können – klar, die sitzen nicht im großen Zauber der ersten Reihe, aber wenigstens können sie das Konzert hören und sind so Teil von etwas, das in den Konzertsälen entsteht. Gibt es bei der Elbphilharmonie Konzepte, die in die Richtung gehen?

Lieben-Seutter: Auch für Stehplätze habe ich, als ich hier angekommen bin, noch gekämpft. Ich kenne die ja aus Wien, wo man für zwei, drei Euro einen Stehplatz in der Oper oder im Musikverein bekommt. Ganze Generationen von Musikfreunden und Musikern sind da aufgewachsen. Das gibt’s in der Elbphilharmonie leider nur in Ansätzen. Trotzdem, glaube ich, kann sich da viel entwickeln. Jetzt haben wir erstmals das Programm für die ersten Monate raus. Das muss natürlich auch knallen und weltweit Aufmerksamkeit erzeugen. Aber wir sind jetzt schon in Gesprächen mit verschiedenen Leuten, um zu schauen, was danach kommt, was für Plattformen wir der lokalen Szene anbieten können. An Künstlerkarten habe ich noch nicht gedacht, aber das nehme ich mal mit.

VAN: Christoph sprach eben die Bandbreite des Publikums an. Und es geht ja nicht immer um die frontale Bespielung: Der Pudel hatte die Lampedusa-Gruppe zuerst direkt vor der Haustür, dann aber auch irgendwann mittendrin im Laden. Die Schwelle ist natürlich bei der Elbphilharmonie und auch schon beim Resonanzraum größer. Und natürlich kommen die Musiker, die in Hamburg angekommen sind, nicht direkt zu RockCity. Wie reagiert ihr als Orte und als Institutionen auf diese Veränderungen?

Rothaug: Wir machen seit zwei Jahren mobile Flüchtlingsworkshops. Hamburger Musiker geben Workshops in Erstaufnahmen. Das war viel learning by doing. Aber mittlerweile müssen wir niemanden mehr mit Bussen abholen und die Versicherungsfragen sind auch geklärt. Uns ist wichtig, dass das keine Segregationsgeschichte ist, sondern dass da alles zusammen passiert. 

Sebastian Reier, Christoph Lieben-Seutter
Sebastian Reier, Christoph Lieben-Seutter

VAN: Durch die Flüchtlinge wurden wir ja auch auf alteingesessene migrantische Strukturen aufmerksam gemacht, die immer ein parallel existierendes kulturelles Leben haben. Dass Communitys ihre eigenen Konzerte haben, wird immer so sein, denn da wird ja auch etwas gepflegt. Trotzdem muss man sagen, dass die Kulturinstitutionen seit den 1960er Jahren in Deutschland in dieser Hinsicht relativ wenig gemacht haben.

Rothaug: Wir wenden uns verstärkt dem Zugang migrantischer Musikkulturen zu künstlerischen Kulturszenen in Hamburg zu. 48 Stunden Wilhelmsburg ist so ein Format, ein tolles Stadtteilkulturfest, das vor diesem Kontext auch strategisch spannend werden könnte.

Rempe: Wir wollen ein urban string-Konzert als Open Air auf der Elbinsel machen. Wir merken selber: Wenn man das wirklich vor Ort glaubwürdig machen will und eben nicht einfach nur dahingeht, eine Bühne aufbaut, den Leuten die eigene Musik vorspielt und wieder geht, dann ist das super aufwendig. Und es ist auch schwierig, es Förderern begreiflich zu machen, warum das nicht so einfach ist. Und warum man für einen Abend, an dem, wenn es gut läuft, viel passieren kann, einen großen Aufwand betreiben muss. Wenn das nicht mit der notwendigen Sorgfalt und Glaubwürdigkeit gemacht wird, dann können solche Aktionen ganz schön oberflächlich bleiben.

VAN: Was macht die Elbphilharmonie für soziale Vielfalt?

Lieben-Seutter: Wir haben da – eher aktionistisch – schon viel versucht. Erfolgreich ist unsere groß aufgestellte Musikvermittlung, die in der Elbphilharmonie noch größer sein wird. Da wird es Klassen für Kinder, Familien, Schulen geben. Bei der Einbeziehung migrantischer Communities haben wir Erfolge und Misserfolge gehabt. Glaubwürdig war es, glaube ich, immer, aber noch nicht nachhaltig genug. Es gab zum Beispiel ein türkisches Festival: Das war super, alle waren da und haben gefeiert. Aber dann war’s vorbei. Alle sind nach Hause gegangen und das war es dann. Bei unserem persischen Festival sind nicht viele Perser gekommen, obwohl wir mit der Community zusammengearbeitet haben und unsere Kontakte überzeugt waren, dass es ein Riesenhit wird. In der Elbphilharmonie haben wir ein syrisches Festival nach den Eröffnungswochen. Wir sind gerade dabei, dafür einen Expat-Chor aufzubauen, der dann auch weiterleben soll. Das ist viel Detailarbeit, viel Ressourcen-Aufwand, aber es zahlt sich aus und gehört unbedingt dazu. Denn ganz abgesehen von Willkommenskultur oder nicht – das ist unsere Zukunft. Unser Publikum wird viel heterogener sein. Wenn ich darüber nachdenke, wer in unseren Konzerten in 15 Jahren sitzt, muss ich ja auf die Gesellschaft in ihrer Vielfalt zugehen und schauen, dass alle einen Bezug dazu kriegen.

Ralf Köster, Booker und DJ im Pudel Club
Ralf Köster, Booker und DJ im Pudel Club

VAN: Im Pudel, 365 Tage im Jahr geöffnet, prallt das sofort aufeinander, Ralf.

Köster: Der Pudel ist halt nicht nur Handyaufladestation, Wasserspender und Aufwärmhalle. Es ist auch der erste Ort, wo Kontakt erfolgt. Ich nenne das beim Namen: Frauen anzutanzen ist in einigen Kulturen normal. Im Pudel machen viele die Erfahrung, dass das hier nicht gut ankommt. Das ist dann aber auch in Ordnung, wenn man es ihnen sagt. Viele lernen bei uns auch, dass es andere Musik gibt als das, was auf ihren Handys ist. Am Anfang wurde uns noch gesagt: ›Ist ganz toll, dass ihr für uns Tee kocht – aber eure Musik ist furchtbar.‹ Irgendwann fangen sie aber doch zu wippen an. Der Pudel ist ein sehr lebendiger Ort. Es gibt ja keine Türpolitik, da kommt ja jeder rein. Dadurch ist es ein sehr offener Ort, wo viele Neuzugezogene, aber auch Menschen aus der Peripherie von Hamburg sich sehr wohl fühlen. Es ist auch ein Ort, wo man lernt, mit Andersdenkenden umzugehen. Das ist nicht immer einfach, führt auch zu Problemen – aber das fordert einen ja auch immer wieder heraus und das ist wichtig.

VAN: Könnt ihr den Leserinnen und Lesern eine Künstlerin oder einen Künstlerin aus Hamburg näherbringen? Jemand, auf den es zu achten gilt?

Köster: scheich in china. 

VAN: Warum?

Köster: Hat analoge elektronische Musik nicht neu erfunden, aber ist da schon Weltmarktführer.

VAN: Also, liebe Leserinnen und Leser, checkt mal scheich in china.

Lieben-Seutter: Einen Hamburger, den ich gerade regelmäßig höre: Christian Naujoks. Gute Sounds, Klanglandschaften, spannende Persönlichkeit. Ich habe auf Pitchfork eine gute CD-Rezension von ihm gelesen und dachte: Ich kenn den Namen irgendwoher. Also habe ich mir angeschaut, was der schon rausgebracht hat, und stoße auf eine CD, auf der ein Foto vom kleinen Saal der Laeiszhalle drauf ist. Es stellt sich heraus, der hat vor Jahren eine Aufnahme dort gemacht, weil wir sie ihm auf Bitte eines Mitarbeiters zur Verfügung gestellt haben. Und nun poppt mir Jahre später das Ding auf Pitchfork entgegen.

Rempe: Wenn wir im Namen der neuen Musik außerhalb von Hamburg unterwegs sind, stellen wir immer wieder fest, dass man immer noch Hamburg verteidigen und sagen muss: ›So langweilig ist Hamburg nicht in Bezug auf neue Musik.‹ Deswegen entscheide ich mich hier für Alexander Schubert und das Ensemble Decoder. Denen wünsche ich noch mehr Aufmerksamkeit. Die sind ein Beispiel dafür, dass tolle Sachen im Bereich neue Musik auch in Hamburg hochkommen.

Rothaug: Ich würde für dieses Jahr und diesen Moment auf jeden Fall Tellavision als Musikerinnen aus dem experimentellen Soundbereich hervorheben. Ebenso Haiyti aus dem Hip Hop-Bereich. Aber auch Finna. Diese drei, um drei Frauen zu nennen, von denen werden wir auf jeden Fall hören. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.