Kommentar zur Elbphilharmonie-Eröffnung

Text · Titelbild © Ralph Larmann· Datum 18.1.2017

Eine Woche ist es her, dass die Elbphilharmonie eröffnet wurde. So oft wir uns mehr Relevanz, Aufmerksamkeit, ja, Hype für unsere Musikkultur wünschen, so erschöpft lehnen wir uns nun zurück, nachdem in sieben Tagen die ganze Schleife aus Glühen und Verglühen einmal komplett durchlaufen wurde. Gottseidank ist es vorbei. Jetzt kann es richtig losgehen.

1. »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.«

Foto © Oliver Heissner
Foto © Oliver Heissner

Der Double Bind bezeichnet eine Kommunikationssituation, in der ein Adressat zwei widersprüchliche Aufträge erhält, deren gleichzeitige Erfüllung unmöglich ist. »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«, zum Beispiel. Die Verantwortlichen der Elbphilharmonie waren zur Eröffnung in einem ganzen Labyrinth solcher Zwickmühlen gefangen.

2. »Sei ein Hit …«

Foto © herzog & de meuron / bloomimages
Foto © herzog & de meuron / bloomimages

»Sei das Wahrzeichen!«, »Sei Leuchtturm, scheine hell!«, »Rentiere dich!« … tönt es aus der Geschichte des Gebäudes, rufen Kostenexplosion, Legitimationsdruck und Akzeptanzproblem. Jetzt, wo das Gebäude endlich steht, muss geliefert werden: Nicht nur die Eliten sollen es lieben, sondern alle Hamburger, die ganze Welt! Ein neues Wahrzeichen soll es sein, das die Menschen aus allen Ländern nach Hamburg zieht wie der Große Gurumusch-Magnetfelsen bei Jim Knopf. Der »Bilbao-Effekt« wurde beschworen, die Agentur schrieb »Weltwunder« in die Regie. Sogar die Kostenexplosion wurde zum wunderbaren Kontrapunkt zur verbreiteten städtebaulichen Zauderhaftigkeit in Deutschland umgemünzt. Think big, es geht doch.

3. »… aber verkauf dich nicht.«

Fast schon Kunst: Die weiße Haut des Großen Saales • Foto © Johannes Arlt
Fast schon Kunst: Die weiße Haut des Großen Saales • Foto © Johannes Arlt

»Bleib besonders!«, »Wirf die Kunst nicht über Bord!«, »Sei cool!« »Überstrahle nicht das Kleine!«, ruft die Kunst, denn schließlich geht es doch darum: um die Musik, die im Gebäude stattfindet, um das Programm, das Profil. Und Kunst geht nicht für alle, hechelt keinem Massengeschmack hinterher. Sie entsteht oft im Kleinen, in der Subkultur, am Rand, nicht in der monumentalen Repräsentation. Auch in der Reproduktion, der Erfahrung, der Rezeption von Kunst – älterer, neuerer – sind es kleine, meist unvorhersehbare Impulse, die größere Wellen schlagen. Hier geht es um Beziehungen, nicht um Überwältigung.

4. Budenzauber schlägt Brot und Salz.

Die »Motion« lässt vermuten: »Da ist Musik in Sicht« • Foto © ralph larmann
Die »Motion« lässt vermuten: »Da ist Musik in Sicht« • Foto © ralph larmann

Ein Double Bind ist eine Lose/Lose-Situation. Sobald man sich entscheidet, verliert man. Alternativen sind illusionär. Im Falle der Elbphilharmonie gibt es außerdem nicht den einen Sender einer widersprüchlichen Botschaft, sondern gleich eine ganze institutionelle Armada mit einer Kakophonie konträrer Wünsche, Interessen und Bedürfnisse. Das Gute daran: man kann zumindest einige davon befriedigen. Das Schlechte: man verscherzt es sich mit vielen anderen. Weil man aber angesichts des bezugsfertigen 789-Millionen-Euro-Hauses nicht einfach nichts tun konnte, hat man sich für die Inszenierung der Hülle entschieden. Ein Gebäude lässt sich – dank der Macht der Bilder – massenkompatibel vermarkten, ein Musikstück vielleicht auch, ein Musikprogramm nicht, schon gar nicht, wenn es zu einem Großteil aus »klassischer« Musik besteht. Die Oberfläche erzeugt sofortige Befriedigung, die Tiefe liegt im Dunkeln. Man muss in sie hinabtauchen, und was man dort findet, bleibt ungewiss. Die sirenengleiche Kraft des Visuellen ist die Währung der Aufmerksamkeitsökonomie. Also fuhr man auf: ein »rasantes Drohnenrennen um die schillernde Glasfassade«, mit der Drohne »Slow« oder »Motion« durch den Innenraum, 360-Grad-Livestream mit der Virtual-Reality-Brille Google Cardboard, die Lightshow zur Eröffnung, die auch gut auf das Dauervolksfest Hamburger Dom gepasst hätte, Projektionen auf den Kaispeicher. Nur das Höhenfeuerwerk fehlte. Ein gut gefülltes Social-Media Budget inklusive gesponsertem Twitter-Trend zur Eröffnung (#Elbphilharmonie) sorgte dafür, dass all die Bilder in die Welt getragen wurden. Auch für die Tonalität des eigenen Social Media Auftritts setzte man ganz auf die entwaffnende Schlichtheit der hohlen Botschaft (»Musik in Sicht«, »Stück für Stück zur Eröffnung«) und den Countdown ins inhaltliche Nichts.

Es verfehlte seine Wirkung nicht:

5. »Nicht die Stimme ist es, die der Erzählung gebietet: Es ist das Ohr.«

(Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte)

Der Sturm vor der Ruhe: Getümmel im Foyer • Foto © bertold fabricius
Der Sturm vor der Ruhe: Getümmel im Foyer • Foto © bertold fabricius

Das Visuelle leitet unsere Kultur, aber für die Schwingungen ist das Ohr zuständig. Resonanz entsteht im Akustischen. Die Chance, die in der Klassik und den sie umgebenden Ritualen liegt, ist es, andere sinnliche Erfahrungen zu machen, das Hören in den Vordergrund zu rücken. Ein ruhiges Ohr, eine offene Empfangshaltung konnte es bei all der visuellen Übersäuerung an diesem Abend nicht geben. Der Fokus des Rummels driftete teilweise so grotesk weit von dem ab, was drinnen stattfinden soll, dass einen beim Eröffnungskonzert das Gefühl beschlich, viele Gäste säßen nun dort mit einer ähnlichen Erwartung, wie man eine neue Aussichtsplattform oder das »London Eye« besteigt. Und dann ist es doch nur ein klassisches Konzert, über zwei Stunden lang, das Programm sperrig, ein bisschen verkopft. Ein Kommentator erklärte sich den in der Stimmung geteilten Aufruhr danach (mehr dazu unter 9.) folgendermaßen: »Weil Musik zum Glück noch immer emotionalisiert«. Von der Musik wurde nun wirklich keiner emotionalisiert.

6. It’s the program, stupid!

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Der Große Saal ist schön in seiner Mischung aus Raumschiff und Wohnzimmer. Man fühlt sich darin wohl, geborgen. Wenn sich der Hype gelegt hat und alle, die unbedingt einmal rein wollten, drin waren, wird es darauf ankommen, was die Elbphilharmonie über ihre Architektur hinaus zu bieten hat. »Für mich wird sie nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn die Hamburger sagen: ›Ja, das ist der entscheidende Grund, warum Musik in meinem Leben einen größeren Platz hat.« sagte Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter in unserem Round Table im Juni 2016. Das hängt davon ab: Gibt es radikale Experimente, entwickelt das NDR Orchester genügend Charisma, um die neue Rolle als »Hausorchester« zu füllen? Wieviel Mut bringt man auf, dem Unbekannten Raum zu geben, wieviel Freiheit kriegt man oder nimmt man sich, im Zweifelsfall die Auslastungsquote zugunsten des Experiments außen vor zu lassen? Wird die Elbphilharmonie nach all der Affirmation von Großartigkeit nun auch Diskursivität, Durchlässigkeit, Rauheit, Melancholie, Fragilität finden? Trotz der Wahrzeichen-Haftigkeit ihrer Erscheinung und der Lage in der sterilen Hafen City zu einem Raum für Debatte und Imperfektion werden? Vieles davon wird man wohl erstmal im Kleinen Saal finden. Dort gibt es ein Ensemble in residence, bei dem der Mut zum Experiment schon zum Identitätskern gehört. Und wie ein Kommentator schrieb: das Herz eines Konzerthauses schlägt ohnehin in seinem Kammermusiksaal.  

7. … und dann wäre da noch die Akustik

Akustiker Yasuhisa Toyota • Foto Bertold Fabricius
Akustiker Yasuhisa Toyota • Foto Bertold Fabricius

Wer überrascht war, dass es im Großen Saal der Elbphilharmonie auch schlechtere Plätze gibt, hat sich vielleicht vom Brimborium um den japanischen Akustik-Houdini Yasuhisa Toyota, seine 3-D und Miniatur-Modelle und die »Weiße Haut aus 10.000 Gipsfaserplatten« zu sehr bannen lassen. Die spezifische Architektur (Bühne in der Mitte, verschachtelte Terrassen, wenig Breite, viel Höhe) macht es vermutlich unmöglich, dass es überall gleich gut klingt. Die Empörung darüber hatte etwas von vorprogrammiertem Abwehrreflex gegenüber den Vorschlusslorbeeren und der Affirmation von Weltklasse und »Top 10«. Der Große Saal huldigt in seiner Alles-ist-hörbar-keit einem spezifischen Klangideal, das nicht allen gefällt und nicht bei jeder Art Musik gut funktioniert. Ob sich daran, wie bei anderen neuen Sälen üblich, noch etwas drehen lässt, ist fraglich. Man kann nicht einfach ein paar Wolken unter den Klangtrichter treiben. Aber man könnte einfach die Kirche im Dorf lassen. Der Akustikdiskurs treibt die unbedingten Bescheidwisser und die Klangfetischisten um. (Ein interessantes Detail, dass die angereisten Musikjournalisten aus dem Ausland fast durchweg angetan waren, auch von der Akustik. Hören die alle schlechter?) Für alle anderen wird es einfach toll klingen. Die Anziehung eines Konzertsaals definiert sich nicht allein über das Ranking seiner Akustik, außerdem ist Klang Geschmackssache, wie ein Besuch im Internetforum der High-Fi-Aficionados bestätigt.

8. Musikstadt ist mehr als ein Gebäude.

Foto Michael Zapf
Foto Michael Zapf

Hamburg sei nun endlich Musikstadt, lesen wir. Spannend wie noch nie werde es jetzt werden in der Musikstadt Hamburg. Abgesehen davon, dass das, was in der Elbphilharmonie stattfindet, stattfinden kann, nur ein Ausschnitt von Musik(-kultur) ist: Es gibt neue Kräfteverhältnisse, und einige haben deswegen auch berechtigte Bedenken, wie unser Round-Table im Sommer gezeigt hat. Werden sich die Sponsoren lieber an das Große heften? Im Moment jedenfalls stehen sie Schlange. Wird es neben den Ausstrahl- auch Abstrahleffekte geben, die kleineren Akteuren helfen? Bisher war ziemlich viel Blendwirkung. Bleiben die autarken Räume der Off-Szene erhalten, Hafenklang, Molotow, Pudel, kommen vielleicht sogar neue hinzu? Wie verschränkt sich, wie durchlässig wird die Elbphilharmonie für die Künstler der Stadt? Man wolle keine große Krake sein, sagt Lieben-Seutter.

9. Rise and Fall

Hype oder Welle? Immer schön auf dem Dach bleiben! • Foto Michael Zapf
Hype oder Welle? Immer schön auf dem Dach bleiben! • Foto Michael Zapf

In der Klassikkultur lebt man so sehr in einer Beachtungsnische, dass man die schrillen Ausschläge der Aufmerksamkeitsökonomie, das immer schnellere Oszillieren von Aufstieg und Verglühen meist eher am Rande verfolgt. Es gibt sie einfach nicht, die kritische Masse an medienaffinen Menschen, die Aufmerksamkeit schenken. Nun war die Chance da, und man wollte sie ergreifen, schnell nicht langsam, lieber der Hype in der Hand als die Welle auf dem Dach. 10 Millionen Euro Marketingetat hat die Eröffnungskampagne verschlungen, ein internationales Agenturnetzwerk sollte auf »14 Kernmärkten maßgeschneiderten Content verbreiten«. Und auf einmal waren sie alle da: Menschen, die sich gerne vom Hype überwältigen lassen, und jene mit dem Verlangen, ihn zu zerstören. Es gab Trolle, Shitstorms und sogar so etwas wie Fake News. Man sah die, die den Ast auf dem sie sitzen, nicht absägen wollen, und erkannte bei anderen den Impuls, das, was hochgejubelt wird, runterzumachen. Einige trieb der Wunsch um, zum historischen Moment, zu all dem, was die Elbphilharmonie im Moment ihrer Einweihung schon ist, sein muss, das eigene finale Verdikt in Stein zu meißeln – und dadurch auch ein Stückchen vom Aufmerksamkeitskuchen abzukriegen. Manche Lokaljournalisten hatten die eigene Vorfreude so sehr geschürt, dass sich die Ahnung von Größe und Weltklasse bewahrheiten musste. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Und? War, doch schön, oder? Oder? Weltklasse. Zur Markteinführung eines neuen Produkts muss man von ihm überzeugt sein und es anpreisen. Wer der Elbphilharmonie und seinem Intendanten vorwirft, dies zu sehr getan zu haben, argumentiert ein bisschen naiv, unterschätzt institutionellen Umfelddruck und die Erwartungshaltung. Was wäre die Alternative gewesen? »Leider nur ganz okay«?

Die mediale Stratosphäre ist zuweilen eine leere Echokammer, wo ein verzerrtes Bild von Wirklichkeit entsteht. Viele können das mittlerweile ganz gut einordnen. Die Kritik an der Elbphilharmonie findet zudem eher auf Seiten des Klassikjournalismus, dessen Breitenwirkung überschaubar ist, und unter den im digitalen Raum gezüchteten Netztrollen statt. Zwischen diesen beiden Polen bleibt, wenn man sich umhört in Hamburg und außerhalb, die Vorfreude; die Lust ist sogar gestiegen. Also kann man sagen: es ist gut gelaufen.

10. In die Welt strahlen oder vor der Haustür glühen?

Ende, Aus, Applaus • Foto Michael Zapf
Ende, Aus, Applaus • Foto Michael Zapf

Die übliche Strategie, mit der Organisationen auf Zwickmühlen reagieren, ist strategische Kommunikation, um die Brüche kommunikativ zu verkleistern. Aus der Dissonanz der konträren Erwartungen und Widersprüche kann aber andersrum – wenn sie nicht nur ausgehalten, sondern direkt angespielt wird – künstlerische und soziale Relevanz entstehen. Das Programm des ersten Halbjahres der Elbphilharmonie ist bereits eine Resonanz darauf, auch wenn die Vielfalt noch gezähmt daherkommt, man etwas zu sehr auf die Strahlkraft der Stars setzt. Für die Eröffnung hätte es vielleicht eine spannendere Form von Budenzauber geben können: Weniger glattes Agenturgedöns, dafür mehr eigenes Bauchgefühl, weniger High-Tech-Aufrüstung, dafür mehr künstlerisches Cutting Edge, statt die obligatorische Sasha-Waltz-Eintanz-Einlage, lokale Künstler, Videokünstler, Elektronika. In dieser Woche startet das Festival Klub Katarakt auf Kampnagel, warum nicht Elemente von dort hinüberziehen in das »Grand Opening«? Man hätte damit gleichzeitig noch Werbung gemacht für einen anderen großartigen Hamburger Kunst-Ort. Das wäre cool gewesen. Die Euphorie um die Eröffnung hätte die Ohren geöffnet für das, was sonst fremd erscheint, mit dem man nicht konfrontiert wird, werden will, eine Roadshow der Künste. Aber es hat ja gerade erst begonnen. Fünf Uraufführungen hat die Elbphilharmonie in den ersten sieben Tagen schon erlebt, viele weitere werden folgen. Wie toll wird es sein, wenn diese neue Musik erst einmal den akustischen und räumlichen Besonderheiten der beiden Säle Rechnung trägt?! Das Wesen eines Konzerthauses, eines Kunstortes zeigt sich erst im Entstehen. Nachdem die Elbphilharmonie bei ihrer Eröffnung schon ganz viel sein musste, darf sie nun endlich werden. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert.