Gerade ziehen sich die Weltuntergangswolken wieder finster zusammen, es fehlen einem ja bald die Worte, und ab jetzt schaut höchstens noch der Geist von Habermas aus leerem Himmel auf all den irdischen Unsinn, mutmaßlich kopfschüttelnd. Da kommt eine gute Nachricht in der F.A.Z. gerade recht. »Neuste Erkenntnisse belegen: Wir können den gesundheitsfördernden Wert von Schönheit messen«, berichtet da der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli. Danach reagiert insbesondere unser medialer orbitofrontaler Kortex auf die Wahrnehmung von was auch immer als »schön« empfunden wird stressmindernd und also gesund. Bildgebende Verfahren beweisen das jetzt. Damit, so Forscher Adli, »verlässt Schönheit das Reich des Dekorativen – und wird zur Ressource«. Damit endlich nicht mehr Ornament, nice to have, kulturelle Zutat, sondern ein messbar wirksames Gegenmittel gegen die Miseren der Moderne, angeführt werden etwa Klimakrise, soziale Spaltung und Wohnungsnot. Schönheit stützt also psychische Stabilität, die wir fraglos nötig haben, um es in einer zu großen Teilen sehr hässlichen Welt auszuhalten, sie ist ein »Faktor öffentlicher Gesundheit«.
Nun ist es immer beruhigend, wenn die bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften einem zeigen und messen können, was eine, einer irgendwie ja doch schon weiß, und wem die Erfahrung von Schönheit – gehört, gesehen, gefühlt – nicht ganz und gar fremd und fern ist, wird dem Beitrag mit einem flüchtigen »sowieso« wohl zustimmen. Dass das Schöne im Auge des Betrachtenden liegt, weiß auch der Text, beziehungsweise schiebt das nicht unspannende Thema, was denn das Schöne sei, beherzt an den Spielfeldrand. Um die Frage nach womöglich universellen Voraussetzungen für die gesundheitsfördernde Wahrnehmung – Ebenmaß, Proportion, Glattheit, goldener Schnitt – macht der Text einen Bogen, es geht vor allem um Landschaften (am liebsten halb offene Parks) und Städte (soziale Orte im Sinne einer »Neurourbanistik«). Und die Musik? Aus der Perspektive von Hörerinnen und Hörern der sogenannten ›Klassik‹ läge da allerhand Diskussionsstoff auf der Hand: Bachs Air würde wohl von Mehrheiten als schön empfunden, mit signifikant erhöhter Neurokortex-Aktivität. Was aber ist mit Beethovens Großer Fuge op.133?
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wissen wir, dass zur Kunst, wenn sie sich zur Welt ins Verhältnis setzt, auch das Nicht-Schöne, ja Hässliche gehört, nicht nur unendliche Wellness im Neokortex, sondern auch der Schmerz an der Grenze. Wo kommt das Schöne in Konflikt mit dem Wahren, oder helfen uns beide Kategorien längst nicht mehr? In den Jubel darüber, dass endlich sichtbar wurde, was bislang nur eine Ahnung war, die wohltätigen Wirkungen ästhetischer Erfahrung, mischen sich reichlich Fragezeichen, vor allem dieses: Ob »das Schöne« im Sinne der bildgebenden Hirnforschung nicht genau auf Manifestationen jenes vage zustimmungsfähige decorum zielt, von dem sich die Forschenden mit ihren pseudoexakten Messungen »endlich« lossprechen wollen, nämlich die nette kulturelle Zutat.
Dafür spricht, dass die Bildredaktion der ›F.A.Z.‹ den Artikel (7. März 2026) ziemlich treffsicher mit einem Foto der Venus von Milo im Louvre illustriert. Also einer Referenz an die Schönheit antiker Vorbildlichkeit.
Das Foto (das wir leider nicht einbetten können, das aber in diesem Linkedin-Post zu sehen ist) enthält aber noch eine faszinierendere Pointe. Es zeigt die Venus von hinten, aber eine ganze Schulklasse, vielleicht 11/12-jährige, erkennbar an roten Käppis, von vorn, wie sie aus ihrem Untersichts-Winkel (die Venus steht ja auf einem Sockel) zu dieser 4.000 Jahre alten Bildgebung göttlicher Marmor-Schönheit aufschauen. Sie tun es, ausnahmslos, interessiert, fokussiert, auf ihre Art: selbst schön. Wie ein Reflex von Schönheit, in diesem Moment. Nur ein einziger der Rotkappenträger schaut nicht hin, sondern zum Fotografen, und der ist deutlich älter. Und hinter der Kindergruppe sieht man das Gewühl der normalerwachsenen Louvrebesucher, ein paar haben Kameras vor der Nase, ansonsten schaut – niemand.
So illustriert das Bild, im generationellen Nebeneinander von Achtlosigkeit und Aufmerksamkeit, die allesentscheidende Voraussetzung für jedes bunte, stressreduzierende Anregungsgeschehen in der Großhirnrinde: An der Schönheit, wenn sie einem begegnet, nicht vorbeizusehen. ¶

