Das Youth Symphony Orchestra of Ukraine (YsOU) wurde 2016 mit Unterstützung deutscher Musikinstitutionen und unter der künstlerischen Leitung der Dirigentin Oksana Lyniv ins Leben gerufen. Hier musizieren und lernen Musiker:innen von 12 bis 22 Jahren, kostenlos. Tourneen führten das Ensemble bereits nach Deutschland, Österreich, Kroatien und in andere Länder Europas. Für den Sommer 2022 stand zum ersten Mal eine Tournee durch die ganze Ukraine auf dem Programm. Die russische Invasion setzte diesen Plänen ein gewaltsames Ende.

Ich habe mit vier jugendlichen Musiker:innen (die zu ihrem Schutz nur mit ihren Vornamen genannt werden) und der Managerin des Orchesters über ihre aktuelle Situation und den Stellenwert von Musik in Kriegszeiten gesprochen.


Uliana

Alter: 16 
Instrument: Bratsche
Stadt: Kyiv 

Ich befinde mich in einem Schutzraum. Ich kann nicht genau verraten, wo, weil das gefährlich sein könnte. Ich habe die letzten drei Tage hier verbracht. In zwei Wochen werde ich 17 Jahre alt. Ich hoffe, ich kann meinen Geburtstag feiern.

Auf die letzte YsOU-Tournee konnte ich nicht mitfahren, weil ich da noch nicht gegen COVID-19 geimpft war. Die erste Dosis habe ich zwei Tage vor dem Einmarsch bekommen. Jetzt weiß ich nicht, wann ich die zweite bekomme.

Ich habe nicht viel Musik gehört, schon gar nicht klassische Musik. Gestern habe ich fünf Minuten lang auf meiner Bratsche gespielt. Nur damit mein Instrument weiß, dass es in Ordnung ist. Meine Bratsche war sehr verstimmt – auch Instrumente fühlen. Meine Bratsche ist zuhause, unter meinem Bett. Sie ist sehr wichtig für mich. Sie könnte beschädigt werden, wenn Raketen in die höheren Stockwerke der Gebäude einschlagen.

Ich komme aus Dnipro. Ich bin für meinen Bratschenunterricht nach Kyiv gekommen. Dnipro ist jetzt sicherer, dort sind keine russischen Truppen.


Anna

Alter: 21
Instrument: Oboe
Stadt: Charkiw

Ich spiele Oboe. Aber wir haben keine Zeit mehr, über Musik nachzudenken. Es geht jetzt nur noch darum, zu überleben.

Meine Familie und ich sind schon seit sechs Tagen im Luftschutzkeller. Jeden Morgen wachen wir von Explosionen auf.

Unsere Stadt hat sich in eine Hölle verwandelt. Leichen liegen schon seit zwei Tagen auf der Straße, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und andere Gebäude brennen. Unschuldige Menschen sterben. Viele meiner Freunde haben kein Zuhause mehr.

Wir wissen nicht, wann dies enden wird. Aber wir hoffen, dass die Russen unser Land verlassen.

Anna, 21, spielt Oboe im Luftschutzkeller in Charkiw. 

Yehor

Alter: 17
Instrument: Percussion 
Stadt: Kyiv

Ich lebe in in Kyiv, aber meine Familie fünfzehn Kilometer außerhalb der Stadt. Es ist sehr gefährlich dort. Alles wurde komplett niedergebrannt. Meine Familie und Freund:innen haben mir Fotos geschickt. Die Russen haben alles in die Luft gejagt: Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser. Meine Familie lebt, aber sie haben weder Strom noch Wasser. Sie können in keine andere Stadt fahren, weil die Straßen zerstört sind. Es gibt keinen Weg in die Westukraine. 

Wir haben heute mehrmals Fliegeralarm gehört. Das ist mittlerweile normal. Wir halten zusammen. Die Ukrainier:innen waren noch nie so geeint. Alle helfen. Ich habe alles, was ich bei mir in der Wohnung  gefunden habe, den Freiwilligen gegeben.

Ich verbringe alle meine Nächte unter der Erde, um sicher zu sein. Aber es war bis jetzt ziemlich gemütlich. Wir haben die Heizung angestellt und Strom bekommen. Man redet viel mit anderen Leuten. Man kommuniziert.

Ich bin seit 2019 im YsOU. Im August haben wir ein Konzert mit ukrainischer Musik gespielt: Musik aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert, aus ganz verschiedenen Ecken der ukrainischen Kultur. Wir wollten mit diesem Programm durch die Ukraine touren. Ich habe wunderschöne ukrainische Musik gehört, die ich vorher gar nicht kannte. Jetzt weiß ich, dass die Ukraine eine so wichtige Kultur hat. 

Dieses Orchester hat mein Leben verändert. So sehr, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Jetzt, in dieser schrecklichen Lage, sind wir jeden Tag in Kontakt – jede Stunde. Es ist eine sehr besondere Gemeinschaft. Wir sind enge Freund:innen geworden. Ich kann es nicht erwarten, wieder spielen zu können. Keiner von uns kann das.

Ich habe zwar ein paar Instrumente zuhause, aber ich übe meistens in der Nationalen Musikakademie. Dort können wir jetzt nicht üben, also versuche ich es zuhause. Am ersten Tag der Invasion war es wirklich hart zu üben. Ich habe die ganze Zeit nur Nachrichten gelesen, um zu wissen, was mich in der nächsten Stunde erwartet, in den nächsten 15 Minuten. Aber jetzt ist die Situation besser zu überschauen. Gestern habe ich ein bisschen geübt. Um zu entspannen. Man liest 24/7 Nachrichten, aber das ist furchtbar fürs Hirn. 

Ich habe Freund:innen im Kharkiv Symphony Orchestra. Mein bester Freund hat es nach Polen geschafft, die anderen suchen Schutz in Kellern. In Charkiw geht es nur ums Überleben.


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Alexandra

Alter: 24
Instrument: Geige, Managerin des YsOU
Stadt: Würzburg

Ich bin durchgängig in Kontakt mit unseren jungen Musiker:innen. Wir sprechen so zehn Mal am Tag, um sicher zu sein, dass niemand verletzt ist. Ich fühle mich schrecklich. Ich habe nicht geschlafen, ich habe die Nachrichten verfolgt oder mit Journalist:innen gesprochen. Versucht, den Kontakt mit dem Orchester und meiner Familie in Kyiv aufrecht zu erhalten. Mein kleiner Bruder ist zehn Jahre alt. Mein ganzes Leben ist noch in der Ukraine. Ich fühle mich, als wäre ich dort – nicht körperlich, aber geistig. Es tut sehr weh, die Fotos und Videos zu sehen und mit meinen Eltern zu sprechen. Meine Mutter weint. 

Das YsOU während einer Aufnahmesession im Jahr 2019 • Foto © Serhiy Horobets 

Wir sehen unser Orchester als Familie. Wir legen großen Wert auf ein freundliches Miteinander. Alle sind mit allen befreundet. Wenn jemand aus Altersgründen aus dem Orchester ausscheidet, bleibt man befreundet. 

Im August 2021 haben wir in Mariupol gespielt. Dort liegt jetzt fast alles in Schutt und Asche. Ich weiß nicht, ob überhaupt noch etwas von Mariupol übrig ist.

Ich bin Geigerin. Die ganze Zeit konnte ich keine Musik machen. Aber ich bin stolz auf die Musiker:innen, die ihre Instrumente mitnehmen dorthin, wo sie Schutz suchen. Sie versuchen zu üben. Ich weiß, dass die Musik bei uns bleibt, und wir bleiben bei der Musik. Aber jetzt ist es schwer, überhaupt irgendwas in Musik auszudrücken, weil uns auch die Worte fehlen, um zu beschreiben, was geschehen ist. 


Viele junge Musiker:innen des Youth Symphony Orchestra of Ukraine befinden sich aktuell noch in der Ukraine. Fünf Erfahrungsberichte in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Varvara

Alter: 18
Instrument: Geige
Stadt: Kyiv

Uns erreichen so viele Nachrichten über Angriffe und wir hören so oft den Alarm, dass wir darauf emotional nicht mehr wirklich reagieren. Wir verstecken uns im Korridor unseres Gebäudes. Wir schlafen auch dort, auf Matratzen. Hier sind wir im Falle eines Angriffs sozusagen sicher. Gestern gab es einen weiteren Luftangriff, und die russischen Streitkräfte haben ein Gebäude drei Kilometer von uns entfernt attackiert.  Dort wurde ein großes Loch ins Haus gerissen und Menschen starben. All diese Nachrichten, dass die russische Armee nur strategische Einrichtungen oder Soldaten angreift, sind Schwachsinn.

Einen Abend habe ich auch in der Eingangshalle gespielt. Abends machen wir das Licht nicht an, darum war es etwas dunkel. Jedes bisschen Licht kann gefährlich sein, weil es den Russen helfen kann, besser zu zielen mit ihren Raketen.  

Ich habe einen Livestream gemacht und die ersten beiden Sätze einer Bach-Sonate und einer Ysaÿe-Sonate gespielt. Am ersten Tag der Invasion habe ich überhaupt nicht gespielt. Am zweiten Tag hab ich beschlossen, ein bisschen für mich zu spielen. Um mich zu beruhigen. Und um nicht zu vergessen, wie man Geige spielt. Es lenkt mich von meinen Gedanken ab. Ich habe gedacht: Vielleicht kann ich helfen, indem ich das tue, was ich kann. Die Leute melden sich freiwillig, verteidigen sich mit Gewehren und Molotowcocktails. Das kann ich nicht. Aber ich kann Informationen verbreiten, und ich kann Geige spielen.

Ich möchte in Deutschland Geige studieren. Ich hoffe, dieser Krieg endet bald. Natürlich nicht nur, weil ich mich an Musikhochschulen bewerben will [lacht]. Sondern weil ich erwachsen werden will. 

Einige meiner Freund:innen leben in Charkiw, wo die Lage viel schlimmer ist. Der Vater einer Freundin wurde von der russischen Armee festgenommen. 

Ich habe sogar versucht, einen kleinen Cyber-Krieg zu führen [lacht]. Über Gergiev und München habe ich Kommentare gelesen wie: ›Was hat Kunst mit Politik zu tun? Er ist nur Dirigent.‹ Ich habe versucht, freundlich zu erklären, dass Kunst viel mit Politik zu tun hat. Ich bin Künstlerin, ich spiele Geige. Ich habe keine Wahl. Ich kann mir nicht aussuchen, ob ich mit Politik zu tun haben will oder nicht. Ich bin einfach Teil davon. ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com