Für viele, die den Namen Köthen in den letzten Wochen zum ersten Mal gehört haben, klingt er wie Freital oder Chemnitz. In Uttar-Pradesh oder Colorado klingt er nach ausgestopften Vögeln, Globuli oder Concerti grossi. Von dort kommen Menschen nach Sachsen-Anhalt, die von Bernd Höcke, Thü-, Pe- oder Legida noch nie gehört haben. Sie streichen zärtlich über den hölzernen Handlauf im Hahnemann-Haus, an dem sich einst der Begründer der Homöopathie hinabgeschwungen hat. Sie sitzen gerührt in der Schlosskapelle, wo vor 300 Jahren der Köthener Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach sein siebtes Kind Leopold August taufen ließ. Sie stehen ehrfürchtig vor den Originalvitrinen mit Riesenalk und Großtrappe in der Sammlung Johann Friedrich Naumanns, dem Gründervater der modernen Ornithologie. Auf dem Köthener Marktplatz hätten diese ausländischen Besucher Mitte September einige derjenigen getroffen, die den Namen Köthen in den letzten Wochen zum ersten Mal gehört haben. Es wäre ihnen »Deutschland den Deutschen«, »Wir sind das Volk« oder »Alerta Alerta Antifascista« entgegengerufen worden. Vielleicht hätte man ihnen erzählt, dass Homöopathie, ausgestopfte Vögel und Bach die Vergangenheit sind, während sich hier, auf dem Marktplatz, gerade die Zukunft entscheidet.
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