Ensemble Resonanz / Resonanzraum

Text · Fotos Ensemble Resonanz, Jann Wilken · Datum 6.7.2016

Das Ensemble Resonanz in Hamburg zeigt, wie man Musik zu den Menschen einer Stadt bringt. Nun zieht das Ensemble in einen neuen Raum. Kann es die Erwartungen erfüllen? Bestimmt und doch offen bleiben? Der Künstler, Theoretiker und ehemalige Unternehmer Armin Chodzinski nähert sich der Situation.

Vorweg in aller Kürze: Das Ensemble Resonanz eröffnet am 31. Oktober 2014 in einem Hochbunker an der Feldstraße, Hamburg-St. Pauli den Resonanzraum (innerhalb der Corporate Identity des Ensembles klein geschrieben, hier wie ein Sachwort behandelt). Im sogenannten Medienbunker befinden sich auch der Club Übel & Gefährlich, das Internetradio ByteFM, ein großer Musikalienhandel, eine Schule für Studiotechniker und mehr. Der Raum des Ensemble Resonanz ist 2.506 m3 groß und soll – laut einer Plakatkampagne – mit »bebender Stille, radikaler Resonanz oder wahlweise mit Schall und Rausch« gefüllt werden. Das klingt mutig, interessant und ist einen Besuch wert.

CARL PHILIPP EMANUEL BACH: SINFONIE NO.5, III. PRESTO; ENSEMBLE RESONANZ UND RICCARDO MINASI (AUS DER CD C.P.E. BACH: 6 HAMBURGER SINFONIEN, WQ. 182, ERSCHIENEN 2014 BEI ES-DUR)
Der Bunker an der Feldstraße auf dem Heiligengeistfeld. Ganz oben ist das Übel & Gefährlich.´
Der Bunker an der Feldstraße auf dem Heiligengeistfeld. Ganz oben ist das Übel & Gefährlich.´

»Gibst Du mir Steine – geb’ ich dir Sand«: Es könnte jetzt ein Beitrag folgen, der Paul Hindemith und seine Idee der Pädagogik und des Sozialen als Grundlage der Weiterentwicklung der Musik in Erinnerung ruft. Angefangen bei seinem Singspiel Wir bauen eine Stadt (1929) und dem darin enthaltenem Doppel-Chor »Gibst Du mir Steine, geb’ ich dir Sand«, könnte jetzt mehr oder weniger kenntnisreich der Einfluss Hindemiths auf die Donaueschinger Musiktage aufgefächert werden. Oder man würde bei Tabea Zimmermann – artist in residence des Ensembles – und ihren neuen Einspielungen Hindemiths landen. Vielleicht könnte auch etwas über die Band Palais Schaumburg folgen, die 1981 mit Wir bauen eine neue Stadt ihren vielleicht bekanntesten Titel veröffentlichte. Möglich wäre es dann, genauer auf die Bandmitglieder Holger Hiller und Thomas Fehlmann einzugehen, auf ihre Arbeit an experimenteller, elektronischer Musik oder das kontemplativ dilettantische Stakkato »Gibst Du mir Steine, geb’ ich Dir Sand« intensiv zu befragen. Auch möglich wären Ausführungen über Iannis Xenakis und dessen Erfindung der stochastischen Musik, die mit Wahrscheinlichkeit, Zufälligkeit und Präzision eine neue Stadt zu komponieren versucht. Viel konkreter könnte man aber auch über Kulturpolitik sprechen und über Hamburg oder sich fragen warum Nenas Version vom Song auf der Doppel-CD Cover Me (2007) so geschichts- und inspirationslos daherkommt.

Und bei allem könnte man, wenn man wollte, irgendwie auf das Ensemble Resonanz zu sprechen kommen: Es ist jenes demokratisch organisierte Orchester / Kammerorchester / Solistenorchester ohne Dirigent, das für eine Musik steht, in der Begriffe wie »Komponist«, »Streicher«, »Repertoire«, »Bezüge«, »Tradition«, »Gegenwart« usw. ihre Bedeutung haben. Sie residieren in der Laeiszhalle in Hamburg, spielen dort ihre Konzerte, arbeiten mittelfristig mit Instrumentalisten wie Jean-Guihen Queyras (2010–13) oder Tabea Zimmermann (seit 2013) und erfreuen sich zunehmend nationaler und internationaler Anerkennung … soweit so gut.

IANNIS XENAKIS: AURORA; ENSEMBLE RESONANZ (AUS DER CD XENAKIS: MUSIC FOR STRINGS, ERSCHIENEN 2005 BEI MODE RECORDS)

Die merkwürdig käsige Überschrift »Innovative Musikvermittlungsprojekte und alternative Konzertformen«, die man in dem Infomaterial des Ensembles liest, scheint direkt aus der Antragsprosa deutscher Kulturförderer herauskopiert und in die Pressemitteilungen übernommen – es riecht ein wenig bieder und ängstlich. Die Praxis ist das Gegenteil: Das Ensemble Resonanz hatte seinen Proberaum mitten im Schanzenviertel, im Kulturhaus 73 direkt neben der Roten Flora. Die Musiker des Ensembles wollten sich nicht im Etablierten verstecken und ihre Arbeit fernab und unbelastet von der Welt ausüben. Nein, sie suchten nach einem Ort, der ihrem eigenen Lebensraum genauso nah ist, wie ihnen selbst die Musik – Widersprüche inklusive: Selbst wenn bereits seit Dekaden die Business-Angels und Kulturtouristen die Mieten im eigentlich links-alternativen Viertel nach oben trieben, sah das geschäftige Gehen von Musikern mit bekofferten Streichinstrumenten vorbei an Dealern, Obdachlosen, Kreativen oder der Roten Flora eigentümlich aus. Die Bürgerlichkeit, die sich in den Instrumenten zeigt, wirkte auf den ersten Blick eigentümlich.

Musiker des Ensemble Resonanz auf der Baustelle des Resonanzraums.
Musiker des Ensemble Resonanz auf der Baustelle des Resonanzraums.

Stellt man dann aber fest, das die »Klassischen« sich der allgemeinen Verunsicherung stellen, irgendwie an etwas glauben und vielleicht sogar an einer Revision des Bürgerlichen arbeiten oder vielleicht einfach nur das lieben was sie tun und für möglich halten, das andere das auch lieben … ist man sogleich ein wenig berührt von der Mischung aus Scham und Behauptung, die da durch den Stadtteil stapft.

CLAUDE VIVIER: ZIPANGU; ENSEMBLE RESONANZ (LIVE-MITSCHNITT DES KONZERTES »NACHTSONNE«, MAI 2014)

»urban string« ist so ein »alternatives Konzertformat«, welches all diese Momente verdichtet. In regelmäßigen Abständen lud das Ensemble in das Kulturhaus ein: Die Fenster geben dort den Blick auf die »Piazza« des Schanzenviertels frei. Und was dabei zu Gehör gebracht wird, ist keine pädagogische Anbiederung an ein imaginäres Publikum, das für ungebildet gehalten wird. Bei aller verkrampften Lockerheit des Anlasses ist das, was hier passiert, ernst. Da spielen Leute Musik, weil sie daran glauben, sehnsüchtig an etwas glauben: Schaut, hört was das alles bedeuten kann, hört doch mal, wie berührend das alles sein kann, nehmt euch ein Getränk, kommt wie ihr seid, aber hört doch einfach mal zu!

»Gibst Du mir Steine / Geb’ ich Dir Sand / Gibst Du mir Wasser / Rühr ich den Kalk«(Wir bauen eine neue Stadt)
»Gibst Du mir Steine / Geb’ ich Dir Sand / Gibst Du mir Wasser / Rühr ich den Kalk«
(Wir bauen eine neue Stadt)

»Urban String« hat durch den Ort, den Raum und die Form alle gesellschaftlichen und künstlerischen Paradoxien immer mitformuliert und deshalb eine Intensität erreicht, die besonders ist. Sicher ist das kulturelle Kapital im Hipster-Viertel für bestimmte Gruppen garantiert, aber es geht anscheinend um mehr, ernsthaft, ironiefrei. Erholsam wirken hier Kompetenz, Inhalt, Virtuosität, die dafür sorgen, dass beim Ensemble Resonanz nicht nur die formale Idee gut ist.

Die »Resonanzen« in der Laeiszhalle werden von einer Reihe an Veranstaltungen begleitet, die die Konzerte inhaltlich erweitern, untersuchen, diskutierbar machen – und auch wirklich diskutieren. Selbst wenn diese Veranstaltungen gelegentlich zu »eventig« gedacht sind und sich das Ensemble Resonanz am eigenen Mut berauscht, ist die Ernsthaftigkeit das Zentrale und unhintergehbare Moment. Nichts ist hier nur Oberfläche, alles erweitert den Raum, den die Musik zu öffnen versucht. Das Paradoxon, das sich in »urban string« räumlich mitformuliert, wird bei diesen »Ankerangeboten« an unterschiedlichsten Orten entwickelt, um sich im Konzertsaal einzulösen, um nachzuwirken. Dies ist alles notwendig zu erwähnen, will man ermessen, wie und was der neue Ort, der Resonanzraum, sein könnte, sein will, vielleicht sogar sein wird und wie kompliziert und mutig das alles ist…

»Es geht also im Idealfall darum, dass sich an der Bar, die es im Resonanzraum geben soll, eine komplett heterogene Gruppe von Menschen trifft, die sich in der Neugier, der Verwunderung oder der Liebe zur Musik begegnet.«
»Es geht also im Idealfall darum, dass sich an der Bar, die es im Resonanzraum geben soll, eine komplett heterogene Gruppe von Menschen trifft, die sich in der Neugier, der Verwunderung oder der Liebe zur Musik begegnet.«

Der Resonanzraum soll Proberaum sein, er soll »urban string« beherbergen, er soll die Ankerangebote ankern, er soll vermietet werden, er soll sich irgendwie entwickeln und klar konturiert sein. Der Resonanzraum soll ein Ort für die unterschiedlichsten Publika sein, für Hipster genauso wie für Schwellenverängstige, für Geldgeber, Politiker, Flüchtlinge, Musikliebhaber, Fachpublikum – keiner soll sich benutzt fühlen, alle sollen spüren, dass es um etwas geht. Es geht also im Idealfall darum, dass sich an der Bar, die es im Resonanzraum geben soll, eine komplett heterogene Gruppe von Menschen trifft, die sich in der Neugier, der Verwunderung oder der Liebe zur Musik begegnet.

Da rollt die Vereinnahmungsmaschine, die sich von dem Glauben an den Ort hat anstecken lassen, aus allen Richtungen so lange das Gelingen eine echte Möglichkeit ist. Die Kultursenatorin Hamburgs, Barbara Kisseler, sagt zum Beispiel:

Eine ganze Reihe Reizwörter sind darin, und bei jedem Satz durchzuckt es einen, denn noch ist nicht geklärt, ob das Hoffnung oder Drohung oder Marketing oder noch viel schlimmer ist: Geb’ ich dir Steine, gibst du mir Sand. Ein Gründerboard von Mäzenen, eine Stiftung, eine Zusage der Kulturbehörde: Alle gaben Steine, und der Resonanzraum soll jetzt Sand produzieren? Das ist schwierig, denn es werden noch mehr Steine gebraucht, und wenn die Gegenleistung Sand ist, braucht es schon ein bisschen Verstand und Weitsicht, um zu realisieren, dass daraus eine neue Stadt gebaut werden könnte.

Mit dem Resonanzraum setzt sich das Ensemble unter einen ziemlichen Druck, vielleicht ist das notwendig und richtig, ungewöhnlich ist es in jedem Fall: Da sind sehr viele Anspruchsgruppen und Freunde und Gönner, und alle wollen nur das Beste.

In jeder großen Stadt gibt es immer wieder diese hippen Orte und die Clubs, die von Freunden für Freunde gemacht werden, die bestimmte Ausgrenzungsmechanismen aufweisen und in denen sich am Anfang zumindest alle irgendwie einig sind: Gleiche Kleidung, gleiche politische Haltung, gleiche Arbeitssituation. Subkulturen entstehen, manche etablieren sich und scheinen auch rückblickend stringent, logisch und immer erfolgreich – die anderen werden vergessen.

Nervosität ist angesagt. »Gibst Du mir Steine, geb’ ich dir Sand.« Der Satz hat so unterschiedliche Klänge! Letztlich sind sich aber die meisten einig, dass am Ende so etwas wie eine Stadt dabei herauskommen soll. ¶