»Jeden Tag gerät etwas ins Rutschen, macht … (uns) zum Fremden, zur Fremden, verstärkt das Gefühl von Heimatlosigkeit in der neuen Wirklichkeit, und der schambehaftete Zweifel bleibt: Vielleicht habe ich nicht genug getan.«

Ece Temelkuran1

Sonntag, 6. September 2026 – Wahltag

Das letzte Konzert unserer diesjährigen Köthener Bachfesttage ist gerade zu Ende gegangen. Köthen liegt im Herzen von Sachsen-Anhalt: Eine Bach-Stadt, mit historischer Innenstadt und einem etwas zerfallenen, aber dafür umso reizvolleren Schloss. Alle zwei Jahre feiern wir hier den berühmtesten ehemaligen Bewohner der Stadt, der fünf Jahre an diesem kleinen Hof gearbeitet und Welt-Musikgeschichte geschrieben hat. Dafür kommen neben vielen Menschen aus der Region Gäste aus nah und fern. Viele freuen sich zwei Jahre lang auf das einwöchige, berauschende Fest der Musik.     

Mein persönliches Adrenalinlevel nach einer Woche Festival ist noch sehr hoch. Gleich nach dem langen Schlussapplaus kommt es zu ersten Verabschiedungen und festen Umarmungen, mit Bedauern über die Notwendigkeit der eiligen Abreise. Wie bei jedem Festival. Trotzdem: irgendwie irreal.

Und dann kommt der unausweichliche Moment, vor dem ich mich seit Monaten fürchte: Ich schalte mein Handy an und gehe auf die Nachrichtenseite des Mitteldeutschen Rundfunks. Mein Herz schlägt bis zum Hals, obwohl ich schon so lange versucht habe, mich auf diesen Moment vorzubereiten, mich innerlich zu wappnen.

Es ist viel schlimmer als befürchtet: Nach ersten Hochrechnungen liegt die AfD bei über 43 Prozent. Weder die Grünen noch die FDP haben es in den Landtag geschafft, die CDU hat massiv verloren, die SPD ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ulrich Siegmund wird tatsächlich in Sachsen-Anhalt Ministerpräsident. Ein Mann, der vor knapp drei Jahren beim berühmten Potsdamer Remigrationstreffen dabei war und dessen Landesverband erst kurz davor vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeschätzt wurde.

Dienstag, 8. September 2026

Die AfD und ihre Anhänger feiern immer noch ausgelassen: Die Diktatur der Altparteien2 ist zu Ende. Die letzte Chance3, wie die AfD die Wahl vorher tituliert hat, wurde genutzt. Vereinzelt kam es heute und in den letzten Tagen zu Fackelmärschen, organisiert von der erst vor kurzem gegründeten AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Es wurde »Wir sind das Volk!« gebrüllt, vermischt mit rassistischen und ausländerfeindlichen Beschimpfungen.

Vor neun Monaten fragte mich ein Berliner Journalist, ob ich im Falle eines Wahlsieges der AfD Einflussnahme auf meine Arbeit befürchte. Ich antwortete damals, einigermaßen überrascht: Einflussnahme? Wie naiv. Die würden ihre Agenda durchziehen, daran hatte ich keinen Zweifel. Es wird jetzt um alles oder nichts gehen. Schwarz oder weiß, dafür oder dagegen. Dazu gehören oder rausgeworfen werden. Oder schlimmeres. Wie schlimm, werden die nächsten Wochen zeigen.

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Donnerstag, 10. September 2026

Das vorläufige amtliche Endergebnis der Wahl wurde heute veröffentlicht: Unfassbare 43,7 Prozent für die AfD, mehr als doppelt so viel wie vor vier Jahren. Wollen die Leute wirklich, was die AfD will? Oder sind sie nur frustriert? Eingelullt von endlosen Abfolgen von TikTok-Videos mit Lügen und Hetze? Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, fühle ich mich unwohl. Sieht man mir an, dass ich die nicht gewählt habe? 

Bereits Ende Januar legte die AfD ihr sogenanntes »Regierungsprogramm« als Entwurf vor. Das Entsetzen in einigen Teilen der Öffentlichkeit war groß – währte aber nur kurz. Die Kirchen wiesen zum Beispiel erschrocken darauf hin, dass die AfD die staatlichen Zuschüsse streichen und die Kirchensteuer abschaffen will. Und dass in der Folge Kirchengemeinden und kirchliche Sozialträger innerhalb eines Jahres insolvent wären. Trotzdem winkte im April der Landesparteitag der AfD in Magdeburg das 156-seitige Papier weitestgehend durch – die Protestwelle war längst verebbt. Heute morgen haben die evangelische und die katholische Kirche in einer gemeinsamen Erklärung zum Ausdruck gebracht, dass sie das Wahlergebnis zur Kenntnis nehmen, aber mit der neuen Regierung ins Gespräch kommen wollen. Widerstand sieht anders aus. 

Mittwoch, 16. September 2026

Man sieht immer mehr Deutschlandfahnen. Nicht vor Rathäusern, in denen noch Demokraten regieren, aber aus Fenstern und an Fahnenmasten in Gärten, besonders auf den Dörfern. Im AfD-Wahlprogramm kamen die Begriffe national, deutsch und Volk fast inflationär vor. Aber am meisten erschreckt haben mich diese vier Worte: Das Volk, also wir4. Darin steckt das wahre Gesicht dieser Partei. Sie haben es im Januar aufgeschrieben, und jetzt werden sie danach handeln – die NSDAP hat es 1933 vorgemacht: Volkswille und Parteiwille werden gleichgesetzt. Damit ist der Weg frei für noch mehr Hetze und Ausgrenzung. Denn der angebliche Volkswille definiert, wer dazugehört – und wer nicht. Es soll zum Beispiel nur noch eine Form von Familie geben: Vater, Mutter – und möglichst viele Kinder5. Für Kinder gibt es Begrüßungsgeld6 und für die Familien verbilligte Eigenheimkredite mit Nachwuchsprämie7 – denn irgendjemand muss ja die ganze Arbeit machen, nachdem die Abschiebe- bzw. Remigrationslager8 gefüllt wurden und die Remigrationslotsen9 ihre Arbeit erledigt haben, die Helden des Alltags, die ihren Dienst für Volk und Vaterland leisten10.

Freitag, 25. September 2026

Heute erscheint in der Mitteldeutschen Zeitung ein Interview mit Siegmund, in dem er ausführlich darüber spricht, wie er die Deutschen wieder stolz machen will. Er hat ernsthaft vorgeschlagen, die Stolpersteine entfernen zu lassen. Ich habe das im Laufe des Jahres immer wieder aus diesen Kreisen gehört, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass die das wirklich durchziehen wollen.

Ähnlich wie in den USA und Russland sollen auch die Schulbücher umgeschrieben werden. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust fliegt raus, denn Vergangenheitsbewältigung ist … die Perpetuierung einer Neurose. Stattdessen soll es mehr um den wiederherzustellenden Nationalstolz11 gehen. Daher kommt mehr Vaterland in die Lehrpläne: Das von Bismarck gegründete Deutsche Reich hat in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Maßstäbe gesetzt, die uns auch heute noch als Inspiration und Vorbild dienen können. Endlich lernen die Kinder wieder mehr über die Erfolgsgeschichte dieses Staates12, der die Welt in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts geführt hat, mit über 17 Millionen Toten.

Die Kultur soll es laut Siegmund richten, auch das stand schon im »Regierungsprogramm«: Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen. Unverkrampft und auf gesunde Weise soll selbstbewusste deutsche Identität13 gefördert werden. 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Heute wird feierlich der Stolz-Pass14 eingeführt: Alle in Sachsen-Anhalt lebenden Familien mit mindestens einem Kind sollen Burgen, Schlösser, Museen kostenfrei besuchen können15 – eingeschlossen sind Denkmäler für die Gefallenen beider Weltkriege und der deutsch-französischen Kriege des 19. Jahrhunderts, ausgenommen sind Gedenkstätten an die NS-Zeit oder an Kolonialverbrechen, das Bauhaus natürlich und viele Themen, an die eher nicht mehr erinnert werden soll. 

Denn: Postkolonialismus ist keine Wissenschaft!16, weil angeblich bewiesen wurde, dass nahezu alle Exponate aus Kolonialländern rechtmäßig erworben wurden17. Der Gratiseintritt gilt natürlich nur für Familien nach der Definition des Volkes: Alle anderen müssen zahlen – oder sind inzwischen nach Berlin oder Niedersachsen geflohen und deswegen naturgemäß weniger interessiert an den großen Momenten deutscher Geschichte.

Samstag, 3. Oktober 2026

Gestern wurden die Autobahnschilder ausgetauscht: Statt der Landeswerbung #moderndenken wird der Imperativ #deutschdenken18 die Reisenden begrüßen.

Wer nicht #deutsch denkt, wird auch keine öffentlichen Förderungen mehr bekommen. Denn die werden ab heute an eine Gesinnungsprüfung geknüpft: Mit Staats- und Steuergeld soll nur noch Kunst gefördert werden, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.19 Sachsen-Anhalt soll zum Musterland der Kulturpolitik20 gemacht werde, insbesondere soll in unseren Dörfern Religion, Brauchtum und (echte) Kultur gefördert werden – nicht künstlich aufgezwungene Projekte (…) und keine perverse Regenbogenpropaganda.21 

Erstaunlich, denn den Kirchen soll ja die Finanzierung entzogen werden – und auf das »dörfliche Brauchtum« bin ich auch gespannt. Da kommt noch einiges auf uns zu, denn Vorbild und Inspiration der kulturpolitischen Wende ist Viktor Orbán.22

Montag, 2. November 2026

Folgerichtig ist im AfD-Sinne dann natürlich auch, dass sogar Vereine nur noch nach einem Bekenntnis zu einer patriotischen Grundhaltung23 unterstützt werden sollen. Alle Projekte mit anderer Grundhaltung werden damit abgeschafft. Das wird von der Öffentlichkeit kaum bemerkt werden, denn als Sofortmaßnahme24 wurde zwei Tage nach Vereidigung der Regierung der Rundfunkstaatsvertrag gekündigt. Der neu entstehende Grundfunk25 soll natürlich vollständig politikfern26 sein. Außerdem wurde heute angekündigt, dass das Netzwerkdurchsetzungsgesetz rückabgewickelt wird. Wenn das kommt, darf jeder und jede im Internet nach Herzens Lust hetzen, lügen und beleidigen – und die digitalen Plattformen werden endgültig aus jeder Verantwortung entlassen.

Montag, 9. November 2026

Dieser Tag ist seit jeher für mich von Bedeutung: 1989 war ich in Berlin dabei, als die Mauer gefallen ist. Die Stadt war tagelang im Ausnahmezustand, wildfremde Menschen aus Ost und West lagen sich in den Armen und feierten miteinander. 

Und schon in der 10. Klasse habe ich durch ein Geschichtsprojekt mit Zeitzeugen begriffen, was die Nazis am 9. November 1938 angerichtet haben. Auch in Köthen wurde damals die Synagoge in Brand gesetzt. Gleich bei mir um die Ecke. Aber schon lange davor wurden viele jüdische Mitbürger vertrieben oder deportiert. So wie der Komponist Alfred Tokayer, der gemeinsam mit seinen Eltern 1943 in Sobibor umgebracht wurde. Alle drei waren ehemals angesehene Köthener Bürger – und meine ehemaligen Nachbarn. Ihr Schuhgeschäft, dass die Nazis und ihre Helfer ruiniert haben, war gleich bei mir um die Ecke.

Freitag, 13. November 2026

Schon seit zwei Wochen wird dazu aufgerufen, sich freiwillig zur Bürgerwacht27 zu melden – eine Art Hilfspolizei, die der Verbesserung der Sicherheitslage dienen soll. Übrigens, die Waffengesetze28 sollen in diesem Jahr auch noch gelockert werden. Langsam bekomme ich wirklich Angst, denn ich gehe davon aus, dass ich schon lange auf irgendeiner Liste stehe. Wie konnte es nur so weit kommen? Überall im Land gab es Aktionsbündnisse und Initiativen gegen den Rechtsruck, auch bei uns: Das Bündnis Offenes Köthen. Im Februar war Ulrich Siegmund zu einem »Bürgerdialog« in Köthen, wir haben die Gäste auf dem Weg zum Saal mit einer stillen, aber eindrucksvollen Gegendemonstration begrüßt. Selbst da war schon die Aggression uns gegenüber spürbar: Das AfD-Publikum war überwiegend männlich, zum Teil mit eindeutigem Outfit – und manche kampfsportgestählt. Aber auch einige Frauen unterschiedlicher Generationen waren unter den Gästen. Eine ältere Dame hat uns als »linke Ratten« beschimpft. Aber ich war sehr stolz auf unsere kleine Demonstration, auf die Menschen, die sich gezeigt haben. Nicht selbstverständlich – besonders nicht in Kleinstädten. 

Donnerstag, 26. November 2026

Heute ging es im Landtag um den Klimaextremismus29. Diesem Hass-Thema waren schon im Wahl- bzw. Regierungsprogramm ganze Kapitel gewidmet: Bald soll es endlich wieder billiges Gas aus Russland geben, Nordstream wird repariert, neue Atom- und Gaskraftwerke sollen ab Anfang des Jahres geplant werden, sogar der Abbau und die Verstromung von Braunkohle sollen im Frühjahr wieder losgehen. Und wenn das Land komplett ausgebeutet ist, dann wird eben Braunkohle importiert30, so hat es der Ministerpräsident heute im Landtag verkündet.

Alle »grünen« Technologien werden natürlich sofort gestoppt – als gäbe es kein Morgen. Zurück in die 70er. Die Zukunft ist woanders.

Dienstag, 8. Dezember 2026

Die Landesförderung für unsere Köthener Bachfesttage wurde auf null gesetzt, auch für unseren Wettbewerb für junge Klaviertalente gibt es keine Hoffnung mehr. Die Stadt Köthen steht zu uns, kann aber unsere Projekte nicht allein finanzieren. Viele nette Menschen sprechen mir Mut zu. Noch habe ich Hoffnung auf Förderungen von privaten Stiftungen aus anderen Bundesländern, um wenigstens ein bisschen was zu retten. Aber wer weiß, vielleicht kommen sowieso keine Gäste mehr, weil sich keiner mehr her traut. Kann ich auch verstehen. Die Händel-Festspiele in seiner Geburtsstadt Halle haben im Herbst Rückgrat gezeigt und den Weltstar des 18. Jahrhunderts, der in England zu Ruhm und Ehre gekommen ist, nicht plötzlich als deutschen Nationalkünstler verkauft – um den Preis ihrer Landesförderung. Auch die Telemann-Stadt Magdeburg hat der nationalen Versuchung widerstanden. Immerhin kann die Stadt den Wegfall der Landesförderung kompensieren, irgendwie. Unser schönes Sachsen-Anhalt, ein Land voller Kunstschätze und jeder Menge Weltkulturerbe. Und einer ehemals sehr lebendigen und vielfältigen Zivilgesellschaft. Ob ich noch etwas durchhalte? 

Donnerstag, 24. Dezember 2026 

Der AfD sind die Kirchen ja zu woke. Aber an Weihnachten wird seit 2000 Jahren die Geburt eines Mannes gefeiert, der sich an die Schwachen gewendet und Liebe gepredigt hat. Passt irgendwie nicht mehr ins Weltbild, nicht mal an Weihnachten. Da sollen jetzt vor allem deutsche Produkte verschenkt werden… 

Schon das Wahlprogramm der AfD war voll von Hass und Hetze, gespickt mit Ausrufezeichen. Unstrukturiert, chaotisch, teilweise absurd. Umweltthemen wurden mit Fragen des Asylrechts vermischt, Ursache und Wirkung ständig verdreht, es wurde gelogen, dass sich die Balken biegen. Und schon damals wurde massiv gedroht: Allen, die nicht #deutschdenken wollen, sich nicht der beiden vom Volk definierten Geschlechter zugehörig fühlen und allen, die keinen deutschen Pass haben. Aber es kam noch schlimmer in den letzten Wochen: Nicht mal diejenigen, die einen deutschen Pass, aber keine deutschen Wurzeln haben, fühlen sich mehr sicher.

Silvester, 31. Dezember 2026

Ich habe letzte Woche endlich die Glasscheiben in meiner Haustür entfernt und durch dickes Holz ersetzt. Schon mehr als einmal habe ich mich davor gefürchtet, von der Bürgerwacht verfolgt zu werden. Ein als provokativ gedeuteter Blick oder ein kurzes Widerwort reichen für die Androhung von Gewalt. Oder für eingeschlagene Fenster. Die wissen sicher, wo ich wohne. Heute Abend gibt es bestimmt besonders viele Patrouillen unserer neuen Hilfspolizei. Aber ich bin vorsichtshalber in Berlin.

Freitag, 1. Januar 2027 – Neujahr

Es fällt immer schwerer, noch optimistisch zu sein: Denn das Volk definiert inzwischen auch, welche Richter »Recht« sprechen, was in den Schulbüchern steht und was an Universitäten gelehrt wird. Freiheit der Lehre? Selbstbestimmung? Seit dem 6. September letzten Jahres in Sachsen-Anhalt vorbei. Deshalb brechen auch die Studierendenzahlen massiv ein. Vieles am AfD-Wahlprogramm, das vor einem Jahr veröffentlicht wurde, war schon damals widerlich und beschämend, vieles verfassungsfeindlich. Was mich aber heute am meisten quält ist die Frage: Hat das damals niemand gelesen? Oder haben es die Leute gelesen, aber nicht ernst genommen? Haben sie gedacht: Wird schon nicht so schlimm werden? Aus der Geschichte, aber auch angesichts der autoritären Regime um uns herum, in den USA, in Russland, der Türkei, hätten wir es besser wissen müssen.      

An diesem Neujahrstag denke ich an Johann Sebastian Bach und höre eine Neujahrskantate, die heute vor 300 Jahren in Leipzig uraufgeführt wurde: »Und bitten ferner dich, gib uns ein friedlich Jahre, vor allem Leid bewahre«. Für die AfD ist Bachs Musik Teil der neuen deutschen Stolz-Kultur. Das fanden übrigens auch die Nazis: »Die Fuge ist blond und blauäugig« schrieb Richard Eichenauer bereits 1932 in seinem Buch »Musik und Rasse«. Dabei ist Bachs Urgroßvater als Religionsflüchtling zufällig in Thüringen gelandet. Und eines seiner berühmtesten Klavierstücke heißt Italienisches Konzert. Wenn Bach nicht französische Musiker getroffen und italienische Partituren studiert hätte, nicht stets auf der Suche nach dem Neuen geblieben wäre, was wäre er aus ihm geworden? Ein unbekannter Provinzorganist. Stattdessen beflügelt und beseelt seine Musik bis heute Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig von Herkunft oder Religion. Den Begriff der Nation kannte Bach noch nicht. Und von dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts konnte er noch nichts ahnen. Und schon gar nicht, dass dieser wahnwitzige Nationalismus in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt hat. Heute wissen wir es besser. ¶


  1.  Ece Temelkuran ist eine türkische Schriftstellerin, die seit 10 Jahren im Exil außerhalb ihres Heimatlandes lebt. Das Zitat ist aus ihrem neuesten Buch »Nation of Strangers – Unsere Heimat sind wir«. Verlag Rowohlt Hundert Augen, 2026
    ↩︎
  2. 55 • Alle in kursiv geschriebenen Worte und Sätze sind wörtliche Zitate aus dem sogenannten »Regierungsprogramm« der AfD für Sachsen-Anhalt, das im Januar 2026 veröffentlicht wurde. Die Fußnoten bezeichnen die Zeilennummern.
    ↩︎
  3. 59 ↩︎
  4. 57 ↩︎
  5. 201 ↩︎
  6. 222 ↩︎
  7. 297 ↩︎
  8. 2670 ↩︎
  9. 1123 ↩︎
  10. 1245 ↩︎
  11. 1291 ↩︎
  12. 1837 ↩︎
  13. 1308 ↩︎
  14. 438 ↩︎
  15. 437 ↩︎
  16. 2383 ↩︎
  17. 1367 ↩︎
  18. 1332 ↩︎
  19. 1439 ↩︎
  20. 1325 ↩︎
  21. 4551 ↩︎
  22. 1440 ↩︎
  23. 3184 ↩︎
  24. 5199 ↩︎
  25. 5210 ↩︎
  26. 5242 ↩︎
  27. 2727 ↩︎
  28. 3078 ↩︎
  29. 4072 ↩︎
  30. 3859 ↩︎

… arbeitet nach Stationen als Techniker, Musiker und Kulturmanager heute als Festivalleiter, Kurator, Hochschullehrer, Konzertdesigner und Videokünstler. Konzerte mit Videoinstallationen waren zuletzt im Kölner Kolumba-Museum von Peter Zumthor und beim Schleswig-Holstein Musikfestival zu sehen. Seit der Mitgründung des Berliner Radialsystems 2006 setzt sich Folkert Uhde für das Nachdenken über zeitgemäße Konzertformate ein und engagiert sich in der öffentlichen Diskussion über Kultur...