Robin Ticciati im Interview
Robin Ticciatis Freundlichkeit und Offenheit scheinen unbezwingbar und haben doch nichts von der manchmal routiniert wirkenden Zugewandtheit, die sich einige Musiker im härteren angelsächsischen Klassikbetrieb antrainiert haben. Ticciati entwickelt seine Gedanken geduldig beim Sprechen, unterstellt Fragen im Zweifelsfall, dass sie auf etwas Intelligentes hinauslaufen könnten und fragt selbst viel: Ist »daring« eine angemessene Übersetzung für das altmodische Adjektiv »keck«, mit dem Anton Bruckner seine Sechste Symphonie kennzeichnete? Bruckners relativ selten aufgeführte Sechste gehört zu dem ungewöhnlich breiten Repertoire, das Ticciati in seiner Antritts-Spielzeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin dirigiert: Es reicht vom französischen Barock über Mozart, Berlioz, Schönberg und Wagner bis zu Widmann und zur deutschen Erstaufführung von Thomas Larchers Zweiter Symphonie. Auffällig dabei die Vorliebe für Raritäten wie Duruflés Requiem oder Messiaens Chronochromie. In den von mir besuchten Konzerten hat der Klang des Orchesters im Vergleich zu den oft eindrucksvollen und immer perfekten Aufführungen unter Vorgänger Tugan Sokhiev an Wärme und Lebendigkeit gewonnen. Bei zwei kurzen Treffen in Berlin unterhielten wir uns über Kammermusik, Carlos Kleiber, Schostakowitsch, Sibelius und den Rosenkavalier, den Ticciati in diesem Jahr bei den Festspielen in Glyndebourne, wo er ebenfalls Künstlerischer Leiter ist, nach der Premiere 2014 zum ersten Mal wieder dirigieren wird.

