Der Kulturstillstand hinterlässt nicht nur ein Publikum im leeren, kontaktlosen Raum und wirft die ausübenden Künstler:innen in existenzielle Nöte, er bringt auch die in Bedrängnis, die durch ihre Arbeit im Hintergrund ein vielfältiges Musikleben überhaupt erst möglich machen. Das betrifft Agenturen und Konzertveranstalter genau wie traditionsreiche Musikverlage. Ob und wie diese den Lockdown und seine Folgen überstehen, ist ungewiss.

Die Notenausgaben von Musikverlagen wie Breitkopf & Härtel mit den verschlungenen Ornamenten, Henle im schlichten Taubenblau oder Schott mit dem gelben Rahmen sind in ihrem Design längst ikonisch geworden und finden sich bei den allermeisten klassischen Hobbymusiker:innen oder Profis im Schrank oder auf dem Notenpult. In vielen Musikverlagen generiert der Verkauf von Noten im Musikalienhandel oder Onlineshop, das sogenannte »Papiergeschäft«, aber nur einen Teil der Einnahmen. Eine zweite wichtige Säule ist das Leihgeschäft: Orchester und Opernhäuser mieten für eine bestimmte Anzahl von Aufführungen (und die entsprechenden Proben) komplette Notensätze eines Werkes. Das spart für die Klangkörper und Häuser Lagerkapazität und Verwaltungsarbeit und gibt den Verlagen eine bessere Kontrolle über die Verbreitung der Noten, gerade bei urheberrechtlich geschützten Kompositionen. Die dem Verlag zu zahlenden Mietkosten richten sich dabei unter anderem nach der Länge und Besetzung des Werkes, der Anzahl der Aufführungen und der verkäuflichen Sitzplätze des Hauses sowie der Höhe der Eintrittspreise. Darf nur ein Bruchteil des Publikums in den Saal, sind die Leihgebühren entsprechend niedriger und wenn gar keine Aufführungen stattfinden dürfen, fallen sie komplett weg – Einnahmen, die gerade für Verlage, die viele urheberrechtlich geschützte Werke betreuen, wie zum Beispiel Schott oder Breitkopf & Härtel, überlebenswichtig sind.

Bei Schott brachen die Erträge aus dem Verleih für den Bühnen- und Konzertbereich in der Folge des Lockdowns aufs ganze Jahr 2020 gesehen um knapp 80 Prozent ein. Ähnlich sieht es bei Breitkopf & Härtel aus, wie Verlagsleiter Nick Pfefferkorn berichtet: »Das Leihgeschäft hat sehr sehr stark gelitten, war teilweise sogar ein Minusgeschäft, weil Umsätze, die generiert, Rechnungen, die geschrieben wurden, mit der Stornierung der Aufführungen weltweit wieder zurückerstattet werden musste. Es gab eine leichte Entspannung Mitte 2020, weil die Orchester ein bisschen Hoffnung geschöpft und aufwendige Hygiene-Konzepte entwickelt haben. Aber das ging mit dem zweiten Lockdown alles wieder zurück.« Auch kleine Verlage verzeichnen in diesem Bereich gravierende Verluste. »Bei uns sieht es ganz schlecht aus«, bilanziert Renate Matthei, die 1986 den Furore Verlag gründete, der ausschließlich Werke von Komponistinnen herausgibt. Erst 2019 waren bei Furore 100 Orchesterwerke von Komponistinnen zum Verleih erschienen. »Die kamen wirklich sehr gut an, so gut, dass selbst wir überrascht waren. Und dann wurde alles storniert.«

Eine weitere wichtige Säule für Musikverlage, die urheberrechtlich geschützte Werke verlegen und betreuen, sind die Ausschüttungen der GEMA und ausländischer Verwertungsgesellschaften sowie der VG Musikedition. Die Klangkörper, Häuser oder Musiker:innen zahlen für jede Aufführung geschützter Musik Lizenzgebühren an die Verwertungsgesellschaften, die diese an die Verlage weitergeben, die sie wiederum an die von ihnen vertretenen Urheber:innen oder Rechteinhaber:innen auszahlen – jeweils natürlich mit Abzügen. Das dauert seine Zeit. Die Einbußen aus diesem wichtigen Bereich sind für die Musikverlage darum zum Teil noch gar nicht absehbar. »Wir rechnen immer antizyklisch«, erklärt Nick Pfefferkorn. »Es ist nicht wie beim Bäcker, der direkt den Umsatz in der Hand hält, wenn man ein Brot im Laden kauft. Die erste GEMA-Ausschüttung, die jetzt kommt, bezieht sich auf Aufführungen aus 2018/19 und von Anfang 2020, da kommt sogar vielleicht noch etwas.« Auch bei Schott kann man aktuell noch von alten GEMA-Einnahmen zehren, berichtet Christiane Albiez: »2020 hatten wir noch die Einnahmen aus 2019, in dem Corona gar keine Rolle gespielt hat. Das bedeutet aber, dass wir 2021 den vollen Ausfall der GEMA-Ausschüttung haben werden, weil 2020 nur ein Bruchteil der Konzerte, die normalerweise in einem Jahr stattfinden, gespielt wurden. Die Krise wird uns also auch noch dieses Jahr treffen. Und wenn wir 2021 bis zum Sommer keine Aufführungen haben dürfen, wird sie uns auch im nächsten Jahr noch treffen, selbst wenn 2022 wieder ganz normal aufgeführt wird.« Nick Pfefferkorn prognostiziert für Breitkopf & Härtel, dass der Verlag die Krise mindestens bis zum ersten Quartal 2023 spüren wird. Diese düsteren Aussichten werden zusätzlich getrübt durch den Umstand, dass staatliche Hilfen wie die Kurzarbeit, die der Großteil der Musikverlage in Anspruch nehmen muss, aktuell auf das Jahr 2021 begrenzt sind.

Wenn Kultur gerade überhaupt stattfindet, dann in Form von (Live-)Streams. Diese bedeuten sowohl mit Blick auf die Materialvermietung als auch die Lizenzgebühren deutlich weniger Umsatz für die Verlage. »Normalerweise gibt es zum Beispiel bei einer Oper sechs oder sieben Vorstellungen und für jede werden Tantieme und Materialgebühr bezahlt«, so Christiane Albiez. »Wir freuen uns natürlich, wenn jetzt wenigstens ein Stream stattfindet, aber hinsichtlich der Einnahmen ist das ein Bruchteil und kann weder uns noch die Komponist:innen über Wasser halten. Aber auch die sind froh, wenn ihre Stücke wenigsten irgendwie zu hören sind. Die nehmen lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.«

Die direkte Abhängigkeit der Musikverlage vom gesamten und vielgestaltigen Musikleben macht sich auch im klassischen Papiergeschäft bemerkbar: Während bei Noten für das Selbststudium oder Hausmusik die Nachfrage im Lockdown eher wächst, wird zum Beispiel Chorliteratur überhaupt nicht nachgefragt. Gerade auf diese hat sich der Musikverlag Carus spezialisiert. Hier fehlen nicht nur ganz direkt die Einnahmen, sondern auch eine Perspektive für das Chorleben und damit auch die Chorverlage nach dem Lockdown: »Unsere Kunden sind häufig Amateur- und Laienchöre«, so Geschäftsführerin Ester Perti. »Um die machen wir uns ernsthaft Sorgen, weil niemand weiß, wie es nach der Pandemie für sie weitergeht. Manche haben jetzt 1 ½ Jahre nicht geprobt. Wie kriegen die sich wieder aufgerappelt und motiviert?«

Wegen seiner starken Ausrichtung auf rechtefreie Solo- und Kammermusikwerke macht einzig der Henle-Verlag in Coronazeiten keine Verluste. »2020 war bisher unser bestes Geschäftsjahr und das nicht trotz, sondern wegen Corona«, so Verlagsleiter Wolf-Dieter Seiffert. »Wir haben gut 10 Prozent mehr Umsatz gemacht als 2019. Das liegt an der Qualität unserer Noten – die andere Verlage, die aktuell in der Krise sind und mit denen ich wirklich mitfühle, zum Teil auch bieten –, unserem Programm und unserer App.« Letztere ermöglicht es, lediglich Einzelstimmen von Werken oder auch nur einzelne Sätze zu kaufen und hat mittlerweile etwa 30.000 User:innen. »Etwa 70 Prozent unseres Kataloges macht Klaviermusik von Bach bis Ravel aus, da sind wir im Urtextbereich weltweit Marktführer. Und gerade diese Literatur wird aktuell am stärksten nachgefragt. Bestimmt die Hälfte der Kunden in USA und Europa sind Amateure, die gerne zuhause Klavier spielen. Aber auch die hochanspruchsvollen Klavierwerke – Liszt, Rachmaninow, Chopin, einschlägiges Repertoire von Studierenden und von Profis –, boomen, genau wie kleiner besetzte Kammermusik.«

Hier kehrt sich also zumindest teilweise ein Trend um, der in den letzten Jahren zu beobachten war: Das Papiergeschäft schien langsam, aber stetig abzunehmen, zum Teil bedingt durch neue technische Möglichkeiten der illegalen Reproduktion, wie Christiane Albiez vermutet. Durch die Konkurrenz im Onlinehandel schlossen auch schon vor Corona vielfach Musikalienhändler, die vor Ort beraten konnten. Der Gesamtverband Deutscher Musikfachgeschäfte klagte bereits 2017, dass der Verkauf von Printausgaben stagniere.

In anderen Bereichen, vor allem der Bläser- und Chorliteratur, fällt der Verkauf jetzt, in Pandemiezeiten, völlig aus. »Wir gehen gerade wieder mehr in die Kurzarbeit, weil wir merken, dass der Umsatz im Januar wirklich mies ist«, erzählt Ester Petri vom Carus Verlag. »Chöre hatten bei jedem Lockdown und auch danach – nachvollziehbarer Weise – wahnsinnige Einschränkungen, das spüren wir in den Umsätzen sofort. Es sind keine schönen Entscheidungen, die man angesichts dieser Umsätze fürs Haus treffen muss. Normalerweise ist der Januar unser stärkster Monat, weil da die Chorleiter:innen ihr Programm fürs Jahr planen und dann bei uns bestellen. Aber momentan bestellt niemand, weil man ja nichts planen kann. Das ist nicht überraschend, aber tut trotzdem weh. Diesen Januar haben wir nur 25 Prozent des Umsatzes vom Januar 2020 gemacht.« Breitkopf & Härtel hatten über den gesamten Verlagsbereich hinweg 2020 Umsatzrückgänge von etwa 60 Prozent zu verzeichnen. »Das deckt sich auch mit dem, was wir von anderen Verlagen hören«, so Nick Pfefferkorn. »Wir haben einmal im Moment ein Zoom-Meeting mit dem sogenannten E-Ausschuss des DMV [Deutscher Musikverleger-Verbands], in dem alle großen Verlage sitzen. Es gibt bei den Verlusten Abweichungen im einstelligen Prozentbereich, aber im Grunde sind sie bei allen Verlagen ähnlich.« Auch bei Breitkopf & Härtel ist man seit Mitte März 2020 in Kurzarbeit, ganz ähnlich sieht es für die 170 Beschäftigten bei Schott aus, von denen etwa 90 Prozent in Kurzarbeit sind. »Wir mussten im Frühjahr die Produktion des gesamten Hauses runterfahren, denn den verbliebenen Umsatz verwendet man zuallererst für die Löhne und andere Verbindlichkeiten«, so Christiane Albiez. »Man kann die Fachleute, die im besonders betroffenen Bereich arbeiten, auch nicht nach Hause schicken und nächstes Jahr wieder einstellen, zumal die Komponistinnen und Komponisten ja weiterhin Anspruch auf die Betreuung durch ihren Verlag haben. Daher ging fast der gesamte Betrieb in Kurzarbeit.« Genau wie beim kleinen Verlag Furore: »Das hat für die Arbeitnehmer:innen wirklich Konsequenzen«, so Renate Matthei. »Eine Mitarbeiterin, die seit über 10 Jahren bei uns war, konnte das nicht halten, auch weil wir keine Perspektive bieten konnten. Ich kann ja nicht sagen: ›Es wird alles gut.‹ Sie ist darum mit weinenden Augen gegangen.« Diese Fachleute fehlen dann, wenn der Betrieb irgendwann wieder aufgenommen werden kann.

Auch das Programm der Musikverlage ändert sich in der Krise, nicht nur, weil wegen der Kurzarbeit weniger und langsamer produziert werden kann. »Wir haben schon ab Mai angefangen, nach kleiner besetzten Stücken zu suchen oder Bearbeitungen der Bestseller für ganz kleine Besetzung in Auftrag gegeben«, berichtet Christiane Albiez. »Unsere Berater:innen sind in sehr engem Austausch mit den Kund:innen, mehrere Stunden am Tag am Telefon, fragen: Was braucht ihr? Welche Stücke funktionieren, wenn nur 100 Menschen zuhören, wenn man nur 20 Musiker:innen auf die Bühne setzen darf?« Von Korngolds Toter Stadt bespielsweise hat Schott eine Bearbeitung ohne Chor, mit verkürzter Spieldauer und viel kleinerem Orchester veröffentlicht. Große Projekte werden aktuell jedoch nicht angestoßen. »Die Projekte, die wir noch in der Pipeline haben, die schon komponiert sind und im Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober 2021 uraufgeführt werden sollen, produzieren wir fertig, egal, wie groß die besetzt sind. Wenn diese Uraufführungen jetzt auch noch abgesagt werden, ist das wirklich schrecklich, denn dann haben wir sehr viel Geld in die Hand genommen und kriegen keine Einnahmen.« Bei Carus hat man mit einem ähnlichen Ansatz  vor allem die Zukunft der Laienchöre im Blick: »Man muss jetzt vermutlich mit den großen ›Brettern‹, den renommierten Werken kommen, um die Leute überhaupt wieder für den Chor und auch fürs Konzert zu begeistern«, so Ester Petri. »Wir setzen darum verstärkt auf die großen Chorwerke, die jede Chorsängerin und jeder Chorsänger einmal gesungen haben will, bieten sie aber in Fassungen mit kleiner Besetzung. Wir gehen jetzt davon aus, dass die Chöre, wenn sie wieder singen dürfen, nicht so viel Geld haben werden und sie die Orchester bei Konzerten ja zusätzlich bezahlen müssen. Deswegen ist für die Chöre die Anzahl der Orchestermusiker:innen entscheidend.«

Nicht alle Musikverlage mit Klassik-Fokus sind selbstständig wie Schott, Breitkopf & Härtel, Henle, Carus und Furore. Manche wie Boosey & Hawkes wurden von großen Unternehmen aufgekauft, die ihren Umsatz vor allem mit der Verwertung von Popmusik machen. »Die haben andere Einnahmen und eine andere Sicherheit im Rücken«, so Christiane Albiez. »Wir sind auf das Kurzarbeitergeld und staatliche Unterstützung angewiesen.« Für die Musikverlage kommen zunächst – theoretisch – dieselben Coronahilfen infrage wie für alle kleinen mittelständischen Unternehmen. Aber: »Bei den Hilfsprogrammen des Bundes fallen die E-Musikverlage immer durch, eigentlich durch die Bank« so Nick Pfefferkorn, »weil sie entweder zu groß oder zu klein sind.« Im Programm ›Neustart Kultur‹ des Bundes kamen Musikverlage zunächst überhaupt nicht vor. Dank einer durch Lobbyarbeit des DMV angestoßenen Nachbesserung konnten hier nun pro Verlag, je nach Werkanzahl im Katalog, bis zu 300.000 Euro beantragt werden, allerdings nur für das Leihgeschäft. »Mit dem ›Neustart Kultur‹-Programm können wir jetzt Einnahmeausfälle aus dem Mietbereich kompensieren, aber auch nur 30 Prozent des entgangenen Umsatzes von April bis November 2020, einem ganz willkürlich gesetzten Zeitraum«, erklärt Pfefferkorn. »Und bei diesen 30 Prozent mussten wir bereits erhaltene Leistungen gegenrechnen, namentlich das Kurzarbeitergeld, das als Hilfe gezählt wird. Es ist eine Hilfe, aber ein Tropfen auf den heißen Stein. Verleger-Kolleginnen und -Kollegen, die in ihrem Verlag gar keinen Mietbereich haben, gehen komplett leer aus.« Die Anträge für diese Hilfen konnten zudem erst im Dezember gestellt werden. »Bisher haben wir noch kein Geld erhalten«, so Christiane Albiez von Schott. »Wir leben also tatsächlich von Rücklagen und von den Einnahmen aus den Monaten, in denen gespielt werden durfte. Aber wir müssen unbedingt darum kämpfen, dass wir im nächsten Jahr auch nochmal eine Unterstützung bekommen – wenn es uns dann noch gibt.« Bei kleinen Verlagen wie Furore kommt man derweil vor lauter Anträgeschreiben überhaupt nicht mehr zum Kerngeschäft: »Wir versuchen es vor allem in Förderprogrammen für den Klein- und Mittelstand im Digitalen Bereich«, so Renate Matthei. »Aber das ist immer nur eine anteilige Unterstützung, wir müssen immer Geld auf den Tisch legen, das wir gar nicht haben. Wir sind nicht nur ein kleiner, wir sind auch ein junger Verlag. Darum haben wir nicht so viele Rücklagen. Alles, was reinkommt, wird auch wieder ausgegeben. Deswegen trifft die Krise uns wirklich hart.« Den Antrag Soforthilfe erlebte Matthei noch als vergleichsweise angenehm, zwar umfangreich, aber unkompliziert. »Bei anderen Anträgen habe ich das Gefühl, dass oft falsche Schlüsse gezogen werden, weil niemand weiß, wie Musikverlage arbeiten. Es gibt dann merkwürdige Entscheidungen, was gefördert wird und was nicht. Wir verbringen sehr viel Zeit damit, uns immer wieder zu erklären: Was tun wir eigentlich? Wir arbeiten gar nicht mehr inhaltlich. Wir schreiben nur noch Anträge.« Beim Carus-Verlag fehlt vor allem Geld, um in die Zukunft des Papiergeschäfts – digital wie analog – zu investieren. Unterstützung in dem Bereich gab es bisher gar nicht. »Wir kriegen uns total runtergespart, durch die Kurzarbeit und indem wir Projekte nicht machen, auch wenn beides wirklich wehtut«, berichtet Ester Petri. »Wir haben ganz viele Programmprojekte auf Eis gelegt. Wir hatten sonst im Halbjahr 45 Neuerscheinungen, letztes Halbjahr waren es 15. Aber die Projekte werden uns in zwei Jahren fehlen.« Der Verlag brauche darum Geld, um jetzt zu investieren. »Wir schauen ständig, welche Hilfen es gibt. Beim ›Digital jetzt‹-Programm kann man sich einfach als Mittelständler unterstützen lassen. Dort wird allerdings ausgelost, ob man überhaupt einen Antrag stellen darf. Da dachten wir uns auch: Das ist nicht wahr, die Digitalisierung in Deutschland wird nach dem Losverfahren entschieden!« Christiane Albiez fehlen außerdem Perspektiven für die Urheber:innen, die Schott vertritt: »Uns fällt sehr schmerzlich auf, dass es bei den Hilfen fast nie um die Komponistinnen und Komponisten geht. In der Musikgeschichte entsteht jetzt ein Jahr ohne neue Werke, zumindest ohne groß besetzte, weil keine Aufträge vergeben werden. Die Häuser haben überhaupt keine Planungssicherheit, auch nicht über ihre Budgets, darum geben sie keine Kompositionen in Auftrag. Dabei ist es gerade für jüngere Komponistinnen und Komponisten, die noch keine Professur oder etwas Ähnliches haben, ganz wichtig, dass sie Aufträge von Orchestern, Ensembles oder Häusern bekommen. Die sind dieses Jahr komplett ausgeblieben und so fehlen den Komponist:innen nicht nur Lizenzeinnahmen, sondern auch die Auftragshonorare.«

Unverständnis herrscht bei vielen Musikverlagen ob der Frage, warum die Kulturwirtschaft so anders behandelt wird als die produzierende und verarbeitende Industrie. Eine unter anderem aus Mitteln der Bundesregierung finanzierte Studie summiert die Gesamterlöse der Musikwirtschaft in Deutschland im Jahr 2019 auf 13,6 Milliarden und ihre Bruttowertschöpfung auf 5,2 Milliarden Euro. »Und man darf nicht vergessen, dass ins Konzert zu gehen, in einem Chor zu singen oder im Orchester zu spielen, ein ganz wichtiger Teil des sozialen Lebens ist«, so Christiane Albiez. »Das ist ja nicht nur Musik, das ist sozialer Kit. 35 Millionen Menschen waren 2018/19 laut einer Studie des Deutschen Bühnenvereins in irgendeiner Art von Kulturvorstellung.« Nick Pfefferkorn wünscht sich von der Politik klare Perspektiven: »Arbeiten wir darauf hin, zu versuchen, einen Kulturbetrieb aufrecht zu erhalten mit reduziertem Orchester und reduziertem Publikum, mit Abstands- und Hygieneregeln? Oder arbeiten wir daraufhin, uns in allen Bereichen unseres Lebens wieder normal bewegen zu können? Müssen wir uns noch Ende 2021 mit Maske bewegen? Wann dürfen wir wieder normal zusammensitzen? Wenn alle geimpft sind? Wenn alle negativ getestet sind? Das sind so viele ›Wenns‹, die da im Raum schweben. Diese Ansage müsste von der Politik kommen, nicht nur für die Kulturschaffenden, sondern für alle Lebensbereiche.«  

Wie bei vielen Akteur:innen, die die Musiklandschaft aus der zweiten Reihe heraus lebendig halten, ist selbst vielen Klassikfans oft nicht klar, was fehlen würde, wenn in naher Zukunft viele Musikverlage Insolvenz anmelden oder sich deutlich verkleinern müssten. Ein geschlossenes Theater ist eine oft sogar im Stadtbild wahrnehmbare Leerstelle. Was Musikverlage eigentlich leisten, ist gerade auch deshalb schwer ersichtlich, weil die Aufgabenfelder wie auch die Einnahmequellen so vielfältig sind: »Das Wort Verlag, ›Verleger‹, kommt von ›vorlegen, auslegen‹«, erklärt dazu Nick Pfefferkorn. »Ein Mensch tritt in Vorlage für eine erbrachte geistige Leistung. Es ist unsere ureigene Aufgabe, in etwas zu investieren, das vielleicht erst in 10, 15 oder 20 Jahren einen Rückfluss bringt.« Mit Print on demand und erschwinglichen Notensatzsoftware könnten Komponist:innen heute vielleicht sogar selbst Noten erstellen und verkaufen. Darunter leiden dann aber das Layout und wichtige Einrichtungen wie gut durchdachte Blätterstellen in den Einzelstimmen, genau wie Textteile und Druck- und Bindequalität. Bei zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten promotet ein Verlag außerdem die Werke, tritt an Orchester, Bühnen und Entscheider heran. Für Neuausgaben von historischen Werken spielen Quellenforschung und die wissenschaftliche Genauigkeit eine große Rolle. Traditionsreiche Verlage liefern hier neben einem verlässlichen und gut lesbaren Notensatz oft einen kritischen Apparat, der erklärt, wie es um die Überlieferungslage bestellt und wie bei der Edition vorgegangen ist. »Wenn Verlage von heute auf morgen ihre Arbeit einstellen, könnten die Musikerinnen und Musiker sich nur noch bei imslp bedienen, dort sehen die Noten aber zum Teil aus wie hinterm Ofen hervorgezerrt und sind natürlich mehrheitlich auch überholt und auf einem Forschungsstand von vor über hundert Jahren. Dann würde irgendwann der Bereich der Musikwissenschaft, der kritische Werkausgaben erarbeitet, aufhören zu existieren, Komponistinnen und Komponisten wären überfordert, ihre Werke würden nicht aufgeführt, weil sie nicht an die Entscheider herankämen … Verlage werden gebraucht, wie Galerien für die Bildende Kunst oder dem Baumarkt, um eine Bohrmaschine zu kaufen. Da kann man ja auch nicht jedes Mal an den Hersteller herantreten. Man braucht immer einen Mittler, der für Professionalität, Vermarktung, Herstellung und Qualität bürgt. Und dafür sind die Verlage da.« Dabei sind die Musikverlage selbst natürlich ebenso auf die sie umgebenden Akteur:innen angewiesen: »Das Musikleben ist ein Ökosystem, das nur im Miteinander funktioniert«, so Ester Petri. »Wenn einer wegbricht, haben alle anderen auch ein Problem. Wenn nachher keine Musizierenden mehr da sind oder Chorleiter:innen, die ja meist nicht festangestellt sind, sondern werden von verschiedenen Chören beschäftigt werden, weil die sich jetzt alle einen anderen Job suchen mussten, können auch wir zumachen.«

Die Fragilität dieses Ökosystems zeigt sich jetzt einmal mehr. Geld fehlt an allen Ecken und Enden – und der Mangel wirkt von dort durch das ganze Abhängigkeits- und Beziehungsgeflecht. »Ich glaube, dass die Kulturtöpfe es schwer haben werden«, prognostiziert Ester Petri. »In den Kirchen ist es schon vor Corona so gewesen, dass die Einnahmen aus der Kirchensteuer sinken, die Kirchenmusik hat finanzielle Probleme. Auch im Profibereich kann es sein, dass öffentlichen Töpfe schrumpfen und man schauen muss, wie man sich finanziert.« Die Laienensembles bangen zudem nach der langen Pause um Mitglieder wie um Einnahmen – wer soll da noch Noten kaufen oder mieten? So ist selbst die Zukunft eines 250 Jahre alten Verlags wie Schott ungewiss: »Wenn das Musikleben noch ein Jahr lang stillgelegt ist, habe ich große Bedenken, ob wir das überleben können, jedenfalls in der jetzigen Größe«, meint Christiane Albiez. »Drei, vier Monate kriegen wir das mit der Kurzarbeit noch hin.« Ganz ähnlich sieht es beim Carus-Verlag aus: »Ich lebe noch in der großen Hoffnung, dass zumindest die 2. Hälfte von 2021 wieder so wird, dass die Leute zumindest Konzerte spielen und proben dürfen, denn sonst stehen wir wirklich ganz schön ohnmächtig dar«, so Ester Petri. Breitkopf & Härtel, der weltweit älteste Musikverlag, kann in der aktuellen Aufstellung laut Nick Pfefferkorn maximal bis Ende des Jahres durchhalten. Dabei sieht er sich nicht nur in der Verantwortung gegenüber den Komponist:innen, deren Situation er »dramatisch« findet, sondern auch den Subunternehmen. »Nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit ergibt sich da einfach eine Loyalität.« Auch er sorgt um sich das filigrane Netzwerk Kulturlandschaft und die Folgen einzelner oder massenhafter Schließungen oder Umorientierungen: »Was da dran hängt, können wir im Moment noch gar nicht abschätzen.« ¶

Merle Krafeld

... machte in Köln eine Ausbildung zur Tontechnikerin und arbeitete unter anderem für WDR3 und die Sendung mit der Maus. Seit 2014 studiert sie Schulmusik und Geschichte und spielt Geige in Laien-Ensembles und einer Punk-Band. Außerdem ist sie Redakteurin bei VAN.