Die rechte polnische Regierung will die Kunst einschläfern lassen. Polnische Künstlerinnen und Künstler wehren sich.

Text Und · Titelbild A PROTEST AT THE TEATR POLSKI IN NOVEMBER 2015 · Datum 28.3.2018

Am Abend des 21. Novembers im Jahr 2015 blockierte ein Pulk von Demonstranten die gläsernen Türen des Teatr Polski in Breslau. Es handelte sich um Mitglieder der katholischen Krucjata Różańcowa za Ojczyznę (»Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland«) und rechtsextremer Gruppen wie der Allpolnischen Jugend und der Nationalen Wiedergeburt Polens. Mittendrin unter anderem berüchtigte Nationalisten wie Piotr Rybak, der später eine Haftstrafe absaß für das öffentliche Verbrennen einer lebensgroßen Puppe, die einen Juden symbolisieren sollte.

Die Katholiken beteten für die Seelen der Schauspieler, des Regisseurs, des Publikums. Die Skinheads grölten den vorbeikommenden Zuschauerinnen und Zuschauern Beleidigungen entgegen. Piotr Rudzki, Historiker und Dramaturg am Teatr Polski, meint, das sei der Tag gewesen, »an dem der Freiheit der polnischen Kunst und Kultur der Kampf angesagt wurde.«

Im Teatr Polski lief Der Tod und das Mädchen, basierend auf Elfriede Jelineks satirischen, feministischen Prinzessinnendramen und ihrem Roman Die Klavierspielerin. Die Regisseurin Ewelina Marciniak hatte für die Anfangsszene zwei Pornodarsteller_innen aus Tschechien engagiert, die auf der komplett dunklen Bühne Sex haben sollten, bevor die Aufführung wirklich losgehen würde. Dieses Detail gelangte an die Öffentlichkeit, noch bevor jemand das fertige Stück gesehen hatte. »Drei Tage vor der Premiere war die Situation schließlich so angespannt, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler Angst hatten, zur Probe zu kommen«, erinnert sich Marciniak.

(Die Proteste gegen John Adams Oper The Death of Klinghoffer liefen ganz ähnlich ab: Ein pikantes, als anstößig empfundenes Detail wurde öffentlich gemacht, ohne den Kontext oder die Bedeutung im Rahmen des Kunstwerks zu thematisieren.) Die Plakate für Der Tod und das Mädchen, die eine schlanke junge Frau mit einer Hand in der Unterhose zeigten, wurden im Vorfeld mit einem dicken schwarzen Farbstreifen überschmiert. Manchen geladenen Gästen war es nicht möglich, an den Demonstranten vorbei ins Theater zu gelangen. Ein Demonstrant aus der ersten Reihe behauptete gegenüber der katholischen Wochenzeitung Gość Niedzielny: »Wir entscheiden, was hier auf der Bühne zu sehen ist.«

Die Proteste wurden von der Presse festgehalten. 
Die Proteste wurden von der Presse festgehalten. 

In einem auf den 20. November 2015 datierten Brief rief das polnische Ministerium für Kultur und nationales Erbe die lokalen Behörden dazu auf, die Der Tod und das Mädchen-Aufführung zu verhindern. Der Brief betont zwar, dass das Ministerium Kunst grundsätzlich unterstütze, die Aufführung aber mit öffentlichen Geldern finanziert werde und man in Sorge sei um die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler (die allerdings getrennt von den Sex-Szenen auf der Bühne standen).

Der Brief bewirkte jedoch nicht, was sich Piotr Gliński, der Kulturminister der regierenden rechten Prawo i Sprawiedliwość (PiS, auf deutsch: Recht und Gerechtigkeit), erhofft hatte. Wie ein Zensurversuch daherkommend, rief der Brief prompt leidenschaftliche Gegenreaktionen hervor, die wiederum ein Echo in der internationalen Presse fanden. »Das war das erste Mal seit dem Ende des Kommunismus, dass ein Kulturminister die Zensur wieder einführen wollte«, so Rudzki. Der Tod und das Mädchen wurde wie geplant aufgeführt.

Es schien, als hätte das Recht auf freie Meinungsäußerung in Polen gesiegt. Dann wurde 2016 der damalige Künstlerische Leiter des Teatr Polski, Krzysztof Mieszkowski, durch den weitgehend unbekannten Schauspieler Cezary Morawski ersetzt. Vielen Kenner_innen der polnischen Theater-Szene zufolge büßte das ehemals international renommierte Haus daraufhin einiges an Qualität ein. Rudzki, der, nachdem er aus »disziplinarischen Gründen« gefeuert worden war, das kleine Teatr Polski in the underground gründete, sagte, Morawski arbeite als Künstlerischer Leiter und Schauspieler und führe gleichzeitig bei einigen Stücken Regie, möglicherweise, um so viel Geld wie möglich zu kassieren. (Er stellt auch seine Frau als Schauspielerin an.) Außerdem hat er Vermittlungsangebote, Audio-Versionen für blinde Zuschauer_innen und englische Übertitel gestrichen. Morawskis Leitung habe das Theater »auf katastrophale Weise verändert«, so Rudzki.

Das Original und das zensierte Der Tod und das Mädchen-Plakat
Das Original und das zensierte Der Tod und das Mädchen-Plakat

»Das polnische Theater ist keine Propaganda-Maschine geworden«, erklärt Michał Zadara, ein polnischer Theaterregisseur, der in Swarthmore studierte, bevor er 2000 nach Polen zurückkehrte, »es wird einfach nur viel unwichtiger«. Obwohl Polens Theaterszene lange Zeit außerordentlich lebendig war, »als Forum für die wichtigsten politischen Diskurse fungierte und wie ein sensibles Messinstrument die Stimmung der Gesellschaft anzeigte«, wie Małgorzata Leyko, Professorin am Institut für Zeitgenössische Kultur Łódź es beschreibt, scheint PiS nicht daran interessiert, dieses Forum durch eines mit konservativeren Perspektiven zu ersetzen. Man lässt es einfach aussterben. PiS »will lieber gar kein Theater, das ist das wirklich Schockierende«, so Zadara. Orte wie das Polski Teatr »waren wirklich aufregend und zogen viel Publikum an, und jetzt passiert dort plötzlich einfach gar nichts mehr.«

Die Geschichte des Niedergangs des Teatr Polski ist die einer Rebellion, gefolgt von Massenentlassungen, Pragmatismus und schließlich Kapitulation. Dieser Prozess begann 2015 und ist heute fast abgeschlossen, obwohl noch einige Rechtsstreitigkeiten offen sind. (Die polnische Politik ist sehr dezentral organisiert, weswegen PiS noch nicht alle gewünschten Änderungen umsetzen konnte. Dennoch hat die Partei es geschafft, mithilfe von Gesetzesänderungen zahlreiche kritische Richter_innen zu entlassen und diese, wie auch die ehemaligen Mitglieder des Nationalen Justizrats, durch eigene Kandidat_innen zu ersetzen.) Eine ähnliche Entwicklung lässt sich aktuell am Stary Teatr in Krakau, einem wunderschönen Gebäude mit hohem Saal an einem der geschichts- und prestigeträchtigsten Orte des Landes, beobachten.

Am 28. November 2017 besuchen wir dort die Aufführung der Hochzeit, einem polnischen Theater-Klassiker von Stanisław Wyspiański aus dem Jahre 1901.

Es ist eine der letzten Inszenierungen des damaligen Künstlerischen Leiters Jan Klata. Obwohl Klata kein Freund der PiS-Regierung war, nahm man an, dass er aufgrund seiner künstlerischen Reputation und seines vorsichtigen politischen Taktierens seine Position behalten würde. (Zadara erzählte uns, dass Klata sogar damit einverstanden gewesen sei, gesellschafts- und regierungskritische Produktionen vorab überprüfen zu lassen und gegebenenfalls zu verwerfen.) Als dann jedoch Klatas Vertragsverlängerung anstand, erhielt stattdessen völlig unerwartet ein eher merkwürdiger Kandidat, Marek Mikos, die Position.

Als wir Die Hochzeit im November besuchen, sind auf der Website des Theaters noch keine Aufführungen für 2018 angekündigt und die Schauspierinnen und Schauspieler boykottieren Mikos Künstlerische Leitung. (Mittlerweile wurde der Betrieb, wenn auch eingeschränkt, wieder aufgenommen.) Wyspiańskis größtenteils in Versform gehaltenes Stück wirkt wie eine Prophezeiung des aktuellen politischen Klimas in Polen. Hoher Besuch aus Krakau erscheint bei einer Bauern-Hochzeit auf dem Land: Sie flirten, kämpfen, trinken, sind auf Sinnsuche. In Klatas Inszenierung wird all das begleitet von einer dreiköpfigen Metal-Band, die von erhöhten Plattformen herab das Geschehen begleitet. Die Bauern tragen rot-weiße polnische Fußball-Trikots. Die Stimmung im Stary Teatr ist wie elektrisiert. Eine lange Schlange junger Menschen steht draußen in der klirrenden Kälte, um noch Tickets zu ergattern. »Seitdem der Wechsel des Leiters bekannt wurde, ist es immer sehr voll«, sagt ein junger Mann an der Garderobe. Als jeder Stuhl im Saal besetzt ist, nehmen Leute auf den Treppenstufen platz, stehen hinter den Stühlen und lugen durch die Geländer auf das Geschehen auf der Bühne. In den beiden Pausen wird draußen geraucht und das Stück diskutiert. Ein zentrales Element in der Hochzeit ist die Sense, ein Werkzeug für Landwirtschaft und Krieg, das die Bauern fest in der Hand halten – ein Symbol für ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Während des Applauses schlagen die Schauspielerinnen und Schauspieler immer wieder die Griffe ihrer Sensen auf den Bühnenboden, anstatt sich zu verbeugen – eine Geste der Unterstützung Klatas. Das Klopfen und Klatschen scheint ewig anzudauern.

Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland protestieren 2013 gegen eine Klata-Inszenierung.
Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland protestieren 2013 gegen eine Klata-Inszenierung.

Nachdem das Publikum schließlich doch den Saal verlassen hat, setzen wir uns mit vier Schauspieler_innen in das leere Theater. Nach ihrer »Geste des Widerstands« scheinen sie erschöpft und der Raum leise und trostlos. Sie sprechen über all die Zeit, die sie hier verbracht, geprobt, gespielt, gearbeitet haben – ihre innige Beziehung zu dieser Bühne. Die Jüngeren wollen an andere Theater gehen, nach Warschau oder ins Ausland. Die Älteren gestehen ein, dass sie wahrscheinlich bleiben werden. »Auf der einen Seite bist du pragmatisch, auf der anderen stehen deine Gefühle«, erklärt ein auf finstere Art gutaussehender Schauspieler namens Radosław Krzyżowski. »Deine Gefühle sagen dir, dass du nicht mit dem neuen Leiter arbeiten solltest. Aber was willst du machen? Ich bin 45 Jahre alt, ich habe Familie. Es ist keine leichte Entscheidung, einfach zu sagen, ›gehen wir nach Warschau!‹«

Ein blonder Schauspieler namens Juliusz Chrząstowski fügt hinzu: »Die Zukunft sieht bitter aus für Polen. Um unser Theater steht es wie um die polnische Kultur im Allgemeinen. Ich glaube, es wird so enden wie in Ungarn. Es gibt Anzeichen von Zensur; es wird Druck auf Künstlerinnen und Künstler aufgebaut, nationale Kultur zu schaffen. Keine freie Kunst, nationale Kunst.« Bisher betreffen die Veränderungen nur die Institutionen, die vom Ministerium für Kultur und nationales Erbe gefördert werden. Krzyżowski befürchtet jedoch, dass, wenn die PiS in den Kommunalwahlen diesen Mai gut abschneidet, auch die kleineren lokalen Theater, von denen es in Polen rund 200 gibt, in ihrem Betrieb auf ähnliche Weise gestört werden. »Ich denke, das Schlimmste daran ist, dass das erst der Anfang ist.«

Wäre das politische Klima ein anderes, hätte der Boykott der Schauspielerinnen und Schauspieler Mikos vielleicht zur Kündigung zwingen können, aber nicht im derzeitigen polnischen Ausnahmezustand. »Es ist großartig, dass sie protestieren«, erklärt uns Magdalena Sroka, die ehemalige Direktorin des Polish Film Institute, in einem Café in Berlin. »Aber es ist furchtbar, dass das überhaupt keine Auswirkungen auf irgendwas hat. Nichts ändert sich, der Theaterbetrieb läuft einfach nicht, die Schauspielerinnen und Schauspieler verdienen deswegen kein Geld, Mikos fühlt sich immer noch großartig, er erhält weiter sein Geld und ihn erwarten keine Konsequenzen dafür, dass er nicht so viele Stücke macht, wie er eigentlich müsste.«

In dieser Sackgasse, in der ein von der Regierung unterstützter künstlerischer Leiter die Früchte der Leitung einer Kulturinstitution ernten kann, ohne etwas auf dem Niveau seiner Vorgänger zu produzieren, findet man sich auch ein paar Stunden nordwestlich von Krakau in Breslau wieder. Wie Zadara erzählt uns auch Sroka, dass die Regierung lieber überhaupt kein Kulturleben hat, als zu riskieren, dass Produktionen möglicherweise nicht mit ihren Werten übereinstimmen. Sie lacht ungläubig, als sie sich und uns die Absurdität der Situation vor Augen führt: »Dem Kulturminister ist es egal, dass im Theater nichts läuft … alles ist in bester Ordnung für ihn.«

Auch Sroka leidet unter dem aktuellen Wandel, sie verlor seinetwegen ihre Position am Polish Film Institute. Ihre Kündigung basierte auf einem Brief eines ihrer Assistenten an die amerikanische Motion Picture Association, der die aktuelle Situation in Polen anprangert und den sie unterschrieb: »Es ist erschreckend, wie schnell diese abstruse Zensur bei uns Einzug gehalten hat, in die Wege geleitet von fremdenfeindlichen Nationalisten, die sich hinter der Statue Christi, des Königs Polens, verstecken…«

Sroka behauptet, den Brief nicht geschrieben oder auch nur gelesen zu haben, bevor er verschickt wurde. »Man liest nicht immer alles, es war eine einfache Rechte-Anfrage an die Academy. Als ich aus Cannes wiederkam und den Brief las, schickte ich ein Entschuldigungsschreiben an den Kulturminister und er antwortete, dass er Mitleid für diesen unschuldigen Fehler hege. Ich dachte, damit sei die Sache erledigt.« Drei Wochen später wurde sie ins Büro des Vize-Kulturministers Jarosław Sellin beordert. Sellin forderte eine Erklärung für den Brief.  

»Sie nutzten ihn als Vorwand, aber um das in die Wege zu leiten brauchten sie vier Monate«, erklärt Sroka uns. »Der Brief wurde im Mai abgeschickt und erst im Oktober forderten sie meine Entlassung vom Vorstand des Instituts.« Entlassungen unterliegen, vom Institut selbst veranlasst, strengen Auflagen  – keine wurde im Falle Srokas erfüllt. »Der Kulturminister behandelte den Brief wie eine Straftat, als Bruch des polnischen Gesetztes, aber er war nicht in der Lage, mir zu erklären, welches Gesetz da gebrochen worden sein sollte«, so Sroka.

Srokas Entlassung ist ein Symptom der breit angelegten Kampagne zur Veränderung der institutionellen Zusammensetzung der polnischen Kulturlandschaft. Derartige Veränderungen bleiben für den Blick von außen oft unsichtbar. »Als normales Mitglied der Gesellschaft, sogar als ein kunstliebendes, bekommst du das nicht mit«, erklärt Sroka. »Das ist etwas, das Tag für Tag voranschreitet, in kleinen Schritten.«

Durch die Änderung der Förderungspolitik, den Austausch von künstlerischen Leiterinnen und Leitern oder durch Kündigungen verfolgt die PiS den opportunistischen Ansatz, die Motoren der polnischen Kulturindustrie nicht komplett auszuwechseln, sondern sie langsam abzubauen, Stück für Stück, Stellschraube für Stellschraube.

Und das hat eine abschreckende Wirkung. Der Konzertmeister eines großen Sinfonieorchesters beispielsweise erzählte uns, dass »man nun aufpasst, was man sagt.«

Proteste gegen die drohenden Veränderungen am Teatr Polski in Breslau, August 2016. Foto © Natalia Kabanow
Proteste gegen die drohenden Veränderungen am Teatr Polski in Breslau, August 2016. Foto © Natalia Kabanow

Am Tag bevor wir mit Sroka sprechen, ändert die polnische Regierung ein Gesetz dahingehend, dass es ihr jetzt möglich ist, Richterinnen und Richter einzustellen oder zu entlassen – ein Vorgehen, welches die EU unter Strafe stellt, an dem die Regierung aber festhält.

Noch besorgniserregender als diese rabiaten, unübersehbaren juristischen Neuerungen wirkt die Umgestaltung der polnischen Kulturlandschaft vor allem, weil sie so gänzlich unbemerkt vonstatten geht. Kulturelle Institutionen können Wahlen beeinflussen. Wie in der Hochzeit werden auch hier die Landbevölkerung und Menschen in urbanen Zentren gegeneinander ausgespielt. »Die Menschen auf dem Land arbeiten hart. Sie haben keine Zeit, unterschiedliche TV-Sender zu gucken und dann schalten sie eben vor allem öffentliche Sender ein«, erklärt Sroka. »Die Propaganda ist mittlerweile sehr ausgefeilt. Sie lügen vor der Kamera, aber alle sagen dasselbe, mit denselben Worten … also siehst du am Ende 10 Menschen, die das gleiche sagen und du denkst dann, dass das die Wahrheit ist.« Die Filmwelt mag Srokas Entlassung für unrechtmäßig erklärt haben – über 600 Filmemacherinnen und Filmemacher, unter ihnen Wim Wenders und Agnieszka Holland, haben in einem Schreiben an den Leiter des Polish Film Institute ihre Kritik an seinem Vorgehen zum Ausdruck gebracht – aber es ist unwahrscheinlich, dass die politischen Schwergewichte der EU sich zu den Veränderungen bezüglich der Kulturförderung und der Leitung der kulturellen Institutionen positionieren, ungeachtet ihrer jeweiligen politischen Agenda.

In einer malerischen Straße in Danzig gelegen verkauft ein Shop »Polish Design Patriotic Wear.« Eine Schaufensterpuppe, ein kleiner Junge, der seinen Arm nach vorne streckt – es ist der linke, aber man denkt instinktiv an den Hitlergruß –, trägt ein T-Shirt, auf dem steht: »50% Mommy, 50% Daddy, 100% Polish.« Im Schaufenster liegen außerdem Bücher über das Übel des Kommunismus und verschiedene rot-weiße Rittermotive mit Helm, Schwert und Schild. Über unseren Dolmetscher ließ uns der Ladenbesitzer wissen, dass er nicht interviewt werden wolle – seine Waren geben jedoch Auskunft über den wiederauflebenden Nationalismus in der ansonsten schönen und gemütlichen baltischen Stadt.

Aus dem Schaufenster der »Polish Design Patriotic Wear«-Ladens. Foto Jeffrey Arlo Brown
Aus dem Schaufenster der »Polish Design Patriotic Wear«-Ladens. Foto Jeffrey Arlo Brown

Wie viele andere polnische Theater ist das Gebäude des Teatr Wybrzeże in Danzig flach, schlicht und modern. Adam Orzechowski, ein kahlköpfiger Mann mit blauer Brille, hat hier schon seit 11 Spielzeiten die künstlerische Leitung inne. Sein Ensemble konzentriert sich auf Produktionen, die nicht oder zumindest nicht offenkundig politisch daherkommen, und hat die Unterstützung von lokalen Beamten, was bedeutet, dass er von den Umwälzungen in Breslau und Krakau weitgehend verschont geblieben ist. Trotzdem hat auch er sich mit hochrangigen PiS-Mitgliedern angelegt. Er erzählt, dass nach einem Stück, in dem von den Schauspielerinnen und Schauspielern einer Protestaktion inszeniert worden war (Shades of Mike Pence im Musical Hamilton), zwei Mitglieder der PiS aus dem Publikum beim Hinausgehen »Schande über euch!« riefen. Ein andermal fragte ihn der Vize-Kulturminister Sellin bei einem Treffen, ob er die Schauspielerinnen und Schauspieler irgendwie vom Protestieren abhalten könne. »Das kann ich nicht und das will ich auch nicht«, war Orzechowskis Antwort.

Auch der Druck, unter dem seine Kunst steht, ist gewachsen. Er erzählt von einem Stück, das auf einem Tagebuch aus der Zeit der Nazi-Herrschaft basiert und davon erzählt, wie sich unter dieser die Sprache verändert. Orzechowski hatte gehofft, mit diesem Stück politische »Katharsis« zu erfahren, indem er die gegenwärtige Regierung scharf anklagte, betrachtet sein Vorhaben im Nachhinein aber als gescheitert. Wir fragten uns, ob Orzechowski seine Ideen selbst zensiert, weil das Teatr Wybrzeże bisher noch nicht Ziel rechter Demonstrationen war. »Das ist eine schwierige Frage, weil man da ehrlich gegenüber sich selbst sein muss«, sagte er. »Theater macht man nicht ohne Schmerz. Aber wenn ich mich selbst belüge, frage ich mich immer sofort, warum. Ich mache das jetzt schon seit so vielen Jahren, dass es anders einfach nicht geht. Du musst ehrlich zu dir selbst sein.«

Michał Zadara, der polnisch-amerikanische Theaterregisseur, fasst seine Einschätzung der Gefahren, die der Kunstszene drohen, so zusammen: »Es haben sich Dinge geändert, aber nicht so, wie wir es vermutet hätten.« Es gab Momente echter Gefahr: Dem Dialog Festival in Breslau wurden ganz plötzlich öffentliche Gelder gestrichen, weil dort eine kontrovers diskutierte Produktion des Regisseurs Oliver Frljić auf dem Programm stand, bei der dem Papst ein Blowjob gegeben wurde; die PiS versucht, die Ausstellungen im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig nach ihrem Geschichtsverständnis umzumodeln; in Warschau gibt es große nationalistische Demonstrationen; polnische Konzentrationslager als solche zu bezeichnen steht neuerdings unter Strafe.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Das Dialog Festival konnte mit Hilfe privater Spenden das Programm wie geplant auf die Bühne bringen; Leidenschaftliche Gegnerinnen und Gegner der Zensur machen auf jeden Kontrollversuch aufmerksam; die Demokratie ist in Polen größtenteils noch intakt. »Es ist nicht so, dass aus heiterem Himmel plötzlich alles zensiert wird«, versichert uns Zadara. »Das kann nicht funktionieren.«

Ein stummer Protest nach der They-Produktion im September 2016. Foto © Natalia Kabanow
Ein stummer Protest nach der They-Produktion im September 2016. Foto © Natalia Kabanow

Was in diesem Augenblick auf dem Spiel steht, ist die Qualität der großen, renommierten und staatlich finanzierten öffentlichen Theater in Polen. Es gibt, wie Zadara betont, auch gute Argumente gegen eine öffentliche Förderung von Erbrochenem und Fäkalien oder Pornodarsteller_innen auf der Bühne. Also keine öffentlichen Gelder mehr für extrem provokative Kunst? »Ich bin nicht dafür, aber diese Forderung wäre nicht völlig absurd.« Das ist aber nicht die wirkliche Gefahr, die von der PiS ausgeht. Indem sie sich auf die provokativsten Elemente der Performances stürzt, bringt sie ihre Wähler dazu, neue Kunst grundsätzlich als etwas Gefährliches zu begreifen, sie mehr und mehr abzulehnen und ihr damit die Funktion als Forum für gesellschaftlichen Austausch zu entziehen.

Das bedeutet nicht, dass die polnische Theaterlandschaft sich nicht mehr mit anspruchsvollen, provokanten Werken auseinandersetzt. Am 7. März 2018 hatte ein neues Stück von Zadara mit dem Namen »Gerechtigkeit« Premiere. Darin geht es um die Bemühungen des Teams um Zadara, Nachforschungen über antisemitische Kampagnen und großangelegte Drangsalierungen und Entlassungswellen im Jahr 1968 anzustellen, für die bis heute niemand zur Verantwortung gezogen wurde. Zadara sammelte Beweise, fasste sie zusammen und legte sie einem Staatsanwalt vor. Er hofft, damit eine Verurteilung der für diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit Verantwortlichen erwirken zu können. »Seit seinen frühestens Anfängen beschäftigt sich das Theater mit der Idee der Gerechtigkeit«, erklärt er.

»Das Schlimmste daran ist, dass das erst der Anfang ist.« Wie die rechte polnische Regierung die Kunst einschläfern will in @vanmusik.

Auch wenn das Überleben solch radikaler, wichtiger Kunst in Polen in Gefahr zu sein scheint, lassen sich die Künstlerinnen und Künstler nicht einschüchtern. Sie machen mutige Kunst und sie haben das Publikum auf ihrer Seite. Als wir Ewelina Marciniak, die Regisseurin von Der Tod und das Mädchen fragen, ob sie während der Proteste gegen ihr Stück um ihre eigene Sicherheit fürchtete, verneint sie. Sie habe damals den ganzen Tag im Theater gearbeitet. Und überhaupt: »Ich hatte damals überhaupt keine Angst, weil ich frisch verliebt war.« ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com