Fast vier Wochen dauern die Proteste im Iran nun schon an, nachdem Mahsa Jina Amini in Teheran von der Sittenpolizei verhaftet wurde, weil diese der Meinung war, sie trage ihr Kopftuch nicht korrekt. In Gewahrsam fiel Amini, mutmaßlich unter Einwirkung massiver Polizeigewalt, ins Koma und starb drei Tage später. Menschen aller Gesellschaftsschichten gehen seitdem unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße, mittlerweile wird immer öfter auch von der Beteiligung Jugendlicher an den Protesten berichtet. Nach Angaben der norwegischen NGO Iran Human Rights forderte die brutale Niederschlagung der Proteste bereits bis Ende letzter Woche 185 Todesopfer, darunter 19 Minderjährige. (Stand: 8. Oktober 2022) Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher. Die hier zur aktuellen Situation im Iran interviewte Musikerin möchte zum Schutz von Familie und Freund:innen im Iran anonym bleiben.

VAN: Du warst zum Zeitpunkt des Todes von Mahsa Jina Amini in Teheran. Wie hast du die Stimmung der Bevölkerung und das Aufflammen der Proteste vor Ort erlebt?

Es gab einen Internet Shutdown und an jeder Ecke und an jedem öffentlichen Platz sah man offiziell gekleidete Kräfte – wobei nicht zu unterscheiden war, ob diese zur Polizei, zur Revolutionsgarde oder zu den Sittenwächtern gehören. Wir haben miteinander telefoniert, um zu erfahren, was überall los ist. Alle haben sich Mut gemacht, ohne Kopftuch herumlaufen. Das Zuhause meiner Eltern liegt ziemlich zentral. Am Abend vor meinem Rückflug hörte ich viele Schüsse und die Rufe der Menschen: Tod dem Diktator! Ich wusste nicht, ob ich ausreisen kann oder nicht, aber es hat geklappt. 

Seit vielen Jahren bewege ich mich zwischen dem Iran und Europa. Meinen dauerhaften Wohnsitz nicht im Iran zu haben, war eine freie Entscheidung von mir, denn ich wollte einfach mehr studieren, lernen und Erfahrungen machen. Es war mir auch sehr wichtig, neben allen meinen anderen Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt zu stehen und künstlerisch zu arbeiten. In der Musikszene ist Deutschland ein Treffpunkt für uns alle: aus Kanada, USA, Chile, Uruguay, Brasilien, England, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Russland, Japan, Korea, Taiwan, China und noch vielen anderen Ländern. In diesen vielen Jahren habe ich mich immer als eine Weltbürgerin empfunden. 

Heute aber betone ich besonders, dass ich aus dem Iran stamme, und das ist für mich ein politischer Akt, gerade in der heutigen Zeit, in der die Nachrichten aus dem Iran kaum einen Platz finden auf den Seiten der großen Nachrichtenagenturen, weil es eben gerade auch andere Brennpunkte gibt. 

Wie empfindest du die Rolle der Männer in dieser Bewegung, die international als ›feministische Revolution‹ bezeichnet wird?

Man sieht in diesen Tagen bewegende Bilder und Videos aus dem Iran. Die Proteste sind zwar durch den Tod von Mahsa ausgelöst worden, sie haben aber eine lange Geschichte und es gibt viele Gründe, warum die iranische Bevölkerung die jetzige Situation nicht mehr ertragen kann und will. Diese Proteste werden zwar zum großen Teil von Frauen angeführt, sie sind aber keine feministische Bewegung, die die Männer exkludiert. Es ist wichtig zu sehen, dass Männer und Frauen zusammen und nebeneinander stehen und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen. Ich habe Videos gesehen, wie einige Männer sich zwischen eine Frau und die Sicherheitskräfte gestellt haben, um die Frau vor der Prügelei der Sicherheitskräfte zu schützen. Das ist eben wichtig, denn die Unterdrückung betrifft alle Menschen in den letzten 40 Jahren. Auch die Männer, die zum Wehrdienst mussten und monatelang, sogar bis zu zwei Jahre lang, allerlei Demütigung ertragen. Die psychischen Konsequenzen dieser Zeit begleiten viele von ihnen noch weiterhin. Wir protestieren nicht nur für Mahsa, wir denken nicht nur an Mahsa, sondern an viele andere – an Tausende. Wir denken auch an die Opfer der Kettenmorde in den 90er Jahren. Viele oppositionelle Intellektuelle wurden brutal ermordet, unter anderem Mohammad Mokhtari und das Ehepaar Forouhar im Iran sowie Fereydoun Farokhzad in Deutschland, der in seinem Haus in Bonn umgebracht wurde. Wir denken an alle Passagiere des ukrainischen Flugs Ukraine-international Flight 752. Das Flugzeug wurde im Januar 2020 kurz nach dem Start von Teheran durch zwei iranische Flugabwehrraketen abgeschossen und ist abgestürzt. Niemand hat überlebt. Das iranische Regime hat erst tagelang alles verleugnet. Hinterher mussten sie durch den internationalen Druck den Abschuss zugeben, allerdings wurde der Fall bis heute nicht aufgeklärt. Das sind nur wenige Beispiele des kriminellen und repressiven Verhaltens des Regimes gegenüber der eigenen Bevölkerung.

Der Sänger Shervin Hajipour ist vor einigen Tagen für sein regimekritisches Lied für/baraye verhaftet worden. ›Für Tanzen auf den Straßen, für Küssen ohne Angst‹ – singt er in dem mehr als 40 Millionen Mal geteilten Song. Welche Rolle spielt das Teilen von Videos in sozialen Netzwerken? 

Aus dem Iran kommen eben gar keine offiziellen News, denn dort sind die Nachrichten staatlich organisiert und sie dienen lediglich der staatlichen Propaganda. Das, was wir alle heute wissen, wissen wir aus dem Internet. Einzelne Menschen machen Videos und Fotos von der Situation vor Ort, von den Protesten, und schicken sie ins Internet und diese werden dann weiter verbreitet. Darum ist das Internet gerade das wichtigste Mittel, das wir haben, und eben darum hat das Regime so viel Angst davor und schränkt den Zugang zum Internet massiv ein. Die wichtigsten Kommunikations-Apps im Iran waren Instagram und WhatsApp, und sie sind inzwischen gar nicht oder nur durch VPNs und Proxies erreichbar und natürlich mit langsamer Geschwindigkeit. Darum braucht Iran gerade Unterstützung, und jeder von uns versucht, eine Stimme zu sein, auf Social-Media und sonst durch alle möglichen Wege. 

Und ja, vor wenigen Tagen ist Shervin Hajipour, ein beliebter Sänger, verhaftet worden, weil er in diesem Song, baraye, vieles aufgezählt hat, für das wir protestieren. [Hajipour wurde mittlerweile gegen Kaution aus der Haft entlassen. Kurz danach distanzierte er sich auf Instagram von seinem eigenen Song, ein Statement, das allgemein als von staatlicher Seite erzwungen eingeordnet wird, d. Red.] Wir protestieren für das Recht, ein ›normales Leben‹ zu haben. Wir protestieren für ein Land, das immer weiter kaputt geht, denn die korrupte Regierung kümmert sich nicht darum. Nicht die kompetenten Menschen bekommen die wichtigen Stellen und Posten im Land, wo man etwas verändern könnte, etwas bewegen könnte, sondern beispielsweise irgendwelche Personen durch Vetternwirtschaft, die nicht zu Verbesserungen beitragen wollen und es aufgrund ihrer Inkompetenz auch nicht können. Die Luftverschmutzung bringt alle an gesundheitliche Grenzen. Viele Flüsse sind ausgetrocknet, bestimmte Tierarten sind gefährdet, auszusterben. Wer die Stimme erhebt, kommt ins Gefängnis. Wir fordern, die politischen Gefangenen freizulassen. Und zugleich gibt es jeden Tag mehr Verhaftungen. Die Menschen protestieren für das Recht, ein ›sicheres Leben‹ zu haben. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal, die Inflationsrate ist explodiert, die Spaltung zwischen Reichtum und Armut wird immer größer. Es gibt unzählige Menschen, die ihr Brot in den Mülltonnen suchen. Es tut uns weh, wenn wir sehen, wie unsere afghanischen Mitmenschen, die im Iran Zuflucht gesucht haben, kaum Rechte haben auf Bildung, auf Versicherung, auf legale Arbeit, auf ein ›normales Leben‹. Diese mehr als 40 Jahre andauernde Unterdrückung von Menschenrechten und Frauenrechten kann nicht mehr so weitergehen. Deshalb riskieren die Menschen ihr Leben auf den Straßen und es sind schon viele gestorben. 

Welche diskriminierenden Erfahrungen musstest du erleben – als Frau, aber auch als Musikerin, in einem Land, in dem Frauen nicht einmal öffentlich als Sängerinnen auftreten dürfen? 

Man muss sagen: In den letzten Jahren gab es durchgängig Unmut und immer wieder aufkeimende Proteste. Ganz zu Beginn, nach der Revolution von 1979, als das Regime anfing, Kleidungsvorschriften einzuführen, haben die Frauen schon dagegen protestiert. Der Ausbruch des ersten Golfkrieges im Jahre 1980 machte die Situation für die iranische Bevölkerung nicht einfacher. Und in all diesen Jahren haben die Frauen sich schrittweise von den Vorschriften gelöst. Der Anteil von Frauen an den Universitäten und in den Firmen war immer bemerkenswert hoch. Ich kenne persönlich eine junge, sehr talentierte Sängerin, die in den letzten Jahren in Teheran trotz aller Einschränkungen für ihre Kunst gekämpft hat und einfach illegal als Sängerin auftritt.

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An welchen Orten und vor welchem Publikum finden solche ›illegalen‹ Konzerte statt? Wie funktioniert künstlerischer Ausdruck mit einer solchen Angst?

Unterschiedlich. Einfach dort, wo es klappt, privat als Hauskonzert, aber auch mit Unterstützung von aktiven Gruppen in halb-öffentlichen Räumen, ohne staatliche Erlaubnis, was man ja sonst für die Veranstaltung eines Konzertes braucht. 

Und künstlerischer Ausdruck … wo man das Fließen des Wassers stoppt, bildet das Wasser einen neuen Weg. Je mehr Restriktion, desto mehr Kreativität und desto mehr Notwendigkeit für einen existentiellen Ausdruck.

Kann die bewusste Einarbeitung musikalisch-thematischen Materials aus der Heimatkultur das Denken und die Wahrnehmung der Menschen über den Iran beeinflussen?

Kunst und Musik sind für mich Medien zum Denken. Als Künstler, Künstlerin, Komponist, Komponistin muss man sowieso den eigenen Weg suchen und finden, und das ist immer so, unabhängig vom Ort, der Herkunft oder Kultur. Nur so kann ein Kunstwerk Kunstwerk werden.

Die iranische Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh sagte dem Time Magazin vor einigen Tagen, dass sie durchaus eine Chance für einen Regimewechsel sieht. Wie bewertest du die Situation und die Aussicht auf Besserung für die Menschen im Iran?

Seit dem Tod von Mahsa, gehen die Proteste pausenlos weiter, nicht nur in Teheran, sondern auch anderen Städten im Iran, und alle schließen sich an. Es gibt Videos, in denen man Schülerinnen sieht, die ihren Protest äußern. Wir wissen, dass Studierende dabei sind und wir wissen, dass inzwischen die Unis trotz der Bemühungen nicht mehr in der Lage sind, die Sicherheit der Studierenden zu gewährleisten. Ich weiß ganz konkret von einer wichtigen und bei solchen Protesten immer ausschlaggebenden Universität. Der Campus dieser Uni ist ein geschützter Raum, das heißt, dass nicht jeder da reinkommen darf, nur Studierende mit ihrem Ausweis. Nach dem friedlichen Protest der Studierenden in der Universität wurden sofort viele von ihnen außerhalb des Campus verhaftet, weil einige Unbekannte sich zwischen die Studierenden gemischt haben und diese daraufhin angezeigt haben. Zahlreiche Lehrende setzen sich gerade für die Freiheit ihrer Studierenden ein.  

Eine Musikerin, die beim Ausbruch der Proteste im Iran dabei war, berichtet: über 40 Jahre Unterdrückung, die Rolle der Männer während der Proteste und illegale Konzerte. In @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Die Proteste werden gerade von allen unterstützt. Einige berühmte Sportler:innen haben sich auf die Seite der Protestierenden gestellt. Vor allem auch viele Schauspieler:innen, Künstler:innen, und Musiker:innen. Die aktiven Musikgruppen in Teheran haben sich geäußert und Position bezogen. Die Situation ist für uns alle sehr traurig, sehr tragisch, und zugleich haben wir Hoffnung auf Änderung, Hoffnung, dass die Proteste sich durchsetzen werden. Die internationale Unterstützung aus verschiedenen Ecken ermutigt die Protestierenden. Es gab am 1. Oktober weltweit Demonstrationen in mehr als 120 Städten. Wir brauchen weltweit die Denkenden. Denn es sind nicht nur Iraner und Iranerinnen, die gerade mit vielen Problemen kämpfen. Die Weltlage ist kritisch. Die Weltpolitik ist kritisch. Darum brauchen wir Kritik, darum spielen die Denkenden eine enorme Rolle, damit wir uns nicht in unserem kapitalistischen Alltag bequem machen und versinken. Darum ist es wichtig, dass mutige Menschen den Alltag brechen und ihre Stimme erheben. Darum brauchen wir die Proteste. Solange es irgendwelche Atomwaffen irgendwo auf der Welt gibt, ist die Erde bedroht. Solange die Welt aus ›Großmächten‹ und ›den anderen‹ besteht, wird es Brennpunkte, wird es Instabilität geben. Wir brauchen Umstrukturierung. Wir brauchen das Denken. Wir brauchen Philosophie, und wir brauchen agierende PolitikerInnen. Und wir brauchen Kunst und wir brauchen Musik. ¶

Muriel Razavi

… ist eine amerikanisch-iranische Bratschistin und arbeitet als Stellvertretende Solo-Bratschistin im MDR-Sinfonieorchester. Gleichzeitig promoviert sie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg unter der künstlerischen Betreuung von Daniel Barenboim zum Re-Orientalismus in der Musik. In diesem Zusammenhang arbeitet sie bereits seit vielen Jahren an modernen Konzertformaten mit zeitgenössischer Musik iranischer Komponistinnen der Iranian Female Composers Association. Mit dem Konzert für...