Ein Interview mit Sophie Joyce.

Text · Titelbild © Foto PR · Datum 12.6.2019

Am 14. Mai wurde ich Zeuge eines Vorsingens in einer der ersten Runden des Neue Stimmen Gesangswettbewerbs. Sichtlich nervöse Sänger gaben im höhlenartigen Proberaum und in Begleitung eines lustlos wirkenden Pianisten ihr Bestes. Gut 20 Meter entfernt saß die Jury an einem Bürotisch, der unter Laptops, Wasserflaschen, Papier und Süßigkeitenverpackungen kaum noch zu sehen war. In dieser Jury saß Sophie Joyce. Joyce ist aktuell Direktorin des Lindemann Young Artist Development Program an der Metropolitan Opera in New York. Vorher leitete sie an der Londoner English National Opera das Casting. Von Haus aus ist Joyce Pianistin, sie arbeitete aber auch schon als Agentin für IMG Artists und war dort für Sänger*innen wie Anna Netrebko und Rolando Villazón verantwortlich. Ich möchte mit Joyce sowohl über die menschliche Stimme und die Geheimnisse ihrer Wahrnehmung sprechen, als auch darüber, wie der Hase läuft im Opern-Business. Zunächst diskutieren wir allerdings über einen Sänger, der gerade vorgesungen hat – ein Tenor mit einem gewaltigen, messerscharfen Klang, der fast zu kraftvoll wirkte für die Arien, die er sang.

VAN: Sie und die anderen Jury-Mitglieder haben dem Tenor – nennen wir ihn mal Will – am Ende des Vorsingens empfohlen, das Repertoire zu wechseln. Anstatt als Heldentenor aufzutreten, solle er sich besser auf Charakter-Rollen konzentrieren. Wie können Sie sich sicher sein, dass das ein guter Ratschlag ist? So ein Feedback kann ja den Fortgang seiner gesamten Karriere stark beeinflussen.  

Sophie Joyce: Im Klang war diese Farbe, die uns an bestimmte Rollen denken lässt. Seine Stimme trug und resonierte sehr gut, aber sie hatte etwas von einem Messer, war scharf. Passend für Mime oder Loge [aus Wagners Ring-Zyklus]. Der Klang hatte mehr von dem Schneidenden als von der goldenen italienischen Schönheit, die wir hören wollen, damit jemand sich wirklich als Rodolfo [aus La Bohème] durchsetzen kann. Das heißt nicht, dass er nicht in der Lage wäre, Rodolfo zu singen. Aber um damit wirklich an den Top-Häusern zu bestehen, landet man mit diesem Klang eher bei einem anderen Repertoire.

Das schien ein guter Tipp zu sein – für seine heutige Form, mit Blick auf diese 15 Minuten, in diesem Raum hier. Aber was ich mich frage: Was heute richtig scheint, wird es das auch morgen sein, oder in zwei Monaten?

Er muss dieses Feedback erstmal annehmen. Und wenn er regelmäßig solche Rückmeldungen bekommt von Leuten, denen er vertraut, denkt er vielleicht: ›Ok, das ist das Feedback, das ich von Leuten aus dem Business bekommen. Um am Markt‹ – wenn man in diesen Kategorien denkt – ›besser zu bestehen, könnte ich dieses Repertoire singen und schauen, ob mich jemand engagiert.‹

Ein Opernverein hört eine Radioübertragung in New York • Foto New York Public Library (Public Domain)
Ein Opernverein hört eine Radioübertragung in New York • Foto New York Public Library (Public Domain)

Will hat unter anderem Where’er you walk aus der Händel-Oper Semele gesungen. Ich habe das Stück zum ersten Mal in einer großartigen, aber ganz anders angelegten Version von Allan Clayton gehört. Wie schaffen Sie es bei diesen Vorsingen, nicht immer Ihre eigene Lieblingsinterpretation von Stücken als Referenz anzusetzen, sondern stattdessen offen gegenüber neuen Interpretationen zu bleiben?

Ich denke, man hat sowas immer im Kopf, aber wenn ein Sänger etwas anders macht und es einem trotzdem gefällt, ist das aufregend und überraschend. Wie Schokoladenkuchen mit noch einer anderen Zutat, bei der man denkt: ›Das rundet das Ganze erst richtig ab.‹

Sie hören in diesen Vorsingen immer wieder dieselben Arien …

Wissen Sie, die meisten von uns sind in diesem Business, weil wir Oper lieben. Deswegen langweilt es uns nicht, dieselbe Musik immer wieder zu hören. Jeder Sänger bringt immer etwas Neues mit. Wenn ich den ganzen Tag dieselbe Arie höre und dann kommt jemand und singt sie absolut brillant – das ist großartig.

Ich habe gemerkt, dass ab dem fünften Sänger meine Konzentration und die Qualität meiner Notizen abgenommen haben. Wie schaffen Sie es, 10 Stunden am Tag aufmerksam zuzuhören?

Es ist anstrengend, aber es gibt Kategorien, die mir helfen, aufmerksam zu bleiben. ›Was ist die natürliche Klangfarbe der Stimme?‹ Und dann: ›Wie sicher wird gesungen, wie ist die Technik?‹, dann: ›Wie präsent ist die Person? Hat sie etwas zu sagen oder steht sie nur mit toten Augen da?‹ Und dann Musikalität, Stil. Aber wenn man einen guten Sänger hört, bringt das auch neue Energie. Man wartet so sehr darauf, etwas Spannendes zu hören, dass es einen wirklich energetisiert, wenn man es dann bekommt.

Inwiefern geht es Ihnen um bloßes Talent und die Stimme an sich und inwiefern achten Sie auf Feinheiten und Professionalität? Eben haben wir zum Beispiel einen Sänger mit wunderschöner Klangfarbe gehört, bei dem man aber wegen des starken Akzents den Text nicht verstehen konnte.  

Das sind Faktoren. Abhängig vom Alter und der Ausbildung einer Person kann man ganz gut abschätzen, was jemand noch braucht, um das nächste Level zu erreichen. Wenn jemand bisher wenig Input bekommen hat, wenig außerhalb des Heimatlandes gemacht hat, der Klang aber sehr gut ist und die Technik funktioniert, kann man sich vorstellen, was durch Stil, Sprache und die ganze musikalische Ausbildung erreicht werden kann. Wenn jemand noch so jung ist, dass die Flexibilität da ist, um all das aufzunehmen, ist es das Risiko wert.

Wie alt ist zu alt?

Das ist eine schwierige Frage, das hängt von der Person ab.

Klar, aber wenn Sie diese Urteile über Leute fällen, die Sie nicht gut kennen, müssen Sie doch gewisse Richtwerte haben.  

Mitte 20 ist noch jung. Da ist man noch sehr flexibel. Aber wenn jemand – außer dramatischen Stimmen und Bässen – die 30 überschreitet … sie haben dann lang genug studiert und genug Erfahrungen gemacht um dem, was sie erreichen können, zumindest nahe zu sein.

Ich habe in diesen Vorsingen immer wieder sehr typische Operngesten gesehen, vor allem mit den Händen. Hat sowas Einfluss auf Ihre Jury-Entscheidung?

Auch das ist unterschiedlich. Manchmal kann man an den Armen sehen, dass jemand sehr angespannt ist. Dann beeinflusst mich das schon, dann denke ich: ›Vielleicht höre ich das auch in der Stimme, vielleicht klingt es deswegen ein bisschen hart.‹

Das Vorsing-Szenario ist tricky. Es ist kein Konzert. Und die Sänger treten als sie selbst auf, müssen aber trotzdem etwas vom Charakter, den sie singen, rüberbringen. Sie müssen zeigen, dass sie wissen, worüber sie singen. Wir brauchen also die Andeutung von Schauspielerei, aber ohne dass eine wirkliche Szene dargestellt wird. Und die Antwort ist dann oft diese eine Armbewegung [lacht].

Während der Vorsingen hat die Jury geredet, getippt, aufs Handy geguckt, manchmal gelacht. Während der schlechten Performances mehr als während der guten, hatte ich das Gefühl. Macht es das für die, die ohnehin nicht ganz sicher sind, nicht noch schwieriger?

Ich hoffe, dass ihnen klar ist, dass wir Notizen über sie machen, wenn wir etwas aufschreiben. Und ich glaube, sie sind dieses merkwürdige Dazwischen wahrscheinlich gewohnt. Manchmal müssen wir uns eben gegenseitig auf bestimmte Punkte im Lebenslauf aufmerksam machen oder überlegen, welche Arie wir als nächstes hören wollen, damit es zwischendurch keine großen Diskussionen gibt.

Ich hoffe, sie finden das normal. Aber Sie haben schon recht, es kann einen ziemlich ablenken. Sie müssen wirklich versuchen, uns einfach auszublenden.

Ist das auch Teil des Vorsingens?

Ja. Ich ermuntere junge Künstlerinnen und Künstler immer, bei sich zu bleiben. Wenn sie wirklich den Moment fühlen und das ausdrücken, ist es auch egal, was die Jury macht.

Auf der Musikhochschule haben Freundinnen und Freunde von mir, die Gesang studiert haben, oft darüber geklagt, dass man ihnen sagte, sie sollten eigentlich besser ein komplett anderes Fach singen. Erleben Sie bei diesen Vorsingen auch manchmal Sänger, denen jemand gesagt hat, dass sie ein bestimmtes Fach singen sollen, obwohl sie eigentlich woanders hingehören?

Ja. Wir denken dann: ›Ich frage mich, ob diese Sängerin nicht eigentlich ein Sopran ist.‹ Das basiert nur auf diesem einen Hören, deswegen ist es schwierig, das richtig einzuschätzen. Aber wenn ich nach Feedback gefragt werde, kann es schon vorkommen, dass ich sage: ›Das ist schon eher ein Sopran-Klang.‹ Das Ding mit diesen Stimmtypen ist, dass es schwierig ist, nicht einer Kategorie zugeordnet zu sein. Für die Leute, die Engagements vergeben, ist es so viel einfacher, wenn sie wissen, welches Fach man seiner Meinung nach singt. Dann können sie viel leichter passende Rollen finden. Aber es gibt auch viele Beispiele für Leute, die nicht einer klaren Kategorie zuzuordnen sind.

Ein Opernverein hört eine Radioübertragung in New York • Foto New York Public Library (Public Domain)
Ein Opernverein hört eine Radioübertragung in New York • Foto New York Public Library (Public Domain)

Könnte man auch sagen: ›Diese Rollen singe ich‹, statt: ›Ich bin ein lyrischer Mezzo‹?

Man muss sich schon zwischen Sopran, Mezzo, Alt, Tenor, Bariton, Bassbariton oder Bass entscheiden. Solange es irgendeinen Zusammenhang zwischen den Arien im Repertoire gibt, denke ich nicht, dass man gleich sagen muss: ›Ich bin ein Koloratursopran.‹ Nur Sopran reicht auch. Und dann können wir schauen, was jemand mitbringt, in welche Welt eine Person passt oder auch welche zwei Welten man abdecken kann.

Ein Phänomen, das sich im Opern-Business, aber auch in der gesamten Welt der klassischen Musik in letzter Zeit beobachten lässt, ist, dass vor allem Musikerinnen und Musiker gefragt sind, die attraktiv sind. Haben Sie das auch auf dem Schirm?

Das Aussehen spielt schon in die Entscheidung hinein. In der Oper spielt das Visuelle ebenso eine Rolle wie das Musikalische. Deswegen spielt es auch eine Rolle im Entscheidungsprozess.

Auch in diesen Vorsingen?

Überall, denke ich. Castings sind immer grausam. So, wie ich es erlebe, werden solche Entscheidungen aber nicht alleine getroffen. Es gibt nicht diese eine Person, die sagt: ›Ich will, dass nur attraktive Leute diese Rollen singen!‹ Es gibt die Regie, die musikalische Leitung, ein ganzes Team von Leuten, dass die Besetzungen diskutiert. Die Regisseurin oder der Regisseur mag eine klare visuelle Vorstellung haben und sagen: ›Ich stelle mir vor, dass Marguerite [aus Gounods Faust] aussieht wie Audrey Hepburn.‹ Und von den hoffentlich fünf oder sechs großartigen Sängerinnen, die einem zur Verfügung stehen, wählt man dann die, die am besten dazu passt. Aber wenn sie alle auf unterschiedlichem Niveau singen und nur zwei oder drei die Rolle wirklich beherrschen, dann muss man auch jemanden aus dieser Gruppe wählen. Die Qualität des Gesangs muss Priorität haben, denke ich.

»Castings sind immer grausam.« Sophie Joyce erklärt in @vanmusik, wie an der Oper Besetzungsentscheidungen getroffen werden.

Teilen die anderen im Business diese Einstellung?

Ich glaube schon. Aber es fließt eben so viel in eine Casting-Entscheidung mit ein. Es geht nicht einfach um die gesanglich Besten, es geht auch darum, Leute zu finden, die zum Rest des Teams passen. Ganz so platt wie ›lass uns einfach den hotten nehmen‹, ist es nicht. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.