Für viele, die den Namen Köthen in den letzten Wochen zum ersten Mal gehört haben, klingt er wie Freital oder Chemnitz. In Uttar-Pradesh oder Colorado klingt er nach ausgestopften Vögeln, Globuli oder Concerti grossi. Von dort kommen Menschen nach Sachsen-Anhalt, die von Bernd Höcke, Thü-, Pe- oder Legida noch nie gehört haben. Sie streichen zärtlich über den hölzernen Handlauf im Hahnemann-Haus, an dem sich einst der Begründer der Homöopathie hinabgeschwungen hat. Sie sitzen gerührt in der Schlosskapelle, wo vor 300 Jahren der Köthener Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach sein siebtes Kind Leopold August taufen ließ. Sie stehen ehrfürchtig vor den Originalvitrinen mit Riesenalk und Großtrappe in der Sammlung Johann Friedrich Naumanns, dem Gründervater der modernen Ornithologie. Auf dem Köthener Marktplatz hätten diese ausländischen Besucher Mitte September einige derjenigen getroffen, die den Namen Köthen in den letzten Wochen zum ersten Mal gehört haben. Es wäre ihnen »Deutschland den Deutschen«, »Wir sind das Volk« oder »Alerta Alerta Antifascista« entgegengerufen worden. Vielleicht hätte man ihnen erzählt, dass Homöopathie, ausgestopfte Vögel und Bach die Vergangenheit sind, während sich hier, auf dem Marktplatz, gerade die Zukunft entscheidet.

In der Europäischen Bibliothek für Homöopathie, die sich seit 2009 im Spitalgebäude des ehemaligen Klosters der Barmherzigen Brüder befindet. 
In der Europäischen Bibliothek für Homöopathie, die sich seit 2009 im Spitalgebäude des ehemaligen Klosters der Barmherzigen Brüder befindet. 

Der Verlauf einer Erzählung hängt davon ab, an welchem Punkt man einsteigt. Am 9. Juli steige ich in Berlin in den Regionalexpress und fahre mit Umstieg in Dessau nach Köthen. Bei der Weltmeisterschaft ist die Nationalmannschaft schon lange ausgeschieden. In der Köthener Bahnhofsbäckerei gibt es die Flagge mit Ösen, die Fußballtröte und Hawaikette in schwarz-rot-gold zum halben Preis. In Köthen treffe ich den Oberbürgermeister, einen Start-up Gründer und Kneipier, einen Ornithologen, einen CDU-Stadtrat, eine Professorin für Computerlinguistik, einen Kulturmanager, einen Mitarbeiter des Stadtmarketings, einen Bach-Impersonator, eine Bibliothekarin. Eine ziemlich bunte Truppe, verschworen in dem Wunsch, die Zukunft Köthens zu gestalten. Eine Zukunft, die für sie die Kultur bringen soll.

Blick auf das Köthener Schloss • Foto © Folkert Uhde
Blick auf das Köthener Schloss • Foto © Folkert Uhde

Kultur als Schlüssel für die Aufwertung von Städten avancierte seit dem Ende des Industriezeitalters zum heißen Eisen im Stadtentwicklungsdiskurs. Für den Soziologen Richard Florida war es aber nicht der Kulturtourismus – Museen, Orchester, Denkmäler oder Kirchen – der Entwicklungsprozesse anstößt. Er erfand zu Beginn der Nullerjahre eine neue Bevölkerungsgruppe, die Creative Class – Medienleute, Künstler, Designer, aber auch IT-Entwickler und Anwälte – und beschrieb, wie diese die von der Industrie verlassenen Zentren übernehmen, erneuern und mit ihren Innovationen auch für andere attraktiv machen. Die »Aufwertungsspirale« frisst dabei mit der Zeit ihre eigene Keimzelle auf. Das vorläufige Ende der Geschichte sind explodierte Mietpreise, Verdrängung, gentrifizierte Ödnis. Die »kreative Klasse« darf darin ihr Dasein als wertsteigerndes Asset im Exposé zur Luxusimmobilie fristen.

Um das Kreativpotential einer Stadt zu messen, erfand Florida Kennziffern wie den Bohemian index, Gay index oder Diversity index. Vogelpräparate oder Homöopathie kamen darin eher nicht vor. Städte wie Köthen auch nicht. Schon eher die Crowd, die sich an einem Freitagabend im September in der Berliner Volksbühne versammelt, um Anne Teresa De Keersmaekers neue Choreographie der Brandenburgischen Konzerte zu feiern. Es ist eine Hommage an die Kraft dieser Musik, die sich so mühelos auf die Gegenwart überträgt. »Eine Feier kosmischer Ordnungen«, nennt sie De Keersmaeker. Zum ersten Mal erklangen Teile der Brandenburgischen Konzerte vor 300 Jahren im Spiegelsaal des Köthener Schlosses. Vor drei Wochen wurde der klassizistische Saal nach siebenjähriger Restauration wiedereröffnet. Mit seinen 720 Spiegeln und 1.050 Stuckkassetten wirkt er im ziemlich runtergerockten Schlossensemble wie eine funkelnde Perle auf einer Schotterpiste.

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Wenn man die engen Treppen im Ferdinandsbau des Schlosses hinaufsteigt, betritt man eine Welt, die die letzten 180 Jahre im Dornröschenschlaf überdauert hat. Hier richtete Johann Friedrich Naumann 1835 seine Vogelsammlung ein. 113 Originalvitrinen mit rund 1.300 Vogelpräparaten, sie stehen heute genau so da, wie von Naumann einst aufgestellt. Umzug undenkbar. »Dazu müsste man die Vitrinen ja auseinandersägen. Aber würde man bei einem Rembrandt ein Stück vom Bilderrahmen absägen, damit es in eine Nische passt?«, erzählt Bernhard Just, der Museumsleiter. »Es gibt größere Sammlungen als unsere, aber da ist nichts original.« Allerdings wirken auch technische Ausstattung und didaktische Vermittlung wie aus der Biedermeierzeit. Und Just musste bis vor kurzem selbst Aufsichtsdienst schieben, weil keine zweite Stelle finanzierbar war.

Originalvitrine mit Vogelpräparaten im Naumann-Museum • Foto CHRISTIAN RATZEL (CC BY-NC-SA), VIA NAUMANN-MUSEUM KÖTHEN
Originalvitrine mit Vogelpräparaten im Naumann-Museum • Foto CHRISTIAN RATZEL (CC BY-NC-SA), VIA NAUMANN-MUSEUM KÖTHEN

Aber bald soll aus dem »Schloss Köthen« die Marke »Bach-Schloss« werden. »Lebendiger kultureller Mittelpunkt der Stadt Köthen«, »offenes, freundliches Haus für niedrigschwellige Angebote« und »authentischer Bachort von überregionaler Bedeutung«, wie es in der Antragslyrik des neuen Museumskonzepts heißt. Ein Nutzungskonzept für die Entwicklung des Schlossquartiers befindet sich in der Abstimmung in der Staatskanzlei. Eine Baulücke im Schlossensemble soll geschlossen, die Sammlungen neu angeordnet und aufbereitet werden – das Schloss als Ankerpunkt für die große Transformation, von der die Köthener Kulturschaffenden träumen. Und die bei ihnen selbst schon begonnen zu haben scheint.

»Unser Plan war, aus Köthen wegzugehen, wenn wir in Rente gehen«, erzählt mir Sabine Radtke, die Leiterin der Europäischen Bibliothek für Homöopathie, die sich seit 2009 in Köthen befindet. »Im Moment habe ich Lust hierzubleiben.« Mit einer Handvoll Leute ist die Initiative der Kulturleute vor ein paar Jahren gestartet, mittlerweile sind fast alle dabei. »Wenn ich sehe, was in den zwei Jahren passiert ist… Ich habe so viele tolle neue Köthener kennengelernt, dass ich selber ganz erstaunt war.«

Die wichtigste Transformation ist dabei vielleicht eine des Narrativs. »Es passiert hier kulturell wahnsinnig viel, es muss nur kommuniziert werden«, sagt Radtke. »Köthen hat enorm viel Schätze, aber niemand bekommt es mit«, erklärt Uta Seewald-Heeg, Professorin für Computerlinguistik an der Hochschule Anhalt. Über Städte wie Köthen ist die Erzählung seit Jahrzehnten defizitär eingefärbt. Industrieller Zerfall, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Abwanderung, Überalterung. Und dann die Nazis. Es ist eine Erzählung, die auch so populär ist, weil sie leicht von der Hand geht, weil in ihr Fakten und gefühlte Wirklichkeit eine unheilige Allianz bilden. Aus der Geschichte ist eine Zuschreibung geworden, aus der Zuschreibung irgendwann eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wie kann Kultur das drehen?

Blick durch einen Torbogen des Schlosses auf das Veranstaltungszentrum • Foto Julius Caesar (CC BY-SA 2.0)
Blick durch einen Torbogen des Schlosses auf das Veranstaltungszentrum • Foto Julius Caesar (CC BY-SA 2.0)

»Wenn nicht Kultur, was dann?«, fragen sie in Köthen. Zu DDR-Zeiten war hier mal ein Maschinenbauzentrum. Viel geblieben ist davon nicht. Kranbau Köthen hatte vor der Wende 4.000 Beschäftigte, heute sind es noch 200. Die Technische Hochschule ist eine letzte Zeugin dieser Zeit. Floridas »kreative Klasse«, selbstverwirklichungssüchtige Kreativarbeiter, Co-Living und Co-Working sucht man hier vergebens. Aber es gibt das kulturelle Erbe, Homöopathie-Gründer Hahnemann, »der in Indien wie ein Gott verehrt wird«, für den indische Reisegruppen neben Dubai und Paris öfter auch in Köthen Station machen, wie Bibliothekarin Radtke erzählt. Auch die »Fruchtbringende Gesellschaft zur Pflege der deutschen Sprache« (1617), der erste deutsche Schulbuchverlag und die moderne Pädagogik entstanden in Köthen. Natürlich Bach, der GröKaZ, der am Fürstenhof sechs Jahre als Kapellmeister wirkte. Friedrich Johann Naumann, der self-made Ornithologe, »im Grunde der erste Ökologe, der als Bauer die Vögel in ihrer Umgebung und Lebensweise studierte«, wie Museumsleiter Just erzählt. Zum kulturellen Erbe gesellt sich die Hardware. Sehenswürdigkeiten wie das Residenzschloss, die Museen, die Kirchen, die wunderschön sanierte Altstadt. Die schmucke Homöopathie-Bibliothek, erbaut mit Mitteln der IBA 2010 in einem ehemaligen Spital, das im März 2008 eröffnete Veranstaltungszentrum am Köthener Schloss, auf das man in sehr viel größeren Städten neidisch wäre. Beide wirken ein wenig wie weiße Elefanten in der Magdeburger Börde. In den Johann-Sebastian-Bach-Saal des Veranstaltungszentrums passen fast 500 Personen. Ausverkauft ist er fast nie. Am besten laufen Travestie-Shows, Komiker und Veranstaltungen von Heimatvereinen. Für Cindy aus Marzahn waren die Karten nach zwei Wochen weg.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Köthener Kulturinitiative Erfolg hat wegen der Menschen, die mitmachen. Ur-Köthener wie Sabine Radtke, deren Zuversicht so groß ist, dass man sich um die Zukunft der Stadt keine Sorgen machen bräuchte, wenn die Wirklichkeit tatsächlich Abbild der inneren Haltung wäre. Oder Daniel Spielau, den jungen Leiter der Köthener Museen, der anders als die meisten seiner Generation hiergeblieben ist. Zugezogene Wahl-Köthener wie Professorin Heeg, die nicht wie andere Dozenten pendelt, sondern in Köthen wohnt. Neuinfizierte, die hier etwas gefunden, wonach sie andernorts lange gesucht haben. Der eigentlich in Franken lebende Restaurator und Instrumentensammler Georg Ott, der das abbruchreife historische Prinzenhauses aufgekauft hat und dort Teile seiner Instrumentensammlung zeigt und das Haus für kulturell Interessierte öffnet. Oder Folkert Uhde, der seit 2016 Intendant der Bachfesttage ist. »Manchmal braucht es den Impuls von außen, um den eigenen Sud aufzubrechen«, sagt Radtke über Uhde.  

Im Prinzenhaus, das der Restaurator und Instrumentensammler Georg Ott derzeit renoviert • Foto © Folkert Uhde
Im Prinzenhaus, das der Restaurator und Instrumentensammler Georg Ott derzeit renoviert • Foto © Folkert Uhde

Wenn man mit Folkert Uhde durch Köthen geht und es eilig hat, merkt man schnell, dass er keiner ist, der hier ab und zu mal abspringt. Alle paar Schritte wird er in ein Gespräch verwickelt. Mal geht es um die gute alte Zeit der Bachfesttage, mal hat einer ein Interview mit Uhde in der Zeitung gelesen und gibt ihm einen guten Ratschlag auf den Weg (»Viel schlafen und gut essen, um nicht durchzudrehen«), oder man läuft dem Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft, einem Stadtratsmitglied oder dem Bürgermeister über den Weg. Vielleicht ist dies ein Grund, warum Uhde Köthen zu einer Art Mission gemacht hat. Wenn man in Großstädten etwas verändern will, muss man sich aufreiben in Verwaltungsprozessen, Pfadabhängigkeiten, Kompetenzgerangel zwischen Behörden und Ämtern, Blockaden. Die Frage nach der Selbstwirksamkeit ist dort oft verbunden mit Frustration, weil der persönliche Kontakt nur bis zur nächsten Hierarchiestufe reicht. In Köthen begegnet man denen, von denen man etwas will, permanent auf der Straße. Man kann sich hier nur schlecht aus dem Weg gehen. Und man hat schnell viele auf seiner Seite, wenn man etwas verändern will. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es so viele Leute hier gibt, mit denen es richtig Spaß macht«, sagt Uhde. In Berlin hat er vor dreizehn Jahren das Radialsystem mitgegründet. Das ehemalige Abwasserpumpwerk ist mittlerweile etablierter Produktions- und Präsentationsort für Kultur. Nach Jahren des Kampfes um Fördergelder wurde es im Juni für über 14 Millionen Euro von der Stadt aufgekauft, um den Standort zu sichern. Jetzt wirkt Uhde wie entzündet von der Idee, etwas in Köthen aufzubauen. Ein gemachtes Nest findet er hier nicht. Die Finanzierung für die Bachfesttage muss er sich von Stadt, Kreis und Land und überregionalen Stiftungen zusammenklauben. Unternehmen, die als Sponsoren einspringen können, gibt es hier wenige. Die Kreissparkasse ist der Hauptsponsor, auch die kommunalen Unternehmen engagieren sich. Und die lokale Fleischereikette unterstützt mit Werbeflächen. Die Gewerbeanmeldungen sind seit zehn Jahren durchgehend rückläufig. Wenn jetzt viel über das Stadt-Land-Gefälle und das Abgehängtsein ländlicher Regionen diskutiert wird, dann gerät in Köthen unwillkürlich auch das Gesamtgefüge der Kulturförderung in den Blick. Von hier aus betrachtet wirken die 440 Millionen Euro für den umstrittenen Umbau der Berliner Staatsoper ziemlich obszön.

Die Bachfesttage finden seit 1967 alle zwei Jahre statt. Bis Uhde hier anfing, schwebten die Bachfans vornehmlich aus dem Westen ein. »Pensionierte Frankfurter Bankiers«, wie man sich in Köthen erzählt, die es schätzten, die großen Namen der Szene zu günstigen Preisen an einem auratischen Ort zu sehen, aber für ein Orgelkonzert auch mal 50 Euro ausgaben. Übernachtet wurde dann in Dessau. Im gewünschten Sternesegment stand in Köthen kein Hotel zur Verfügung. Als vor zwei Jahren Uhde übernahm, auf neue Konzertformate und die Beteiligung der Köthener statt auf Stars setzte, brach das Publikum weg. Es gab ein paar böse Briefe von verprellten Stammgästen. In einer Kreistagssitzung fragte der Ausschussvorsitzende Uhde, ob es denn stimme, dass für einige Konzerte 2016 keine einzige Karte verkauft worden sei. Es stimmte. Für die Bachfesttage 2018 hat sich der Kartenverkauf fast verdoppelt.

Konzert bei den Bachfesttagen 2018 • Foto © Henner Fritzsche
Konzert bei den Bachfesttagen 2018 • Foto © Henner Fritzsche

Prozentual gesehen gibt es in Köthen vermutlich nicht weniger Menschen, denen Bach etwas bedeutet, als in Leipzig oder Dortmund. Nur ist die kritische Masse, die man braucht, um etwas in Bewegung zu setzen und am Leben zu erhalten, in einer Stadt mit knapp 27.000 Einwohnern schwieriger aufzutreiben. Und auch in Berlin setzt so manches gut geförderte Neue-Musik-Konzert keine Bezahlkarte ab. Die fehlenden Menschen begegnen einem in Köthen ständig. Zu wenig Bewohner, zu wenig Besucher, zu wenig Gewerbetreibende. Zwischen 1990 und 2016 ging die Einwohnerzahl von etwas über 33.000 auf unter 27.000 zurück, obwohl etliche umliegende Dörfer eingemeindet wurden. Bis 2030 wird mit einem weiteren Rückgang um fast 17 Prozent gerechnet. »Die schlauen Mädels bis 25 hauen ab, die Jungs kommen dann nach«, erzählt Frank Amey, der Leiter der Stadtentwicklung bei der Stadt Köthen. Während die Jüngeren abwandern, wird die verbleibende Bevölkerung im Schnitt immer älter.

Die fehlenden Menschen sind die unheimliche Kraft, die den gordischen Knoten immer fester zusammenzieht. Was bringt eine Infrastruktur für Veranstaltungen, wenn es keine Hotels gibt, die Gäste beherbergen können? Was bringen die Studenten und Dozenten der Hochschule, wenn sie lieber pendeln als in Köthen zu wohnen, wo es selbst an einem lauen Sommerabend aussieht wie in einem Potemkinschen Dorf? Nach Unterkünften in Köthen sucht man bei Airbnb vergeblich. Die Auslastung der Hotels und Pensionen liegt bei 17,4 Prozent. »Wenn ich Sonnabend Nachmittag durch die Stadt gehe und nicht das Gefühl habe, ich bin in einer Geisterstadt«, beantwortet Radtke die Frage, wann für sie eine Transformation Köthens gelungen wäre. »Mein Veranstaltungszentrum sagt, ich kann ja gar nicht mehr Veranstaltungen anbieten, weil das Gaststätten- und Hotelgewerbe hinterherhinkt. Das Gaststätten- und Hotelgewerbe sagt, ich habe eine Auslastung von unter 20%, was soll ich denn da in Köthen investieren, wenn ihr die Veranstaltungen gar nicht anbietet«, erzählt Bernd Hauschild, Köthens Bürgermeister. Er muss von der Hand in den Mund denken. »Messbare Stadtrendite«, nennt er es. Mit alten Menschen lässt sich die kurzfristig eher erzielen als mit der Kultur. »Für jeden neuen Bewohner bekomme ich über Zuweisungen und Steuern 500 Euro raus. Da macht es schon Sinn, dass ich mit meiner Wohnungsgesellschaft daher gehe und überlege, wo wir noch mehr altersgerechten Wohnraum schaffen können.« Die große Anzahl von Seniorenheimen in sanierten Filetbauten mitten in der Altstadt fällt sofort auf, wenn man das erste Mal in Köthen zu Besuch ist. Alte Menschen finden hier eine Versorgungsstruktur, die in den umliegenden Dörfern weggebrochen ist.

Der Köthener Marktplatz.
Der Köthener Marktplatz.

Kultur steht unter Legitimationsdruck, erst Recht in einer Stadt wie Köthen, mit seinen komplexen Problemlagen, in denen gefangen man sich immer ein bisschen fühlt wie bei der Henne und dem Ei und der Frage, was zuerst da war. »Nicht wenige sagen hier: ›Son Quatsch, wer braucht hier Bach? Ich brauch was für meinen Sportverein‹«, erzählt Bibliothekarin Radtke. Vielleicht sind die, die so denken, in der Mehrzahl. Wenn die Köthener Kulturleute über Transformationsprozesse, Förderprogramme und Nutzungskonzepte reden, könnte man es leicht abtun als Wolkenkuckucksheim und Elfenbeinturm. Allerdings ist es von dort in Köthen immer ein kurzer Weg bis zur Bodenhaftung.

In den Metropolen berauscht man sich an der eigenen Buntheit und schaut abschätzig auf die Provinz, wo alles eng und monoton und homogen scheint. Vielleicht ist aber das Gegenteil wahr. Dem Anderen begegnet man in Berlin beim Umsteigen am Alex, beim Lauf durch den Görlitzer Park oder mal in der Notaufnahme des Krankenhauses. Es sind flüchtige Begegnungen. Ansonsten ist die Stadt groß genug, um sich nur mit seinesgleichen zu umgeben. Die Diversität gibt es aber auch in Köthen, die afghanischen Geflüchteten, die Nazis, die Kulturbürger, die Schwulen und die Hipster. Wenn man bei Tom Aslan im Irish Pub sitzt, dann kommen sie irgendwann alle vorbei. Und seiner Umarmung entkommt keiner. Der in Franken aufgewachsene Aslan hat in Köthen eine Flüchtlingsinitative gegründet, selbst geflüchtete Afghanen bei sich aufgenommen, veranstaltet Streitgespräche mit der AfD und ab und an in seiner Jugendstilvilla »Game of Thrones«-Parties. Und in seiner Kneipe bringt er alle zusammen. »Die Leute mögen das Gefühl nicht, von oben herab behandelt zu werden«, sagt er – ein Paradiesvogel, der hier sein Paradies gefunden hat. Er hat verstanden, dass in Städten wie Köthen Mangel und Möglichkeitsraum immer eng beieinander liegen. Wenn Aslan von Köthen erzählt, möchte man sofort herziehen. Ich erinnere mich an den Satz »All politics is local«. Oft hatte ich bei meinen Gesprächen in Köthen das Gefühl, dass die, die geblieben sind und sich engagieren, eine Zugehörigkeit zu diesem Ort verspüren, aus der ein natürliches Verantwortungsgefühl für dessen Zukunft erwächst, das der kosmopolite Weltbürger verloren hat. »Kosmopolitismus klingt gut, verpflichtet aber zu nichts«, wie Wolfgang Streeck in seinem Plädoyer für einen lokalen Patriotismus schreibt. »Politisches Handeln ist an verortete Gemeinschaften gebunden – Verständigungs-, Verantwortungs-, Verpflichtungs- und Praxisgemeinschaften. Das Thema von Politik ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein.«

24 Stunden bevor Köthen am 16. September zum Schauplatz zweier Demonstrationen wird, bemalen mehrere hundert Menschen ihren Marktplatz mit bunten Friedenssymbolen. Die von zahlreichen Bürgern unter dem Motto »Friedliches Köthen« initiierte Aktion richtete sich gegen den Aufmarsch verschiedener rechter Gruppierungen, denen linke Gruppen eine weitere Demonstration entgegensetzen • Foto © Sebastian Köhler
24 Stunden bevor Köthen am 16. September zum Schauplatz zweier Demonstrationen wird, bemalen mehrere hundert Menschen ihren Marktplatz mit bunten Friedenssymbolen. Die von zahlreichen Bürgern unter dem Motto »Friedliches Köthen« initiierte Aktion richtete sich gegen den Aufmarsch verschiedener rechter Gruppierungen, denen linke Gruppen eine weitere Demonstration entgegensetzen • Foto © Sebastian Köhler

Nach dem ersten Tag in Köthen ging ich durch die Altstadt zurück zum Hotel. Der Marktplatz lag friedlich und menschenleer da. In einem Film wäre es die Ruhe gewesen, die sich im Rückblick als trügerisch erweist. Rückblickend vom 8. September 2018. An dem Tag starb auf einem Köthener Spielplatz ein herzkranker Deutscher an einem Infarkt, nachdem er sich in einen Streit zwischen mehreren Afghanen eingeschaltet hatte und ihm mutmaßlich ins Gesicht geschlagen worden war. Im Anschluss wurde Köthen zum Schauplatz rechter Aufmärsche und linker Gegenproteste. Auch die Aufmerksamkeitsökonomie stürzte sich auf Köthen. Bürgermeister Hauschild, der mich nach unserem Gespräch in seiner Amtsstube einige Wochen zuvor noch beiseite genommen und mir von seiner Angelleidenschaft erzählt hatte, fand sich plötzlich in den Eilmeldungen der großen Nachrichtenportale wieder. Die Journalistenkarawane zog von Chemnitz nach Köthen. In der Zeit schreibt Carolin Würfel: »Eine Stadt duckt sich weg«. Sie ließ die Gedenkgottesdienste, Friedensgebete, Aktionen gegen rechts und Gegendemonstrationen oder die Initiative #wirwollendasselbe unerwähnt, an denen teilweise bis zu 1.000 Köthener teilgenommen hatten. Das sind fast 4% der Bevölkerung. In Berlin müssten dafür 160.000 Menschen auf die Straße gehen.

Vögel, Globuli und Concerti grossi, Narrative, Mangel und Möglichkeitsraum – Hartmut Welschers Besuch bei Kulturschaffenden in Köthen in @vanmusik.

In einer Serie wäre der 8. September der Cliffhanger. Das Ereignis, das den Blick auf die Gegenwart und den auf die Vergangenheit neu ausrichtet. Und bei dem man gleichzeitig nicht genau weiß, wie es weitergeht. Die Versuchung ist groß, Geschichte und Gegenwart durch die Brille solcher Ereignisse zu betrachten, in der sich scheinbar wie unter einem Brennglas die wahre Natur der Dinge zeigt. Es ist ziemlich verlockend, so auf die Welt zu gucken. Das Ereignis ist immer eindrucksvoller als der Strom der Geschichte. Ereignisse liefern Orientierung und Fixpunkte, einen gemeinsamen Bezugsrahmen für den Kampf um Deutungshoheit und das richtige Narrativ. Der, der die Geschichten erzählt, hat die Macht. Wenn die Geschichte ein Teig ist, ist das Ereignis die Kuchenform. Die Komplexität der Gegenwart wird in die Form des Ereignisses gedrückt. Der überschüssige Rest kommt weg. Der überschüssige Rest könnte die Geschichte von den Köthener Kulturleuten sein, die die Zukunft ihrer Stadt gestalten wollen. Außerhalb der Kuchenformen existieren viele Geschichten nebeneinander und miteinander, sie verbinden sich oder auch nicht, sie verlaufen unterschiedlich schnell oder in entgegensetzte Richtung. Vielleicht haben sie irgendwie miteinander zu tun haben, aber man weiß nicht immer sofort, wie und warum. In der Köthener Homöopathie-Bibliothek steht ein Zeitgetriebe, fünfzehn ineinandergreifende Zahnräder. Die Bewegung des letzten Zahnrads ist so langsam, dass sie für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar ist. Aber die Kraft ist so groß, dass man damit Berge bewegen könnte. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com