Mit CITES gegen die Holzbläser. Fast ein Possenstück.

Text und Fotos ·  Datum 22.2.2017

Ludwig Frank hat es auf dem umkämpften Oboen-Markt geschafft. Hat sich neben den vielen Manufakturen aus Frankreich durchsetzen können, obwohl die Oboe als französisches Instrument gilt und die Hersteller von dort ihre Instrumente in alle Welt verkaufen. Das macht Ludwig Frank aber auch, der in Berlin seine LF-Oboe und in Markneukirchen mit Partnern unter anderem die Mönnig-Fabrikate baut. Die Modelle, die er mit dem Solooboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, entwickelte, werden inzwischen in vielen großen Orchestern gespielt.

Ludwig Frank gönnt sich nach einem anstrengenden Jahr mit vollem Terminkalender, ein tickender Zeitdruck-Erzeuger im Smartphone-Format, und gut gefüllten Auftragsbüchern einen Winterurlaub in der Wärme, kommt zurück und wird eiskalt erwischt vom neuen Gesetz zum CITES-Abkommen, das zum Jahreswechsel EU-weit in Kraft getreten ist – ganz ohne Vorbereitung der betreffenden Branchen.

Ludwig Frank an seinem Arbeitsplatz
Ludwig Frank an seinem Arbeitsplatz

Ludwig Frank befürwortet CITES ausdrücklich. Schützt das Abkommen doch bedrohte Arten – er weiß genau um die Problematik der akuten Abholzung der Palisander-Bäume, die auch ihm das Holz für seine Instrumente schenken. Doch schon seit Jahren verwundert es ihn, dass Echtholzinstrumente zu Schleuderpreisen an Schüler über die Ladentheke gehen – woher kommt das Holz? Was hat es gekostet, wenn das fertige Instrument für wenige hundert Euro zu haben ist? Und doch hat noch keiner einen vollwertigen Ersatzbaustoff für diese Instrumente gefunden. »Hätten wir den, dann würde schon längst keiner mehr mit Grenadille (eine Unterart des Palisanders) bauen«, sagt er. Wie oft hat sich seine Firma in Markneukirchen an neuen Materialien wie Glas und Plastikverbundstoffen versucht.

Nun schiebt die Europäische Union einen Riegel vor derartige Billigprodukte aus dem Tiefen Osten. Gut so. Und Beifall von vielen Händen. Aber statt Kamelle bitt’re Pillen für Ludwig Frank und seine Kollegen. Das Gesetz wendet sich nun auch gegen diejenigen, die überhaupt mit dem Holz zu tun haben: Instrumenten- und Werkzeugbauer, auch Gitarrenbauer. Es zählt nicht, dass Ludwig Frank seit Jahren das erheblich teurere Tropenholz bei zertifizierten Händlern besorgt hat. Sein Holz ist auch keine Baumarkt-Ware, die man heute kauft und gleich in die Drechselbank zwingt. Sein Holz lagert, mindestens 12 Jahre. Vor allem in Markneukirchen. Und nun verlangt das neue Gesetz eine handschriftliche Buchführung über jede »Kandel«, ein Holzscheit von etwa 5 mal 5 mal 30 Zentimeter. Von solchen Kandeln lagern bei Frank um die fünfundsechzigtausend Stück. Und jetzt die Frage: Wann wurde das Stück des Palisanderbaumes gekauft, wann wurde es verarbeitet – zu was, an wen verkauft? Ludwig Frank fragt sarkastisch: »Wie soll bitte so ein Buch aussehen?« Er sieht schon seine Mitarbeiter keine Oboen und Klarinetten bauen, sondern auf Leitern die turmhohen Holzlagerbestände durchzählen und katalogisieren – und wehe eine Kandel ist falsch beschriftet. Und viele der alten Rechnungen sind gar nicht mehr im Bestand, weil die Vorhalte-Frist nicht solche Zeiträume umspannte – bis jetzt.

Blick in die Werkstatt
Blick in die Werkstatt

Außerdem verlangt nun die Behörde, dass es zu jedem Instrument eine Art Pass gibt – den haben die LF- und Mönnig-Oboen schon längst. Aber dieser Pass muss nun mit zwei bis drei Stempeln versehen werden. In Berlin muss ein Registrierungs-Stempel (»darf verkauft werden«) der Unteren Naturschutzbehörde prangen. Dann vergibt die Obere Naturschutzbehörde nach Prüfung der Unteren Naturschutzbehörde einen Stempel, der den Weg frei macht zum Bundesamt für Naturschutz in Bonn. Auch das prüft, ob die Stempel der Unteren wie der Oberen Behörde zurecht vergeben wurden, um selbst ein Siegel dazuzutun.

Ein Prozedere, das Monate in Anspruch nimmt. Jede der Behörden darf sich bis zu 6 Wochen Zeit nehmen. Ludwig Franks Wangen werden rot. Nicht vor Freude. Der aus dem Winterurlaub Zurückgekehrte hatte in seinen Firmen genaue Lieferverträge zu erfüllen. Die Produktion schaffte die Aufträge, doch nun liegen die Instrumente und warten auf die Stempelparade.

Einzelteile einer Klappenmechanik
Einzelteile einer Klappenmechanik

Seit Wochen nun kann er nicht ein einziges Instrument ins Ausland liefern. „Für einen Mittelständler, der ungefähr 30 Mitarbeiter hat, ist das zu überbrücken eine Kleinigkeit.« Ludwig Frank bleibt momentan nur noch Sarkasmus.

Es ist auch noch völlig unklar, welche Gebühren erhoben werden. In Sachsen liegen jetzt die Tabellen vor. Um die 20 Euro pro Vorgang – in diesen Landstrichen wird nur ein Stempel der Oberen Umweltbehörde für den Weg nach Bonn fällig. Von dort ist bisher noch kein Antrag zurückgekommen.

An der Drechselmaschine
An der Drechselmaschine

In Berlin gibt sich die Untere Umweltbehörde ob der Überforderung zickig. Sie erkennt das Antragsformular aus Sachsen nicht an, weil man eben in Berlin ist. Und: Herr Ludwig Frank solle doch erst einmal im Internet nachlesen und keine dummen Fragen am Telefon stellen – so die zuständige Dame vom Amt. Allerding ruhten seine Emails fünf Tage in den Postkästen der Behörde, ohne eine Lesebestätigung zu erhalten … – zügige Hilfe oder Unterstützung? Fehlanzeige.

Er soll den Gesamtwert der Instrumente angeben – nicht den des baren Holzes. Dass seine hochkarätigen Instrumente Silber- und Goldklappen-Gestänge umwinden, kann der Behörde nur recht sein. »Aber was hat das bitte mit dem Schutz des Holzes zu tun?« Mit dem Wert des Instrumentes, nicht mit dem Wert des Holzes wird hier nun findig hantiert. Zu Lasten Franks, der beim Verkauf der Instrumente diese Gebühren nicht einkalkulieren konnte. In Berlin rechnet er mit Gebühren von mehreren hundert Euro pro Instrument.

Wertvolle Oboe im Entstehen
Wertvolle Oboe im Entstehen

Und wohin gehen die Gebühren zur Ermittlung der Verkaufstauglichkeit der Hölzer? In die Palisandernachzucht im Botanischen Garten wohl nicht. Noch eine Posse hat Ludwig Frank im Ärmel. Ein Kunde aus Japan hatte im November 2016 eine Oboe seines Fabrikates erstanden. Um das Instrument persönlich anpassen zu lassen – ein völlig normaler Vorgang in Spitzenmusiker-Kreisen – sandte er das Instrument nach Berlin zurück. Hier lag es im Dezember für gut drei Wochen im Zoll. Danach konnte Ludwig Frank das Instrument auslösen und entsprechend bearbeiten. Inzwischen rollte die Jahresgrenze heran und nun braucht der Oboenbaumeister plötzlich Zertifikate, die ihm gestatten würden, das Instrument nach Japan zurückzuschicken. Er hat keine genauen Daten, von welchem Holzturm er die Kandeln zog, um seine LF-Oboe zu erbauen. Denn in den 2000er Jahren hatte noch keiner eine Ahnung davon, dass mauerdicke Buchhalterbücher von Nöten sein würden, die die Mitarbeiter, die eigentlich auf das Klappen feilen spezialisiert sind, nun mit spitzen Bleistiften hitzig erstellen.

»Einem Gebrauchtwarenhändler hier in Pankow wurden alle seine betagten Klarinettenbestände eingezogen, weil er keine ›Papiere‹ dafür hat.«, berichtet der Manufakturbesitzer. »Als ob sich in diesem Gewerbe lauter Kleinkriminelle verstecken würden.«

Noch im Dezember 2016 fand, wie Ludwig Frank von der Bundestagsabgeordneten Yvonne Magwas erfuhr, zwischen dem Bund und der Politik ein Treffen zu diesem Thema statt. »Doch die Gespräche sind gescheitert. Und trotzdem wurden die Gesetze in Kraft gesetzt. Die Behörden sollten nach Augenmaß entscheiden – so das große Versprechen.« Für ihn wirkt »Augenmaß« im Moment wie Bösartigkeit. Ludwig Frank kämpft gerade gegen blinde Windmühlen, nur ohne Rüstung und Speer. ¶