Berlin hat am 23. Juni eine Verordnung erlassen, die das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen verbietet. Die Berliner Chöre sind fassungslos.

Der Widerspruch kam schnell: Nur einen Tag, nachdem der Berliner Senat die neue Infektionsschutzverordnung veröffentlicht hatte, sandte der Berliner Chorverband einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister, die entsprechenden Senator:innen und den Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung. Einen wütenden Brief. Der Grund: Ein Absatz in der neuen Verordnung verbietet ab sofort das gemeinsame Singen in geschlossenen Räumen – und damit bis zum 24. Oktober im Grunde das gesamte Chorwesen an sich. In der Verordnung stehen die unmissverständlichen Sätze:

  • »(1) in geschlossenen Räumen darf nicht gemeinsam gesungen werden« und
  • »(3) Ordnungswidrig im Sinne des § 73 Absatz 1a Nummer 24 des Infektionsschutzgesetzes handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig […] entgegen § 5 Absatz 1 in geschlossenen Räumen gemeinsam singt«.

Diese Ordnungswidrigkeiten können, ebenfalls laut Verordnung, »mit einer Geldbuße von bis zu 25.000 Euro geahndet werden«.

Allerdings kommen entsprechende Studien nicht sämtlich zu dem Schluss, dass gemeinschaftliches Singen in Räumen per se fahrlässig sei. So beurteilte beispielsweise die Münchner Bundeswehr-Universität die Übertragung des Coronavirus beim Singen im Chor als »äußerst unwahrscheinlich«, empfiehlt aber trotzdem, in hohen und gut durchlüftbaren Räumen zu singen – natürlich mit entsprechendem Sicherheitsabstand. Die Risikoeinschätzung des Universitätsklinikums Freiburg spezifiziert die Ratschläge noch genauer: Chorproben sollten nur in sehr großen Räumen mit mindestens 2 Meter Abstand zueinander stattfinden und zudem alle 15 Minuten von Stoßlüftungs-Pausen unterbrochen werden. Dieses Papier weist allerdings auch darauf hin, dass zum Aerosolausstoß beim Singen noch nicht genügend Daten für endgültige Schlussfolgerungen vorliegen. Die Deutsche Stimmklinik riet demgegenüber mit Verweis auf Superspreading-Chorproben in den USA und Deutschland zunächst vollumfänglich vom gemeinsamen Singen ab. Auch eine Studie der Berliner Charité steht Chorproben aufgrund des Ansteckungsrisikos kritisch gegenüber, vor allem, weil gerade die zur Eindämmung des Risikos notwendigen Schritte wie eine ausreichende Lüftung, der Abstand zueinander und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei vielen Chorproben schwer umzusetzen seien.

In Berlin entwickelte der dort ansässige Chorverband – der immerhin 300 Laienchöre und damit über 11.000 Sänger:innen vertritt – erst letzte Woche ein eigenes Hygienekonzept, das er wiederum dem Senat vorlegte und sehr positive Rückmeldungen von dort zurückbekam. Die neue Verordnung kam daher aus tiefblau-heiterem Himmel: »Das hat uns komplett überrascht«, sagt Gerhard Schwab, Geschäftsführer des Chorverbands. »Es ist mit niemandem abgesprochen worden. Wir haben es aus der Pressemitteilung erfahren.«

Abgesehen von dieser empfundenen Respektlosigkeit gegenüber den Berliner Chören, über deren Köpfe hinweg die Verordnung einfach so entschieden wurde, bedeute sie, so der Chorverband, »eine akute Gefährdung aller Chöre im Land Berlin – gleich ob Profi-, Amateur- oder Schulchöre«. So formulierte er es in dem offenen Brief. Man könne ja neue Verordnungen erlassen, sagt Schwab einige Tage später im Telefonat, müsse es ja sogar, wenn neue Erkenntnisse vorlägen, »aber es muss doch immer Perspektiven geben! So ein pauschales Verbot ist gravierend, sich da einfach etwas rauszugreifen, den Gesang, und zu sagen: ›Wer gemeinschaftlich singt, macht sich strafbar.‹ – Wie soll ich das denn verstehen, darf ich meinem Kind zu Hause noch ein Schlaflied singen?«

Bei den einzelnen Chören, zu denen er bisher Kontakt hatte, herrsche »völliges Unverständnis«, vor allem auch bei den Chorleiter:innen: »Das ist ja deren Beruf! Die stehen vor der totalen Perspektivlosigkeit. Die haben sich drei Monate lang ordentlich an die Regeln gehalten. Was jetzt passiert, ist einfach nur dramatisch.« Da das Verbot auch die Schulchöre einschließt, so heißt es im offenen Brief, sei das Chorsingen besonders gefährdet: »Das Sterben des Nachwuchses beginnt in der Schule. Eine qualifizierte Ausbildung an Hochschulen wird nicht möglich sein. Alle großen Chöre der Stadt stehen vor dem Aus!«

Beim RIAS Kammerchor hatte in der Zeit vor Verkündigung der Verordnung der Probenbetrieb langsam wieder Fahrt aufgenommen. Noch am 20. Juni gaben 24 Sänger:innen ein Livekonzert im Radio, mit modifiziertem Programm und viel Abstand. Ihren Chefdirigenten Justin Doyle hatten die Chormitglieder seit Mitte März nicht mehr gesehen – schwer genug –, und eigentlich war für die kommenden zwei Wochen eine Arbeitsphase mit ihm geplant, als »eine Art versöhnlicher Abschluss der Spielzeit«. So berichtet es Bernhard Heß, Direktor des Managements des Chores. Nicht nur, dass der Corona-Lockdown eine Woche vor einer großen, wichtigen Uraufführung alle Pläne des Chores zerschoss und die Sänger:innen »mitten aus einem aufregenden Projekt riss«. Jetzt, wo so langsam eine teilweise Normalisierung in Sicht war, grätscht plötzlich die neue Verordnung dazwischen. »Dieses Singverbot ist für mich einfach nicht nachvollziehbar und in dieser Form nicht akzeptabel«, sagt Heß. Seit Wochen arbeite der Chor daran, Sicherheitskonzepte zu erstellen, probe unter strengen Auflagen in reduzierter Besetzung, mit großen Abständen, »die eine Belastung für die Arbeit sind«. Das jetzige Verbot »ist frustrierend und macht wütend. Was wir praktiziert haben, hat ja seit Wochen funktioniert, und nicht nur bei uns.«

Besonders problematisch an der Verordnung ist aus Heß’ Sicht die Kommunikation, nämlich »dass man sich vor so einer pauschalen Entscheidung mit niemandem aus der Szene abgestimmt hat, weder mit den Opernhäusern, noch mit den Intendant:innen der großen Kultureinrichtungen, noch mit uns als Ausführenden, weder mit den Kolleg:innen vom Rundfunkchor, noch mit dem RIAS Kammerchor.« Seit Wochen bemühe man sich »um Kontakt zur Wissenschaft«, sei integriert in Studien, die an der Charité entwickelt werden, pflege »intensiven Austausch mit den Kolleg:innen in den übrigen Bundesländern, wo Mediziner:innen intensiv forschen. Wir sind der Meinung, dass es belastbares wissenschaftliches Material gibt, das bestätigt, dass Singen unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen möglich ist.«

Der Protest des RIAS-Chores nun ist ein stiller Protest – wie sollte er auch sonst sein, will man keine grotesk hohe Strafe riskieren. Mit dem Rundfunkchor zusammen stellten sich die Sänger:innen am Montag vor die Kamera – und schwiegen. Im großen Saal des RBB, in den alle hineinpassen, ohne sich zu nahe zu kommen.

Von Kultursenator Klaus Lederers Vorschlag, anstatt sich zu grämen demnächst einfach mal auf dem Tempelhofer Feld zum gemeinsamen riesengroßen Singen zusammenzukommen, hält Heß also nichts? »Nun, das war ein Versuch, die hohen Wogen erstmal wieder zu glätten. Aber für uns als professionelle Ensembles, die nach anderen Standards arbeiten, ist das allenfalls nett gemeint. Es hilft uns kein bisschen weiter.« »Ich brauche ganz bestimmt keinen Massenauflauf auf dem Tempelhofer Feld«, schreibt auch die Sängerin und Dirigentin Karin Mueller auf Twitter. »Ich brauche einen Ort, an dem ich mit meinem Chor ungestört und wenigstens etwas schallverstärkt draußen proben kann. Ich brauche kein ›Event‹, ich brauche eine Perspektive.«

Gemeinsames Singen als Gesetzesbruch? Die Berliner Chorszene zum Singverbot in der neuen Berliner Infektionsschutzverordnung in @vanmusik.

Auch Gerhard Schwab schüttelt über den Vorschlag den Kopf. »Das löst doch keine Probleme«, sagt er. »Es ist sicherlich ein lohnenswertes Ziel, dass wir gemeinschaftlich als Chöre gesehen werden, und so etwas könnte eine tolle Veranstaltung werden. Aber das hilft nichts.« Chöre müssten »proben und für sich selbst Ziele formulieren«. Gleichzeitig, gibt Schwab zu bedenken, sei Klaus Lederer, der aktuell alle Kritik abbekommt, aber auch möglicherweise nicht der richtige Ansprechpartner. »Aus meiner Sicht müsste sich der Senat für Gesundheit zu der Sache äußern«, sagt er. Und dann müsste man die Chance nutzen, Ende Juli die Verordnung zu novellieren – denn diese Möglichkeit gibt es durchaus. Andernfalls sieht es um die kommende Saison der Berliner Opern- und Konzerthäuser, der Theater, Ensembles und Chöre düster aus. Und still. ¶

Hannah Schmidt

... schreibt als freiberufliche Musikjournalistin für das Feuilleton der ZEIT, das Magazin niusic.de und Publikationen wie Die Deutsche Bühne und Opernwelt. Seit Oktober leitet sie die Redaktion der Onlineplattform terzwerk.de. An der Technischen Universität Dortmund studierte sie zunächst Musik mit dem instrumentalen Hauptfach Orgel und beendet derzeit den Masterstudiengang Musikjournalismus.