Der Komponist Sergej Newski über Zeitabläufe und Betriebsroutinen, die die Pandemie aus den Bahnen wirft, und was das für unser Kulturleben bedeutet.

Text · Illustrationen · Datum 16.9.2020

Alle, die komponieren, haben sich schon mal über Deadlines beklagt. Was wäre, fragt man sich, wenn in diesem konkreten Fall etwas mehr Zeit bliebe? Käme man nicht auf etwas komplett Anderes (oder Besseres), würde man die Schreib- und Betriebsroutine und deren Einschränkungen nicht dieses eine Mal außer Kraft setzen?

Manchmal werden die Träume wahr: Die Pandemie kam und alles, was vorher im Musikleben Routine hieß, wurde abgeschafft. Zuerst schien vieles vorhersehbar: Wir kennen die Dramaturgie des Verderbens aus Katastrophenfilmen und Büchern wie Camus’ Pest: Das Elend kommt, wächst und ebbt irgendwann ab – eine klassische Wellenbewegung. Die Welt bleibt aber, so dachten wir, synchron, einig in ihrer Einstellung gegenüber der Katastrophe und in der Praxis ihrer Bekämpfung.

Aber plötzlich wurde klar, dass diese neue Katastrophe keiner linearen Entwicklung folgte. Zuerst hieß es: Man braucht den Lockdown, flatten the curve. Dann stellte sich heraus, dass sich das Geschehen mehrdimensionaler abspielte, dass mehrere Kurven mit jeweils völlig eigenen Dynamiken im Spiel waren: der Zustand der Gesundheitssysteme, regionale Bedingungen. Auch — und das hat die Pandemie erst klar gemacht – gibt es innerhalb der sogenannten »westlichen Welt« völlig verschiedenen Auffassungen über den Wert von Kultur für Gesellschaften. Und während in ganz Deutschland Freelancer und in einigen Bundesländern auch gerade Künstler:innen gezielt finanziell unterstützt wurden und ab dem Spätsommer der Konzertbetrieb – langsam und zögernd – wieder Fahrt aufnahm, wurden in den USA und Großbritannien viele Opernorchester entlassen und komplette Saisons und Festivals gestrichen. Die globale Klassikwelt existierte plötzlich nicht mehr. Aber auch in der individuellen Planung gerieten die gewohnten Zeitabläufe durcheinander: Ein berühmter Opernregisseur erzählte mir, dass eine für den Frühling 2020 geplante Inszenierung auf 2025 verschoben wurde, während die Planungen für 2021 unverändert blieben. So kann es passieren, dass man, wenn man heute Wagners Ring an einem großen deutschen Opernhaus inszeniert, damit leben muss, dass er mit der Walküre statt mit dem Rheingold beginnt. Auch in den alltäglichen Details wurden die einheitlichen Standards in tausende lokale Denk- und Handlungsweisen gespalten. Diese Splitterung konnte bis ins Absurde führen: So nahm ich am 30. Juli einen Zug von Wien nach Berlin. In Österreich musste jeder Fahrgast eine Maske tragen, in Tschechien wurden die Masken entsprechend der Landesregelung abgesetzt und nach fünf Stunden Fahrt kam Deutschland und damit wieder die Maskenpflicht.

Was wir heute erleben, könnte man als totale Asynchronität beschreiben. Und auch totale Unsicherheit, die auf einem Ausnahmezustand basiert, der alle bisherigen Regeln außer Kraft setzt. Wie beeinflusst das das Leben eines Komponisten? Man hat (wenn man Glück hat) Aufträge und sogar Deadlines. Nur die Premieren fallen aus. Das berüchtigte Fließband arbeitet weiter, nur die Produktion staut sich an seinem Ende. Ist das Schreiben jetzt anders, wenn man das Ergebnis des Geschriebenen nicht sofort hören kann? Wird man langsamer, stellt man mehr infrage?

Die Komponistin Sarah Nemtsov schreibt auf Facebook über dieses neue Gefühl: Since February I wrote two orchestra pieces (quite different from another) and 3-4 ensemble/chamber music pieces that could not be performed, I could not hear, all premieres canceled due to the pandemic. When I am now about to start a new composition I am feeling a bit like in a tunnel, not sure where I am. Probably I should just forget about everything I wrote – and probably this is a good way to start a new piece, anyway.

[Seit Februar habe ich zwei (sehr unterschiedliche) Stücke für Orchester geschrieben und 3–4 Ensemble-/Kammermusiken, die nicht aufgeführt werden konnten, die ich nicht hören konnte, weil wegen der Pandemie alle Uraufführungen abgesagt wurden. Wenn ich jetzt mit einer neuen Komposition anfange, fühle ich mich ein bisschen wie in einem Tunnel, nicht sicher, wo ich eigentlich stehe. Wahrscheinlich sollte ich einfach alles vergessen, was ich bisher geschrieben habe – was möglicherweise eh ein guter Ausgangspunkt für ein neues Stück ist.]

Dieses (sonst ungewohnte) Arbeiten für die Schublade verändert das Gefühl für Details.

Ich weiß aber nicht, ob dadurch die grundlegenden Begriffe wie »Werk« oder »Komponieren« aus dem Gleichgewicht gebracht werden, dafür bleiben die imaginären Abgabetermine zu präsent. Grob gesagt: Die Katastrophe, die wir (im gesegneten Mitteleuropa) erlebt haben, war zum Glück nicht katastrophal genug, um uns zu zwingen, unsere ganze Einstellung zur Kunst zu ändern, und das ist vielleicht auch gut so.

Die Abwesenheit des realen Konzertlebens hat auch unsere Wahrnehmung vom Archiv verändert. Weil es einfach keine neuen Ereignisse oder Premieren gab, bestand unser Kunstkonsum plötzlich (fast) ausschließlich aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die ganze Kultur war mit einem Schlag Vergangenheit – und das war neu. Fast jede:r gab sich am Anfang des Lockdowns ein Neujahrsversprechen, endlich die Bücher zu lesen, für die man sonst keine Zeit hat, vielleicht eine neue Sprache zu lernen oder mindestens einige Operninszenierungen und Konzerte anzusehen, die en masse online angeboten wurden. Diese Versprechen wurden zuerst auch eingehalten, doch je länger der Lockdown dauerte, je ungewisser es wurde, wann (und ob) das »normale« Konzertleben wieder beginnt, desto mehr hat sich das Gefühl des Aus-der-Zeit-gerissen-Seins zu einer neuen Routine entwickelt. Man stellte sich auf die neue Langsamkeit ein. Mich hat diese allgemeine Entschleunigung überraschend zu einem neuen Verständnis einer komplexen Nachkriegsavantgarde gebracht, die in einer Zeit entstand, in der die Aufmerksamkeitsspanne noch ein bisschen länger war. Ich konnte wieder späten Nono hören, als gäbe es kein Internet und für diese (und andere ähnlichen Erfahrungen) bin ich der Pandemie sogar etwas dankbar.

Ich hatte in den Frühlingsmonaten auch ein seltenes Glück, zwar über ZOOM, aber mit echten lebendigen Musiker:innen zu arbeiten. Das Pariser New Gates Trio hat über 70 Komponist:innen damit beauftragt, kurze »Soundpostkarten« von etwa einer Minute Dauer zu schreiben, die ihr Lebensgefühl in Zeiten des Lockdowns ausdrücken sollten. Dann folgte eine ZOOM-Probe und am Ende ein Youtube-Konzert (und in manchen Fällen wie meinem sogar eine Live-Aufführung). Was mir dabei klar wurde:

  1. Das Komponieren ist nach wie vor ein sozialer Beruf. Die Interaktion zwischen den Musiker:innen und Autor:innen und die Präzisionsarbeit bei den Proben ist durch nichts zu ersetzen.
  2. Alle digitalen Formate, die eine Live-Aufführung simulieren sollen, bleiben Wunschdenken, alles wird – auch bei den durchs Netz geisternden Videos großer Orchester, die online und angeblich synchron mit den Musiker:innen in verschiedenen Länder eine Beethoven-Symphonie spielen –  Spur für Spur mit Referenztrack aufgenommen und dann sorgfältig zusammengemixt.
  3. Proben per Zoom stößt schnell an seine Grenzen, man kann sich sogar in der Einschätzung der Lautstärke irren, – unsere Wahrnehmung ist so sehr von der Qualität des Aufnahmegeräts am anderen Ende der Leitung beeinflussbar. Nichtsdestotrotz – hier das Ergebnis und eine Pariser Postkarte, inspiriert durch die Fotos des verlassenen Pariser S-Bahn-Rings, einer Ruine der Industriellen Revolution und des Fortschrittsglaubens.

Die Pandemie hat außerdem deutlich gemacht, dass auch digitale Utopien ihre Grenzen haben. Man hätte eigentlich eine Explosion der digitalen und interaktiven musikalischen Formate erwartet – sie blieb aus. Man dachte: Jetzt wird der Online-Unterricht zur Norm und die bis dato elitäre Ausbildung für alle zugänglich. Doch anstatt Barrieren abzubauen, mussten ausländische Studierende und Lehrende an den US-Eliteunis einige Monaten mit der Angst leben, des Landes verwiesen zu werden, gerade nachdem der Unterricht für das Schuljahr 20/21 komplett ins Netz verlagert worden war. Die unzähligen Online-Übertragungen von Konzerten und Opern haben zuerst eine Euphorie ausgelöst, aber schon ab Ende Mai haben Kritiker:innen und Musikliebhaber:innen eher gereizt reagiert, wenn man für eine neue Opernübertragung auf Facebook geschwärmt hat. Ab Juli posteten die gleichen Kritiker:innen zunehmend Bilder von Pilzen, einsamen Felsen und Nordseebädern.

Auch im alltäglichen Leben konnte sich die digitale Utopie schnell zur Dystopie entwickeln. Es wurde gerade in dem Ausnahmezustand der Pandemie überdeutlich, dass, je effektiver ein Staat seine Dienstleistungen digitalisiert, er umso mehr Möglichkeiten hat, in die Freiheiten der Menschen einzugreifen und diese einzuschränken. Ich hatte während des Lockdowns das spezielle Vergnügen, gleichzeitig in Russland einen neuen Reisepass und in Deutschland einen EAT (elektronischen Aufenthaltstitel) zu beantragen. Im volldigitalisierten Russland brauchte ich Anfang März neun Tage (inklusive der Online-Antragstellung, Foto- und Abholtermin), um den neuen biometrischen Reisepass zu bekommen. In Deutschland dagegen dauerte die Herstellung des langersehntes Kärtchens – vom Online-Brief (einen Termin auf gewöhnlichem Weg zu beantragen, war nicht möglich) bis zur Postsendung – genau acht Wochen. Zugleich kann man diese nette deutsche Langsamkeit und Gründlichkeit, an die ich mich mit den Jahren gewöhnt habe, auch als letztes Bollwerk des Humanismus sehen. In Moskau ist es ab dem 1. Oktober möglich, in der U-Bahn per Gesichtserkennung zu bezahlen, man wird per Kamera identifiziert und der Betrag wird automatisch von der Kreditkarte abgebucht. In Deutschland dagegen ist man oft einem Fahrkartenautomaten ausgeliefert, der nur Münzen annimmt und um den zu verstehen man mindestens vier Semester Phänomenologie an der Humboldt-Universität belegt haben muss. Die Hauptfrage lautet aber: Will man in einem Staat leben, in dem ein Roboter oder die Polizei entscheidet, ob man die Straßenbahn betreten darf? Da ist man vom chinesischen Social Rating System nur einen Schritt entfernt. Will man in einem Staat leben, in dem eine Gesichtserkennungskamera – wie es in diesem Frühling in Moskau oft der Fall war – einem automatisch eine Geldstrafe ausstellt, wenn man während der Hausquarantäne den Müll rausträgt oder unangemeldet mit dem eigenen Auto durch die Stadt fährt? April und Mai habe ich in Moskau verbracht. Dort gab es während des ganzen Lockdowns einen perfekten Lieferservice – die zahllosen Kurier:innen brachten alles binnen einer Stunde, mit unglaublicher Pünktlichkeit – nur wenige fragten aber, ob für diese Kurier:innen irgendein Arbeits- oder Gesundheitsschutz gelte. In den Zeiten des Ausnahmezustandes trägt das Delegieren der Entscheidungen an die Technologien zur Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze bei. Ist es überhaupt möglich, die Fortschreitung der digitalen Technologien von neoliberalem, bzw. totalitärem Denken zu trennen? Ich hatte immer davon geträumt, dass wir irgendwann mit einer Kombination aus der deutschen Demokratie und dem damit verbundenen Recht auf Zweifel und Vielfalt und dem perfekten volldigitalen Moskauer Service leben würden. Ich zweifle aber immer mehr daran, dass so eine Koexistenz möglich ist.

Ich war bei einem der ersten öffentlichen Konzerte, das wieder stattfand: das Ensemble Mosaik am 1. August im Acker Stadt Palast in Berlin. 20 Personen durften zuhören. Manche trugen Maske, manche nicht. Es war ein sehr schönes, rührendes Ereignis. Die Musik von Stefan Prins oder Anton Wassiljew war volldigital – jede:r Musiker:in bediente mindestens einen MIDI-Kontroller, – die Lauschenden aber endlich wieder physisch präsent im Raum, und man hatte das Gefühl, dass die Musik uns, das Publikum, doch braucht, um zu leben, dass das Einmalige, das Unperfekte der Konzertsituation zu dem wichtigsten essenziellen Bestandteilen der Musik gehört. Danach kamen die anderen Konzerte, mehr und mehr. Die Pilze und die Felsen auf den Facebook-Seiten der Musikkritiker:innen wichen langsam Bildern halbleerer oder halbvoller – abhängig von der Einstellung der jeweiligen Kritiker:innen – Konzertsäle. Die Airport-Check-Ins, die bei Facebook immer schon am meisten nervten, wurden plötzlich zu etwas, das man gerne las.

Sergej Newski über Zeitabläufe und Betriebsroutinen, die die Pandemie aus den Bahnen wirft, und was das für unser Kulturleben bedeutet. In @vanmusik.

Während ich dies schreibe, verändert sich die Welt, wird wieder schneller. Die Deadlines werden wieder real, auch für diesen Text. An die Stelle der pandemiebedingten Langsamkeit tritt die neue Doppelnormalität, in der mehrere Lebensweisen und mehrere Geschwindigkeiten gleichzeitig existieren, in der die Pandemie zwar noch vorhanden ist, aber von der Welt zunehmend ignoriert wird. Man lebt mit den Einschränkungen, die Reisebedingungen verändern sich permanent. Vielleicht wird dieses Flüssige, Unbestimmte, diese Unmöglichkeit, länger als für ein Jahr zu planen, zu unserem neuen Normalzustand. Und keiner merkt, dass es eigentlich immer noch der Ausnahmezustand ist. In Camus’ Pest schreibt einer der Helden, Grand, einen Roman, kommt aber über den ersten Satz nicht hinaus, die allgemeine Entschleunigung, die während der Epidemie entsteht, treibt seinen Perfektionismus ins Unermessliche, wird zum Sog und hindert ihn schließlich am Schreiben. Grand überlebt die Pest, sein Roman bleibt auf der Strecke. Wir müssen beides schaffen – schreiben und überleben. ¶