Eine Geigen-Playlist von Mirijam Contzen

Text Mirijam Contzen · Titelbild © Magnus Contzen · Datum 5.2.2020

Mirijam Contzen ist Solistin und Professorin an der Universität der Künste in Berlin. VAN Leser*innen der ersten Stunde erinnern sich vielleicht an ihren Aufnahmenvergleich der Sechs Sonaten für Violine solo von Eugène Ysaÿe. Gerade hat Contzen unter der Leitung Reinhard Goebels zwei Violinkonzerte von Franz-Joseph Clement eingespielt. Weitere Entdeckungen der Geigenliteratur jenseits der selbstverliebten Klangschönheit beschreibt sie in dieser Playlist.

Tibor Varga – Historic Recordings

Dieses Album ist für mich schon immer eine Art »Erste-Hilfe-Kasten« gewesen. Nicht nur, aber vor allem auch während meines Studiums als Kind und Teenager. Wenn ich bei dem täglichen stundenlangen Üben einfach nicht mehr weiter wusste und mich fragte, ob es denn wirklich sinnvoll sein kann, ein Leben lang diese 4 Saiten zu streichen, reichte mir immer nur ein einziger Ton dieser Aufnahme, um zu verstehen, dass es sich lohnt, weiter zu arbeiten.

Ein Großteil dieser Platte wurde noch in den 1930er Jahren auf Wachs aufgenommen. Damals war der großartige Geiger Tibor Varga erst etwa 13 Jahre alt, aber er musizierte schon mit einer unfassbaren Intensität in der Aussage, jenseits des »Geigenspielens«. Während meiner Ausbildung bei ihm war das immer das große Credo: »Spiel nicht so viel Geige.« Außerdem findet man auf diesem Album großartige, aber unbekannte Stücke. Es lohnt sich, sie zu entdecken und öfter aufzuführen!

Nikolai Medtner – Violinsonate Nr. 1 op. 21Oleg Kagan und Swjatoslaw Richter

Dieses Werk gehört auch zum zu selten gespielten Repertoire. Hier hört man es mit zwei Musik-Giganten an Klavier und Violine. Richter und Kagan spielen, als würden sie in dem Moment komponieren. Man assoziiert unbekanntere Werke oft mit zeitgenössischer Musik, dabei ist unser Musikbild auch was vergangene Epochen betrifft so unvollständig! Selten oder nie aufgeführte Werke zu spielen ist, als würde man beim Wandern einfach mal den nicht auf der Karte verzeichneten Weg gehen. Das bedeutet neben dem Stillen der Neugierde und der Abenteuerlust eben auch große Freiheit. Risiko und Freiheit. Für das Publikum ebenso wie für die Interpretierenden. Man darf auch mal ins Konzert gehen, ohne vorher alles kennen zu müssen. Es muss ja auch nicht unbedingt immer gut ausgehen. Aber man gewinnt immer einen weiteren Mosaikstein im Gesamtbild.

Ernst von Dohnányi – Sonate für Violine und Klavier c-Moll, op. 2Mit dem Komponisten und Albert Spalding

Diese Sonate würde ich sehr gerne mal spielen, denn sie gehört meiner Meinung nach unbedingt öfter auf die Bühne. Ich habe sie nur einmal vor vielen Jahre gehört und seitdem nie wieder auf einem Programm gesehen.

Béla Bartók – Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 Sz 76 mit Joseph Szigeti und dem Komponisten selbst

Das ist ein viel zu selten gespieltes, geniales Werk: ein Bartók-Konzentrat, die Essenz seines Komponierens, verwirklicht in einer ganz kleinen Besetzung, kaum 20 Minuten lang.

Was für ein starker, hoch dramatischer Beginn! Zwei Instrumente, zwei durchdringende Noten, die 15 Sekunden lang klingen, umeinander flirren, um dann in einen rhapsodischen Dialog zu gleiten, aus dem sich quasi jeder neue musikalische Gedanke schält. Unvergleichlich gespielt von Bartók selbst und Joseph Szigeti.

Béla Bartók – 44 Duos für 2 ViolinenSándor Végh und Alberto Lysy

Wie entkommt man den Fängen der selbstverliebten Klangschönheit? Wenn ich mich mit diesem besonderen Repertoire beschäftige, gelange ich ganz schnell an Grenzen, wenn ich klanglich da anzusetzen versuche, wo es geigerisch erstmal schön klingt. Da kommt schnell die Sackgasse. Diese Aufnahme mit Végh und Lysy ist einfach genial, da kann man unfassbar viel entdecken und staunen. Was für ein Vibrato, was für gewaltige Bogenstriche!

Muzsikás – The Bartók Album

Die Musiker des Muzsikás Ensembles haben viel Interessantes zum Verständnis von Bartóks Gebrauch der Volkslieder beigetragen. Auf einer ihrer CDs spielen sie Werke von Bartók, um sie dann den ursprünglichen Liedern und Tänzen gegenüberzustellen. Bartók quasi rückwärts abgewickelt!

Zum Teil kann man hier auch originale Aufnahmen hören, die Bartók zu Forschungszwecken Anfang des 19. Jahrhunderts gemacht hat. Ich höre solche Aufnahmen auch gerne mit meinen Studierenden und dann experimentieren wir gemeinsam, wie man solche Klänge finden könnte.

Die Gruppe hat noch andere hörenswerte Alben aufgenommen wie The Lost Jewish Music of Transylvania.

Wie entkommt man den Fängen der selbstverliebten Klangschönheit? Mirijam Contzen antwortet mit einer Playlist in @vanmusik.

George Antheil – Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 (1923)

Neulich spielten Tobias Bredohl und ich in einem Duo-Rezital dieses Werk am Ende eines in weiten Teilen unbekannten Programms. Eigentlich bringt man da ja gerne auch mal den versöhnlichen und fetzigen »Rausschmeißer«. Wir rechneten durchaus damit, dass Teile des Publikums empört den Saal verlassen würden, denn diese Sonate ist eine riesige Herausforderung, aggressiv und laut, repetitiv, absolut skandalös. Die Begeisterung, die dieses Stück hervorrief, hätten wir niemals im Leben erwartet! Unfassbar, dass dieses Werk schon fast 100 Jahre alt ist. Wer würde heute noch diese Art von Skandal wagen? ¶