Der Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer Philipp Blom ist umgeben von Musikern aufgewachsen. Er wäre beinahe Geiger geworden, ist aber glücklich, »als sehr suchender Mensch« einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. In Oxford und Wien hat er Philosophie, Geschichte und Judaistik studiert, heute widmet er sich sehr erfolgreich seiner Leidenschaft, dem Geschichtenerzählen. »In der angelsächsischen akademischen Welt gibt es die Haltung, dass es nicht an der intellektuellen Ehre kratzt oder einen zu einem weniger ernsthaften Forscher macht, verständlich für ein nicht akademisches Publikum zu schreiben und das auch als einen gewissen gesellschaftlichen Auftrag zu begreifen«, erklärt er. »Ob ich jetzt Radio mache oder Vorträge halte oder Bücher schreibe, letztendlich sind das Transpositionen desselben Stücks für verschiedene Instrumente. Fiction und Non-Fiction sind lediglich zwei verschiedene Arten des Geschichtenerzählens: Bei der einen darf ich etwas erfinden, bei der anderen nicht.« Der Geige ist Blom trotz allem treu geblieben. Er übt jeden Tag, macht Kammermusik und moderiert Gesprächskonzerte im Wiener Konzerthaus. Per Videocall spreche ich mit ihm über die Macht von Geschichten, das Ende der Beherrschung der Natur, Verführung als Ziel und was all das mit dem Musikbusiness zu tun hat. 

Philipp Blom © Peter Hassiepen

VAN: Was auf dem Spiel steht ist eine beklemmende Zusammenschau aktueller Entwicklungen in ihrem historischen Kontext. Es geht unter anderem  um Klimawandel, Digitalisierung, Konsum und um unser völlig gespaltenes Verhältnis zu unserer eigenen Zukunft …

Philipp Blom: Es ist erschlagend, wenn man sich so redlich, wie man das kann, ansieht, wie die Faktenlage auszusehen scheint. Viele Leute wollen das nicht hören. Nach einem Vortrag neulich wurde festgestellt, ich sei so pessimistisch und wo denn mein Optimismus sei. Meine Antwort darauf ist: Wer sagt Ihnen, dass Sie Anspruch auf ein Happy End haben? Wir leben als postchristliche Gesellschaft  immer noch mit dieser Heilserwartung und gehen davon aus, wir gehen auf ein Paradies zu. Die einzige Sicherheit, die wir alle haben, ist, dass wir irgendwann mal tot sind. Es hat noch keine Gesellschaft gegeben, die immer nur weiter und weiter und höher und höher gegangen ist. Wir haben ganz radikal einfach kein Recht darauf, dass das gut ausgeht.

Wie gehen Sie persönlich damit um? Die Überbringer der schlechten Nachrichten sind selten gut gelitten.

So schlimm ist es auch nicht, immerhin kriege ich immer noch Arbeit. Ab und zu muss ich Ferien nehmen und ein Buch schreiben wie Eine italienische Reise, in dem ich der Herkunft meiner Geige nachgegangen bin. Da habe ich mich in ein anderes Thema, eine andere Zeit geflüchtet. Sich ständig mit dieser Katastrophe zu konfrontieren, das schafft, glaube ich, niemand.

Wenn man die dargestellten Entwicklungen zu Ende denkt, ist es kaum zu ertragen.

Das zu Ende denken ist mein Instinkt, ein Bedürfnis für mich und hat überhaupt nichts Moralisches an sich. Ich glaube, viele Menschen haben dieses Bedürfnis nicht. Die leben gerne auf halbem Wege und hören einfach auf zu denken, da wo es anfängt, weh zu tun. Das ist eine Art Selbstschutz. Aber es hilft ja nichts, die Realität ist trotzdem, wie sie ist. Wenn wir sinnvoll handeln wollen, dann können wir das nur tun, indem wir begreifen, wo wir wirklich stehen.

»Unser Erleben der Welt ist chaotisch und frustrierend und ungerecht. […] Wenn wir lernen, dass wir das, worum wir uns am meisten bemühen, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erreichen, daß uns aber Dinge zustoßen oder zufallen oder scheinbar entrissen werden oder einfach verschwinden, […] können wir nur in dieser Welt überleben, indem wir den Sinn, den wir nicht in ihr finden, in sie hineinprojizieren. Und das tun Geschichten.«

Philipp Blom in Let me tell you a story – Narrative Identitäten in Zeiten der Unsicherheit, Sigmund-Freud Vorlesung 2018

Das beherrschende Narrativ unserer Gegenwart ist der Markt, die kompetitive Logik des ›Höher, Schneller, Weiter‹. Aus dem Musikleben ist weitgehend ein Business geworden, in dem Musiker:innen sowohl Akteur:innen als auch Ware sind. Das spiegelt sich wider in den prekären Arbeitsbedingungen vor allem freiberuflicher Musiker:innen, aber auch darin, dass sich nur die am Markt durchsetzen, die nicht nur ihr Instrument sondern auch die Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie virtuos beherrschen.

Das ist eine paradoxe Konsequenz des Bildungbooms der 60er Jahre, der Demokratisierung von Bildung. Denn es gibt so viele Musiker, dass es zu viele Leute für zu wenige Jobs gibt. Und das ist natürlich eine sehr prekäre Existenz und andererseits leistet es dieser Logik sehr stark Vorschub.

Meine Frau und ich hatten neulich eine junge Geigerin eingeladen, ihr Prüfungsprogramm im Rahmen eines Hauskonzertes bei uns auszuprobieren. Als wir über das Programm sprachen, habe ich angeregt, dass sie die technisch hoch anspruchsvollen Stücke mit einer Mozartsonate auflockert. Ihre Antwort war, dass sie keine Mozartsonate drauf habe. Das spiele keiner an der Hochschule, das sei nicht virtuos genug. Dabei gehören diese Stücke zum Besten, was für das Instrument je geschrieben worden ist.

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Diese Logik setzt sich dann weiter fort, wenn es um Pflichtstücke für Probespiele oder Vorsingen geht, um komplett außermusikalische Gründe bei der Besetzung von Rollen im Opernbetrieb und ganz generell um den Umgang mit weniger geradlinigen Musikerbiographien und Diversität.

Ja, das drängt viele Musiker in eine Richtung, Musik auf technisch höchstem Niveau wie ein Rennfahrer zu performen, anstatt sie zu erleben und erlebbar zu machen, was viel schwieriger ist.

Warum haben Geschichten soviel Macht über uns?

Geschichten definieren, wer unsere Helden und Schurken sind, was Tugend und was Laster ist, was bewundernswert ist und was verachtenswert. Geschichten sind ein Gewebe, das wir über die Welt werfen wie ein Netz, um uns orientieren zu können. Das Umerzählen setzt dann ein, wenn die Geschichte aufhört, eine effektive Orientierungshilfe in der Welt zu sein. Dann kann man sich überlegen, ob man sich in der Geschichte verschanzen will wie in einer Festung. Oder ob man eine andere Geschichte als neue Landkarte ausprobieren will.

Zwangsläufig gibt es immer einen Teil der Wirklichkeit, der außerhalb dieser Narrative bleibt. Was machen wir mit diesem unordentlichen Rest, der nicht reinpasst? Lange haben wir zum Beispiel den Preis für unseren Wohlstand nicht bezahlt, sondern ausgelagert in andere Weltregionen. Seit der Coronapandemie, aber auch mit den außerordentlichen Wetterereignissen dieses Sommers kommt dieser ausgelagerte Rest hier an.

Er kommt hier an, weil sich die Klimakatastrophe nicht so ausgrenzen lässt, wie sich unsere Stellvertreterkriege, unser Rohstoffbedarf, unser Bedarf an industriellen Gütern usw. immer ausgrenzen haben lassen. In diesem Sommer haben sich zum ersten Mal wirklich massive Konsequenzen in der reichen Welt gezeigt, direkt vor unserer Haustür.

Wie gelingt es, neue Narrative so zu gestalten, dass Menschen bereit sind, wenigstens den Raum aufzumachen für die Frage: Wie muss es anders werden?

Menschen ändern ihre Meinung nicht aufgrund von klugen Argumenten, sondern nur aufgrund von Erfahrungen. Wenn sie merken: Meine Geschichte bietet keine Orientierung mehr, mit dieser Realität umzugehen. Das ist ein ganz spannender und sehr kritischer Moment. Wenn ein Narrativ zusammenbricht, wie es das Narrativ der Naturbeherrschung und des ewigen Wachstums im Moment tut, entsteht ein Vakuum. In dieses Vakuum stoßen alle möglichen Geschichten und ringen um Interpretationshoheit. Es sind die Leugner und die Verschwörungstheoretiker genauso wie die Wissenschaftler, die Fanatiker genauso wie die Humanisten. Welche Geschichte gewinnt, ist überhaupt nicht garantiert. Ich halte es für meine Aufgabe, nicht nur die richtigen Sachen zu sagen, sondern sie auch effektiver zu sagen als andere. Es geht darum, Menschen zu verführen.

Die Verführung ist ein zweischneidiges Schwert.

Es ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Es ist überhaupt nicht sicher, dass das zu guten Resultaten führt. Es ist ein existenzieller Sprung ins Ungewisse, etwas zu verteidigen und sich für etwas einzusetzen, für das man kein heiliges Buch hat, das einem garantiert, dass das die Wahrheit ist. Man kann am Ende seines Lebens herausfinden: Es war alles falsch. Das kann man nur mit der größten Redlichkeit machen, die man hat, und das ist der einzige Maßstab, der einem im Prinzip bleibt.

Welche Persönlichkeiten braucht es, damit Narrative umerzählt werden können? Ich würde sagen, es braucht Menschen, die sich dem alten Narrativ auch verweigern.

Das Nein sagen ist wichtig. Noch viel schwieriger, aber genauso wichtig: in dieser prekären Welt eine Art Grundvertrauen in die Integrität des eigenen Tuns zu entwickeln. Das ist eine echte Herausforderung. Unsere Gesellschaften leben auch davon, unsere Identität prekär zu halten, damit wir immer mehr Zeug brauchen, das unsere Identität zementiert und signalisiert. 

Einer Ihrer Vorschläge ist, altes Wissen – zum Beispiel aus indigenen Kulturen – wiederzubeleben. Ein emphatisches Bild davon, als Menschen wieder Teil der Natur zu werden. Kann das funktionieren?

Die Polytheisten glaubten und glauben, dass sie von den Kräften der Natur abhängig waren und eine Balance mit ihnen finden müssen. Sie haben das als Götter konstruiert und als Opfer, das sie denen bringen mussten. Wir gebrauchen nicht mehr die metaphorische Sprache von Göttern und Göttinnen und Waldgeistern, wir benutzen die metaphorische Sprache der Wissenschaft und der Vernetzung.

In meiner Arbeit geht es mir darum, Aufstieg und Fall der Idee ›Macht euch die Erde untertan‹ zu zeigen. Es geht um die Biographie der Idee, dass wir Menschen die Natur beherrschen können und die Logik der Beherrschung, der Eroberung und der Ausbeutung. Das ist das Denken der Trennung, der Kontraste zwischen Innen und Außen, Herr und Knecht.

Von der Perspektive der Verbundenheit und der Vernetzung her gesehen, stellt sich die Welt ganz anders dar. Ein Ton bekommt seine Identität, seine Bedeutung nicht durch seine Höhe oder seine Dauer, sondern nur, weil er Teil eines Akkords oder einer Melodie ist. Er ist nur aus dem Kontext heraus zu verstehen. Für Menschen wird dieser Kontext auch durch das Narrativ gebildet, das eine Gesellschaft hat. Es geht darum, mehr Menschen dazu zu bringen, sich durch Emotionalität, durch Erlebnis zu öffnen für eine andere Art von Narrativ.

Wie kann mein Musizieren auch als Übungsweg dazu beitragen, dass ich ein Mensch werde, der sich öffnen kann?

Das ist etwas sehr Wichtiges! Ich glaube, es ist ganz entscheidend, eine Disziplin in seinem Leben zu haben. Etwas zu tun, dem man nicht gerecht werden kann, was größer ist als man selbst. Was einem auch erlaubt, sich selbst weiterzuentwickeln, die eigenen Grenzen kennen zu lernen und dann auszuweiten. Wie kann man sich öffnen? Das ist eine philosophische Kernfrage.

Philipp Blom über die Macht von Geschichten, welche Narrationen aktuell das Musikbusiness prägen und wie sich diese ändern lassen. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Mein Eindruck ist: Auf dem Weg in eine Karriere haben wir den ursprünglichen Impuls, uns im Musizieren auszudrücken, uns verbinden und mitteilen zu wollen, verloren. Musizieren als Beruf in professionellen Zusammenhängen ist kein Weg zur Öffnung, sondern Produktion in einem Organisationszusammenhang, um es mal ganz technisch zu sagen.

 Das ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass fast 90 Prozent daraus bestehen, äußeren Anforderungen gerecht zu werden. Man lebt auf externen Druck hin. Was darüber völlig in Vergessenheit gerät, ist der ursprüngliche Akt der Kommunikation, die nicht von außen kommt, sondern von innen. Dieser Akt der Kommunikation kann Menschen berühren und öffnen und macht uns weniger einsam. Andere Menschen haben die Emotionen, auch die turbulenten und negativen und verzweifelten Emotionen, die uns beschäftigen, selbst auch schon gefühlt und sind ihnen noch tiefer nachgegangen, haben eine Form für sie gefunden. Das beglückt nicht nur, es schafft auch eine Art von Gemeinschaft und es erinnert uns daran, dass wir Menschen sind, die Gemeinschaft brauchen. Das ist im Prinzip der Impuls, den für mich Kunst nicht nur beitragen kann, sondern auch beitragen muss. Das ist die einzigartige Chance der Musik. Weil sie auch die sehr problematische Hürde von Worten und Definitionen überspringen kann, die uns oft zu Gefangenen der Grammatik macht.

Durch das kollektive Trauma der Pandemie entsteht auch ein neues Bedürfnis nach einer künstlerischen Antwort auf diese Erfahrung. Vielleicht haben wir wieder dringendere Anforderungen an die Kunst. ¶

Dominika Hirschler

... ist seit 2000 als freischaffende Sängerin im klassischen Konzertbetrieb unterwegs und steht gleichermaßen gern auf den Bühnen großer europäischer Konzerthäuser wie auf den Orgelemporen weniger prominenter süddeutscher Gotteshäuser. Was sie rund um ihren Beruf inspiriert, antreibt und umtreibt, ist auf ihrem Blog Innenansichten nachzulesen.