Den Kirchen in Europa laufen die Gläubigen weg, Statistiken belegen es Jahr für Jahr. Um diesen Trend aufzuhalten, überlegen sich Katholiken und Protestanten in Deutschland viel. Vor allen Dingen wichtig scheint dabei: dass der Gottesdienst oder die Messe frisch, jung, zeitgemäß und zugänglich sein soll. Denn, so glaubt man, die tradierten sprachlichen und musikalischen Formen schrecken die Leute ab. Das soll verhindert, Abholung dagegen ermöglicht werden. Dieser Modernisierungswahn hat seit einigen Jahrzehnten auch die Kirchenmusik ergriffen. Sie wurde popularisiert, in der Hoffnung, dass einfache Texte und simpelste Melodien die Gläubigen irgendwie in der Kirche halten können. Doch ich frage mich: Ist auch nur ein Christ weniger ausgetreten, weil er sonntags statt mit einer Orgelimprovisation mit einem E-Gitarrensolo beglückt wurde?

Die westliche Musik kommt aus der Kirche, sakrale Hymnen, Choräle und Messvertonungen existierten Jahrhunderte bevor beispielsweise die Oper in Italien das Licht der Welt erblickte. Immer schon gab es auch Streit um die Kirchenmusik: Was war ihre Aufgabe, wer durfte in Kirchen musizieren und zu welchem Zweck? Welche Verzierungen waren erlaubt, wie hatte die Stimmführung zu sein – gab es böse Intervalle? Was hatte Vorrang: der Ton oder das Wort? Päpste, Luther und Konzilien haben sich diesen Fragen hingebungsvoll gewidmet. Alle paar Jahrzehnte traten Genies auf den Plan, die irgendeine revolutionäre musikalische Veränderung durchfochten und einmal, von 1685 bis 1750, lebte ein Komponist, der alle kirchenmusikalischen Formen ihrem Höhepunkt zuführte. Das war Johann Sebastian Bach, der seine Kompositionen mit s.d.g., mit soli deo gloria unterzeichnete. Nur zur Ehre Gottes also sollte die musica sacra erklingen. Ist das denn heute noch so?

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Bevor man ernsthaft überlegen kann, was man von der Kirchenmusik will, muss man entscheiden, was man überhaupt von diesem Ort namens Kirche will. Das ist die Prämisse. Immer wieder geben verantwortliche Kirchenmänner und -frauen wie Pastoralforscher Interviews, in denen sie die größtmögliche Zugänglichkeit der Kirchen fordern. Man soll seinen Alltag möglichst gar nicht verlassen müssen, wenn man ein Kirchengebäude betritt, man soll eben abgeholt werden und zwar genau da, wo man steht. Dabei zeichnet eine Kirche doch gerade ihre Andersartigkeit aus. Draußen ist das Profane, die Stadt oder das Dorf mit dem üblichen Gewese, dem Stress, den Verpflichtungen und Notwendigkeiten. Aber drinnen ist das Sakrale. Und wer in eine Kirche tritt, der sucht doch genau das. Einen anderen Geruch, eine erhabene Atmosphäre, eine Nähe zum Göttlichen, zur Kunst mit ihren Altären und Statuen und Bildern. Und wer Platz nimmt, verfällt oft in eine Art Andacht, schon aus Zwang heraus, weil in Kirchen eben nicht viel gesprochen wird. Stattdessen hört man zu.

Hat man sich für die Kirche als einen gänzlich anderen, irgendwie heiligen Ort entschieden, dann wird man zugestehen, dass ein solcher Ort auch eine spezielle Musik und dazugehörige Instrumente braucht. Will man, dass zwischen einer Vorstadtgarage und einem Kirchenschiff kein Unterschied besteht, kann man auch die Band, die in der Vorstadtgarage übt, in die Kirche stellen. Genau das wurde bei jeder Firmungsfeier zwischen München und Trier in den letzten Jahrzehnten gemacht. Keyboards klimperten, Drumsets schepperten und dazu ertönte, Gott sei es geklagt, das sogenannte neue geistliche Liedgut (NGL). Bekanntestes Beispiel für dieses Genre, das Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam, ist der Titel Danke für diesen guten Morgen. Mit 15 fanden wir katholischen Firmlinge die Strophe:

Danke für meine Arbeitsstelle,
Danke für jedes kleine Glück.
Danke für alles Schöne, Helle und für die Musik.

schon stark persiflierfähig und erfanden weitere Verse à la: »Danke für meine Zimmerpflanzen, danke für meine Couchgarnitur.« Das war auch bei Protestanten ein beliebtes Spiel. Sogar das WDR-Fernsehen verspottete den Song mal, blendete in einem Beitrag zu der Zeile »Danke auch für das kleine Helle« ein Bierglas ein. Das Lied steigert sich im Danken bis zum ultimativen Zirkelschluss: »Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.«

Wie in diesem Beispiel zeichnet sich das neue geistliche Lied generell vor allem dadurch aus, dass es den christlichen Glauben so simpel darstellt, wie er eben nicht ist. Es wird viel gedankt und gelobt und gepriesen; von Passion, Sterben, Tod und Verzweiflung ist im NGL eher selten die Rede. Dabei verhält es sich doch so, wie Paulus im Römerbrief schreibt: »Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?«

Wenn man Vulgarisierungen des Glaubens und seiner musikalischen Darstellung ablehnt, wenn man also argumentiert, dass die Kirche ein anderer Ort ist und mit dem durchschnittlichen Alltag der Kirchenbesucher nichts zu tun haben soll, dann muss man zu einem Verfechter der Orgel werden. Die Orgel findet sich – heute jedenfalls – fast exklusiv in Kirchen und wenn sie erklingt, entstehen im Hörer automatisch religiöse Gefühle oder zumindest Reste von religiösen Gefühlen, ein Sinn für das Erhabene stellt sich ein, den diese komplizierten Pfeifenmaschinen wie kein anderes Instrument zu wecken wissen. Diese Eigenschaft der Orgel ist es auch, die auf den edelsten Zweck der Kirchenmusik hinweist: Sie soll, wenn irgend möglich, ein Gotteserlebnis herstellen. Sie soll den Blick nach oben ziehen, sie soll die unverständlichen Mysterien des christlichen Glaubens durch musikalische Schönheit sichtbar machen. Wie Bach schrieb: Sie soll der Gemütsergötzung dienen.

Nun ist keinesfalls sicher, dass es einen Gott gibt. Wer aber einer Kirche betritt, wird sich wenigstens die Möglichkeit offenlassen, dass es so sein könnte. In dieses Vielleicht tritt die Kirchenmusik ein. Ein transzendentes Erlebnis, eine Begegnung der dritten Art herzustellen, dafür ist die Musik viel berufener als das Wort, da es ihr oft genug gelingt, das kritische Bewusstsein links und rechts gleichzeitig zu überholen und direkt auf das Herz zu zielen, oder, christlich gesprochen, auf die Seele.

Über Gegenwart und Zukunft der Kirchenmusik hat sich der Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther in seinem jüngsten Buch Der Sound Gottes viele Gedanken gemacht. Er diagnostiziert, dass die aktuelle geistliche Musik ein Gotteserlebnis nicht mal mehr anstrebt. In Wacken, so Bayreuther, lässt sich durch das überwältigende Element von Heavy Metal noch eher ein metaphysisches Erlebnis machen, als in einem deutschen Dom. Gute Zensuren bekommt von ihm aber die sogenannte Lobpreismusik. Die wird zum Beispiel im hippen Augsburger Gebetshaus 24/7 gepflegt. Meist handelt es sich um Keyboardflächen, die halluzinogen schweben und immer lauter werden, der Text ist stets eingängig (»Jesus, I love you« oder »Jesus in mir«) und wiederholt sich. 

Das Ergebnis dieser Musik ist sowas wie eine Meditation auf Steroiden. Gewöhnungsbedürftig, wenn man vom deutschen Kirchenlied des 19. Jahrhunderts her kommt, aber für unzählige junge Christen funktioniert dieses Genre gut, sie fühlen sich in der Masse der Singenden aufgehoben und geraten in eine religiöse Trance. Pioniere auf diesem Gebiet waren die Mönche im französischen Taizé, die seit Jahrzehnten viele tausend christliche Jugendliche jedes Jahr zu Ferienfreizeiten anziehen. Der bekannteste Song aus Taizé pendelt nur von Tonika zu Dominante und wieder zurück, dazu wiederholt man n-Male den Satz: Laudate omnes gentes, / laudate Dominum.

Wie eine Kirchenmusik der Zukunft aussehen könnte, mit Niveau und Mut, das weiß der Musikwissenschaftler Bayreuther nicht, so gesteht er es in seinem Buch ehrlich ein – und eigentlich weiß es sonst ja auch niemand. Insofern ist die Kirchenmusik aber auch in keiner anderen Krise als die weltliche klassische Musik, wo man nach diversen avantgardistischen Experimenten auch keine Vorstellung davon hat, wie es publikumswirksam weitergehen könnte. Dass es ein Bedürfnis nach Gott in der Musik gibt, belegen die Streamingzahlen populär-christlicher Bands. In Deutschland erfolgreich sind Die Priester mit ihren Interpretationen geistlicher Klassiker, darunter auch aufgemotzte gregorianische Choräle. Völlig unerwartet kam im letzten Herbst der US-amerikanische Hitparadenerfolg deutscher Seminaristen: Die Priesteranwärter der konservativen Petrusbruderschaft erreichten Platz eins in der Klassiksparte der Billboardcharts mit ihrem Album: Sancta Nox – Christmas Matins from Bavaria. Die meisten Titel der Platte sind meditative gregorianische Stücke. Nach dem Erfolg befragt, erklärte ein Sänger der Gruppe in einer amerikanischen Zeitung: »Die Einzigartigkeit dieser Aufnahmen besteht darin, dass wir sehr junge Sänger sind, die sehr alte und ehrwürdige Musik singen. Das Durchschnittsalter unserer Gruppe ist 25 und das Durchschnittsalter der Musik, die wir singen, vermutlich 800.«

In der Kirche will Christina Rietz dem Alltäglichen entfliehen. Aber was passiert, wenn die Kirchenmusik versucht, sie genau in diesem Alltag abzuholen? Ein Kommentar in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Der Erfolg der Seminaristen zeigt: Man kann dem Publikum, dem verweltlichten, durchaus etwas zumuten. Man kann auf Latein singen, mehrstimmig, unbegleitet. Die Stimmung transportiert sich schon. Man braucht kein Drumset, man braucht keine E-Gitarre. Man kann an den Intellekt der Hörer glauben und sollte ihren Wunsch, in der Kirche eine fremde, neue, andere Erfahrung machen zu wollen, ernstnehmen. Niemand ist gern unterfordert, auch in der Kirchenbank nicht. Bevor also dermaleinst ein neuer kirchenmusikalischer Revolutionär auftritt, der alles erneuern wird, ist es keine Schande, sich an die alten Revolutionäre zu halten. Am letzten Karfreitag, in einer katholischen Kirche in Berlin, erklangen – vorgetragen von einem intonatorisch eher schwankenden Kirchenchor – verschiedene Strophen des Passionschorals O Haupt voll Blut und Wunden im Satz von Johann Sebastian Bach. Die Orgel musste karfreitagsbedingt schweigen. Die aus dem Evangelium vorgelesene, düstere und blutige Leidensgeschichte Christi wurde nur hin und wieder durch die gesungenen Bach-Strophen unterbrochen:

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Ein vierstimmiger Satz und frühneuhochdeutsche Sprache, sowas holt keinen mehr im Alltag ab. Dennoch und eben genau deshalb versanken quer durch die Bänke die Messbesucher in einer traurigen Kontemplation. Manche weinten.

Vielleicht hatte der eine oder andere ein Gotteserlebnis. ¶

Christina Rietz

... arbeitet als Redakteurin bei der Religionsbeilage der ZEIT, Christ & Welt. Ausgebildet wurde sie an der Henri-Nannen-Schule. Falls es mit dem Geigenspiel nicht klappt, möchte sie auf Oboe umsteigen.