Das Scheitern, der Schatten, der Misserfolg haben einen schlechten Ruf. Wo wir ihnen begegnen, wenden wir uns ab. Wenn es wahr ist, dass nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, gilt auch der Umkehrschluss: Nichts ist verheerender als der Misserfolg.

Gleichzeitig heroisieren wir das Scheitern auf hohem Niveau als Vorstufe zum wirklichen Durchbruch. Eine Geschichte von Hingabe, Anstrengung und Entbehrung, die sich am Ende auszahlt. Der Werdegang von Musiker:innen wird gerne entlang dieser Schablone erzählt. Wir sind stolz auf unseren hohen Selbstanspruch und geben nicht auf. Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. So wird gerne verkürzt aus Samuel Becketts Worstward Ho (1983) zitiert.

Im folgenden Absatz fällt Becketts Protagonist aber in einen Abgrund ohne Wiederkehr:

Erst der Körper. Nein. Erst der Ort. Erst beides. Jetzt das eine. Jetzt das andere. Übel von dem einen das andere versuchen. Übel von dem zurück von dem Übel. Und so weiter. Und so weiter. Irgendwie weiter. Bis man keine Lust mehr hat, weder aufs eine noch aufs andere. Beides in die Höhe werfen. Wo auch nichts ist. Auch davon übel werden. Wieder hochwerfen, dann zurück. Wieder der Körper. Wo keiner ist. Wieder den Ort. Wo keiner ist. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Wieder besser. Oder besser schlimmer. Wieder schlimmer scheitern. Noch schlimmer. Endgültig übel sein. Alles endgültig hinschmeißen. Endgültig gehen. Wo endgültig nichts mehr ist. Gutes und so.

So kann sich Depression anfühlen.

Depressionen sind kein Tabu mehr: Der Entertainer Harald Schmidt talkt in einer neuen Podcast-Reihe der deutschen Depressionshilfe mit jungen Influencer:innen. Kabarettisten outen sich in ihren eigenen Shows. Eine Reihe namhafter Schauspieler:innen schließen sich unter dem Hashtag #endthestigma der Anti-Stigma Kampagne der National Alliance on Mental Illness an. Spitzensportler:innen bekennen sich zu ihrer Erkrankung und machen öffentlich, wie medialer Druck und das erbarmungslose Leistungsprinzip sie in den Rückzug zwingen.

Im Pop, im Rock, im Jazz gibt es schon seit Jahren Prominente, die ihre Popularität und Reichweite nutzen, um ihren Fans das Thema »mental health« näher zu bringen. Der (Drogen-) Exzess, der Fall vom Olymp in den Abgrund sind Narrative, die von der Presse  klischeehaft immer wiederbelebt werden: die Schattenseite des Glamour, der Preis des Ruhms. Da sind Depressionen Teil des Gesamtpakets, das durchaus unbürgerlich bis bizarr daher kommt: nur etwas für Paradiesvögel und Extremsportler:innen also?

Aus Studien für den angelsächsischen und skandinavischen Pop-und Rock-Markt geht hervor, dass das Risiko an Depressionen zu erkranken, für Musiker:innen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung dreifach erhöht ist. 50–70 Prozent der Befragten gaben an, unter starkem Stress und  Angststörungen zu leiden und/oder depressive Episoden zu durchleben.

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In der Klassik bleiben wir clean, zumindest nach außen. Nils Mönkemeyer spricht in einem Gastkommentar in VAN über die Sehnsucht, sich jenseits von Perfektionismus und makellosem Image auf der Bühne lebendig, fehlbar und menschlich fühlen zu dürfen. Innerhalb der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass die nicht nachlassenden Anforderungen einer professionellen Musiklaufbahn zehren. Extreme Stresssituationen werden mit Betablockern »bewältigt«, Burnout und Bühnenangst, Hörschäden und Tinnitus, physische wie psychische Verschleißerscheinungen sind keine seltenen Begleiter. Protagonisten aus der ersten Reihe, die sich öffentlich zu Depressionen, einer Angsterkrankung oder Zwangsstörungen bekennen, sind selten. Eine Ausnahme ist die Geigerin Midori  die bekanntlich lange mit Magersucht und Depressionen zu kämpfen hatte und sich nach ihrer Genesung die Bühne zurückerobert. 

Im Zusammenhang mit Corona wird die Frage nach der seelischen Gesundheit im Musikerberuf auf einmal salonfähig. Es sind aber bezeichnenderweise oft nicht die Betroffenen selbst, sondern ihre behandelnden Ärzt:innen und Therapeut:innen, die in diesen Berichterstattungen im Feuilleton und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Wort kommen. Leon Scherfig titelt am 30.06.2020 in der FAZ: »Sprechen darf man darüber nicht.«

Eine Karriere, die man sich von Kindesbeinen an mit hohem Einsatz erarbeitet hat, kann von einem Moment auf den anderen vorbei sein, wenn der vermeintliche Makel einer psychischen Erkrankung an einem kleben bleibt. Belastbarkeit, Zuverlässigkeit, hohe Funktionalität sind die Anforderungen, denen man zu entsprechen hat und auch entsprechen will.

Zu Recht befürchten Musiker:innen, abgestempelt, ausgegrenzt, im schlimmsten Falle ausgetauscht zu werden. Nur ganz wenige Stars sind so erfolgreich, unverwechselbar, geliebt, gefragt und unersetzlich, dass ihnen nach der Krise ein Comeback vergönnt ist. Für die vielen anderen, die sich irgendwo im Mittelfeld bewegen, ist eine ernsthafte Erkrankung ein Knick, der sich unter Umständen kaum geradebiegen lässt.

In vorauseilender Selbststigmatisierung wird eine seelische Verwundung häufig als individuelles Versagen erlebt, Scham, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle im Gefolge.Der aufgeklärte Betrachter weiß, dass diese Gefühlsgemengelage Teil der Erkrankung ist und kein Persönlichkeitsmerkmal. Psychische Erkrankungen sind vorübergehende krisenhafte Prozesse. Genesung ist fast immer möglich, Behandlung unabdingbar.

Am Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM), einer gemeinsamen Einrichtung der Hochschule für Musik und dem Universitätsklinikum Freiburg, werden Musikerinnen und Musiker aller Sparten behandelt: schwerpunktmäßig bei Schmerz- und Überlastungssyndromen sowie Stimm- und Sprechstörungen. In der Spezialsprechstunde der Institutsleiterin Prof. Dr. Claudia Spahn (die sowohl Fachärztin für psychotherapeutische Medizin als auch promovierte Musikwissenschaftlerin und Diplom-Blockflötistin ist) geht es um psychische Probleme, insbesondere Auftrittsangst. 

Die interdisziplinäre Herangehensweise ist das große Pfund in der Musikermedizin. Im Freiburger Team wirken Frau Spahn als Psychosomatikerin, zwei Phoniater, eine Allgemeinärztin, eine Physiotherapeutin und Feldenkraispädagogin und eine Atem-, Sprech- und Stimmtherapeutin gemeinsam an der Behandlung komplexer Störungen. Man hat Zeit, eingehende Gespräche zu führen, anstatt Patient:innen im 6-Minuten-Takt durchwinken zu müssen. Das ermöglicht die sensible und umfassende Erfassung des Beschwerdebildes, in dem körperliche und seelische Befindlichkeiten eng ineinander verwoben sind.

Auch somatischen Erkrankungen gehen in der Regel belastenden Ereignisse oder Phasen voraus, in denen ein musizierender Mensch aus der Balance gerät. Die Grenzen zwischen situativ auftretenden Auftrittsängsten und Angsterkrankungen, Erschöpfung, Burnout-Symptomatik und damit zusammenhängenden depressiven Symptomen sind daher oft fließend.

Psychische Probleme haben bei Musiker:innen im letzten Jahr deutlich zugenommen. Trotzdem bleibt Mental Health im klassischen Musikbusiness ein Tabuthema. Nicht so in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

»Den ersten Lockdown haben unsere Klient:innen noch häufig als willkommene Pause von der Dauerbelastung erlebt«, meint Claudia Spahn. »Seit November 2020 stehen aber vermehrt psychische Probleme im Vordergrund.« Bei freiberuflichen Musiker:innen ruft die Sorge um die nackte Existenz Anpassungsstörungen hervor. Die Schließungen fast aller Spielstätten nagte am Selbstverständnis aller Musiker. Die Relevanz des eigenen Tuns war massiv in Frage gestellt. Die Zwangspause mit ihrem Mangel an Auftrittsmöglichkeiten und gesunden Routinen triggert Selbstunsicherheit, Sinn-und Identitätsfragen. »Die Studierenden in unsererSprechstunde leiden darunter, in Isolation und Perspektivlosigkeit auf sich zurückgeworfen zu sein«, so Spahn. »Der reale Abgleich in der peer group fehlt.« Im Vakuum vergrößern sich die adoleszenztypischen Zweifel Kann ich das? Bin ich gut genug? Gehöre ich dazu? zu bedrohlichen Abgründen. Eine Zunahme an Zwangserkrankungen, Angststörungen, das »Cave-Syndrom« sind die Folge. Dysfunktionale Versuche, Kontrolle und Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen in einer äußeren Situation, die als unüberschaubar und instabil erfahren wird.

»There is a crack in everything, that is how the light comes in«, singt Leonard Cohen. Wir brauchen neue Narrative – von Musiker:innen, die in und durch ihre Krisen wachsen dürfen, als Menschen und als Künstler:innen. Ich habe selbst depressive Episoden durchlebt, Behandlung, Therapie und Coaching in Anspruch genommen. Scham und Stigma waren ein Teil meiner Geschichte, Ballast, der meine Genesung und Teilhabe unnötig verzögert und erschwert hat. Depressionen und andere psychische Erkrankungen müssen endlich so »normal« und sprechbar werden, wie sie verbreitet sind. ¶


Deutschlandweit gibt es eine ganze Reihe von Instituten für Musikermedizin, mehr unter https://dgfmm.org/. Seit 2020 gibt es den Verband MiM – mental health in music. Die digitale Plattform gleichen Namens fungiert als Anlaufstelle und bündelt Expertise, Information und Hilfsangebote in ganz Deutschland: für Betroffene und Akteur:innen in und außerhalb der Musikerszene.

Dominika Hirschler

... ist seit 2000 als freischaffende Sängerin im klassischen Konzertbetrieb unterwegs und steht gleichermaßen gern auf den Bühnen großer europäischer Konzerthäuser wie auf den Orgelemporen weniger prominenter süddeutscher Gotteshäuser. Was sie rund um ihren Beruf inspiriert, antreibt und umtreibt, ist auf ihrem Blog Innenansichten nachzulesen.