Übersetzung Merle Krafeld · TITELBILD DAN TAYLOR-WATT (CC BY 2.0)

Anfang des Sommers erhält die polnische Pianistin Elżbieta Bilicka gute Nachrichten. Zu dieser Zeit verbreitet sich das neuartige Coronavirus in den USA wie ein Lauffeuer und zieht vielen Kulturschaffenden wirtschaftlich den Boden unter den Füßen weg. Inmitten dieses Chaos erhält die 28-jährige Bilicka eine Mail von einem Label namens »Orpheus Classical« mit der Aufforderung, sich für eine CD-Produktion zu bewerben. Würde Bilicka ausgewählt, würde das Label 75 Prozent der Produktionskosten übernehmen.

Bilicka, die an der Utah State University in Logan Klavier unterrichtet, stellt ein impressionistisch angehauchtes Programm zusammen: Chopins Ballade No. 4 und Andante und Grande polonaise, außerdem Werke von Szymanowski, Ravel und Skrjabin. Schon am Tag darauf antwortet Orpheus Classical: Bilickas Einreichung sei einstimmig für gut befunden worden und ihre Bewerbung somit erfolgreich. Sie würde also ihre erste CD einspielen.

»Ich war wirklich glücklich«, erzählt Bilicka. »Sie waren überwältigt von der Anzahl der Bewerbungen, darum dachte ich: großartig, dass sie mich ausgewählt haben!«

Im Juli startet Bilicka eine GoFundMe-Kampagne, um Geld für den verbleibenden Eigenanteil an den Produktionskosten einzusammeln. Diese sind beträchtlich. Das Label hatte ihr mitgeteilt, dass die Studios wegen COVID-19 geschlossen seien und sie darum eine professionell aufgenommene und gemasterte Aufnahme der Stücke einreichen müsse. Derartige Studioleistungen kosten normalerweise mehrere tausend Euro.

Außerdem beliefen sich laut Orpheus Classical die Gesamtkosten für das Album – exklusive der eigentlichen Aufnahme – auf insgesamt 30.000 Dollar. Ihr Anteil von 25 Prozent betrage also 7.500 Dollar. Mit dieser Summe würde das CD-Presswerk, das Grafikdesign des Album-Covers, die »rechtlichen Schritte zum Erhalt von ISRC-Codes, EAN/UPC, Tonträgerrechten und die Einstellung auf den großen digitalen Plattformen« abgedeckt.

Als Crowdfunding-Ziel steckt Bilicka sich 11.500 Dollar: 4.000 Dollar für die Aufnahme und 7.500 Dollar für Orpheus Classical. Diese Summe bekommt sie nicht ganz zusammen. Wie sie selbst in ihrer GoFundMe-Kampagne schreibt, »befinden sich alle in finanziell schwierigen Zeiten«. In der Zusage-Mail hatte Orpheus Classical aber auch eine günstigere Digital-Option angeboten: Für 1.500 Dollar (zusätzlich zu den Studiokosten) würde die Verbreitung von Bilickas Album über Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Music, Tidal, Shazam gewährleistet.

Kaum eine Woche nachdem Bilicka die GoFundMe-Kampagne gestartet hat, entschließt sie sich, diese »Digital-Option« in Anspruch zu nehmen, falls sie das Funding-Ziel für die CD-Produktion nicht erreichen sollte. »Die 1.500 Dollar kann ich von meinem eigenen Ersparten zusammenkratzen«, erzählt sie. (Bei der GoFundMe-Kampagne kommen schlussendlich 2.000 Dollar zusammen.)

Elżbieta Bilicka ist nicht die einzige Musiker:in, die in letzter Zeit eine Mail von Orpheus Classical bekam. Auf einen ähnlichen Aufruf wie sie reagierten letzten Winter der italienische Flötist Bartolomeo Audisio und der schwedisch-chinesische Pianist Richard He – die Mitglieder des Duo Volgaris. Die Zusage, für eine CD-Produktion ausgewählt worden zu sein, erhielten sie im März, zeitgleich mit dem Beginn des europäischen Corona-Lockdowns. Orpheus Classical bot dem Duo dieselben Konditionen an wie später Bilicka.

Das Duo plante eine CD mit Eigenkompositionen. Ein Konzeptalbum, das sich »vom Negativen hin zur Helligkeit, zum Licht entwickelt«, wie He erklärt.

»Während des Lockdowns stand alles komplett still«, so Audisio. »Deswegen dachten wir: ›Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, etwas mit diesem Label zu machen.‹«

Aufnahmen sind für klassische Musiker:innen in den seltensten Fällen ein finanzieller Erfolg. Spotify zahlt den Künstler:innen Beträge weit unter einem Cent pro Click – egal, wie lang der Track, beziehungsweise ein Satz oder ganzes Werk ist. Spezialisierte Anbieter wie Primephonic arbeiten zwar nach fairen Bezahlmodellen, dafür sind die Hörer:innen und Clickzahlen aber sehr viel geringer. Musiker:innen beschweren sich häufig über die Konditionen, mit denen Labels sie unter Vertrag nehmen – wenn sie denn überhaupt eins finden. Selbst die prestigeträchtige Deutsche Grammophon arbeitet mittlerweile eher mit Künstler:innen aus dem Bereich der Neo-Klassik, um die Reichweite beim Streaming zu erhöhen, wie Hartmut Welscher schon 2017 in VAN schrieb.

Fast alle Labels, die heutzutage das Genre der klassischen Musik bedienen, lassen sich von den Künstler:innen für die CD-Produktion bezahlen. Die Kosten allein durch den Verkauf von Aufnahmen oder gar Tonträgern wieder einspielen zu können, ist unwahrscheinlich. John Anderson, der Gründer von Odradek Records, einem Label, das die Künstler:innen für eine Einspielung »blind« auswählt, also ohne zu wissen, wer dort spielt, erzählt, dass »nicht mal die wirklich großen Stars heute ihre CDs gratis produzieren können«. Ein Release bei einem kleinen Label kostet um die 5.000 Euro, bei einem Majorlabel können es, einschließlich der weltweiten Vermarktung, auch mal 60.000 Euro werden. Niemand erwartet dabei, dass sich die Alben allein wirtschaftlich rechnen. Vielmehr wird hier auf das Prestige der Künstler:innen eingezahlt: Man hofft, durch die Einspielung mehr Konzertangebote mit höheren Gagen zu bekommen. (Dem Geiger Frank Peter Zimmermann zufolge verlangt selbst die Deutsche Grammophon von manchen Künstler:innen Anteile der Konzertgagen, die auf eine Album-Produktion folgen.)

Trotzdem sind Einspielungen für Musiker:innen noch immer wichtig: für Bewerbungen, zum Netzwerken, für die Pressearbeit und zur künstlerischen Befriedigung, eine exzellente Interpretation für die Nachwelt festzuhalten. »Wenn du Musik machst, vor allem, wenn du anfängst, selbst zu komponieren, dann möchtest du auch eine CD machen«, meint Audisio. »Nicht um damit erfolgreich zu sein – CDs sind heute eh nicht mehr so erfolgreich. Aber du möchtest das Ergebnis sehen, in einem künstlerischen Gesamtpaket.« Und eine Aufnahme bei einem Label zu veröffentlichen, fühlt sich prestigeträchtiger an als sich alleine in der Musikindustrie durchzuschlagen.  

Aber selbst wenn man die schwierigen Bedingungen der Plattenindustrie berücksichtigt, bleibt das Vorgehen von Orpheus Classical zumindest ungewöhnlich. Dass Labels (die oft unterbesetzt und überarbeitet sind) um Bewerbungen bitten, ist selten. Viele kleine Unternehmen folgen außerdem einer bestimmten kuratorischen Vision, während Orpheus Classical stilistische Bandbreite von Voices of Silicon Valley bis Liszt in Italy reicht, eingespielt von jungen oder eher unbekannten Musiker:innen. Die Künstler:innen, mit denen ich spreche, kennen das Label bis zum Erhalt der E-Mail nicht. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich damals viel zu dem Label recherchiert habe«, erinnert sich Bilicka.

Dass Orpheus Classical 75 Prozent der Gesamtkosten übernehmen will, scheint zumindest auf den zweiten Blick fragwürdig: Nach Angaben des Labels koste die physische Herstellung von 1.000 CDs inklusive Distribution 30.200 Euro, ein digitales Release schlage noch mit immerhin 6.200 Euro zu Buche. Der »Sponsorship«-Anteil von 75 Prozent, den das Label nach eigener Aussage übernimmt, beliefe sich also auf 22.650 Euro bzw. 4.650 Euro. Diese hohen Summen passen nicht zu den Leistungen, die Orpheus Classical anbietet. Das Label vermarktet weder sich noch seine Künstler:innen auf einem Niveau wie die Deutsche Grammophon oder Sony Classical. Auch Kosten für Gestaltung und Booklet entfallen, da Orpheus Classical die Musiker:innen auffordert, druckfertige Fotos und Booklettexte selbst beizusteuern.

Anbieter wie RecordJet bieten ein Paket zur digitalen Vermarktung eines Albums über die großen Streaming-Plattformen ab 29 Euro an. In Deutschland kostet die Pressung von 500 CDs ungefähr 650 Euro, inklusive Hüllen, Booklet und Cellofanfolie.

Mehrere Musiker:innen erzählen, dass Orpheus Classical es ablehnte, genauere Einblicke in die Kostenaufstellung zu geben. Auch die Namen der Geldgeber möchte das Label nicht nennen (laut Orpheus Classical ist diese Information »strictly confidential«). Der Inhaber eines deutschen Klassik-Labels vermutet, dass bei Orpheus Classical »offenbar überhöhte Preise mit vier multipliziert werden, um anschließend eine scheinbar großzügige ›Förderung‹ von 75 Prozent anzubieten.« Für 30.200 Euro bekäme man bei ihm je nach Besetzungsgröße bis zu drei fertige CDs, und zwar inklusive Saal- und Flügelmiete, Aufnahme, Schnitt und Vertrieb. Außerdem sei es schlichtweg falsch, dass die Corona-Krise zur Einstellung von Aufnahmen geführt habe, vielmehr würden im Gegenteil viele Musiker die konzertfreie Zeit für Studioproduktionen nutzen.

Die Mails des Orpheus-Managers Paul Ackroyd, in denen die Bewerber:innen darüber informiert werden, für eine Produktion ausgewählt worden zu sein, haben alle denselben Wortlaut: »Unsere künstlerische Kommission in Europa und Amerika hat Ihr Aufnahmeprojekt eingehend geprüft und wir sind glücklich Ihnen mitteilen zu können, dass es einstimmig für gut befunden wurde. Die künstlerische Kommission ist der einhelligen Meinung, dass Sie über außergewöhnliches Talent verfügen, genau wie über eine sehr unverwechselbare künstlerische Persönlichkeit.« Orpheus Classical gab außerdem Fristen für die Antwort der Künstler:innen vor, verbunden mit dem Hinweis, das CD-Projekt ansonsten mit anderen Musiker:innen durchzuführen.

»Wir haben es hier mit einem psychologischen Phänomen zu tun: Wenn du ausgewählt wirst, fühlst du dich geschmeichelt«, sagt Sebastian Solte, Gründer des Berliner Labels bastille musique. »Und wenn du keine Alternativen hast, denkst du: Das ist meine große Chance.«

Im Frühling 2016 freut sich der Cellist Benedict Kloeckner: Er hat bei der Manhattan International Music Competition in der Rubrik der Streichinstrumente den ersten Platz gewonnen. Die Preise seien ein Vertrag bei einer Künstler:innen-Agentur namens »Manhattan Concert Artists« sowie ein Auftritt in der Carnegie Hall. Der japanische Pianist Kotaro Fukuma gewinnt beim selben Wettbewerb eine CD-Einspielung bei Orpheus Classical (deren Wert auf der Wettbewerbs-Homepage mit 25.000 Dollar angegeben wird).

Untypisch ist damals – lange vor der COVID-19-Ära –, dass die Auswahl der Gewinner:innen der Manhattan International Music Competition ausschließlich online stattfindet. Wegen Terminüberschneidungen kann Kloeckner das Konzert in der Carnegie Hall nicht wahrnehmen. Es gibt einen kurzen Mailverkehr mit Sarah Anderson, einer Agentin der Manhattan Concert Artists, aber es kommt nie zur Entwicklung einer Management-Strategie – oder auch nur zu einem persönlichen Treffen. (Paul Ackroyd teilt VAN per Mail mit, dass die Agentur und Orpheus Classical voneinander völlig unabhängig sind.)

Kloeckners Vereinbarungen mit Manhattan Concert Artists waren nicht exklusiv, was er zu schätzen wusste, da er in den USA bereits von einer anderen Agentur vertreten wird. Seine Korrespondenz mit MCA schläft darum schnell ein, ohne ein einziges von der Agentur organisiertes Konzert. Auf der MCA-Homepage ist er trotzdem noch immer als Kunde aufgeführt.  

»Das ist die Geschäftsstrategie«, erzählt Kloeckner mit Blick auf den Wettbewerb. »Sie sagen: ›Du bekommst eine Agentur in den USA.‹ Und ein Konzert in der Carnegie Hall, das klingt fantastisch. Ich wette, die verdienen damit viel Geld.«

Bei der 2020er Ausgabe der Manhattan International Music Competition kann man sich in zwei Kategorien bewerben: für ein Preisgeld und ein Konzert in der Carnegie Hall oder eine Orpheus Classical CD-Produktion (je 85 Euro Teilnahmegebühr) oder beides zusammen (135 Euro Dollar Teilnahmegebühr).

Zusätzlich zu den beiden Hauptgewinner:innen wurden 200 weitere Musiker:innen ausgezeichnet, die allerdings kein Preisgeld und keine CD-Produktion erhalten. Der Wettbewerb hat über die Teilnahmegebühren also mindestens zwischen 21.000 und 35.000 eingespielt. Wie WQXR berichtet, kostet es ungefähr 2.000 Dollar, an einem Freitagabend die Weill Recital Hall der Carnegie Hall zu mieten.

Zwei andere Musikwettbewerbe, die Vienna International Music Competition und die Berliner International Music Competition laufen nach exakt demselben Schema ab: Die Auswahl findet nur online statt, den Gewinner:innen winken Konzerte im Musikverein und der Berliner Philharmonie, eine Vertretung durch die Manhattan Concert Artists und eine Orpheus Classical CD–Produktion. Auch die Teilnahmegebühren sind dieselben. Wie beim Manhattaner Wettbewerb wird eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Musiker:innen in ganz unterschiedlichen instrumentalen und vokalen Kategorien ausgezeichnet.

Andere Wettbewerbe erheben Teilnahmegebühren, weil bei ihnen vor Ort gespielt wird, vor einer Jury, die bezahlt werden muss, und all das professionell und umfangreich beworben wird. Im Vergleich dazu scheinen die drei genannten Wettbewerbe außer der Saalmieten keine Kosten zu generieren. Der amerikanische Pianist Jay Gottlieb, der bei Nadia Boulanger studiert hat und heute in Paris lebt, ist bei der Berliner Competition vom Gründungsjahr 2017 bis 2019 als Juror tätig. Jedes Jahr werden drei Pianist:innen vorausgewählt und deren YouTube-Videos dann Gottlieb zugesandt. Er erstellt mit einem Arbeitsaufwand von ungefähr einer halben Stunde ein Ranking. Auf VAN-Nachfrage nach der Bezahlung antwortet Gottlieb: »Das ist der schockierende und außergewöhnliche Teil: Es gab keine Bezahlung.« Gottlieb hört auch keines der Preisträger-Konzerte in der Philharmonie, weil seine Reisekosten nicht übernommen wurden.  

Die in New York lebende Koloratursopranistin Sarah Heilman sieht in der Vienna International Music Competition eine Möglichkeit, in der europäischen Opernszene einen Fuß in die Tür zu bekommen, sie bewirbt sich für den 2020er Durchgang. »Es wirkte für mich so, als könnte ich bei diesem Wettbewerb reelle Chancen haben, obwohl ich noch sehr am Anfang meiner ›Karriere‹ stehe«, erzählt sie. Sie zahlt 85 Euro Teilnahmegebühr, sendet ihre Videos ein und gewinnt einen »First Grand Award« in der »Virtuoso«-Kategorie. Am Preisträger-Konzert im Musikverein kann sie wegen der Reisebeschränkungen nicht teilnehmen, ihr wird mitgeteilt, dass ihr Preis, dessen Wert mit 1.000 Euro angegeben wird, damit verfällt. Am Ende hält sie nichts weiter als ein per E-Mail versandtes Zertifikat in Händen.

Wer genau hinter Orpheus Classical, Manhattan Concert Artists oder den drei International Competitions steht, ist unklar. Auf den Websites finden sich weder Informationen über das Team noch Mailadressen oder Telefonnummern von Mitarbeitenden. Unter der Telefonnummer, die auf der Facebook-Seite von Orpheus Classical angegeben ist, hebt niemand ab. Auch Bilicka kommunizierte nur per Mail mit dem Label.

Auf meine Mailanfragen an das Label antwortet ein Administrator namens Andrés Alonso. Alonso lehnt sowohl ein Telefoninterview als auch ein persönliches Treffen in New York ab, mit Verweis auf die COVID19-Kontaktbeschränkungen. Paul Ackroyd antwortet später von derselben Mailadresse auf eine Liste mit Detailfragen: Mein Verhalten sei sehr störend.

Die Postadressen von Orpheus Classical in der Gran Vía in Madrid und der Fifth Avenue in New York scheinen lediglich zu virtuellen Büros zu führen, zu Geschäftsräumen, in denen kleine Firmen Briefkästen mit prestigeträchtigen Adresse mieten können, für zum Teil 15 Dollar pro Monat. Auch bei der Vienna International Music Competition scheint es sich um eine Briefkastenfirma zu handeln. (»Wir […] mieten eine große Anzahl von Räumen in unterschiedlichen internationalen Hauptstädten«, schreibt Administrator Ackroyd.)

Die Adresse von Manhattan Concert Artists stimmt genau mit der Anschrift der Büros der Arbeitsrechtskanzlei Trimboli & Prusinowski LLC in Manhattan überein. Der Hauptsitz des Internationalen Berliner Musikwettbewerbs gehört eigentlich zu CMS, einer auf Steuerfragen spezialisierten Anwaltskanzlei. Die zwei Mitarbeiterinnen, die ich dort spreche, haben noch nie von dem Wettbewerb gehört. Meine E-Mails an die Wettbewerbe bleiben unbeantwortet, aber nach meiner Korrespondenz mit Orpheus Classical werden die Adressen des Berliner und Wiener Wettbewerbs von deren Websites entfernt.

Die Universal Edition wird auf allen drei Wettbewerbs-Homepages als Sponsor genannt. Ein Mitarbeiter des Verlages teilt VAN mit, dass die Universal Edition grundsätzlich niemanden sponsort. Beim Bild eines Tonstudios von Orpheus Classical auf deren Website handelt es sich um Stockmaterial. (Laut Ackroyd gehören zum Label fest angestellte Tontechniker:innen und mehrere Aufnahmestudios.)  

Benedict Kloeckners Korrespondenz mit Manhattan Concert Artists liefert einen Hinweis auf die Leitung der Unternehmen: Sarah Anderson, sein Agentur-Kontakt, wird auf der Website des spanischen Dirigenten und Pianisten Félix Ardanaz als Assistentin geführt. Ardanaz scheint tief in das Netzwerk der Firmen verstrickt: Er wird von MCA vertreten und hat mehrere Alben bei Orpheus Classical veröffentlicht. Auf der Homepage des Labels leitet ein Icon direkt zu Ardanaz’ Facebook-Seite (ein Fehler, so Ardanaz).

Ardanaz ist bereit zu einem Interview – aber nur per Mail, wegen seines extrem dichten Zeitplans. Nachdem er meine Fragen erhält, verweigert er eine Antwort unter Klarnamen.

Auch Bilicka hat in der Zwischenzeit ein paar Nachforschungen angestellt. Im Juli hatte es sie noch fasziniert, dass die Veröffentlichungen von Orpheus Classical unter dem Radar liefen. »Ich habe in ihren Werbeanzeigen viele CDs von Leuten gesehen, von denen ich noch nie gehört hatte. Und das hat mich eher noch motiviert.« Im August beschleichen Bilicka dann erste Zweifel. Sie hört sich in der Recording-Industrie nach dem Label um. Wie auch Anderson und Solte sagen ihr ihre Kontakte, dass »Orpheus’ Preise überzogen seien und sie noch nie von dem Label gehört hätten.«

Als Bilicka einem Vertreter von Orpheus Classical mitteilt, dass sie entschieden habe, ihr Album doch nicht bei dem Label zu veröffentlichen, lautet die Antwort, dass man »zusätzliches Spenden-Geld arrangieren könne«. Bilicka lehnt ab. In Zukunft arbeitet sie mit dem in Louisiana ansässigen Label Centaur Records, das 1976 gegründet wurde und derzeit über Naxos Records vertrieben wird, zusammen. Centaurs transparente Kostenaufstellung, seine Tradition und der gute Ruf haben den Ausschlag zu dieser Entscheidung gegeben. »Außerdem«, sagt Bilicka, »verlangen sie nur ein Zehntel des Orpheus-Preises.« ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin.