Saisonende, alle erschöpft; die, die Kunst machen oder irgendwie ermöglichen, aber auch die bloß gucken und hören kommen, um darüber zu schreiben oder sprechen oder wie immer zu kommunizieren. Und dann kommen ja schon die Festivals: wieder Koffer packen. Genau diese winzig kurze Zwischenzeit ist auch der Moment des Innehaltens: Was haben wir eigentlich gesehen/gehört im letzten Jahr? Was bleibt von dem vielen Flüchtigen? Es ist die Zeit der Umfragen, Rankings, Bestenlisten, die Stunde der Retrospektive.

Muss es sein? – Es muss, trotz aller methodischer Schwächen. Denn man kann nur voten, was man auch gesehen hat, und wer, bis auf ein paar Raupen Nimmersatt, hat wirklich einen Überblick? Wie frei ist die Behauptung des »Besten« von Politik, von Konstellationen des Wohlwollens, der Nähen und Fernen. Andererseits finde ich das Lieber nicht hier keine Option, denn Rankings magnetisieren Aufmerksamkeit, die unser kleines Subsystem schon auch nötig hat. Und die Suggestion von Übersicht zwingt zum Vergleich, zur Vogelperspektive und einer durchaus sinnvollen Selbstbefragung aus zeitlichem Abstand. Ragte da irgendwas heraus?

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Also Mitmachen bei der Kritikerumfrage. Und irgendwann füllen sich die Kategorienkästchen schließlich. Nur einmal muss ich passen, auch wenn es die Königskategorie ist, jedenfalls die politischste. Ein »Haus des Jahres« für seine herausragende Gesamtleistung zu nominieren, es könnte ein Opern-, aber auch Konzerthaus sein, finde ich, jedenfalls in diesem Jahr, schwierig. Vielleicht aber generell. Es werden ja in allen Sparten Äpfel und Birnen miteinander verglichen. Doch wie wäre die „Gesamtleistung“ der Wiener oder Bayerischen Staatsoper mit, sagen wir, dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen zu gradieren, Produktionen mit Blockbuster-Budget oder dem Blick auf Repertoiretauglichkeit mit dem kleinen Anderen, der »Ausgrabung«, dem Glücksfall, wenn zufällig mal alles gelingt? Und, sofern es um Kunst gehen soll und nicht um Marketing oder Politik: Wie ließe sich ein künstlerischer Summenstrich ziehen, wo immer das gelungene Einzelne neben dem Scheitern steht, es geht ja gar nicht anders? Das sind so Fragen eines rückblickenden Musikschreibenden: Ziemlich ernst, merke ich gerade. Dabei ist das Umfragespiel ja doch auch ein Spiel. Auch.

Auch VAN fragt an, dreht aber die Optik: Was kommt da auf uns zu in der nächsten Saison, welcher Hype hypet zu Recht, was wird wohl überschätzt, was wäre mein Geheimtipp? Die VAN-Frage – Blick nach vorn – klingt gut; mich stürzt sie in Verlegenheit. Mein Erwartungsmanagement underperformed gerade gewaltig, so gern ich meinen Senf dazugäbe. Aber es sollte vom Scharfen sein, oder lieber gar nicht. Und natürlich werde ich sehr gespannt lesen, in ein paar Wochen, was die Kolleg:innen so kommen sehen. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹