45 Stunden Arbeit, 14 Stunden auf der Schiene – darunter geht es nicht, wenn man als Musiker auf Großbritanniens freier Wildbahn überleben will. Seit dreizehn Jahren arbeitet der Deutsche Sebastian Müller als Geigenlehrer und Mucker auf der Insel. Unterwegs mit einem 38jährigen, der zwischen Klassengesellschaft und Brexit kritisch auf beide Seiten des Kanals guckt.

Freitagnachmittag in Manchester. Leo denkt über die kniffligen Oktaven in Paganinis Caprice Nr. 17 nach, Sechzehntel, je zwei gebunden. Sauschwer, das sauber hinzukriegen. Er ist achtzehn und sieht aus wie vierzehn, schmächtig und blass. »Don´t play timid, spiel nicht schüchtern, du hast so viel Kraft!« Sein Lehrer Sebastian Müller sitzt auf einem Stuhl in der Ecke, die Geige im Schoß, wellige blonde Haare bis zum offenen Kragen seines weißen Hemds, schwarzes Jackett, Bluejeans. Mit acht Jahren wurde Leo, Sohn russischer Musiker, in Chetham aufgenommen, dem berühmten Musikinternat, einer von etwa dreihundert Schülern. Vor drei Jahren wurde der Deutsche sein Lehrer, dann auch sein Seelsorger – der Junge verlor unter dramatischen Umständen seine Mutter. »Er hat danach wie verrückt geübt«, sagt Sebastian später, »nur noch.«

