Das Bachfest Leipzig hält an der Einladung von John Eliot Gardiner zum kommenden Bachfest fest. Das beschlossen der Vorstand des Bach-Archivs und der Intendant des Bachfests gemeinsam mit dem Stiftungsrat auf einer Sitzung am 27. August, wie VAN erfuhr. Der englische Dirigent ist mit seinem Ensemble Constellation Orchestra & Choir für das Abschlusskonzert im Juni 2027 mit einer Aufführung von Bachs h-Moll-Messe eingeplant. Die entsprechenden Stellungnahmen des Bachfests und des Leipziger Oberbürgermeisters und Stiftungsratsvorsitzenden Burkhard Jung wurden heute intern verschickt und liegen VAN exklusiv vor. Wir veröffentlichen sie weiter unten im Wortlaut.

Der Entscheidung vorausgegangen waren Forderungen nach einer Ausladung Gardiners als Konsequenz aus einem Vorfall beim diesjährigen Bachfest. Dort hatte sich der 83-jährige Dirigent beim Schlussapplaus nach einem Konzert in der Leipziger Thomaskirche gegenüber einer Mitarbeiterin des Bachfests bei der Übergabe einer Dankesurkunde grenzüberschreitend verhalten. Ein Video des Vorfalls liegt VAN vor. Die betroffene Mitarbeiterin hatte daraufhin gegen Gardiner Strafanzeige unter dem Tatvorwurf der sexuellen Belästigung gestellt. Der Fall wird derzeit von der Staatsanwaltschaft Leipzig geprüft. Der Dirigent weist den Vorwurf der sexuellen Belästigung kategorisch zurück und erklärt sein Verhalten damit, dass er von der Situation überrascht worden sei und diese missverstanden habe. Bei der Mitarbeiterin hatte er sich bereits kurz nach dem Konzert entschuldigt.

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Verschiedene Seiten hatten nach dem Vorfall eine Ausladung Gardiners gefordert, darunter der ehemalige Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff. Das Festival hatte bereits wenige Tage nach dem Vorfall das Vorgehen des Dirigenten in einer öffentlichen Stellungnahme als »grenzüberschreitendes Fehlverhalten« verurteilt und angekündigt, über die bereits ausgesprochene Einladung Gardiners zum Bachfest 2027 neu entscheiden zu wollen. Gleichzeitig hatte es angekündigt, im Rahmen der Aufarbeitung des Falls interne Abläufe zu analysieren und die Ergebnisse in die Erarbeitung eines Schutzkonzepts einfließen zu lassen. Zur Einordnung und Bewertung des Falls: https://van-magazin.de/mag/gardiner-bachfest-2027/

Auch andere Veranstalter beschäftigen sich aktuell mit der Frage einer Ein- oder Ausladung des englischen Dirigenten. Beim Musikfest Bremen übernahm letzte Woche anstelle Gardiners sein Assistent Finan Jones die Leitung des Konzerts des Constellation Choir & Orchestra. Die Konzertreihe Soli Deo Gloria in Wolfsburg, wo Gardiner und sein Ensemble im Anschluss an das Bachfest im Juni 2027 mit der h-Moll-Messe gastieren sollen, hat den Vorverkauf für das Konzert verschoben. Beim Festival Erasmus klingt! in Basel wird Gardiner wie geplant am 6. September das Eröffnungskonzert dirigieren. Man werde die vertraglichen Verpflichtungen einhalten, teilt die Hochrhein Musikfestival AG als Veranstalterin des Festivals mit. Gleichzeitig verpflichte man sich, »allen an unserem Festival Beteiligten ein sicheres, respektvolles und professionelles Arbeitsumfeld zu bieten«.

Bereits vor drei Jahren war Gardiner wegen übergriffigen Verhaltens in die Kritik geraten: Im August 2023 hatte er nach einer Aufführung von Berlioz’ Les Troyens in La Côte-Saint-André den damals 29-jährigen Sänger William Thomas Berichten zufolge hinter der Bühne geohrfeigt, nachdem dieser auf der falschen Seite des Podiums abgegangen war. In der Folge zog sich der heute 83-Jährige für ein Jahr aus dem Konzertgeschäft zurück und erklärte, sich fachliche Hilfe suchen zu wollen. Nach seiner Rückkehr sprach er in einem Interview mit der ›Süddeutschen Zeitung‹ davon, dass er sich einer kognitiven Verhaltenstherapie unterzogen habe, »um zu verstehen, warum ich die Kontrolle verloren habe. Und sicherzugehen, dass so etwas nie wieder geschieht …« In der spanischen Zeitung ›El País‹ erklärte er, durch die Therapie »ein anderer Mensch« geworden zu sein. ¶


Statement des Bach-Archivs Leipzig zum Abschlusskonzert im Bachfest 2027

»Der Vorstand des Bach-Archivs Leipzig und der Intendant des Bachfestes Leipzig haben mit Kenntnisnahme des Stiftungsrates der Stiftung Bach-Archiv Leipzig beschlossen, an dem für das Bachfest Leipzig 2027 geplanten Abschlusskonzert mit Sir John Eliot Gardiner und The Constellation Orchestra & Choir festzuhalten:

Diese Entscheidung haben wir nach umfänglicher Abwägung getroffen: Dass eine Mitarbeiterin bei unserem Festival grenzüberschreitendes Verhalten eines Künstlers erleben musste, hat uns und viele andere Menschen aufgewühlt und verpflichtet uns, unsere eigenen Strukturen und Abläufe kritisch zu überprüfen. Der betroffenen Kollegin haben wir nach dem Vorfall Unterstützung und Hilfe angeboten. Für die Bewertung des Geschehens haben wir uns bewusst nicht auf eine einzelne Perspektive beschränkt, sondern unabhängige Expertise aus unterschiedlichen Fachgebieten eingeholt. Ein strafrechtliches Gutachten kommt nach Prüfung des vorliegenden Videomaterials zu dem Ergebnis, dass keine Strafbarkeit erkennbar ist. Eine arbeitsrechtliche Prüfung sieht kein schuldhaftes Verhalten des Bachfestes gegenüber der Mitarbeiterin. Eine psychologische Expertise wiederum bestätigt, dass die Situation von der betroffenen Kollegin sehr wohl als Grenzverletzung erlebt werden konnte und dieses Erleben ernst zu nehmen ist. Diese unterschiedlichen Befunde stehen für uns nicht im Widerspruch zueinander. Sie zeigen vielmehr, dass sich die Verantwortung einer Kulturinstitution nicht in der Frage erschöpft, ob ein Verhalten strafbar war oder ob rechtliche Pflichten verletzt wurden. Wir haben auch die Verantwortung, die Perspektive unserer Mitarbeitenden ernst zu nehmen, Schutz zu gewährleisten und aus Konflikten Konsequenzen für unsere eigenen Strukturen zu ziehen.

Wir tragen die Verantwortung, einen solchen Vorgang sorgfältig und auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen zu beurteilen. Die strafrechtliche Klärung ist noch nicht abgeschlossen. Sir John Eliot Gardiner hat sich unmittelbar nach dem Vorfall um eine persönliche Klärung bemüht und persönlich und schriftlich um Entschuldigung gebeten. Zugleich erreichten uns seitens unseres Publikums, der musizierenden Ensembles, unserer Förderer und Sponsorinnen und – nicht zuletzt – unseres Teams zahlreiche Zuschriften, die leidenschaftlich Gardiners Auftritt oder eben dessen Absage forderten. Für viele der vorgetragenen Standpunkte – mögen sie auch noch so unvereinbar scheinen – haben wir Verständnis und haben diese in unsere Erwägungen einbezogen.

In der Gesamtabwägung sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass der Vorfall eine Absage des seit mehreren Jahren geplanten Konzerts zum jetzigen Zeitpunkt nicht rechtfertigt. Über das Jahr 2027 hinaus werden zunächst keine neuen künstlerischen Projekte mit Sir John Eliot Gardiner vereinbart. Sollte es zu einer neuen Bewertung auf Basis der Arbeit der Justizbehörden kommen, werden wir auch die Entscheidung über das Abschlusskonzert 2027 erneut prüfen.

Für uns ist ebenso wichtig: Das Bachfest zieht Konsequenzen, die über diesen konkreten Fall hinausgehen. Wir erarbeiten derzeit einen verbindlichen Verhaltenskodex für Künstlerinnen und Künstler, Mitarbeitende und weitere Mitwirkende und werden ein festivalweites Awareness-Konzept mit klaren Ansprechstellen und Meldewegen entwickeln. Auch unsere internen Abläufe in der Künstlerbetreuung und Applausordnung werden überprüft und verbindlicher geregelt. Ein Festival trägt Verantwortung für die Kunst, die es ermöglicht – und für die Menschen, die diese Kunst möglich machen – auf und hinter der Bühne. Beidem wollen wir mit dieser Entscheidung gerecht werden.«


Statement von Burkhard Jung, Oberbürgermeister von Leipzig und Stiftungsratsvorsitzender des Bach-Archivs

»Als Vorsitzender des Stiftungsrates des Bach-Archivs begrüße ich die aus meiner Sicht sorgfältig abgewogene Entscheidung des Vorstands des Bach-Archivs und der Intendanz des Bachfestes, Sir John Eliot Gardiner auch im nächsten Jahr zum Bachfest als Dirigent einzuladen. Die Maßnahmen zum Schutz aller am Bachfest beteiligten Mitarbeitenden, Künstler und Gäste, die das Bach-Archiv als Resultat auf den Vorfall bereits ergriffen hat und noch ergreifen wird, sind sehr klar. Ich halte es für vertretbar und richtig, Sir John Eliot Gardiner in der aktuellen Lage die Chance zu geben, das bereits verbindlich geplante Konzert von The Constellation Orchestra & Choir im Bachfest 2027 zu dirigieren. Natürlich setzt dies voraus, dass die strafrechtliche Aufarbeitung des Vorfalls zu keiner Verurteilung führt und Gardiner weiterhin uneingeschränkt zu seiner unmittelbar erfolgten Entschuldigung für sein grenzüberschreitendes Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin des Bachfestes steht.«