Vor einiger Zeit hatte der in Duisburg lebende Pianist, Komponist und Arrangeur Kai Schumacher die Idee, Schubert-Lieder neu zu interpretieren. Dafür kam ihm der bekannte Singer-Songwriter Gisbert zu Knyphausen in den Sinn. Es entstand das Projekt »Lass irre Hunde heulen. Gisbert singt Schubert« mit Gisbert zu Knyphausen (Gesang, Gitarre, Klavier und Arrangements), Kai Schumacher (Idee, Klavier, Synthesizer und Arrangements), Quart.essence (Önder Baloglu, Violine, Bianca Adamek, Violine, Ainis Kasperavicius, Viola, Diego Hernandez, Violoncello), Sebastian Deufel (Drums, Percussion und Arrangements), Michael Flury (Posaune, Glockenspiel und Arrangements), Marcus Schneider (E-Gitarre), Felix Weigt (Bass). Die atmosphärische Bebilderung – man sieht Hände, Körperfarben, Spielkarten – auf fünf großen Projektionsflächen kam vom Projekt »Warped Type« (Andreas Huck und Roland Nebe, Live-Visuals).
Knyphausen und Schumacher haben sich einzelne Lieder Schuberts rausgesucht, neu arrangiert und mit fünf eigenen Liedern Knyphausens sowie dem Variationssatz aus Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen kombiniert. Jedes Lied wurde dabei völlig individuell neu gedacht, angefangen von dem angekratzten Gute Nacht (Arrangement von Sebastian Deufel und Knyphausen) aus der Winterreise bis hin zum letzten Stück dieses Liederkreises, dem Leiermann (Arrangement von Kai Schumacher), das einsam mit einem doppelgriffigen Kontrabass-Pizzicato-Solo anhebt. Wenn Knyphausen mit seiner ganz eigenen – aufgerauten, beteiligten, leicht endzeitlich ausgedünnten – Stimme vom Mädchen singt, das ›von Liebe sprach‹ und der Mutter, die ›gar von Eh’‹ ausging, dann ist eine textliche Disparatheit zu befürchten, die den Unterschied von poetisch-pathetischer Sprache des frühen 19. Jahrhunderts und moderner Singer-Songwriter-Textlichkeit des frühen 21. Jahrhunderts unvereinbar nebeneinander stehen lässt. Doch gerade die authentische Wiedergabe Knyphausens von noch so ›fremden‹ Text-Versatzstücken – etwa: ›In den stillen Hain hernieder, Liebchen, komm zu mir!‹ in Schuberts kitschverdächtigem Ständchen – vermittelt eine berührende Ernsthaftigkeit und amouröse Nicht-Zeitgebundenheit der Lyrics, die an dem Abend einfach schlicht: funktioniert. Die Lieder sind sehr unterschiedlich arrangiert, mal gibt es einkomponierte Ausraster, mal Verkürzungen, mal Zwischenspiele, mal einen breiten Sound, zu dem alle Beteiligten beitragen. ›Du bist die Ruh‹ singt Knyphausen sich selbst begleitend am Klavier. Kein Arrangement. Nur Schuberts schönstes Lied – und ein Singer-Songwriter, der Emotionen glaubhaft in eine klassische Komposition hineinlegt. Man fragt sich, warum die arbeitsteilige Trennung von Pianist:in und Sänger:in im Themenfeld ›Lied‹ bis heute nie ernsthaft hinterfragt wird…Das Konzert hätte bereits im März 2020 in der Mercatorhalle Duisburg, in der Schumacher seine Reihe ›Kai & Friends‹ initiiert, auf die Bühne kommen sollen. Die bekannte Pandemie verhinderte die Live-Realisation zunächst. So wurde die Premiere auf den 9. September 2020 verschoben. Arno Lücker ist aus diesem Anlass nach Duisburg gefahren, besuchte das erste Konzert des Abends (aufgrund der Zugangsbeschränkungen wurde das Konzert zweimal am selben Tag veranstaltet) – und traf am Vormittag darauf beide Künstler zum Interview in der in Business-Grau gehaltenen Lobby des IC-Hotels neben dem Hauptbahnhof Duisburg.Knyphausen gibt eine Runde schwarzen Kaffee aus. Wir sind erfreut über die Stärke und Schwärze des Getränks. Es ist viel zu warm in der Lobby. Egal. Der Sommer soll noch einmal wiederkommen. Die Eltern beider Künstler waren am Abend zuvor ebenfalls beim Konzert. Allen hat’s gefallen.
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