Über einen Titel, der Scheinriesen schafft.

Text · Fotos NYPL (PUBLIC DOMAIN) · Datum 28.3.2018

»Die Lage ist ziemlich kompliziert, da Maestro selbst noch nicht in Breslau ist…«, stand in der E-Mail. Das Interview – allein dort hinzukommen hatte 10 Stunden im Polskibus gedauert (was in etwa 100 an anderen Orten verbrachten Stunden entspricht) – lief völlig aus dem Ruder. »Maestro«, Vorname Krzystof, Nachname Penderecki – schon die Bezeichnung suggeriert, dass es immer nur einen gab und niemals einen anderen wird geben können. Nicht einmal mehr der Maestro, man meint hier diese transzendente Figur »Exzellenz« der klassischen Musik – immer Maestro, niemals Maestra – der wie eine ominöse musikalische Grinsekatze sein Orchester jederzeit in seinen Bann schlägt und nach Belieben erscheint und verschwindet.

Inmitten der vielfältigen Versuche, klassische Musik zugänglicher, weniger patriarchalisch zu machen, sich selbst etwas weniger ernstzunehmen und sich auch mal ein Lächeln zu erlauben – wenn nicht sogar einen Witz – stößt man sich inzwischen an diesem überholten Begriff.

Schon in der Seinfeld-Episode Der Maestro von 1995 erschien es wie ein schlechter Scherz, wenn das Presseteam eines Komponisten ihn stets mit dieser Bezeichnung anspricht. Wie weit geht man da? Wenn ich Penderecki dieses Jahr eine Geburtstagskarte schicke, muss ich dann »an den Maestro« draufschreiben? Penderecki ist natürlich eine Größe in der klassischen Musikwelt des 20. Jahrhunderts, es wurde sogar ein Asteroid nach ihm benannt, aber wem nützt es, wenn man diesen Status jedes einzelne Mal bekräftigt, wenn man den Mann anspricht?

Doch die Bezeichnung »Maestro« kann niemanden täuschen. Wenn überhaupt, dann offenbart sie eine Art zerbrechliche Männlichkeit, die immer wieder aus dem Elixier der selbsternannten »Größe« schöpft, um den eigenen Status zu unterstreichen. Zumindest die Musikerinnen und Musiker fallen nicht darauf rein; ein Mitglied eines Orchesters scherzte, dass Penderecki nur aus dem Handgelenk dirigiert – eine Art virtuoser Pollici verso, dessen implizite Botschaft darin besteht, dass in der Hand eines Maestros genauso viel Kraft steckt, wie bei den meisten Dirigentinnen und Dirigenten im ganzen Körper. In endlosen Proben schrumpft Größe langsam zusammen. Dagegen spricht überhaupt nichts – Talent und Respekt, die Penderecki sich erarbeitet hat, müssen nicht mit dem Kultstatus einhergehen, in den man ihn wie auf einen Sockel erhoben hat. So etwas wie eine göttliche Berufung zum Midas oder Maestro gibt es nicht.

Der Maestro wird Sie jetzt empfangen. Über einen Titel, der Scheinriesen schafft in @vanmusik.

Dahinter steckt mehr als nur ein sitzengelassener Journalist, der im Winter durch Breslau wandert. Die Gemengelage ist komplex – vom PR-Schlagwort, über das man noch lachen kann, bis hin zu dem, was unser Autor Ben Miller als den »Interpreten-Kult« bezeichnete, der schließlich viele Menschen in unterschiedlichen kulturellen Institutionen dazu verleitete, die Augen vor den Taten von James Levine zu verschließen. Tatsächlich ist Levine ein perfektes Beispiel für den Maestro-Komplex (im psychologischen Sinne), denn ein solcher scheint ihn (oder seine Anwälte) zu plagen. Sogar die Gerichtsdokumente für die Klage, die er letzte Woche gegen die Met eingereicht hat, bezeichnen ihn als »Maestro Levine«, was die Frage aufwirft: Glaubt Levine wirklich, dass das Maestro-Präfix ihm vor Gericht weiterhilft? Die Antwort scheint ein verblendetes »Ja« zu sein. Es sollte doch keine große Überraschung für die Met sein, deren Vertrag mit Levine besagt, dass »kein anderer Dirigent ein höheres Gehalt pro Aufführung für eine Oper, die während der New Yorker Saison der Gesellschaft dirigiert wird, erhält als Mr. Levine, außer durch Vereinbarung zwischen der Gesellschaft und Mr. Levine.« Die vulgäre Folgerung daraus ist, dass ein Honorar von 700.000 Dollar pro Saison (Zahlungen pro Aufführung nicht mitgerechnet) dann plötzliche nicht ausreichen würde, wenn jemand anderes ein größeres Stück vom Kuchen abbekäme – wieder züchtet der Maestro seine Millionen-Dollar-Zerbrechlichkeit.

Dass wir nicht mit der Wimper zucken, wenn jemand als Maestro bezeichnet wird, zeugt von unserer pawlowschen Konditionierung zu vermeintlicher Exzellenz. Niemand wird per Selbstdefinition zum Maestro (außer vielleicht kürzlich Levine), der Status wird von anderen aufrechterhalten. Die Bezeichnung macht weiterhin die schmutzige Arbeit, schlechtes Benehmen zu entschuldigen, oder auch nur alle annehmen zu lassen, dass alles in Ordnung ist, dass wir kleinen Wesen uns gegenseitig aus dem Weg schubsen sollten, um uns in den Strahlen der selbstbejahenden Exzellenz zu sonnen. Es ist an der Zeit, sich nicht mehr mit diesem Begriff anzubiedern und stattdessen die Musik darüber entscheiden lassen, wen wir bewundern. ¶