Was macht eine Schnitger-Orgel in der brasilianischen Savanne? Ein Interview mit der Organistin Josinéia Godinho.

Text · Titelbild Eduardo Tropia (CC BY 3.0), via Wikimedia Commons · Datum 12.9.2018

Der Ort Cappel an der Nordsee ist so klein, dass er auf der Seite der »Kurverwaltung Wurster Nordseeküste« in der Rubrik »klein aber fein« nur mit einem Google-Satellitenbild verlinkt ist. Auf dem ist ein roter Kreis über die Flur gezogen. Irgendwo da muss er liegen. Durch diesen Flecken Marschland verläuft die Kursbuchstrecke 125 Bremerhaven – Cuxhaven, wie wir auf Wikipedia erfahren. Der Haltepunkt Cappel-Midlum wurde allerdings mangels Fahrgastaufkommen 1992 aufgegeben. Durch Cappel verläuft aber auch eine Pilgerroute, deren Reliquie sich auf der Empore der Kirche Peter-und-Paul befindet. Sie hat 30 Register, 51 Pfeifenreihen und sogar eine eigene Webseite, liebevoll gepflegt und aktualisiert. Das hat hier nicht einmal die Freiwillige Feuerwehr. So wie Ferraristi nach Maranello oder Metalfans nach Wacken, pilgern Orgelkenner nach Cappel. Sie setzen sich dort auf eine harte Kirchenbank und lauschen ehrfürchtig einer Orgel, die als besterhaltene des späten 17. Jahrhunderts gilt, erbaut vom Stradivari der Orgel, Arp Schnitger. Der Vollender der norddeutschen Barockorgel. Die meisten haben noch nie von ihm gehört, für den Rest ist er eine Art Weltmarktführer. Der deutsche Mittelstand nennt sowas »hidden champion«. Wenn die Orgel die Königin der Instrumente ist, dann ist Arp Schnitger der Zeremonienmeister der Königsweihe. Hier oben im Norden, wo die meisten der noch etwa 30 erhaltenen Schnitger-Orgeln stehen, wird er besonders verehrt. Beim Bremer Musikfest veranstalten sie alljährlich das Arp-Schnitger-Festival, in Ortschaften wie Bockhorn, Lüdingworth oder Ganderkesee. An der Bremer Hochschule der Künste gibt es das Arp-Schnitger-Institut für Orgel und Orgelbau, das unter anderem die Arp-Schnitger-Orgel-Datenbank unterhält. Der Verein Arp-Schnitger-Kulturerbe e.V. strebt die »Ernennung des Arp-Schnitger-Orgelschatzes als UNESCO-Weltkulturerbe an«. Zum 300. Todestag im nächsten Jahr druckt das Bezirksamt Hamburg-Harburg ein Arp-Schnitger-Motiv auf seine Briefe. Auf Antrag der Linken-Fraktion. In Neuenfelde bei Hamburg, wo er lebte, gibt es den »Arp-Schnitger-Stieg«. In Beverstedt, Grasberg, Cappel und Jever eine »Arp-Schnitger-Straße«, in Strande einen »Arp-Schnitger-Weg«, in Ganderkesee einen »Arp-Schnitger-Platz«.

Arp Schnitger ist ein eigenes organologisches Universum, in dem man sich verlieren, dem man sein Leben widmen kann. Materialprüfer beschäftigen sich mit dem Korrosionsschutz seiner Orgeln, Orgelbauer bauen seine Orgeln nach, Historiker erforschen seinen Einfluss auf den modernen Orgelbau. Das sich dieses Universum nur schwer auf eine Essenz einkochen lässt, merke ich am Zögern, als ich den Organisten und Schnitger-Experten Koos van de Linde frage, was denn – »kurz zusammengefasst für unsere Leser« – Arp Schnitger so besonders mache. »Er gehört zu den bedeutendsten drei Orgelbauern, neben Aristide Cavaillé-Coll. Und wer den dritten Platz einnimmt, darüber müsste man sich schon streiten«, erzählt er mir am Telefon. »Schnitger ist für die Orgel vielleicht das, was Bach für die klassische Musik ist.« Arp Schnitger und Norddeutschland, das war für mich immer wie Parmesan aus Parma oder Champagner aus der Champagne. Ein Produkt mit einer geschützten Herkunft, Denominazione d’Origine Protetta. Seit meiner Kindheit klingt der Name nach steifer Brise, Schafherden am Deich, und protestantischen Kirchen, die einem erzählen wollen, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist. Es war deshalb ein Moment assoziativer Verwirrung, als mir Arp Schnitger vor drei Jahren in der brasilianischen Savanne wiederbegegnete: In der Catedral da Sé in Mariana, der ältesten Stadt des Bundesstaats Minas Gerais, steht die einzige Arp-Schnitger-Orgel außerhalb Europas. Eine der beiden Organistinnen der Kirche ist Josinéia Godinho, die in Hamburg Kirchenmusik studiert hat und seit 2000 in Mariana wohnt, wo sie auch unterrichtet und das Musikmuseum der Stadt betreut. Als ich sie letzte Woche per Mail kontaktiere, berichtet sie mir, dass die Orgel mittlerweile zerlegt und in Kisten gepackt wurde: Die Kathedrale wird renoviert, wann sie wieder eröffnet ist noch unklar. Eine Tatsache, die scheinbar auch in der Welt der Arp-Schnitger-Forschung noch nicht durchgesickert ist, zumindest ist Koos van de Linde überrascht, als ich es ihm erzähle. Und die nichts Gutes ahnen lässt. Letzte Woche ist in Rio de Janeiro das brasilianische Nationalmuseum, das größte Natur- und Völkerkundemuseum Lateinamerikas, bis auf die Grundmauern abgebrannt. Man hatte es jahrelang verfallen lassen, die Sprinkleranlage funktionierte nicht richtig, als die Feuerwehr anrückte, gaben Hydranten nicht genügend Wasser. Wenn das wichtigste Bauwerk für das kulturelle und naturkundliche Gedächtnis Brasiliens wenig wert ist, wie ist es dann wohl um eine kleine Orgel in der Provinz bestellt? Die wurde in ihrer 300jährigen Geschichte schon einige Male zerlegt, in Kisten verpackt, über Ozeane verschifft und fitzcarraldoesk auf Eseln durch das brasilianische Hochland gezogen. Es wäre irgendwie schade, wenn es jetzt nicht weiterginge.

VAN: Wie bist Du zur Orgel gekommen?

Josinéia Godinho: Mein Vater war ein baptistischer Pastor. Mit 7 Jahren hatte ich meinen ersten Musikunterricht – bei meiner Mutter am Harmonium. Einige Jahre später bekam meine Schwester ein Klavier und wir bekamen regelmäßigen Unterricht. Mit 15 besuchte ich Orgelkonzerte in São Paulo, meiner Heimatstadt, und fing an, mich für das Instrument zu interessieren. Drei Jahre später, mit 18, begann ich dann mit dem Orgelstudium.

Wie ist das Orgelstudium in Brasilien? Gibt es genügend gut ausgebildete Organist*innen?

Es gibt hier nur wenige Studiengänge für Orgel, nicht mehr als vielleicht 6. Viele Organist*innen, die in der Liturgie auftreten, sind eigentlich Keyboarder, die nebenher auch Orgel spielen, aber keine spezielle Ausbildung haben. Reine Orgelkonzerte finden nur versprengt in einigen wenigen Städten wie Mariana, Tiradentes, Diamantina statt, oder beschränken sich auf festliche Anlässe in anderen Städten. Für die Mehrheit der Organisten sind Gottesdienste die einzige Möglichkeit, Einkommen zu generieren, allerdings wird selbst der Großteil der liturgischen Organisten nicht bezahlt. In den letzten Jahren ist gerade in den großen Städten immer deutlicher geworden, dass es an qualifizierten Organisten mangelt. Immer weniger wollen den Beruf ausüben, weil es so schwierig ist, damit finanziell über die Runden zu kommen.

Gibt es ein Detail an der Schnitger-Orgel in Mariana, das dir besonders am Herzen liegt?

Das Instrument wurde mit einer ›Montageanleitung‹ verschickt. Normalerweise wurde von Schnitger immer ein Mitarbeiter aus seiner Orgelwerkstatt bestimmt, der den Aufbau der Orgel an seinem Bestimmungsort verantwortete. Nach Mariana kam das Instrument alleine, aber versehen mit einer Montageanweisung, was uns zu dem Schluss kommen lässt, dass es zum Zeitpunkt der Ankunft der Orgel hier in der Region Orgelexperten gegeben haben muss. Die Anweisungen, so detailliert sie auch waren, brauchten einen Fachmann, um zum Beispiel die Pfeifen zu positionieren und zu stimmen.

Die Tatsache, dass das Instrument ursprünglich für den Export nach Portugal bestimmt war, ein Land, das insbesondere aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts sehr weit von Mitteleuropa entfernt lag, zeigt uns, wie sehr Schnitgers Kunst auch zu seiner Zeit schon internationaler Referenzpunkt war.

Foto Márcio Vinícius Pinheiro (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto Márcio Vinícius Pinheiro (CC BY-NC-ND 2.0)

Schnitger baute die Orgel um 1712 für eine Kirche in Lissabon. Im Zuge einer Schenkung des portugiesischen Königs José I. an die neugegründete Diözese Mariana wurde die Orgel 1752 zerlegt und in 18 Kisten mit der portugiesischen Admiralsflotte nach Rio de Janeiro verschifft, komplett mit Gehäuse, Ornamenten und Montageleisten. Dort kam sie am 16. Oktober 1752 an und wurde über den mühsamen Landweg auf Eseln in das mehr als 400 Kilometer entfernte Hochland von Minas Gerais transportiert, wo sie über einen Monat später, am 22. November 1752, in Mariana ankam.

Stimmt es, dass die Orgel von Karl Richter wiederentdeckt wurde?

Es ist vielleicht übertrieben zu sagen, dass die Orgel ›wiederentdeckt‹ wurde. Historische Aufzeichnungen belegen, dass das Instrument ab den 1930er Jahren nicht mehr spielbar war und bis in die 1970er Jahre von der Gemeinde weggeschlossen wurde. Der damalige Vorstandsvorsitzende von CEMIG [ein brasilianisches Bergbauunternehmen], Dr. Francisco Afonso Noronha, ein großer Liebhaber klassischer Musik und häufiger Besucher von Mariana, wurde auf das Instrument aufmerksam und interessierte sich für die Möglichkeit der Instandsetzung. Er lud Karl Richter nach Mariana ein, um herauszufinden, ob die Orgel restaurierungswürdig wäre. Richter bescheinigte nicht nur die Qualität der Orgel, sondern äußerte auch die Vermutung, dass die Orgel aus der Werkstatt von Arp Schnitger kommen könnte.

Foto Márcio Vinícius Pinheiro (CC BY-NC-ND 2.0)
Foto Márcio Vinícius Pinheiro (CC BY-NC-ND 2.0)

Nach dem Besuch Karl Richters in Mariana wurde die Orgel von 1977 bis 1984 von Rudolf von Beckerath Orgelbau restauriert, allerdings nicht nach historischen Maßstäben. Bei einer zweiten Restaurierung machte 2001 Bernhardt Edskes die Maßnahmen der ersten rückgängig und orientierte sich konsequent am Zustand von 1753. Edskes bestätigte auf Basis der Bauweise, der Materialverwendung und den Beschriftungen auf Pfeifen und Teilen der technischen Anlage die Herkunft aus Schnitgers Hamburger Werkstatt.

Die klimatischen Verhältnisse in Mariana unterscheiden sich ziemlich von denen in Norddeutschland. Wie schlägt sich die Orgel in dieser Witterung?

Der beste Weg, eine Orgel zu erhalten, ist, sie sehr oft zu benutzen. Je mehr sie gespielt wird, desto weniger Probleme wird sie bereiten, weil es einen konstanten Luftstrom gibt. In Mariana ist das Instrument manchmal mit extremen Temperaturen und hoher Feuchtigkeit konfrontiert, die in Norddeutschland nicht zu finden sind. Schnitger-Orgeln sind aber erstaunlich zäh. In Zeiten extremer Witterungsverhältnisse gibt es manchmal kleinere Probleme, die sich normalerweise schnell legen, wenn sich das Wetter stabilisiert. Die Wartungsarbeiten in Mariana liegen immer ziemlich weit auseinander, da dafür extra ein Team aus dem Ausland anreisen muss.

Es gab immer wieder Diskussionen, ob die Orgel wirklich von Schnitger ist, oder von einem seiner Schüler. Ist das mittlerweile geklärt?

Es gibt in der Liste der von Arp Schnitger gebauten Orgeln mehr blinde Flecken als in der Geschichte der Orgel. Die verwendete Liste ist eine Transkription des Werkstattbuches, das im 19. Jahrhundert in der Partnerfirma von Schnitgers Urenkeln eingesehen wurde. Der Musikwissenschaftler, der die Transkription durchführte, sagte ausdrücklich, dass er viele Instrumente, die verschickt wurden, nicht in die Liste aufgenommen habe. Deshalb ist die Liste nicht zu 100 Prozent vollständig. Die neueste Ausgabe des von der Arp-Schnitger-Gesellschaft herausgegebenen Buches ›Arp Schnitger und sein Werk‹ listet die Orgel aber als eines seiner Originalinstrumente auf. Ich glaube, dass die Kontroverse immer bestehen wird, aber ich glaube auch, dass der zentrale Punkt die unvergleichliche Qualität und Persönlichkeit des Instruments ist.

Welche Stücke liegen der Orgel denn am besten?

Sie klingt sehr gut mit dem norddeutschen Repertoire, insbesondere mit kleinen Werken von Buxtehude und Werken von Sweelinck und Scheidt.

Du hast schon auf vielen anderen Schnitger-Orgeln gespielt. Wodurch zeichnet sich die in Mariana aus?

Sie hat eine sehr spezielle, leichte und präzise Anschlagmechanik, die viele Nuancen zulässt und auch den Anschlag von uns Organisten trainiert. Selbst im Vergleich zu anderen Instrumenten aus seiner Werkstatt ist sie in der Hinsicht ganz besonders.

Die Orgelwelt scheint bisweilen eine sehr westliche, weiße und männliche Angelegenheit zu sein. Hast Du als schwarze Organistin jemals Diskriminierungen erlebt?

Ich denke, dass die Orgelwelt vor etwa 20 Jahren noch viel engstirniger gewesen ist als heute. Natürlich sind gerade die Ursprünge der Orgelkultur vorherrschend europäisch. Ich habe noch nie wirklich Diskriminierung erlebt, außer hier in Brasilien zu Beginn meiner Karriere, in einem ganz konkreten Fall. In den Jahren, in denen ich in Europa lebte, hat sich die Überraschung darüber, dass ich schwarz bin, meistens in eine positive Einstellung gegenüber meinen Konzerten und meiner Arbeit verwandelt. In Brasilien habe ich manchmal Seltsamkeiten erlebt, wenn die Leuten sahen, dass ich Organistin bin. Viel öfter aus rassistischen Gründen als wegen des Geschlechts.

Im Moment liegt die Orgel in Kisten verpackt. Wie kann, auch mit Blick auf den Brand des Nationalmuseums, gewährleistet werden, dass sie noch weitere 300 Jahre überleben wird?

Wir müssen dem Publikum näherkommen, durch Vermittlungsmaßnahmen, die Gesellschaft ermutigen, sich mit dem kulturellen Erbe auseinanderzusetzen. Nur, wenn die Gemeinschaft eine emotionale, innige Verbindung zum Kulturerbe entwickelt, kann langfristig sein Schutz gewährleistet werden. Das sehe ich als meine Aufgabe an. Damit für das Instrument auch gesorgt wird, wenn ich nicht mehr da bin.

Über eine Schnitger-Orgel in Brasilien, Eseltransporte und Montageanleitungen, Race und Gender in der Orgel-Welt. Josinéia Godinho in @vanmusik.

Was meinst Du, wie hätte Schnittger Brasilien gefallen?

Schwer zu sagen. Ich weiß nicht, ob er von der Existenz Brasiliens überhaupt erfahren hat, aber auf jeden Fall war das Land damals sehr gefährlich und unwirtlich. Es wäre wahrscheinlich allzu seltsam für ihn gewesen. ¶

Hartmut Welscher

... ist Herausgeber von VAN. Er studierte Development Studies, Ethnologie und Asienwissenschaften in Berlin, Seoul, Edinburgh und an der London School of Economics und arbeitete im Anschluss zehn Jahre als Berater in Projekten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 2014 gründete er mit Ingmar Bornholz den VAN Verlag, wo er auch als Geschäftsführer fungiert. hartmut@van-verlag.com