Riccardo Minasi kommt an diesem sonnigen Samstagmittag von den Proben zu Händels Alcina an der Hamburger Staatsoper – und wirkt etwas gehetzt. »Ich kann es mir gerade nicht leisten, eine Stunde zu verpassen, die fehlt mir dann irgendwo anders.« Im Sommer hat er mal fünfzehn Tage Urlaub gemacht, musste aber gleichzeitig Projekte vorbereiten. »Also habe ich erst meine Tochter ins Bett gebracht, dann bis zum Morgengrauen gearbeitet, danach sind wir zum Strand, ich habe mit ihr gespielt und dann zwei, drei Stunden unter dem Sonnenschirm geschlafen.« Er hat eine Wohnung in Salzburg, seine Familie wohnt aber in Maine (»von Tür zu Tür brauche ich 25 Stunden«). Er nutzt die Technik des polyphasischen Schlafs: mal hier 30 Minuten, mal dort 20, nicht mehr als in der Summe vier, fünf Stunden pro Tag. Cristiano Ronaldo macht das auch. Minasis Dirigentenkarriere dreht sich seit einigen Jahren immer schneller. Im Sommer hat er bei den Salzburger Festspielen Bizets Perlenfischer dirigiert, mit Plácido Domingo und Aida Garifullina. Ab dieser Saison ist er für zwei Jahre Artist in Residence beim Hamburger Ensemble Resonanz, außerdem seit 2017 Chefdirigent beim Mozarteumorchester Salzburg, daneben Gastdirigate, unter anderem diese Woche beim Berliner Konzerthausorchester, im September Händels Alcina in Hamburg, im Oktober Mozarts Entführung an der Oper Zürich. Außerdem sind drei neue Aufnahmen eingespielt und warten auf Feinjustierung. Die Barockgeige hat er mittlerweile fast komplett an den Nagel gehängt. Trotzdem hat mich bei der Vorbereitung auf unser Treffen überrascht, wie wenig über ihn bisher geschrieben wurde. Woran liegt das? »Keine Ahnung. Ich habe noch nie in meinem Leben in PR investiert. Es wurde oft an mich herangetragen, aber ich habe es immer abgelehnt.« Wir setzen uns zu einem Japaner in den Colonnaden, Minasi, dessen Mutter Japanerin ist, empfiehlt das Karē: »Das ist außergewöhnlich gut, sehr traditionell, es ist wirklich wie das Curry, das meine Tante zu Hause macht.«

Du bist gerade 40 geworden. Stimmt der Eindruck, dass Deine Karriere in den letzten Jahren einen ziemlich großen Sprung gemacht hat?

Ja, die letzten vier Jahre ging alles sehr schnell für mich. Ich habe fast einen kompletten Jobwechsel hingelegt: Immer mehr dirigiert, immer weniger Geige gespielt. Vor drei Jahren die Trennung von Il pomo d’oro und die Entscheidung, mich alleine auf den Weg zu machen. Ich hatte damals auch viele persönliche Probleme, mein Vater starb …  Vor zwei Jahren war ich hier an der Staatsoper, als ich mitten in der Produktion von Iphigénie en Tauride eine Einladung nach Salzburg bekam, um bei einem Konzert mit dem Mozarteumorchester einzuspringen. Nach der zweiten Probe haben sie mich gefragt, ob ich ihr neuer Chefdirigent werden möchte. Dann die erste Saison dort, mit einer Menge Repertoire, das ich nie zuvor dirigiert hatte, viel Strauss, Strawinsky, Liszt, Rimski-Korsakow. Es gab ziemlich viele ›erste Male‹ in den letzten Jahren.


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