Stefan Siegert entdeckt Sándor Falvai.

Text S · Titelbild Eugène Delacroix (Public Domain) · Datum 7.8.2019

Klassische Musik, eine Marginalie der Kulturindustrie. Bei näherem Hinsehen: Klavierspieler bis zum Horizont. 80 Millionen allein im roten Reich der Mitte. Die wenigsten werden berühmt, selten die Besten. Vorbei die Zeiten, da der Markt in Pianisten wie Horowitz, Michelangeli oder Gould von Zeit zu Zeit eine neue Goldsau durch’s Dorf trieb. Die Dörfer wurden Megastädte, die Dorfstraßen sechsspurige Autobahnen. Alle paar Jahre Gender-übergreifend ein neuer Lang-Lang, alle sechs Monate ein neuer Geheimtipp. Der ungarische Pianist Sándor Falvai, musikalisch herangewachsen im sozialistischen Ungarn, war dem Direktzugriff der Rendite-Kultur lange entzogen. Er konnte altmodisch unmythologisch einer der großen Unbekannten des Katalogs werden.

Ich verdanke den Tipp einem Menschen namens Eckart Rahn, wohnhaft in Connecticut, USA, Eigentümer und Produzent des Nischenlabels Celestial Harmonies in Tuxedo, Arizona. Seine Eltern in Marburg waren zu arm für gute Musik. Als er mit fünfzehn an einem kleinen Plattenladen (so etwas gab es Ende der 1950er Jahren reichlich) vorüberging, hörte er durch die offene Tür Sonny Rollins; er kehrte ein und wurde Jazzjunkie, später Musikverleger. Geprägt von 1968 und den alternativen 1980er Jahren, liebt er das Abseitige, »Gamelan, tibetische Mönche, und dergleichen«, schrieb er mir. Klassische Musik? Er mag keine »Standard-Klassik«.

Sándor Falvai, einen Meister standardferner Klassik, hatte er erstmals 1978 in New York gehört. Er suchte Kontakt. Zoltán Kocsis, Dirigent der für Rahn einzig greifbaren Falvai-CD mit Brahms’ 1. Klavierkonzert auf dem volkseigenen Label Hungaroton, brachte sie zusammen. Man fasste eine Neuaufnahme ins Auge. Glücklicherweise hatte Falvai auch den Wunsch, Schumanns Fantasie und Liszts h-moll Sonate einzuspielen, Musik, die Rahn zusammen mit Cecil Taylor, einer der von ihm produzierten Größen des Jazzpiano, in einer langen Winternacht in Connecticut näher kennengelernt hatte. 2015 nahm Falvai sie auf. Das Brahms-Konzert, hart an den Grenzen der Finanzkraft Rahns, kam 2016 in Budapest dran.

Brahms und Liszt. Genossen derselben Epoche eines auch kulturell erstarkenden, in seinen besten Teilen kritischen Bürgertums; durch die immer größer klaffende Lücke zwischen seinen Idealen und der kapitalistischen  Wirklichkeit gespalten. Da waren, mit Brahms als Anführer, die an strengen – von Beethoven allerdings bereits mundgerecht zerlegten – Ordnungsregeln orientierten Erben der Wiener Klassik. Andererseits die Romantiker, die »neudeutschen« um Richard Wagner und Franz Liszt. Sie fühlten sich von Schumann ermuntert, die Tradition mittels zuletzt avantgardistischer Formen aufzulösen. »Zukunftsmusiker« war Liszt mehr als sein zwei Jahre jüngerer Schwiegersohn, die Zukunft in Gestalt Arnold Schönbergs berief sich auf Brahms.

Schumann widmete Liszt seine C-Dur-Fantasie. Der revanchierte sich mit der Widmung der Sonate in h-moll. Frau Schumann war entsetzt. Für etwas, das sie »grauenhaft« fand, sollte sie sich auch noch bedanken! Ein gewagtes Werk. Liszt nimmt sich darin harmonische Freiheiten, viel weitgehender als Wagner im angeblichen Avantgardebeginn Tristan-Akkord. Die Tür zur Moderne bei Liszt knarrt vernehmlich. Aber nicht wie bei Beethoven als letzte Konsequenz absoluter Formbeherrschung, sondern als Demonstration eines ins gigantische gewachsenen Selbstbewusstseins bürgerlicher Entfaltungsmöglichkeiten nun auch in der Produktion Identität stiftender Musik.

Clara Schumann hätte sich das Werk nicht, wie geschehen, von Brahms vorspielen lassen sollen. Aber Sándor Falvai lebte noch nicht. Vielleicht braucht man den historischen Abstand, um es zu spielen, wie er es tut. Die Sätze gehen ineinander über – so bruchlos folgerichtig, dass man von einer Sonate in einem Satz, von einer »Binnensonate« gesprochen hat; die vier Sätze entsprächen den Abschnitten des Sonatenhauptsatzes. Eine behelfsmäßige, eine enge Beschreibung. Denn in Liszts Sonate verflüchtigt sich die Tradition in einer Weise, zu deren Verdeutlichung mir nur die bildende Kunst derselben Zeit einfällt, der Bruch in der Malerei  etwa zwischen Ingres und Delacroix. Wer den fulminant in Szene gesetzten Bildern Delacroix’, wie Clara Schumann Liszt, Formlosigkeit unterstellte, irrte gewaltig. Nur hat sich bei Delacroix und Liszt das durch Kunst zu Bändigende kraftvoll ermächtigt. Es tritt in einer ihm gemäßen, neuen Form in den Vordergrund – und wird weniger übersichtlich, schwerer erkennbar.

Auf einer 2019 von Eckart Rahns Label Celestial Harmonies veröffentlichten Jazz & Lyrik-CD spricht der Schauspieler Hans Dieter Wahl Rilkes nicht eben leicht zugängliche Duineser Elegien in einer Weise, die zunächst manieriert-altmodisch wirkt; aber dann erschließen sich in ihr Rilkes komprimiert poetische Bilder und Sentenzen wie durch ein Wunder wie von selbst. So Falvai mit der h-moll Sonate. Der Schauspieler Wahl nimmt Rilkes Sprache ihr latent Depressives, das nihilistische Pathos, so vorsichtig wie umsichtig ertastet er das Unsagbare. Der Pianist macht dasselbe mit Liszt. Er nimmt dessen vom Biedermeier ausgehende Entdeckungen ihr latent Exhibitionistisches. Kein neutönerisches Spreizen bei Falvai, kein kraftmeierisches Übergrößern. Einfach nur das Schwerste: Plausibilität. Hinweg über die unerwarteten Metamorphosen dieses über weite Strecken mehr wie eine Fantasie denn wie eine Sonate funktionierenden Werks, erschließt Falvai dessen organische, von den durchs ganze Werk gehenden Themen gewährleistete Zusammenhänge.

»Einfach nur das Schwerste: Plausibilität.« Stefan Siegert entdeckt Sándor Falvai in @vanmusik.

Es beginnt mit einem Punkt, dem Ausgangspunkt aller Musik, einem pedallos trockenen Einzelton, es endet mit ihm. Die finster raffinierte Chromatik am Anfang bei Falvai lakonisch statt bedeutelnd, die Hammerschläge mehr messerscharf als laut. Musik wie gemacht für den modernen Konzertflügel. Der Klavierklang scheint sich mit der Emanzipation der Form bei Liszt zu wandeln: Weg von biedermeierlicher Rundung, hin in die Kältezonen moderner Bezogenheit auf die Musik selbst. Statt Zirzensik – uneitle Arbeit. Für den geübten Feuilletonleser eine Umschreibung fürs Fehlen des Kitzels. Aber Falvais Leidenschaft hat nichts vom Event, kein Parforceritt nirgends. Das Glück dieser Erde liegt bei ihm auf dem Rücken aufregender Einsichten. Falvai lässt in Liszts einziger Sonate hören, wie am Beginn des bürgerlichen Jahrhunderts ­– siehe Wolfgang Goethe, William Turner, Karl Marx – Wege gebahnt werden vom Vormärz bis in die Gegenwart. Große Musik. Große Reproduktion von Musik. Punkt. ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.