Über Musiker*innen aus Familien, in denen Klassik keine Rolle spielt.

Text · Illustrationen © GREGG MINER (FAIR USE) · Datum 7.8.2019

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Das Wiedererkennen ist ein elementares neuronales Vergnügen. Die ersten fünf Töne des Parsifal sind spannend, wenn wir den sechsten, ein qualvolles As erwarten. Ähnliches gilt für Namen wie Bejun Mehta, Ken-David Masur, Kristjan Järvi, Michael Barenboim. Auf Alben und Konzertplakaten klingen die Namen wie transzendente Konzerte. Sie strahlen Prestige, Kompetenz, Vertrautheit, Nähe zur Größe aus. »Und er redet gerne über seinen Vater«, schrieb eine PR-Agentin in einer E-Mail, und bot ein Interview mit Michael Barenboim an.

Es gibt logischerweise nicht besonders viele klassische Musiker*innen, die Namen von Eltern mit Weltstar-Status vererbt bekommen. Viel verbreiteter ist das Phänomen der Klassik-Dynastien: Generation um Generation spielen sie fast ganz oben mit. Für alle, die aus einem anderen Background kommen, wirken die Netzwerke in der Klassikwelt oft surreal, fast als wäre man versehentlich in eine Art Geheimgesellschaft gestolpert. Zu Leonard Bernsteins 100. Geburtstag schrieb der Komponist Gabriel Kahane, Sohn des Pianisten und Dirigenten Jeffrey Kahane, auf Twitter, er werde Bernstein immer als den Mann im Gedächtnis behalten, der im roten Slip um den Vater herum die Hora tanzte, mit einem Scotch in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand, das Hauptthema des Finales des Klavierquintetts von Brahms singend. Für alle Außenstehenden war Bernstein unerreichbar. Für die, die zum inneren Kreis gehörten, war er nur ein besonders exzentrischer Freund.

Beim zweiten Hinsehen stellt man fest: Viele, die sich in der Klassikwelt tummeln, wurden schon in sie hineingeboren. Um nur ein paar zu nennen: Der Vater des Komponisten John Corigliano war Konzertmeister des New York Philharmonic und ein Freund Samuel Barbers. Der Vater von Andreas Ottensamer, dem Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker, war selbst Soloklarinettist bei den Wiener Philharmonikern (ein Posten, den nun Ottensamers Bruder übernommen hat). Die Eltern der Cellistin Alisa Weilerstein und des Komponisten Joshua Weilerstein spielen zusammen im Weilerstein Trio, dem Ensemble in Residence am New England Conservatory of Music. Nadia Sirota, Geigerin und Gastgeberin von Meet the Composer, ist die Tochter von Robert Sirota, einem Komponisten und Dirigenten. Matthias Schulz, der Intendant der Berliner Staatsoper, erklärte letztens im Tagesspiegel-Interview, dass er es für wichtig halte, dass alle seine fünf Kinder täglich ihr Instrument spielen, »bis das Musizieren so selbstverständlich wird wie Zähneputzen.«

Die Geschichten, wie Menschen ohne Klassik-Sozialisation zu dieser Musik finden, sind ganz unterschiedlich. Sie haben jedoch gemein, dass ihre ersten Schritte wacklig und unbeholfen sind, eher der ersten Fahrt auf einem Einrad ähnlich als dem Zähneputzen.

Auch wenn die Eltern keine Profimusiker*innen sind, kann man umgeben von klassischer Musik aufwachsen. »Meine Eltern waren zwar keine Berufsmusiker, haben aber ein Hobby-Streichquartett gehabt«, erzählt der Komponist Jörg Widmann in einem Interview. Aber egal ob Profi oder begeisterte Laien: Wo klassische Musik im Alltag eine Rolle spielt, lernen Kinder früh Instrumente. Das erlaubt ihnen, einen natürlicheren, spielerischen Zugang zum Instrument zu entwickeln, so wie Kinder in bilingualen Familien ganz selbstverständlich Sprachen lernen. »Es gab Zuhause keinen Druck als ich jung war. Es war alles ein Spiel«, erinnert sich Countertenor Bejun Mehta in VAN. »Dann habe ich als Sängerknabe angefangen zu singen und einige Platten gemacht als Solist, aber das war immer noch alles ein Spiel.«

Wenn Kinder mit anderen Backgrounds beginnen, sich für klassische Musik zu interessieren, begegnen die Familien dem oft erstmal mit Verwunderung. Maria Kallionpää, Komponistin, Pianistin und VAN-Autorin, wuchs in einer kleinen Stadt namens Ulvila im Süden Finnlands auf. Dort sah sie eines Tages im Fernsehen ein Orchester und erklärte ihrer Mutter daraufhin, dass sie Geige spielen lernen wollte. »Es wird bei dir aber anders klingen«, war die Reaktion der Mutter. Der in London lebende Komponist Darragh Kelly wurde in Irland geboren, als Sohn eines Metzgers und einer Sekretärin. Weil er als Kind keinen Musikunterricht bekam, versuchte er als Erwachsener, sich das Klavierspielen selbst beizubringen. So wurschtelte er sich durch Elgars Nimrod-Variationen, und gewöhnte sich falsche Töne und Rhythmen an, weil niemand da war, um ihn zu korrigieren. Weil er erst so spät mit dem Musikmachen anfing, hat er noch heute Schwierigkeiten, sich komplexe, mehrschichtige Musik vorzustellen, erzählt er mir.  

Für klassische Musiker*innen der ersten Generation sind sowohl unser Ausbildungssystem mit privatem Unterricht und Jungstudium als auch Karrierechancen, -wege und -möglichkeiten oft schwer zu durchschauen. Die Wahl der Lehrkraft spielt eine essentielle Rolle: Wenn von Beginn an eine gute Haltung, Übestrategien und Spaß am Repertoire vermittelt werden, profitiert man noch Jahrzehnte später davon. Stimmt hier etwas nicht, steht einem das einmal Erlernte aber genauso lange im Weg. Kallionpääs erste Klavierlehrerin, eine Hausfrau, die alle Kinder der Nachbarschaft unterrichtete, vernachlässigte es, mit ihr an ihrer Technik zu arbeiten, was Kallionpää als Teenager mühsam und schmerzhaft korrigieren musste. Auch Richard Baker, ein Komponist, der in Staffordshire aufwuchs und heute in London lebt, hatte in jungen Jahren keinerlei Unterstützung bei der Wahl einer Lehrkraft. »Aus meinem Umfeld hatte niemand auch nur die geringste Ahnung von klassischer Musik«, erzählt er. »Meine Eltern hatten einfach allen Musikerinnen und Musikern gegenüber wahnsinnig großen Respekt.«

Um klassische Musik spielen und verstehen zu können, muss man eine Vielzahl von Ausbildungsschritten durchlaufen. Viele von ihnen wirken von außen gleichermaßen notwendig wie exklusiv, letzteres nicht nur mit Blick auf die Kosten.

Diljeet Bhachu, eine Flötistin aus Glasgow, wusste vor ihrem Studium nichts über Jungstudium oder Jugendorchester. Bei der ersten Probe des Uni-Orchesters war sie überrascht, wie viele sich dort schon aus früheren Orchesterprojekten kannten. Conrad Winslow, ein aus Homer in Alaska stammender Komponist, der heute in Berlin lebt, fuhr mit 16 zum Brevard Music Festival, nachdem sein Klavierlehrer eine stadtweite Fundraising-Kampagne gestartet hatte, um seine Unterrichtkosten zu decken. Für ihn war das wie ein Weckruf: »Mit klassischer Musik spielt man nicht. Du musst dich ihr wirklich ganz widmen, wie ein Mönch.« Auch wenn klassische Musiker*innen in der ersten Generation es schaffen, das Gewirr von Meisterkursen, Nachwuchsensembles, Jungstudium und Musikhochschulen halbwegs zu durchschauen, begegnet ihnen ihr Umfeld oft mit Unverständnis. Als Maria Kallionpää in der Schule verkündete, dass sie vorhabe, an der Sibelius-Akademie in Helsinki zu studieren, rief ihr Lehrer ihre Eltern an um zu fragen, ob das ein Witz sei.

Wenn die Weichen einmal erfolgreich in Richtung Musikhochschulstudium gestellt sind, sehen sich Musiker*innen der ersten Generation mit einer Vielzahl neuer Herausforderungen konfrontiert. Gehörbildung, das Identifizieren und Notieren von Intervallen, Harmonien und Melodien meistern Sprösslinge aus Musik-Haushalten oft durch Osmose. Der Countertenor, Cembalist und Opernregisseur Alex Piasente wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Ein dort ansässiger Opernchor und sein Interesse an Barockmusik sorgten bei ihm für eine gewisse musiktheoretische Grundbildung. Sein Studium an der Musikhochschule in Stuttgart durfte er aber nur unter der Bedingung aufnehmen, dass er nach dem ersten Jahr die Zulassungsprüfung in Gehörbildung wiederholt – mit besseren Ergebnissen. »Meine erste Zeit an der Hochschule war schrecklich, ich habe so viel geweint«, erinnert er sich. »Ich dachte, ich schaffe es nie.« Er vertraute sich den anderen Studierenden an, die aber nicht nachvollziehen konnten, warum Aufgaben, die ihnen so leichtfielen, ihm solche Probleme bereiteten. Auch andere Nebenfächer können ähnlich überfordernd sein. Alicia Maloney, eine Oboistin aus Washington D.C., hatte vor allem mit dem Klavierunterricht zu kämpfen – als sie sich zum ersten Mal selbst an ein Klavier setzte, war sie schon 18 Jahre alt.  

Ist das Studium erfolgreich abgeschlossen, zählt für den Erfolg der Karriere vor allem das Netzwerk. Dem Nachwuchs aus Musiker*innen-Familien ist das bereits in die Wiege gelegt. So steht in Michael Barenboims Biografie: »Insbesondere arbeitete Barenboim viele Jahre mit Pierre Boulez zusammen, dessen Werke er regelmäßig in Solo-Konzerten und mit dem Boulez Ensemble präsentiert.« Mit diesem Prädikat können sich nur sehr wenige Musiker*innen schmücken. Um sich erfolgreich im Klassik-Kosmos bewegen zu können, braucht es eine »implizite Kenntnis der Systeme«, wie es Diljeet Bhachu ausdrückt. »Es spricht Bände, dass ich nicht im typischen Klassik-Umfeld arbeite«, erzählt sie mir. Stattdessen kooperiert sie mit experimentellen Künstler*innen im Bereich Performance und Improvisation. »Symphonieorchester haben eine ganz eigene Kultur«, so Conrad Winslow. »Man muss ihre Sprache beherrschen, um sich in ihnen zurechtzufinden.« Ohne entsprechende Sozialisation in der Klassikwelt Fuß fassen zu wollen könne sich anfühlen wie der Versuch, als queere Person in einer neuen Stadt neue Bezugspersonen als eine Art Wahl-Familie zu finden, sagt er. »Du musst deinen eigenen Kompass finden, immer wieder über deinen Schatten springen, in Kauf nehmen, auch mal als Trottel dazustehen.«

Der angebliche Elitismus der klassischen Musik ist ein oft bemühtes Klischee, aber Praktizierende aus musikalischen Familien müssen nie daran zweifeln, dass die Musik zu ihnen gehört. Klassische Musiker*innen der ersten Generation müssen sich dieses Gefühl angesichts oft ruppiger Kommentare von routiniertem Klassikpublikum, der herablassenden Haltung von erfahreneren Kolleg*innen oder Lehrer*innen und der Gleichgültigkeit der eigenen Familie erst mühsam erarbeiten. Der Londoner Cellist Matthew Forbes erzählt mir, dass sein Musiklehrer aus der Schule ihm am Tag der Zusage der Royal Academy of Music verächtlich mit den Worten gratulierte, er habe damit gerade mal bewiesen, dass seine Wirbelsäule voll funktionstüchtig sei, um aufrecht auf einem Stuhl zu sitzen. Mit seinem Spiel könne es nichts zu tun habe. »Das schmerzt noch immer. Ein Teil von mir glaubt ihm das noch heute.« Bhachu erinnert sich an einen Dirigenten der Hochschule, der meinte, das Stück, das sie spielen, würden ja alle kennen, weil es auf Classic FM rauf und runter laufe. Sie kannte noch nicht einmal den Sender, von dem Stück ganz zu schweigen. Als Richard Baker als Einspringer für Ilan Volkov seinen ersten großen Job als Dirigent bekam, gratulierte ihm seine Familie höflich. Zu dem Konzert kam jedoch keiner seiner Verwandten.

Klassische Musiker*innen der ersten Generation sehen sich oft nicht nur mit musikalischen Herausforderungen konfrontiert. Finnlands Kulturleben findet konzentriert in Helsinki satt. Studierende von außerhalb müssen sich – unabhängig von der Fachrichtung – hier erstmal zurechtfinden, so Maria Kallionpää. Immerhin konnte sie sich mit einem Vater, der vor seinem Renteneintritt als Zahnarzt mit eigener Praxis gearbeitet hatte, auf die finanzielle Sicherheit ihres Bilderungsbürger*innen-Backgrounds verlassen. Für Musiker*innen aus Arbeiter*innenfamilien ist der Weg noch steiniger. »Wenn du aus einer Musik-Familie kommst, ist von Anfang an klar und akzeptiert, dass deine musikalische Ausbildung einiges kosten wird«, so Alicia Maloney. Sie musste sich neben dem Oboenstudium zur Lehrerin ausbilden lassen, um im Zweifel selbst für ihre finanzielle Sicherheit sorgen zu können. Als Alex Piasente, dessen Mutter, wie die Maloneys, alleinerziehend war, für seinen Gesangsmaster an das Royal College of Music in London ging, traf er auf Kommiliton*innen, die mit Familien, die seit Generationen immer wieder Gesangsprofis hervorgebracht hatten, angaben und regelmäßig zu teuren Sommer- und Meisterkursen fuhren. »Geld spielte für sie nie eine Rolle«, erzählt er. »Für mich schon.«

Immer wieder ist im Kontext von klassischer Musik von »natürlicher Begabung« die Rede. Aber kein Kind kommt auf die Welt mit der Gewissheit, dass es gut klingt, einen Vorhalt zu betonen und dann zur Auflösung hin leiser zu werden. Mit dem spezifischen Wissen, das wir mit dem Ausdruck »Musikalität« umfassen, muss man erst vertraut gemacht werden. Kinder aus musikalischen Familien lernen so etwas schon früh zuhause. Musiker*innen ohne solchen Background müssen sich Grundlegendes erst mühsam erarbeiten. Möglicherweise passiert das aber erst im Teenager-Alter. Die ersten Gehversuche sind so logischerweise gespickt mit »Fehlern«. Gehen wir bei Menschen, die schon in sehr jungen Jahren sehr viel über klassische Musik lernen, davon aus, dass sie sich dieses Wissen gar nicht aneignen mussten, sondern es von Natur aus beherrschen, verwechseln wir eine sozioökonomisch gute Ausgangsposition mit »Talent«, einem Konzept, das völlig überfrachtet und gleichzeitig derart nebulös ist, dass es so gut wie gar keine Bedeutung mehr besitzt. Auch werden häufig den Musiker*innen »Talent« zugeschrieben, die sich nahtlos in aktuell vorherrschende Geschmäcker einfügen (zum Beispiel »Wunderkind-Komponisten« wie Jay Greenberg oder Alma Deutscher, die sehr erfolgreich tonal komponieren). Um zu überleben braucht die klassische Musik die Musiker*innen der ersten Generation. Sie bringen unsere Kunstform weiter, indem sie infrage stellen, was wir für selbstverständlich und zentral halten.

Als Alex Piasente im Jugendchor der Stuttgarter Oper sang, fand er Jennifer Walshes Oper Die Taktik tiefsinniger als Carl Maria von Webers Freischütz (eine nachvollziehbare Meinung, die er immer noch vertritt). Weil ihm niemand den angeblichen Wert der »großen Meisterwerke« predigte, konnte er seinen ganz eigenen Geschmack entwickeln. Auch Josh Baerwald, Komponist aus Milwaukee und Sohn eines Feuerwehrmanns und einer Restaurantbesitzerin, hatte die Freiheit, eigene musikalische Vorlieben auszubilden. Er ist außerdem dankbar, dass seine Eltern ihm die Zeit gaben, sich auszuprobieren. »An der Hochschule merkte ich dann erst, wie viel ich nicht wusste«, erzählt er. »Aber das hat mich nicht entmutigt.« Für Darragh Kelly bedeuteten seine Schwierigkeiten mit bestimmten Aspekten der Kunstmusik, dass er sich in seinen Werken einfacher für stärker konzeptuelle Ideen öffnen konnte. Er, der selbst aus einer Arbeiter*innen-Familie kommt, arbeitet aktuell an »Prole Art Threat«, einer Reihe, bei der ab 2020 Künstler*innen mit ähnlichem familiären Background oder Musiker*innen of color auf der Bühne agieren sollen.

Sich die Fähigkeiten, die es für eine Karriere als klassische Musiker*in braucht, zu erarbeiten, ist hart. Sie unterscheiden sich oft grundlegend von dem, was in anderen Genres zum Erfolg führt. Diljeet Bhachu lernte als Kind in der Grundschule Blockflöte, komponierte und arrangierte selbst. Heute sind ihr die Bereiche Improvisation und Spielen nach Gehör und die Kooperation mit Künstler*innen aus anderen Stilrichtungen sehr viel vertrauter und geläufiger als vielen anderen klassischen Musiker*innen. Wird einem nicht von Anfang an zuhause ein bestimmtes Repertoire vorgesetzt, hat man außerdem die Freiheit, sich früh in ein bestimmtes Repertoire besonders tief einzuarbeiten – eines, das man selbst wählt, das einen selbst besonders anspricht. Alex Piasente entdeckte früh seine Leidenschaft für Barockmusik. Deswegen war er sehr viel früher mit dem Vokabular, mit Umkehrungen und Vorhalten vertraut als andere Studierende an der Musikhochschule, die mit dem Generalbass-Lesen zu kämpfen hatten.

Musiker*innen aus Klassik-Familien erhalten oft automatisch eine so solide Ausbildung, dass sie wie selbstverständlich an der Musikhochschule landen. Für sie ist die klassische Musik der Weg des geringsten Widerstands. Gelingen die Karriere oder auch nur einzelne Schritte jedoch nicht auf Anhieb, sind Selbstzweifel und -vorwürfe oft groß. Für Matthew Forbes, den Cellisten ohne Klassik-Hintergrund, war es hingegen eine Form der Freiheit, dass er Fehler machen durfte, ohne dass er damit automatisch Erwartungen enttäuschte. »Ich kann es immer noch selbst kaum fassen, dass ich davon leben kann, Geräusche zu machen«, sagt er. Menschen aus Klassik-Elternhäusern müssen sich während des Studiums oder im Anschluss oft intensiv mit sich selbst auseinandersetzen, ein eigenes Standing finden. Auch das ist bei Musiker*innen der ersten Generation weniger ausgeprägt. Die Tatsache, dass sie es überhaupt an die Hochschule geschafft haben, spricht dafür, dass sie sehr genau wussten, was sie wollen und auch bereit waren, dies Wissen gegen eine Vielzahl von Widerständen durchzusetzen. »Man brennt nicht so schnell aus«, sagt Conrad Winslow. »An der Hochschule trifft man viele Musiker*innen, die schon seit früher Kindheit für all diese Kunststückchen dressiert wurden und nach der Hochschule dann überhaupt nicht wissen, was sie wollen.«

Als Kind, so Winslow, fühlte sich die klassische Musik für ihn wie eine unentdeckte Welt an. Als er etwa 10 Jahre alt war, nahm ihn sein Vater mit auf eine Angeltour nach Kodiak Island in Alaska. Er erinnert sich, wie er fragte: »Bin ich der erste Mensch, der einen Fuß auf diese Insel setzt?« »Für mich war auch die Musik so ein unerforschtes Territorium. Später wurde mir bewusst, dass ich in diesen langen und tiefen Fluss der Tradition der klassischen Musik eintauchte. Bis dahin dachte ich, ich könnte beim Musizieren auch mal was als erster machen. Vielleicht liegt das daran, dass ich nicht dauernd korrigiert wurde. Und das hat auch etwas Schönes. Vielleicht küsst einen die Muse gerade dann, wenn man ungestört Fehler macht.« Das gilt womöglich besonders für ein Genre, das davon besessen scheint, alles richtig zu machen.

Wie man als Musiker*in klassischer Musik und den Codes und Ritualen der Nische begegnet, wenn es einem zuhause nicht vorgelebt wird. 10 Geschichten in @vanmusik.

Auch für Richard Baker hatte die klassische Musik etwas von einer verborgenen Welt. Niemand in seiner direkten Umgebung verstand, was ihn an diesen merkwürdigen und intensiven Klängen faszinierte (seine Mutter fragte einmal, wann er denn mal »etwas Schönes« zu komponieren gedenke). Anstatt seine Liebe zur Kunst mit seiner Familie zu teilen, anstatt in jemandes Fußstapfen zu treten, hatte Baker die Musik ganz für sich. So konnte er sich in sie flüchten. »Meine Beziehung zur Musik war eher persönlich und intensiv«, sagt er. »So konnte ich für mich in Ruhe träumen.« ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.