Titelbild © Maike Helbig

»Dienstag Vormittag hat meine Tochter drei Stunden Homeschooling… Ich bin nicht sicher, ob unser Internet stark genug für zwei Videokonferenzen gleichzeitig ist«, antwortet die Klarinettistin Sharon Kam auf meine Terminanfrage. Dass sie zu Anfang des Gesprächs nicht zu hören sind, liegt dann jedoch nicht am mangelnden Breitbandausbau in Hannover, sondern daran, dass der Journalist vergessen hat, die Stummschaltung der Audiowiedergabe aufzuheben.

VAN: Frau Kam, danke, dass Sie sich so kurzfristig Zeit genommen haben.

Sharon Kam: Wir gehen ja eh gerade nirgendwo hin. Beziehungsweise doch: ausnahmsweise am Ende dieser Woche. Da wird ein Traum wahr.

Und der wäre?

Ich nehme beim Hessischen Rundfunk das Hindemith-Konzert auf. Also, hoffentlich bleibt es dabei! Ich muss auf Holz klopfen … Ich habe das Konzert vor 20 Jahren zum ersten Mal gespielt, seitdem liebe ich es. Es hat eine Ernsthaftigkeit, aber mit unglaublich viel Witz und Farbe und einem sehr ensemblehaften Gespräch zwischen Orchester und Klarinette, fantastisch orchestriert. Ich habe es damals schon auswendig gelernt, durfte das Stück aber danach nur dreimal in meiner Karriere spielen. Drei einzige Male! Darüber bin ich richtig empört, weil Hindemith so ein großartiger Komponist ist, der in Deutschland viel zu selten zu hören ist. Ab und zu in der Kammermusik. Aber im Orchesterbereich immer nur Mathis der Maler, Mathis der Maler, Mathis der Maler

Können Sie bei Mozart und Weber auch sagen, wie oft Sie deren Konzerte gespielt haben?

Nee, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Ich versuche in einer Saison kein Konzert der beiden mehr als zehn Mal zu aufzuführen. Seit 25 Jahren spiele ich jetzt, bei durchschnittlich zehn Aufführungen im Jahr wären das dann 250 Mal… In manchen Saisons habe ich das Mozart-Konzert allerdings bestimmt 20 Mal gespielt. Ich finde das aber nicht so schlimm. Geiger-Kollegen von mir, die 100 Konzerte im Jahr machen, spielen auch 20 Mal Mendelssohn.

In der Position zu sagen ›Entweder ich spiele Copland, Hindemith oder Penderecki, oder ich komme nicht‹ sind Sie nicht so oft?

Nein, manchmal kommen Anfragen von Orchestern, Intendanten oder Dirigenten, die ich gut kenne: ›Ach, wir haben das letzte Mal Weber gemacht, worauf hättest du Lust?‹ Da kann man dann selbst gestalten. Aber im Symphoniekonzert wollen viele oft Mozart und Weber.

Warum ist das so? Weil man nichts anderes kennt?

Wunderbarerweise trifft man in Deutschland meistens auf Leute, die sich auskennen. Klarinette ist hier kein unbekanntes Instrument, es gab Sabine Meyer, die hier zu Fuß durch das Land gezogen ist und gezeigt hat, dass es sich lohnt, Klarinette zu programmieren. Eine Klarinette vor dem Orchester ist hier normal. Das war zum Beispiel in Amerika oder in Israel ganz anders. In Israel hat vielleicht mal der Solo-Klarinettist des Israel Philharmonic einen Satz aus dem Mozart-Konzert gespielt, aber es gab niemanden, der gesagt hätte: ›Das ist ein Solo-Instrument und ich bin Solist.‹ Als ich aufwuchs, war ›Klarinettist‹ überhaupt kein Beruf für eine solistische Laufbahn. Aber hier in Deutschland war es etabliert, schon als ich herkam. Es gab viele Orchester, die jedes Jahr ein Klarinettenkonzert machen wollten.

Sie haben eben gesagt: ›In den 25 Jahren meiner Karriere‹. Ich habe mal kurz gerechnet … ihren erste Auftritt mit dem Israel Philharmonic Orchestra und Zubin Mehta hatten Sie mit 16. Wann fängt denn für Sie Ihre Karriere an?

Ich glaube, der richtige Karrierestartpunkt war gegen Ende meines Studiums, kurz vor dem ARD-Musikwettbewerb [den Kam 1992 gewann]. Da hatte ich schon eine Agentin in New York, die mir Konzerte vermittelt hat. Da war ich 21. Mit 23 hatte ich dann einen Exklusivvertrag mit Teldec Classics in der Tasche. Alles, was davor war, deutete allenfalls auf die Möglichkeit einer Karriere hin. Aber stimmt, im Sommer werde ich 50, also sind es mehr als 25 Jahre.

Ist 50 für Sie eine bedeutsame Schwelle?

Schon, man macht sich mehr Gedanken zu Fragen wie ›was habe ich geschafft, wie stehe ich da, mache ich das, weil ich es liebe?‹ Das letzte Jahr hat mir zumindest gezeigt, dass sich ein Tag für mich nicht vollkommen anfühlt, wenn ich nicht übe. Auch wenn das Üben teilweise überhaupt keinen Sinn gemacht hat, weil die Konzerte eh abgesagt wurden. Mir ist klar geworden, dass ich Lust habe, Klarinette zu spielen, auch wenn es überhaupt niemanden interessiert. Dass es ein Teil von mir ist, ein Auspuff, den ich brauche, um als Mensch im Gleichgewicht zu bleiben. Mit 50 ist es gut zu wissen, dass man nicht in eine Lebenskrise gerät und sagt: ›Jetzt lasse ich alles hinter mir und mache was Anderes.‹

Warum kam diese Erkenntnis ausgerechnet im Lockdown?

Als Musiker ist man manchmal in so einem Hamsterrad, in dem es gar nicht so einfach ist, herauszufinden: Übe ich, weil ich Lust dazu habe, oder weil ich den Druck empfinde, mein Niveau zu halten, oder weil ein Konzert ansteht, für das ich vorbereitet sein will? Das sind Fragen, die Sie sich im normalen Alltag nicht stellen können, weil es gar keine Möglichkeit gibt, nicht zu üben. Ich kann nicht einfach mal das Experiment machen, einen Monat zu pausieren und zu schauen, ob es dann noch klappt mit dem Spielen. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor diesem Beruf. Aber jetzt hätte ich es einfach machen können. Das letzte Konzert war im November. Ich hätte einfach einen Monat Urlaub machen und dann langsam wieder anfangen können. Aber ich wollte die Pause vom Instrument gar nicht.

Wenn Sie auf die 30 Jahre Ihrer bisherigen Karriere blicken, was hat sich am meisten geändert in dem Umfeld, in dem Sie Musik machen?

Ich glaube, die langfristige Arbeit ist kaputt. Die Lust, Namen über die Klinge springen zu lassen, gab es damals nicht so. Es ist auch schwieriger, bei Agenturen, Labels oder Veranstaltern Leute zu finden, die das Miteinander von Karriere und Familie verstehen. Ich habe es mir in meinem Leben erkämpft, sagen zu können: Ich möchte während der Schulferien meiner Kinder nicht viel arbeiten. Aber eine normale Agentur würde das heute gar nicht mehr mitmachen. Als junger Musiker einfach mal Grenzen zu setzen und zu sagen: ›Ich möchte meine Karriere soundso gestalten‹ – ich weiß nicht, ob das noch möglich ist. Der Druck ist ein anderer. Der kommt auch daher, dass die Veranstalter heute viel leichtfertiger tauschen: ›Ach, wenn die nicht kann, kommt jemand anders‹, statt zu sagen: ›Wenn sie diese Saison nicht kann, holen wir sie nächste.‹ In der Angst, austauschbar zu sein, macht die jüngere Generation viel mehr mit. Es gibt so viele Sachen, die man vermeintlich machen muss, ›sonst wird man nicht berühmt‹. Statt sich auf eine Sache zu konzentrieren, soll man viel mehr gleichzeitig machen, viel mehr Unterschiedliches können, wie ein Überlebenskünstler. Es ist viel schwerer, seiner eigenen Stimme zu folgen und zu sagen: ›Ich werde jetzt das.‹

Sie haben mit 18 Israel verlassen und sind zum Studium an die Juilliard School nach New York gegangen. Welcher Stimme folgten Sie da?

Ich habe mir gesagt: ›Ich gebe mir jetzt vier Jahre Zeit. Entweder bin ich dann Klarinetten-Solistin, oder ich lass es ganz sein.‹ Ich bin eine sehr dickköpfige Person, ich muss meinen Weg gehen und die Leute finden, die mitmachen. Dann bin ich sehr glücklich. Wenn ich das Gefühl habe, ich muss mitfließen, ich muss mitmachen, weil es sonst nicht funktioniert, dann fühle ich mich schnell wahnsinnig unfrei. Als junger Mensch ist das gar nicht so einfach, weil jeder Dirigent, jeder Konzertmeister, jeder Kammermusikpartner oder Kritiker einem ›etwas mitgeben‹ will. Alle wollen einen formen, um dann sagen zu können: ›Das habe ich ihr damals gesagt‹.

Solist:innen erzählen manchmal von der Angst vor einem Karriereloch in den mittleren Jahren, weil man nicht mehr entlang der binären Muster vermarktet werden kann: Man ist nicht mehr ›jung und wild‹ und noch nicht ›alt und weise‹. Kennen Sie diese Sorge?

Nur, wenn ich zu viel in die Scheinwelt der Sozialen Netzwerke reinschaue. Da gibt es manchmal Leute, die viel Krach um sich machen, viele Namen, die man noch nie vorher gehört hat, die plötzlich auftauchen und bei denen man denkt: Kann jetzt jeder berühmt werden? Aber wenn jemand junges es wirklich besser kann, bitteschön. Das hat mit Alter nichts zu tun. Ja, ich habe sehr viel Erfahrung. Aber wenn ich auf die leichte Schulter nehme, wieviel die jungen Leute üben, dann werde ich zurückbleiben. Und das ist gerecht. Es ist nicht so, dass man mich anders behandelt, weil ich älter und erfahren bin. Vielleicht kriege ich mehr Auftrittschancen, aber wenn ich die vermassel, dann bin ich raus, genau wie jeder andere. Das ist jetzt mit 50 nicht anders als mit 20 oder 30. Studenten sagen manchmal zu mir: ›Was, Du übst noch jeden Tag?‹ Ja, nichts bleibt. In dem Moment, in dem man die Karriere nicht fest genug hält, hat man nichts mehr in der Hand. Dann zerfließt sie dir wie Wasser zwischen den Händen.

Die beiden älteren Ihrer drei Kinder wurden geboren, als Sie noch ziemlich am Anfang ihrer Karriere standen. Wie haben Sie das zusammen hinbekommen?

Auf den Fotos von mir nach dem zweiten Kind bin ich grün, einfach grün. Ich war viel krank. Aber man hat darüber nicht nachgedacht, es war das, was zu machen war. Ich wollte Kinder haben und ich wollte Karriere haben, also musste ich da durch. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet, nachts gestillt und tags und nachts geübt. Und wenn man eine Nacht lang gestillt und nicht geschlafen hat, kann man nicht  auf der Bühne stehen wie sonst. Aber das interessierte keinen. Und eigentlich war das auch gut so, zu wissen: Auf der Bühne werde ich wahrgenommen wie jeder andere. Es interessiert keinen, was ich gerade gemacht habe, ob ich zwei kleine Kinder habe und die Nacht durchgestillt habe, wie meine Privatsphäre aussieht. Wenn jemand anders es besser kann, dann ist der dran. Das war eine sehr gute Lehre für mich.

Sie sind in Israel geboren, haben in den USA studiert, wohnen seit langem in Deutschland, haben die doppelte Staatsbürgerschaft und sind auch mit einem Deutschen verheiratet…

In Israel werde ich manchmal gefragt, wo ich herkomme, weil ich schon einen ganz leichten deutschen Akzent in meiner Muttersprache habe.

Ist das hörbar in Ihrer Musik?

Ja, die Artikulation verändert sich mit der Sprache. Ich artikuliere jetzt ganz anders als ein Israeli oder Amerikaner. Deutsch gibt mir ein anderes ›Tah‹, als ich es in Israel gelernt habe.

Es gibt mittlerweile sehr viele klassische Musiker:innen aus Israel, die zum Studium nach Deutschland kommen und auch hier wohnen. Aber als Sie nach Deutschland kamen, war das noch nicht so, oder?

Nein, das hat viel später angefangen. Alle israelischen Musiker sind damals zum Studieren nach Amerika gegangen. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich in Deutschland landen würde. Als ich aufwuchs, war Deutschland tabu, absolut tabu. Wir waren einmal mit einem Jugendorchester hier, wenn ich die Bilder von damals wieder in meinem Kopf aufrufe: Das waren ›die‹ und ›wir‹, da war in meiner Vorstellung überhaupt gar kein Zusammenleben möglich.

Inwiefern beschäftigen Sie heute noch Fragen der Identität und des Zusammenlebens?

Für eine Israeli, die einen Deutschen geheiratet und hier drei Kinder hat, ist das ein großes Thema. Wer bin ich, was möchte ich an meine Kinder weitergeben, wer möchte ich sein, wenn ich hier lebe, was möchte ich verkörpern als ›ewige Ausländerin‹? Egal ob ich jetzt auch einen deutschen Pass habe oder nicht. Es war mir sehr wichtig, dass meine Kinder eine Verbundenheit zu meinem Land haben, dass sie hebräisch sprechen und die Feiertage auch mal in Israel feiern, auch wenn Religion bei mir keine Riesenrolle spielt und wir im Alltag nicht religiös leben. Ich möchte mich nicht so assimilieren, dass ich meine Herkunft verliere. Aber ich komme aus einem Land, in dem aus der Vielfalt sehr viel Wunderbares entstanden ist und  es trotzdem untereinander einen wahnsinnigen Hass gibt. Ich bin aber auch in Amerika aufgewachsen, wo man seine Herkunft eher feiert, wenn man zum Beispiel italienische oder irische Wurzeln hat. So fühle ich mich auch. Man ›assimiliert nichts weg‹, sondern gewinnt dazu. Und das ist schön.

Die Klarinettistin Sharon Kam über Repertoire-Trampelpfade, sich wandelnde Karrieren und jüdisches Leben in Deutschland. In @vanmusik.

Diese Woche wurde das Jubiläumsjahr ›1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland‹ eröffnet. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat gesagt, dass es nicht unbedingt viel Anlass zum Jubilieren gäbe, angesichts des Anschlags in Halle und zunehmenden Antisemitismus. Welche Erfahrungen machen Sie?

Ich muss ehrlich sagen – ich weiß nicht ob es einen Schutzengel über meinem Kopf gibt – aber bösartige Angriffe sind mir bisher noch nie begegnet, weder in Deutschland noch in New York. Definitiv gibt es Antisemitismus aber ich habe ihn selbst nicht erlebt, auch mein Sohn und meine Tochter nicht, die in Berlin und Wien wohnen. Wir haben darüber viel gesprochen. Ich habe nie das Gefühl, dass jemand mit dem Finger auf mich zeigt, weil ich Jüdin bin. Manchmal kommen komische Fragen, oder man hat das Gefühl, die andere Person traut sich nicht, etwas anzusprechen. Aber ich bin ein sehr direkter Mensch, dann sage ich immer: ›Das brauchst du bei mir nicht, reden wir miteinander.‹ Als ich in Deutschland ankam, habe ich mich oft gefragt, ob bestimmte ältere Veranstalter mich einladen, weil sie ›etwas gutmachen‹ wollen. Ich habe damals mit älteren Herren viele sehr offene Gespräche zum Thema geführt und mich auch sehr mit der deutschen Seite der Geschichte beschäftigt. Ich musste für mich einen Platz finden, wie ich damit leben kann, hier zu sein. Aber ein ›die da‹ habe ich hier nie empfunden, sondern mich immer willkommen gefühlt. Und nicht nur die Klassikwelt, sondern auch Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Heute, bei Kind Nummer drei, ist es sehr viel vielfältiger als vor zwanzig Jahren. Und es wird mehr gefeiert. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und London und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der...