Die Leute dort abholen, wo sie sind. Und dann ab in den Baum der Entdeckung.

Text · Datum 02.11.2016

Musiker, egal welcher Couleur, behaupten gerne, gerade ihre Musik entziehe sich den Kategorien. Das klingt immer so schön unabhängig, anti-mainstreamig – und impliziert etwas neues, eigen- und sowieso großartiges. Musik sei so eine dermaßen flüchtige Kunstform, die ja nur – ich schlafe, weil zu oft gehört, beim Schreiben dieses Satzes kurz ein – im Erklingen wirklich zum Leben erwache, an den Verlauf der Zeit gebunden und kaum oder mindestens sehr schwer in Sprache zu fassen sei. Also: »Versuche niemals, Musik zu kategorisieren!« Genau von diesem apodiktischen Blödsinn musste ich mich bei der Arbeit am Sinfon-O-Maten frei machen.

Mich reizte, nach dem Dirigent-O-Maten – ebenfalls für das VAN Magazin erfunden – die Frage: »Welche Sinfonie passt zu dir?« Und das in Form eines Spiels. Ein wichtiger Gedanke dabei war, keine musikalischen Insider-Statements zu benutzen, sondern Dinge aus der alltäglichen Wahrnehmung möglichst vieler Leute zu verwenden, um damit auf gewisse Charaktereigenschaften und lebensweltliche Vorlieben des Benutzers abzuzielen.

Die zwei größten Herausforderungen dabei: Welche Kategorien wähle ich und wie viele Sinfonien sollen eigentlich als Ergebnis möglich sein? Ich hörte mir zur Inspiration einfach mal ein paar Sinfonien an, konfrontierte mich ganz neu mit der Frage: »Welche Charaktereigenschaften hat zum Beispiel die berühmteste Sinfonie der Welt, Beethovens Fünfte?« Okay, die musste ich mir jetzt nicht noch einmal anhören, denn klar ist ja: der erste Satz ist höchst dramatisch. Also war die Kategorie »dramatisch« geboren – und alle anderen noch auszuwählenden Sinfonien mussten sich die Frage gefallen lassen: »Bist du, liebe Sinfonie, dramatisch oder nicht?« Und schon war das Einstiegsstatement für das Quiz geboren: »Manchmal kann ich eine Drama-Queen sein.«

Aus dem Web kopierte ich mir eine sehr lange Liste von Sinfonien in ein Dokument. Eine schöne Sortier-Arbeit folgte, bei der ich mich natürlich auch von meinen eigenen Vorlieben leiten ließ. Auf die drei Sinfonien von Hans Pfitzner hatte ich schon mal keine Lust. Den mag ich einfach nicht. Also raus damit, haha!

Die Sinfonien von George Antheil und George Enescu dagegen entdeckte ich noch einmal ganz neu. Außerdem hörte ich in alle Sinfonien des Schweden Allan Pettersson rein. Und notierte in meine Liste von über 200 Sinfonien schon ein paar Stichworte. Auch die Dauer einer Sinfonie schrieb ich dazu, schließlich mögen sehr ungeduldige Menschen nicht Mahlers Dritte als Ergebnis erhalten.

Während des Hörens entstanden dann fast zwangsläufig folgende Kategorien: amerikanisch, dramatisch, filmmusikalisch, humorvoll, ironisch, klagend, kriegerisch, marschartig, melancholisch, modern, naiv, naturhaft, tänzerisch und versöhnlich. Dazu kamen vier aus der Dauer einer Sinfonie abgeleitete Kategorien: kurz (0–25 Minuten), mittellang (26–50 Minuten), lang (51–75 Minuten) und sehr lang (über 76 Minuten). Und natürlich passierte es, dass Sinfonien auftauchten, die genau 25 1/2 Minuten lang sind – also tatsächlich zwischen das Dauern-Raster fallen. Da entschied ich je nach Grund-Unterhaltungswert der jeweiligen Sinfonie, ob ich das Ganze nun »kurz« oder schon »mittellang« nenne.

Aus den Kategorien resultierten mit »Ja« oder »Nein« zu beantwortende Behauptungen. Das Prädikat »marschartig« wurde dem Statement »Ab und zu gelüstet es mich, in andere Länder einzumarschieren.« zugeordnet, »kriegerisch« hieß dann, in einen Satz gegossen: »Kriegsfilme üben auf mich eine gewisse Faszination aus.« Und »melancholisch« präsentierte sich in Gestalt von: »Bei schlechtem Wetter werde ich durchaus mal schwermütig.«

Irgendwann hatte ich tatsächlich 204 Sinfonien durchkategorisiert. Mehr als die Hälfte davon verwendete ich am Ende. Wichtig erschien mir, dass man das Ganze je nach Tagesform wieder spielen oder auch als wirkliches Quiz (»Finde Bruckners Siebte!« – was ich übrigens als sehr schwer erachte!) benutzen können sollte. Das Spiel funktioniert logischerweise nicht wie der Wahl-O-Mat, wo es um Häufung geht, sondern ermöglicht ganz individuelle Wege durch das Statement-Labyrinth. Je nachdem, was man antwortet, führt es einen auf andere Zweige, an deren Enden natürlich noch individuelle, neue Statements verwendet werden mussten, die den User immer weiterleiten. Hin zu seiner verdammten Lieblingssinfonie! »Hinten« tauchten dann plötzlich am Ende eines Zweigs beispielsweise Brahms’ Vierte und Mozarts große g-Moll-Sinfonie auf. Dem hocherfreuten Autor gefiel das, denn diese beiden Sinfonien sind sich – trotz aller Unterschiede – tatsächlich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise nahe. Klagend, aber nicht wehleidig, dunkel elegisch, doch dabei feurig und festlich. Kupferfarben!

»Ich liebe Pferde!« ist dabei ein hochwissenschaftlich untermauertes Statement, das bei »Ja« zu Bruckners Sechster – man höre sich das Pferdegetrappel des ersten Satzes an! – führt. Bei »Nein« geht es weiter mit »Goethe irrte nie«. Hier resultiert bei »Ja« die unter anderem mit Goethe-Texten dick auftragende Sinfonie No. 8 von Mahler. Bei »Nein« folgt die legendäre »Sitzfleisch-Weiche« mit dem Satz: »Lange Meetings ertrage ich meist besser als meine Kollegen«, die bei »Nein« zu Saint-Saëns’ Orgelsinfonie und bei »Ja« zu dem einzigen musikalischen Statement des ganzen Spiels führt: »Chorgesang ist fürn Arsch!« Klickt man hier auf »Ja« gehört Bruckners Neunte zu einem, bei »Nein« landet man bei Mahlers Zweiter, bei der am Schluss bekanntlich ein Chor mitmachen darf.

Wie von selbst entstand ein »Haydn-Zweig«, voller Haydn-Sinfonien. Das Problem: Auch die wollten ja alle noch vereinzelt werden, denn ein Ergebnis im Sinne von »Zu Ihnen, werter Kunde, passt irgendeine der über 100 Haydn-Sinfonien! Viel Spaß beim Aussuchen!« erschien mir wenig erstrebenswert. Im Falle der jeweils mit einem programmatischen Untertitel versehenen Sinfonien waren die Abzweigungen zu einzelnen Haydn-Sinfonien kein Problem, so führt der Klick auf »Ja« bei »Ich habe geweint als der Eisbär Knut gestorben ist.« unweigerlich zu Haydns Sinfonie Nr. 82 mit dem Untertitel »Der Bär«. Ja doch, ich weiß: der programmatische Beiname stammt nicht von Haydn selbst und beruht – wie fast alle derlei Populärtitel Haydnscher Sinfonien – auf irgendeinem ephemeren Phänomen eines einzelnen Satzes. Who cares? Das Huhn, der Bär, die Uhr, der Wolf, das Lamm.

Letztendlich konnte ich Sinfonien von folgenden Komponisten im Sinfon-O-Maten unterbringen: George Antheil, Samuel Barber, Ludwig van Beethoven, Leonard Bernstein, Franz Berwald, George Bizet, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Norbert Burgmüller, Aram Chatschaturjan, Felix Draeseke, Antonín Dvořák, George Enescu, Wilhelm Furtwängler, Niels Gade, Alexander Glasunow, Joseph Haydn, Arthur Honegger, Charles Ives, Zoltán Kodály, Gustav Mahler, Felix Mendelssohn Bartholdy, Bohuslav Martinů, Wolfgang Amadeus Mozart, Allan Pettersson, Sergei Prokofjew, Camille Saint-Saëns, Arnold Schönberg, Dmitri Schostakowitsch, Franz Schubert, Robert Schumann, Jean Sibelius, Peter Tschaikowsky und Mieczysław Weinberg.

Mein Hauptziel war eigentlich eine humorvolle Diskussion darüber anzuregen, was musikalisch zu einem »passt« – und wie ich meine eigene musikalische Entdeckerlust spielerisch unters Volk bringen kann. Ich liebe den Gedanken, dass sich die Menschen da draußen vielleicht aufgrund ihres Sinfon-O-Maten-Resultats erstmals eine Pettersson-Sinfonie anhören – und davon möglicherweise sogar so begeistert sind, dass sie sich eine Konzertkarte kaufen, wenn Pettersson mal auf dem Programm steht. Was übrigens noch viel zu selten der Fall ist! Mit dem Sinfon-O-Maten habe ich also etwas gemacht, was berufsbedingt mein täglich Brot ist: Meine Liebe zur Musik teilen. Mit Analyse und Schabernack. ¶

Arno Lücker

... ist Konzertveranstalter, Moderator, Komponist und Pianist. Er gestaltet innovative Konzertformate, arbeitet als Musik-Satiriker, schreibt Stücke für Solist:innen und Ensembles und Texte für VAN, die Wiener Philharmoniker, die New York Philharmonics und die Bamberger Symphoniker. 2019 war er als Schauspieler an der Volksbühne zu erleben.