Als die Deutsche Bundespost noch in eigenen Gebäuden residierte und diese an städtischen Hauptplätzen lagen, sah man gelegentlich einen energischen Herrn im beigen Regenmantel eiligen Schritts auf das Postamt am Leopoldsplatz in Baden-Baden zustreben. Kaum jemand nahm Notiz von ihm. Nur wenige mochten sich umgedreht und gefragt haben: »War das nicht…?« Ja, es war Pierre Boulez, der ein eifriger Spaziergänger war – und Liebhaber schneller Autos. Zur Post aber brauchte er kein Fahrzeug, er wohnte fußläufig am Rande der Innenstadt. Über sechzig Jahre hatte Boulez in Baden-Baden seinen Wohnsitz: in guter Tradition, denn ohne die französischen Unternehmer Jacques und Edouard Bénazet wäre die Stadt nie zur »Sommerhauptstadt« des 19. Jahrhunderts, und ohne die französische Zonenregierung mit dem 1945 gegründeten Südwestfunk nie zum neuen Kulturträger avanciert. Bis Baden-Baden allerdings registrierte, wen es in seiner Bürgerschaft beheimatete, vergingen fast dreißig Jahre – ein Schutzraum für Boulez, in dem er in Ruhe arbeiten konnte.
(Zum 100. Jahrestag seines Geburtstages wird jetzt mit großem Festakt der Vorplatz des 1998 eröffneten Festspielhauses, wo der Musiker selbst dreimal dirigierte und oft »inkognito« zu Gast war, in »Pierre-Boulez-Platz« umbenannt.)
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