In diesem Jahr keine Tenöre. Für Dominique Meyer, Noch-Intendant der Scala di Milano und Jurypräsident des ›Neue Stimmen‹-Wettbewerbs in Gütersloh, ist das kein Drama, kein weiteres Menetekel für eine Krise des Operngesangs. Es sei doch wie mit den Pilzen, in einem Jahr gäbe es eben mehr Steinpilze, im anderen Pfifferlinge. Und dies war eben das Jahr der amerikanischen Baritone, lässige Typen, auch wenn am Ende ein Spanier den ersten Preis holte, neben einer polnischen Sopranistin, die mit den magischen Vokalisen in Roxanes Lied aus Karol Szymanowskis Król Roger das Fach- und Amateurpublikum in der nüchternen Stadthalle der nüchternen Stadt Gütersloh verzauberte. Ein Rampentiger und eine ganz in sich und die Musik versunken wirkende junge Frau; da wurde ein Gegensatzpaar gekürt. Es war der zwanzigste Wettbewerb, und (Transparenzhinweis:) womöglich mein zehnter als Moderator. Ich freue mich aber immer noch, zwischendurch ein bisschen zu erzählen, worum es in diesen zu Gesangswettbewerbszwecken ausgekoppelten Arien denn gehen könnte, außer um schöne Töne. Dass da in historisch-ästhetischem Sauseschritt Verdi auf Händel, Mozart auf Szymanowski folgt, hat übrigens auch seinen Reiz, manchmal ergeben sich ganz ungeahnte Korrespondenzen, wenn es zweimal hintereinander um Rache, Liebesverrat, Todessehnsucht oder Eifersucht, um Verblendung oder Erkenntnis geht, aber je ganz anders.

Dass der Neue Stimmen-Wettbewerb einigen Aufwand treibt und sich weltweite Auditions leistet, um die Young Talents in München und New York, in Jerewan, Paris, Kapstadt und anderswo aufzuspüren, aus über tausend Bewerbungen dann vierzig oder mehr Sängerinnen und Sänger nach Gütersloh holt, um sie dort coachen und beraten zu lassen, ist der Grund, warum hier tatsächlich alle zwei Jahre neue Stimmen entdeckt werden, und manchmal wurde schon ein Stern geboren. Wer, um mit Meyer zu sprechen, Pilze sammeln will, muss eben in die Pilze gehen. 

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Was einen, angesichts der bei aller Freundlichkeit am Ende doch harten Ausleseverfahren und den real oft prekären Beschäftigungsverhältnissen für Sängerinnen und Sänger rühren kann: Die Leidenschaft, mit der diese divers zusammengekommene Truppe sich der alten Kunst des Operngesangs widmet. Die Hingabe, sich das Vokabular, die Syntax und Grammatik einer fernen Sprache anzueignen, historisch fern oder auch kulturell, sich gegen alle bestimmt vorhandenen Vernunftgründe für diesen verrückten Beruf zu entscheiden. Manche haben den Plan B, andere nicht. Jedenfalls gibt es leichtere Lebenswege als die von Opernsängern.

Keine Verklärung: Bei Neue Stimmen wird die Oper nicht neu erfunden, und auch wenn es diesmal einen Blick in die mögliche virtual reality des musikalischen Theaters gab: Hier steht, wie der Name schon sagt, die Stimme im Fokus. Auch verstellt der Blick auf die, die es ›schaffen‹, den auf die vielen, deren Traum bisweilen hart endet. Das gilt für fast alle klassischen Gesangswettbewerbe. Es wird rekrutiert für den spezifischen Bedarf des Betriebs, und die Konstellationen sind bestimmt nicht immer win-win.

Mir gefällt, wie für ein paar Tage im Herbst eine kleine Stadt in Ostwestfalen, von der man in Jerewan oder Cape Town wohl kaum je gehört hat, ein Biotop für diese eigenartige, jedenfalls sympathische Form von Verrücktheit wird. Wozu auch der lautstark gutgelaunte Support gehört, mit der die Nichtfinalisten beim letzten Konzert die unterstützen, die sie ja auch als Konkurrenten sehen könnten. Bestimmt gibt es auch Neid, und dass Kunst nicht unbedingt bessere Menschen macht, wissen wir schon. Und doch leuchtet da etwas von der Erneuerungskraft auf, ohne die es in der Kunst, schon gar nicht in der Oper, nicht weiter ginge. Die Routinen, die Mühen der Ebene, das stupide Museale, der Markt: Kriegen wir alles später.

Dem Rampentiger aus Galicien, der polnischen Engelsstimme und allen Bewohnern dieses Biotops auf Zeit ist zu wünschen, dass sie noch ein bisschen so bleiben, so frisch, neugierig, so heiter unabgeklärt. Und dass sie den Betrieb und die Welt jenseits von Gütersloh damit ein wenig anstecken. Und schneller als umgekehrt. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹