Daniel Barenboim bleibt bis 2027 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

Text · Titelbild Alejandro (Public Domain) · Datum 5.6.2019

Die Verlängerung des Vertrags mit Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, die der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) am gestrigen Dienstag bekannt gab, war offensichtlich für alle Beteiligten wenig Grund zur Freude. Als Lederer, Barenboim, Intendant Matthias Schulz und zwei Mitglieder des Orchestervorstands bei der eilig einberufenen Pressekonferenz im Apollosaal der Staatsoper ihre Plätze einnehmen, herrscht eine derartige Grabesstimmung, dass man anfangs eher davon ausgehen musste, dass hier etwas zu Ende geht.

»Eine gute Antwort auf die Frage, wie man mit Daniel Barenboim und seinem Erbe einen würdigen Umgang findet, wäre für alle Seiten wünschenswert«, schrieben wir vor einigen Wochen in einem Beitrag über die Zukunft der Staatsoper. Vielleicht war auch den Beteiligten gestern klar, dass sie mit einem erschöpften Weiter-So diese gute Antwort schuldig geblieben sind. Ja, Berlin behält seinen menschgewordenen Kulturleuchtturm für weitere fünf Jahre bis 2027, das Geld für die Staatskapelle und seine Musiker*innen, die schon jetzt teilweise mehr als 2.000 Euro im Monat mehr verdienen als ihre Kolleg*innen an der Deutschen Oper, wird weiter sprudeln, die internationalen Tournee- und Gastspieleinladungen werden nicht abreißen, um die Auslastung des Hauses muss sich die Stadt einstweilen keine Sorgen machen, und des Drucks, kurzfristig eine Nachfolge zu finden oder aufzubauen, hat man sich entledigt.

Vielleicht sind das für Kulturpolitiker*innen attraktive Argumente. Als Koordinaten für die Ausrichtung einer der herausragenden Kulturinstitutionen des Landes muten sie unbefriedigend an, vor allem, wenn man ihnen all die offenen Fragen gegenüberstellt, die spätestens seit der Veröffentlichung des VAN-Beitrags »Der Poltergeist« öffentlich diskutiert werden: Das künstlerische Profil der Staatsoper bleibt unscharf, andere Häuser in Deutschland und Europa haben ihr den Rang abgelaufen. Das gerade vorgestellte Programm für die Saison 2019/20 liest sich wie eine uninspirierte Parodie auf die Vorhersagbarkeit konservativer Spielzeitplanung. Die Gastdirigenten und Solisten sind namhaft, aber auch die üblichen verdächtigen musikalischen Freunde Barenboims, die seit Jahren das Programm bestreiten. Das Haus versprüht Hermetik und Traditionalismus. Zum Eindruck allgemeiner Erstarrung passt die muffige architektonische Kulisse und die repräsentative Fassadenhaftigkeit Unter den Linden. Das Potential von Orchester, Ensemble und Angestellten ist riesig, aber es fehlt der Geist des Neuanfangs, um es zu entfesseln. Nicht zuletzt hat der bisweilen autokratisch agierende Barenboim in den letzten 27 Jahren eine feudale Machtfülle etabliert, die wenig Durchlässigkeit und Veränderungen zulässt, und für einige ein Klima der Angst erzeugt hat.

Die Debatte um Barenboim und das Haus wird mit der Vertragsverlängerung vermutlich nicht erstickt, sondern bestenfalls eingefroren, auch wenn Lederer auf der Pressekonferenz wortreich versuchte, die Konkretheit der im Raum stehenden Kritik mit diffusem Beraterjargon zu deflektieren. Es werde einen Veränderungsprozess geben, alle Beteiligten seien gewillt, sich dem zu stellen, es gebe in Bezug auf den Umgang miteinander Verbesserungsmöglichkeiten, es gelte, die Fehlerkultur zu reflektieren. Im Übrigen sei keiner der Vorwürfe gegen Barenboim »rechtlich relevant«. »Rechtlich nicht relevant« scheint für Lederer in diesem Kontext gleichbedeutend mit: »zu vernachlässigen«. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der linke Kultursenator, der sich ansonsten für mehr Räume und Mindestlöhne für die Freie Szene einsetzt, im hochkulturellen Kontext das Narrativ von der Entstehung großer Kunst aus dem Geiste des genialischen Autokraten wiederauflegt. Wo das Genie hobelt, da fallen eben auch Späne.

Veränderungen vollziehen sich oft top down, erst recht in einem System, das derart auf eine Person ausgerichtet ist wie das Barenboims an der Berliner Staatsoper. Sich den 76-jährigen Chefdirigenten auf Lebenszeit in dem von Lederer angekündigten »Veränderungsprozess« als Change Agent mit Moderationskärtchen, Flipcharts und Feedbackrunden vorzustellen, fällt nach gestriger Pressekonferenz nicht leichter: Journalisten koffert er brüsk an, die wenigen zugelassenen Fragen lässt er teilweise unbeantwortet, bisweilen springt Lederer peinlich berührt bei, um Schlimmeres zu verhindern. Offenbar ist Barenboim, der die gegenüber ihm geäußerten Vorwürfe mit keinem Wort erwähnt, selbst unter verschärfter öffentlicher Beobachtung nicht bereit oder in der Lage, ein Mindestmaß an Impulskontrolle aufzubringen. Vielleicht sieht er sich auch weiterhin in erster Linie als Opfer einer Kampagne. Nach 20 Minuten ist der Spuk vorbei, »der Senator müsse weiter«. In der Aufstellung der Pressekonferenz zeigen sich die Dysfunktionalitäten des Gesamtsystems: ein blasser, überforderter Intendant, ein überreizter Generalmusikdirektor, ein Kultursenator, der den Mut für die visionäre Entscheidung nicht aufbringt und deshalb die Angelegenheit schnell wegmoderieren will, ein seltsam defensiv und angespannt wirkender Orchestervorstand.

Mittlerweile, so scheint es, hat sich an der gesamten Staatsoper eine Wagenburgmentalität ausgebildet – mit der Presse als Feindbild –, die eher an Fußballmannschaften José Mourinhos erinnert. Nachfragen werden als Majestätsbeleidigung aufgefasst, Pressekonferenzen entweder gar nicht oder erst sehr kurzfristig einberaumt, man verbittet sich jede Einmischung. »Wir möchten uns unser Verhältnis zum Chef nicht von außen erklären lassen«, sagt Susanne Schergaut vom Orchestervorstand. Bedenkt man, dass es zunächst ausschließlich aktuelle und ehemalige Mitarbeiter*innen und Musiker*innen waren, die Kritik an Barenboims Führungsstil äußerten, wirft das die Frage auf, wer eigentlich zum »wir« und wer zum »Außen« gehört, wer in dieser Sache selbst hausintern überhaupt mitreden darf.

Der Impuls, Barenboim und seine Lebensleistung zu verteidigen, ist verständlich. Ein reflexhafter Beschützerinstinkt dient der Sache aber genauso wenig wie der Wunsch, koste es was es wolle zum Königsmörder zu werden. Beide Extrempositionen zeigen sich auch in einigen journalistischen Kommentaren. Barenboims Führungsstil und sein musikalisches Wirken sind weder sakrosankt, noch über alle Zweifel erhaben. Wer Kritik daran automatisch gleichsetzt mit »übler Nachrede« oder einem böswilligen »Sockelsturz« des Denkmals, höhlt jede Möglichkeit einer Debatte aus. Dabei leidet der verdiente Ruhm einer Person oft dann am meisten, wenn er in kritikloser Ehrerbietung erstarrt. Gerade wem Barenboim und sein Lebenswerk am Herzen liegt, sollte mit Sorge auf die gestrige Entscheidung blicken. Vielleicht hätte der 76-jährige jede Form des Kompromisses als Gesichtsverlust empfunden. Ganz, oder gar nicht – dass er das politische Gespür und den Durchsetzungswillen besitzt, das zu bekommen, was er will, hat er in den vergangenen Jahrzehnten oft genug bewiesen. Er hat damit das Kulturleben Berlins geprägt wie kaum ein anderer Musiker. Ob er sich mit diesem letzten erstrittenen Sieg aber wirklich einen Gefallen getan hat?

»Der verdiente Ruhm einer Person leidet oft dann am meisten, wenn er in kritikloser Ehrerbietung erstarrt.« @vanmusik über Daniel Barenboims Vertragsverlängerung.

Viele Gespräche mit dem Intendanten, Barenboim selbst und dem Orchester hätten zu seiner letztendlichen Entscheidung beigetragen, so Lederer gestern. Der Großteil der Staatskapelle habe sich für eine Vertragsverlängerung ausgesprochen. Vielleicht wäre es aber für eine so weitreichende kulturpolitische Entscheidung klug gewesen, out of the box zu denken, den Kreis der Informanten zu erweitern – um aktuelle und ehemalige Mitarbeiter des Hauses, externe Musiker, einige derjenigen, die die künstlerische Entwicklung des Hauses von außen schon länger verfolgen. Vielleicht wäre dann mehr Vision, und weniger Pragmatismus und Verzagtheit möglich gewesen. »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern«, lautet Marx’ 11. These über Feuerbach, angeschlagen in goldenen Lettern über dem Treppenaufgang im Hauptgebäude der Humboldt-Universität Unter den Linden. Möge irgendwann etwas von diesem revolutionären Geist auf die andere Straßenseite hinüberwehen. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.