»Nach dem ersten, wie aus dem Nichts dunkel und warm dräuenden Streicherweben, dem ersten fremd und magisch von fern tönenden Hornruf schien alles möglich. Man hört höchst eigene Klangfarbmischungen, dazu viel Charakter vor allem in den Bläsern, so wird ein Solo der Klarinette, Flöte, Oboe eben mehr als die perfekte Realisierung eines Notentextes, nämlich eine Art persönlicher Mitteilung. Es spricht.« So beschrieb Holger Noltze im August 2024 eine Aufführung von Bruckners Vierter mit Anima Eterna Brugge in Köln. Beim forschenden Musizieren des Originalinstrumenten-Ensembles geht es weniger um Ausgrabungen als um die subversive Lust, »durchgehörte« Gassenhauer des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Orffs ›Carmina Burana‹, Saint-Saëns’ ›Karneval der Tiere‹, Ravels ›Boléro‹, Smetanas ›Má vlast‹, Debussys ›La Mer‹ – gegen den Strich etablierter Hör- und Aufführungsgewohnheiten zu bürsten.
»Ich habe kein Interesse an mittelmäßiger Musik, an diesen vielen Entdeckungen von zweitklassiger Musik. Anima Eterna spielt fast immer Meisterwerke, Stücke, die sehr bekannt sind«, sagte der Ensemblegründer, der flämische Cembalist und Dirigent Jos van Immerseel, einmal in einem Interview. Er gründete Anima Eterna 1987 auf Anregung des belgischen Rundfunks, wo man eigentlich ein Spezialensemble für unbekannte Musik des 18. Jahrhunderts suchte. Über die Jahrzehnte legte Anima Eterna einige heute fast legendäre Aufnahmen der historischen Aufführungspraxis vor – die Mozart-Klavierkonzerte (ab 1990), Rimski-Korsakows ›Scheherazade‹ (2005), die Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien (2008) oder Dvořáks Neunte (2015). Neben dem Stammhaus, dem Concertgebouw in Brügge, war man regelmäßig in den europäischen Musikzentren und bei den großen Festivals zu Gast.
Im September 2024 kam es dann zu einem – öffentlich ausgetragenen – Bruch zwischen Orchester und Gründervater: In einer Pressemitteilung warf der Anima-Orchestervorstand van Immerseel »wiederholt aggressives Verhalten« und »anhaltende Verstöße gegen vertragliche Verpflichtungen« vor. Der Dirigent bestritt die Vorwürfe, unterstellte dem Orchester »Mord« an seinem »Lebenswerk« und schaltete einen Anwalt ein. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit kam es ein Jahr später zur Versöhnung zwischen dem Ensemble und seinem Gründer – und einer personellen Neuaufstellung: Verantwortlich für die künstlerische Leitung von Anima Eterna ist seit September 2025 die Geigerin Midori Seiler, selbst lange Zeit Duopartnerin von van Immerseel und 15 Jahre lang Konzertmeisterin des Orchesters.
Genügend Stoff also für ein Gespräch mit Seiler, die ich an einem Freitagmorgen in ihrer Wohnung in Köln erreiche. Dort leitet sie seit 2025 zudem das zamus: early music festival. Außerdem ist sie Professorin an der Essener Folkwang Universität der Künste.
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