Eine Welle von Ausschreitungen, Aufmärschen und Demonstrationen ist in den letzten Tagen über Chemnitz hinweggerollt. Nach dem »Wir sind mehr«-Konzert am Montag, veranstaltet das Theater Chemnitz am kommenden Freitag ein Gratis-Open-Air auf dem Theaterplatz mit Beethovens Neunter. Unter dem Motto »Gemeinsam stärker« will das Theater ein Zeichen setzen für eine Kultur der Offenheit und Vielfalt und gegen Fremdenfeindlichkeit, Hetze und Gewalt. Am Freitag will auch die rechtsradikale Szene wieder vor dem Karl-Marx-Monument aufmarschieren. Wir sprachen mit Christoph Dittrich, seit 2013 Generalintendant der Städtischen Theater Chemnitz, über Erklärungsversuche und Grabenkämpfe, die Ausrichtung der bürgerlichen Mitte nach rechts, die Möglichkeiten von Kunst und den Diebstahl von »Wir sind das Volk«.

Foto © Dieter Wuschanski
Foto © Dieter Wuschanski

Sie sind in Dresden geboren, kommen aus einer sächsischen Handwerkerfamilie, Sie haben in Dresden studiert, dann in Riesa bei der Elbland Philharmonie gearbeitet und sind seit 2013 Intendant in Chemnitz, haben also quasi ihr ganzes berufliches Leben in Sachsen verbracht. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hat gerade gesagt, dass sie sich jeden Tag und jede freie Minute die Frage stellt, warum die Stimmung so eskaliert ist, aber noch keine Antwort darauf hat. Haben sie schon eine?

Das ist eine große Frage. Ich habe Erklärungsansätze, aber die Situation ist so komplex, dass sie wahrscheinlich im Augenblick niemand kurz und knapp wegerklären kann. Für uns in der Stadt war es schon ein Schock und ein großes Erschrecken, weil wir uns in vielerlei Hinsicht in einer guten, gesicherten Situation wähnten, keine problemlose, aber wirklich eine im Aufwind was die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, aber auch zivilgesellschaftliche Netzwerke angeht. Rechte Gruppen wollten zum Beispiel schon vor vielen Jahren zum Gedenktag an die Zerstörung von Chemnitz am 5. März die Stadt als Aufmarschgebiet missbrauchen, was erfolgreich zurückgedrängt wurde. Es ist bekannt, dass es rechtsextreme Strukturen gibt, auch wenn wir sie im Alltag selten erleben. Das ist auch immer wieder thematisiert worden. Dass aber innerhalb kürzester Zeit ein Verbrechen zu einer derartigen Mobilisierung des Mobs geführt hat, war ein wirklicher Schock.


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