Die Komponisten Karlheinz Stockhausen und Mark Andre haben wenig gemein, zumindest menschlich gesehen. Stockhausen war so arrogant, dass er während eines Vortrags in Darmstadt einem Studenten verbot, den Raum zu verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Andre ist unglaublich bescheiden. Er arbeitet regelmäßig in der Suppenküche seiner Kirche. Jedes Mal, wenn ich ihn interviewe, bedankt er sich im Gespräch überschwänglich für mein Interesse an seinem Werk. Jetzt stehen beide im Mittelpunkt des NOW! Festivals in Essen.
In einigen Werken der beiden gibt es allerdings überraschende Überschneidungen: Stockhausens 70-minütiges Inori (japanisch für »Anbetungen«) für Orchester mit einem oder zwei Solistinnen oder Solisten (1973–74) zeichnet sich durch eine geduldige Hingabe an sein musikalisches Material aus. Es entfaltet sich durch würdevolle Wiederholungen und erzeugt dabei fast beiläufig eine ganz eigene Sinnlichkeit. Andres 75-minütiges rhw für Chöre, Ensemble und Elektronik arbeitet mit ganz anderen Klängen. Während Stockhausen vorwiegend konventionelle Tonhöhen verwendet, arbeitet Andre mit Geräuschen und Tönen, die so leise sind, dass sie dem Ohr stets zu entgleiten drohen. Doch Inori und rhw teilen einen hingebungsvollen, meditativen und sogar obsessiven Umgang mit Klang.

